Matthäus 10,24–31
Er, der jedes Haar zählt | 7. So. n. Trinitatis | 19. Juli 2026 | Mt 10,24–31 | Anne-Marie Nybo Mehlsen
Er, der jedes Haar zählt
Autoferien! Die schönste Version ist die, in der alle fröhlich sind – schauen, reden und lachen, Pausen einlegen und Ziele und Orte erreichen, die nicht immer geplant, aber trotzdem wunderbar sind: Orte, von deren Existenz wir nichts ahnten.
Die schlimmste Version ist die mit endlosen Staus. Es ist viel zu heiß, und das Geplante wird nicht erreicht. Alle sind gereizt und unzufrieden – selbst die Pausen sind anstrengend.
Nur ein Narr fürchtet die Autoferien nicht … Mehr als einmal habe ich am Straßenrand oder am Rastplatz gestanden und einen Vogel im Gebüsch betrachtet, einen Spatz, der nach verlorenen Krümeln suchte, oder eine Kuh auf der Weide – und mir gewünscht, wie sie zu sein: genau hier, genau jetzt, scheinbar völlig unbekümmert. Wobei – wer weiß schon, worüber sich ein Spatz oder eine Kuh Sorgen macht?
Vergessen Sie Ihren Sommerkrimi – hier geht es um viel mehr als Gänsehaut und Kribbeln im Bauch: Hier ist echte Furcht und Angst im Spiel, und Jesus scheint geradezu bedrohlich in seiner Mahnung an die Jünger. Wenn Sie ganz außen auf der Kirchenbank sitzen und den Kopf einziehen, ist das durchaus verständlich.
Fürchtet euch nicht! Fürchtet euch nicht vor denen, die urteilen, verurteilen und euch mit hässlichen Schimpfworten belegen; sie können eurer Seele nichts anhaben! Diese Worte mögen uns vielleicht Mut einflößen mitten in aller Unruhe der Welt, mitten in Schimpf und Schande, Kriegslärm und Kriegsdrohungen. Wer fürchtet sich nicht davor, die Morgennachrichten zu hören?
Doch dann folgt der nächste Satz: Fürchtet den, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle!
Diese Worte klingen, als säße man in einem glühend heißen Auto in einem endlosen Stau, ohne Aussicht auf ein Reiseziel oder eine wirkliche Pause. Es hilft kaum zu wissen, dass Jesus einen konkreten Ort nahe Jerusalem meint: Gehenna, das Tal Hinnom. Dieser Ort war für sich genommen schon ein Grauen, wie einem Roman von Stephen King entsprungen. In diesem Tal, so berichtet das Alte Testament, wurden Kinder dem Götzen Moloch geopfert, wovon sich der biblische Gott mit aller Kraft distanzierte. Zur Zeit Jesu war das Tal eine brennende Müllhalde, wo alles Unreine verbrannt wurde. Die Feuer brannten Tag und Nacht – daher die Vorstellung vom ewigen Feuer. Das Inferno des Mittelalters gehört einer viel späteren Zeit und Vorstellungswelt an.
Das hilft ein wenig, doch Jesus spricht weiterhin von Gott als demjenigen, der Leib und Seele verloren gehen lassen kann … und von Furcht und Gott in demselben Atemzug. Glauben Sie mir: Heute zu predigen ist genauso brütend heiß wie in einem Stau im Autoferienverkehr …
… bis Jesus unseren Blick hebt und der Triller der Lerche über dem Feld zu hören ist.
Sie kennen es selbst: Manche Menschen hören einfach nicht zu. Sie hören nur, was sie selbst schon denken. Sie urteilen nach ihrem eigenen Maßstab, und etwas anderes zu sehen als das, was sie sehen wollen, scheint ihnen unmöglich. Die Trolle des Internets sind ein naheliegendes Beispiel: Sie schimpfen und hassen, egal was und wen. Sie hassen um des Hasses willen.
Jesus ist gerade eben von schriftgelehrten Menschen, von Pharisäern, als der Satan selbst bezeichnet worden. Nicht, weil Jesus jemandem etwas Böses antut, sondern im Gegenteil, weil er heilt und Gutes tut. Er sei ein Zauberer, ein Dämon, im Bunde mit dem Teufel selbst, sagen die Pharisäer – und würden Jesus am liebsten auf der Stelle steinigen oder ihn in den Abgrund stoßen.
Jesus wendet sich an seine Jünger und sagt, sie müssen damit rechnen, dass ihnen dasselbe widerfährt, was jetzt ihm widerfährt: gehasst zu werden, weil sie Gutes tun und das Böse austreiben. Beschimpft, angeklagt und verurteilt, verfolgt zu werden und auf der Flucht. Das ist es, womit die Jünger rechnen müssen …
… Sind Sie noch dabei? Dann ist jetzt der Moment, den Blick zu heben und zu den jubelnden Lerchen und den Mauerseglern am Himmel zu schauen. Es kommt an auf die Augen, die sehen; auf die Ohren, die hören.
Es gibt genug zu fürchten. Die menschenfeindlichen Mächte, die Trolle des Internets und die Tyrannen sind da. Es gibt aber auch guten Grund, Gott zu vertrauen, der die Sperlinge in seinen Händen hält; der sich um Lerche, Schwalbe und Meise sorgt. Es gibt – nach Jesu Worten – eine Grundzusage, dass Gott uns nicht verloren gehen lässt und dass er kein Menschenleben verschwendet, überhaupt kein Leben. Gott zählt sowohl unsere Kopfhaare als auch unsere Tränen; ja, er sammelt sie in einem Schlauch und schreibt sie auf in seinem Buch (Psalm 56), um das Verlorene, das Verschwendete, das Zerstörte zu sammeln. Gott ist beim Sperling, auch wenn er zu Boden fällt und stirbt; Gott ist bei allem, was er geschaffen hat, bei seinen Geschöpfen in Leben und Tod, in allem, was sie durchleben. Gott ist bei den Menschen, wenn sie von dem Hass und der Machtgier anderer Menschen verflucht, verurteilt und totgeschlagen werden. Gott ist auch bei denen, die wüten, verurteilen und andere totschlagen. Hier stoßen unsere Vorstellungen von Gott an ihre Grenze, und hier wird unsere Idee, dass es gerecht zugehen müsse, mit allmächtigem Finger von der Tafel gewischt. Willst du in Gottes Hand sein wie ein Sperling? Dann musst du damit leben, dass nicht deine Gerechtigkeit, sondern Gottes Reich das Ziel ist. Gott ist ein Gott, der sammelt und heilt. Deshalb wird Jesus zornig, ja wütend, wenn Menschen Lügen über Gott erzählen, Gott verleumden, Gott als Waffe gegen Menschen missbrauchen, als Mittel zur Macht. Sie bekommen es mit gleicher Münze heimgezahlt. Provozierend werden sie herausgefordert und in ihrem eigenen Gottesbild auf die Probe gestellt. Wem wirst du begegnen an den äußersten Grenzen von Leben und Dasein?
Die Jünger und auch wir sind ausgesandt, um zu handeln, zu erzählen und zu bezeugen: Gott als liebevoller Vater der Sperlinge und der Menschenkinder, als der gnädige, verwandelnde Gott der Vergebung, der von uns erwartet, dass wir heilen, wo wir können, und segnen, wo wir sind.
Darum fürchtet euch nicht; ihr seid kostbarer als viele Sperlinge!
Amen.
Ane-Marie Nybo Mehlsen
Pastorin in Maribo
amnm@km.dk
A.d.Ü.: Diese Fassung kann Spuren von künstlicher Intelligenz enthalten.