Johannes 9,1-7

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Wer hat den Durchblick? oder Protokollnotiz einer Scheidung | Predigt 8. p. Trinitatis 2026 (26.7. 2026) | Johannes 9,1-7 | Stephan Lorenz |

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen

Im Vorbeigehen sieht er einen Menschen, der war blind von Geburt an. Seine Jünger fragen: „Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, so dass er blind geboren wurde?“ Jesus antwortet: „Weder dieser hat gesündigt noch seine Eltern. Vielmehr sollen die Werke Gottes an ihm offenbar werden. Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist. Es kommt die Nacht, in der niemand wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. Als er dies gesagt hat, spuckt er auf den Boden, macht einen Brei aus dem Gespuckten, streicht den Brei auf seine Augen, und sagt zu ihm: Geh, dich waschen am Wasserbecken Siloah, das übersetzt heißt „Gesandter“. So geht er, wäscht sich und kommt sehend zurück.

 

Den Text darf man nicht isoliert betrachten. Er ist ein Teaser für das Kommende, soll neugierig machen auf die folgende Story. Jede und jeder, der sich etwas mit Seelsorge auskennt, weiß, dass die erste Szene, erste Worte entscheidende Hinweise geben für das Folgende. Besonders, wenn sie am Ende wieder aufgenommen werden.

Die erste Frage der Jünger lautet: „Wer hat gesündigt?“ (9,2) Die letzte Antwort Jesu an die Pharisäer: „Deshalb bleibt eure Sünde bestehen.“ (9,41) In der Mitter der Geschichte behaupten die Pharisäer: „Wir wissen, dass dieser Mann ein Sünder ist.“ (9,24)

Darum scheint es zu gehen: Wes Geistes Kind ist Jesus und die sich zu ihm Bekennenden? Ist er ein ‚Sünder‘ oder die anderen? Was ist ‚Sünde‘ überhaupt? Und wie ‚sieht‘, erkennt man das?

Die ganze Geschichte, große Teile des Evangeliums, lesen sich wie das Protokoll einer Scheidung. An deren Ende gibt es oft unterschiedliche Versionen dessen, was zur Trennung geführt hat. Der innerjüdische Konflikt erhält mit der Heilung des Blinden eine Fortsetzung. Die Nachbarn und Bekannten wundern sich als sie den Mann sehend erblicken, manche sind sich nicht sicher. Unsicherheit über das, was man wahrnimmt, ja denken und fühlen soll, ist ebenfalls ein durchgehendes Thema, – nicht nur bei Scheidungen. Wie soll ich deuten, verstehen, was ich ‚sehe‘? Die Freunde fragen. Er erzählt seine Geschichte. Wollen wissen, wo Jesus ist. Er weiß es nicht.

Wunder schreien nach Erklärung, müssen bestätigt werden. Ein Prüfungsvorgang, der Aufklärung bringen soll, beginnt.  Sie bringen den Fall zu den Perushim (Pharisäern). Der Vorgang erinnert an die ‚Wunderprüfungen‘, wie wir sie noch heute aus der katholischen Kirche kennen, ein aufwendiges Verfahren, jede wissenschaftliche, natürliche Erklärung soll ausgeschlossen werden. Wir Protestanten mögen die Stirn runzeln, aber das ist immer noch durchschaubarer als die Entscheidungen der FIFA, wo rote Karten auf mirakulöse Weise eine andere Farbe bekommen. Die katholische Kirche ist schließlich nicht die Mafia.

Die Perushim (Pharisäer) fragen nach. Was ist wie passiert? Der Mann wiederholt seine Geschichte. Seine Erzählung bringt keine Klarheit. „Es ist ein Zwiespalt unter ihnen.“ (9,16) Am Sabat heilen, geht gar nicht (außer im Notfall). Also ist Jesus ein Sünder. Andererseits, ein Sünder kann kein ‚Wunder‘ bewirken. Der Sehende befragt, was er meine, antwortet: Er ist ein Prophet. Manche unter ihnen zweifeln das ‚Wunder‘ überhaupt an.  Die Eltern halten sich bedeckt, antworten: Das ist unser Sohn, ok, aber fragt ihn selber.

Man spürt den Druck. Klarheit muss her. Es deutet sich an, wer sich durchsetzt. Freunde, Nachbarn, die Eltern erwarten Orientierung, Aufklärung. Der Mann wird ein zweites Mal zitiert. Er solle endlich die Wahrheit sagen, sprich bestätigen: Jesus sei ein Sünder. Der Mann antwortet schlau: ob er ein Sünder ist weiß ich nicht, aber dass er mich geheilt hat, das weiß ich.  Er solle noch mal genau erzählen, was passiert ist. „Wie hat er deine Augen geöffnet?“ Die Frage ganz anders beantwortend, als sie es meinen, fragt er (fast) listig zurück: „Ach, ihr wollt auch seine Schüler werden?“ Jetzt kracht es. Wir sind Schüler (Talmidim) von Moses. Zu dem habe Gott geredet. Der sehend Gewordene gibt zu bedenken, käme dieser Mann (Jesus) nicht von Gott, könnte er nicht heilen. Die Argumente sind ausgetauscht. Ende der Banane. Der Mann fliegt raus. Ihn ereilt das gleiche Schicksal, wie Jesus kurz vorher. „Darüber hoben sie die Steine auf, sie nach ihm zu werfen … Jesus verließt den Tempelbezirk.“ (8,59)

Der vorletzte Akt. Jesus trifft auf den Expedierten. Ob er dem Sohn des Menschen vertraue, fragt er. Wenn du mir sagst, wer er ist, schon. Jesus gibt sich zu erkennen. Seine Antwort: „Herr ich vertraue!“

Es folgt der Abgesang. Jesus erklärt seine Mission. Sie fordert eine Entscheidung. Die Blinden werden sehen, die vermeintlich Sehenden erweisen sich als blind. Einige werden Jesus als den erkennen, der er ist, andere nicht.

Die Perushim fühlen sich provoziert, fragen nach und erhalten als Antwort. Wenn ihr bei eurer Version der Geschichte bleibt, seid ihr blind und eure Sünde bleibt bestehen. Krach Aus. Punkt. Der nächste Akt der Scheidung wird kommen. Das Evangelium hat noch einiges zu erzählen.

Wie konnte es zu diesem Krach kommen? Das Judentum damals wie heute war immer divers. Unterschiedliche Juden haben ihre unterschiedlichen jüdischen Traditionen unterschiedlich ausgelegt. Der Text der Torah ist nicht punktiert. Dadurch ergeben sich viele Möglichkeiten der Wahrnehmung und des Verstehens. Eine findet sich im Text. Der Teich Siloah, hebräisch Schiloach wird, anders punktiert, zu schaliach, „der Gesandte“, und verweist so auf Jesus. Man könnte die Schriften des ‚Neuen Testaments‘ als eine jüdische, messianisch geprägte Schriftimprovisation verstehen, ähnlich einer Kadenz im klassischen Klavierkonzert. Die gleiche Partitur, doch die gemeinsam überlieferten Noten erklingen ganz anders. Soweit, so gut. Nun sagt Jesus aber: Ich bin das Licht der Welt. (9,5) Sein Anspruch, den die ihm Vertrauenden weitertragen, spitzt die Lage zu. Denn seine Wiederkunft und das Gericht stehen unmittelbar bevor.

Wes Geistes Kind ist Jesus und die sich zu ihm Bekennenden? Ist er ein ‚Sünder‘ oder die anderen? Was ist ‚Sünde‘ überhaupt? Und wie ‚sieht‘, erkennt man das?

Unter ‚Sünde‘ verstehen Johannes (auch Paulus) etwas anderes als wir Heutigen, die wir durch Augustin, Luther und das theologische Denken des 18./19. Jahrhunderts geprägt sind. Wenn man bedenkt, dass Johannes (und Paulus) jüdisch geprägt sind, dann darf man an das hebräische Wort chata (חָטָא) denken: sein Ziel verfehlen. Die griechische Übersetzung ἁμαρτία meint dasselbe. Bei Homer bezeichnet es den Speerwerfer, der sein Ziel verfehlt. Im griechischen Drama trifft der tragische Held eine dramatisch falsche Entscheidung. Das Unglück nimmt seinen Lauf. Martin Buber übersetzt חָטָא fast immer mit Verfehlung. Eine ‚Sünde‘ begehen meint eine entscheidende, existentiell falsche Lebensentscheidung treffen.

Das Ringen um eine Entscheidungsfindung und ihre Folgen erzählt unsere Geschichte. Fordert auch unsere Entscheidung heraus.

Wer ist dieser Jesus für uns? Seine Talmidim nennen ihn Rabbi (9,2), der Geheilte hält ihn anfangs für einen Propheten (9,17), manche Perushim erkennen ihn als Sünder (9,24); im Gespräch mit Jesus sieht der Geheilte auf seine Selbstaussage ‚Sohn des Menschen‘ ihn als κύριος. Klingt wie eine Vorwegnahme des Thomasbekenntnis ‚Mein Herr und mein Gott.‘ (20,22). Dieses Bekenntnis ist für Johannes die einzig richtige, wahrhaftige Lebensentscheidung, die jetzt angesichts seiner unmittelbar bevorstehenden Wiederkunft zu treffen ist.

Wie werden wir uns entscheiden? Wes Geistes Kind ist Jesus für uns?

Vielleicht ist die Antwort gar nicht so schwer. ‚Wir‘ werden ja an einer Stelle in das dramatische Geschehen hineingenommen: Vielmehr sollen die Werke Gottes an ihm offenbar werden. Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist.

Unsere Antwort wird offenbar, wenn wir uns im Leben so verhalten, dass die Werke Gottes offenbar werden können. Wie könnten ‚wir‘ das verstehen? Vielleicht so, wie es die Geschichte erzählt, Menschen die Augen öffnen für das Licht, das Jesus der Messias in die Welt bringt; ihre Wahrnehmung erweitern für die vielen möglichen Improvisationen der biblischen Partitur, ihnen beistehen, bei ihrer Suche nach ihrer eignen wahrhaftigen Lebensentscheidung in Bezug auf Gott, sich selbst und ihre Mitmenschen. Es geht darum, Menschen zu sehen, sich um sie kümmern, einfach das Gute tun, was uns möglich ist. Auf das Leben der Menschen gibt es nur eine Antwort, Mitleiden und Barmherzig sein. So bleibt es Licht in der Welt. Und Finsternis vergeht.

Gottes Heiliger Geist befestige Sein Wort in euren Herzen, damit ihr das nicht nur gehört, sondern auch im Alltag erfahrt, auf dass euer Glaube zunehme und ihr selig werdet, durch Jesum Christum unseren Herrn. Amen

Confiteor:

Im Psalm 40 lesen wir: „Dein Wohlgefallen zu tun, mein Gott, ist meine Lust; und deine Weisungen ist im Innern meines Herzens“. Wir hören und fragen: Tun wir, was Gott wohlgefällt, nehmen wir uns seine Weisungen zu Herzen?  Das beantworte hier jeder für sich selbst! Aber sieht eher so aus, als ob viele zuerst ihren eigenen Vorteil suchen. Wir kommen hier zusammen, um herauszufinden, was Gott gefällt, und wollen uns seinen Willen zu Herzen nehmen. So bitten wir am Anfang: Gott, erbarme dich, vergib uns unsere Kurzsichtigkeiten, führe uns einem guten Leben. Lass uns diesen Gottesdienst mit einem unbeschwerten Herzen und fröhlichen Lippen feiern durch Christum, unseren Bruder. Und wir erhalten zur Antwort: Gott erbarmt sich, er vergibt uns durch Jesus Christus. Alle, die auf Gottes Vergebung vertrauen, sind Gottes Kinder. Sein Heiliger Geist wird mit ihnen sein. Das verleihe Gott uns allen. Amen.

Kollektengebet

Gott, Du willst uns trösten in unseren Ängsten und Besorgnissen, höre unser Gebet und sei uns gnädig. Du schenkst uns eine Menge zeitlicher und ewiger Güter und Kräfte, wir bitten dich: Hilf uns, dass wir deine Gaben wahrnehmen, sie dankbar annehmen und sie nicht missbrauchen, sondern als deine Heiligen, Hausgenossen und Stellvertreter tun, was deinem Willen entspricht – wir bitten das durch Jesus Christus, unseren Bruder, der mit dir und dem Heiligen Geist bei uns ist, heute, morgen und alle Tage. Amen

Fürbittengebet

P: Deine Treue, Gott, preisen wir. Schau auf unsere Bedürftigkeit.
Wir bitten dich und rufen: Kyrie eleison

A: Lass uns die Kranken, die Verängstigten und Hilflosen sehen. Lass uns bei denen sein, die sich fürchten – vor dem morgigen Tag, der kommenden Zeit, der Zukunft.  Lass uns die Einsamen nicht vergessen, die am Ende ihrer Kräfte sind, vor Müdigkeit, aus. Du bist treu Gott, hilf uns treu zu sein. Wir rufen: Kyrie eleison

B: Stärke die, die sich hingeben, selbstlos sind, Brückenbauen und Frieden stiften. Gib uns den Mut, nicht wegzuschauen, vielmehr auf andere achten, Hilflosen helfen, miteinander teilen. Verleih uns tatkräftige Hände, damit wir andere schützen, in Katastrophen, im Krieg, in Krankenhäusern, vor Gewalt. Wir rufen: Kyrie eleison

P: Deine Treue, Gott, preisen wir. Segne die Reisenden, die zu Neuem aufbrechen, die dich suchen. Segne unsere Kinder und alle, die zu uns gehören. Dir vertrauen wir uns an heute, morgen und alle Tage
durch Jesus, deinen Sohn und unseren Bruder. Amen. Laudate omnes gentes

Lieder

EG 295 Wohl denen, die da wandeln

EG 497 Ich weiß mein Gott, dass all mein Tun

EG 318 O gläubig Herz, gebenedei

EG 322 Nun danket all und bringet Ehr

EG  262 Sonne der Gerechtigkeit

EG 331 Großer Gott wir loben dich

Pastor J.-Stephan Lorenz

Stephan.lorenz@evlka.de