1. Korinther 3, 9-17

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Paulus, das Fundament und die Aufbauarbeit |12. Sonntag nach Trinitatis | 23.08.2026 | 1. Korinther 3, 9-17: | Berthold W. Haerter

Liebe Gemeinde

  • Paulus

Paulus hat ca. 55 n.Chr. an die christusgläubige Gemeinde in Korinth geschrieben. Aus diesem Brief haben wir soeben einen kleinen Abschnitt gehört. Paulus war damals ein Mann, Anfang 40. Viel hatte er schon erlebt. Als aktiver blitzgescheiter Jugendliche, war er der jüdischen Gemeinde in Tarsus aufgefallen. Saulus, genannt nach dem jüdischen König Saul, der sich später aber selbst immer Griechisch, Paulus, nannte, er wurde mit knapp 20 zur jüdischen Eliteausbildung nach Jerusalem geschickt. Hier fiel der ambitionierte, scharf denkende junge Mann dem Sanhedrin, also der jüdischen Leitungsbehörde in Jerusalem, auf. Ca. 32/ 33 n.Chr., also höchsten 3 Jahre nach Kreuzigung und Auferstehung Jesu, schickte man Paulus nach Damaskus. Dort sollte er die «christusgläubigen, Griechisch sprechende Juden, die aus Jerusalem stammten und nach Damaskus ausgewichen waren, um Verfolgungen nichtchristusgläubiger Juden zu entgehen», disziplinieren. So schreibt es Oda Wischmeyer in ihrer gerade erschienenen Biographie zu Paulus. (Gott neu vermessen, Stuttgart, 2026, 23)

Kurz vor Damaskus hat Paulus eine Erscheinung. Er erlebt Jesus in einer Vision. Und wie das bei solchen Begegnungen ist, kann man/er das kaum beschreiben. Man spürt selbst die Wirkung und die Umgebung auch. Paulus «verfolgte von diesem Visionsdatum an einen neuen religiösen Auftrag: die Verkündigung Jesu Christi des „Sohnes Gottes“, vornehmlich unter den Nichtjuden“ (Wischmeyer, 146) Er sah sich als Freelancer, also als einer von menschlichen Autoritäten Unabhängiger. Er wollte Gottes «göttliches Rettungsprojekt» (Wischmeyer), dass er mit Jesus Christus begonnen hatte, der Welt mitteilen.

Paulus hatte Erfolg. Vor allem in Städten, mit einem bunten Völkergemisch, wie Korinth es war. Und Korinth war damals unserer Agglomeration um Zürich heute nicht unähnlich.

Den Kontakt zu den neuen christusglaubenden Gemeinden, die sich wie Vereine organisierten, pflegte Paulus durch Briefe. Und die römische Post funktionierte! Die Gemeinden sind so beeindruckt von Paulus Briefen, dass man sie sammelt, abschreibt und immer wieder vorliest. Man merkte schnell, da ist mehr drin als nur aktuelle Gedanken. Sieben echte Paulusbriefe sowie weitere Briefe seiner Schüler in seinem Namen sind erhalten geblieben.

Paulus bekam Anfragen aus den noch völlig unstrukturierten Christusgemeinden. Er antwortete, sehr ausführlich, nachdenkend. Er entwickelt aus einer Anfrage eigene Gedanken, klug, basierend auf seinem guten jüdischen/alttestamentlichen Wissen, dazu kommen nicht fertig durchdachte Nebengedanken, usw. – es ist manchmal ein kleines Verwirrspiel. Offensichtlich ist ihm alles wichtig und nichts wurde gestrichen oder mit der Delete-Taste gelöscht. Paulus schreibt aber als ein von Jesus Christus Erfasster und Begeisterter. Jesus Christus ist bei allem Paulus Leitgedanke. Der Glaube an Jesus als Gottes Sohn ist für Paulus Befreiung von Schuld, und die Erfahrung von unbegrenztem geliebt sein.

Unser kurzer Text heute, ist für eine begeisterte, von Gottes Geist angefeuerte, quirlige, lebendige, engagierte christusglaubende Gemeinschaft bestimmt. Die junge Gemeinde läuft Gefahr einerseits sich zu gruppieren und sich einzelnen Missionare anzuschliessen, die sie besuchten: dem Paulus, Apollos, Petrus sowie weiteren Nichtgenannten. Andererseits kommen sich einige Gemeindeglieder dank ihrer Fähigkeiten, bedeutender als die anderen vor. Paulus will mit seinem Brief Ordnung hineinbringen. Aber seine Gedanken, sind ein wenig, wie von einem alles und jedes bedenkenden Professors. Es fällt ihm immer noch etwas zum Thema ein. Zum Schluss schafft es Paulus doch noch, sie zu bündeln. Schauen wir, ob Paulus Text, uns noch etwas zu sagen hat. Die evangelische Predigtordnung meint ja.

  • Gottes Mitarbeitende (Verse 10 und 11)

Paulus schreibt: «Denn wir sind Gottes Mitarbeiter; Gottes Ackerfeld und Gottes Bau seid ihr. Gemäss der Gnade Gottes, die mir gegeben wurde, habe ich als kundiger Baumeister das Fundament gelegt, ein anderer baut darauf weiter. Jeder aber sehe zu, wie er darauf weiterbaut!» (Zürcher Bibel)

Sie hören es, hier betont Paulus die Gleichheit. Alle, die sich in einer Gemeinde engagieren, sind «Leute, die mit Gott zusammenarbeiten.» (Lietzmann) Nicht unbescheiden, sieht er sich als «sachkundiger Architekt», der das vorhanden Fundament, gut und sicher in Korinth gelegt hat. Alle weitere bauen darauf auf. So konnte und kann Gottes Bau «die Gemeinde» wachsen. Wir erinnern uns: Zunächst war da eine kleine Gruppe Begeisterten in Jerusalem. Aber schon 20 Jahre nach Jesu Auferstehung gab es christusgläubige Gruppen im gesamten Osten des Römischen Reich. Heute gibt es sie in der ganzen Welt. Und von Professor Konrad Schmid hörten wir, wie das Christentum heute besonders beeindruckend in China, Asien und Afrika wächst.

Als Gemeindeglied heute höre ich aus Paulus Worten: Jede und Jeder ist beauftragt aufzubauen, mitzuwirken. Mit seinen ihnen von Gott geschenkten Möglichkeiten sollen wir zum Wohle der Gemeinde wirken. Aber wir dürfen auch ausruhen und das Wirken anderer annehmen. Jede, jeder ist wichtig: ein Jugendlicher, der mit uns (wie heute) betet, genauso wie Kirchenpflegerinnen, die uns aus der Bibel vorlesen, Sigristen die uns begrüssen, die Kirche bereit machen und den Kirchenkaffee ermöglichen. Der Beitrag der Musiker ist genauso wichtig, wie der Beitrag von uns Singenden, Hörenden, Betenden. Auch ausserhalb unseres Gottesdienstes zählt jeder Beitrag zum Wohle der Gemeinde, ob man die Kirche auf- und zuschliesst, Leute zum Mittagstisch einlädt, Besuche macht, das Administrative und Finanzielle der Gemeinde regelt, Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen den Glauben nahe zu bringen versucht, oder ob man mitdenkt und betet bzw. sozial aktiv ist.

Wir alle sind Gottes Mitarbeitende. Ich werde gebraucht, Gott braucht mich jetzt, wie ich bin und mit dem, was ich kann – das macht das Leben lebenswert!

  • Das Fundament (Vers 11)

Jetzt kommt im Text aus dem 1. Korintherbrief ein paulinischer Spitzensatz. In der Lutherbibel werden solche Sätze immer besonders hervorgehoben: «Denn ein anderes Fundament kann niemand legen als das, welches gelegt ist: Jesus Christus.»

Logisch ist das, oder? Unsere Kirchenordnung betont, dass sich die Kirche auf «Jesus Christus» beruft. Andere Fundamente zu legen, und dabei das alte abzubrechen, solche Versuche gab und gibt es immer wieder. Aber Jesus als Sohn Gottes, als Botschafter von Gottes Liebe, das ist das Wichtigste. Gottes Liebe «verstehen» wir durch Jesu Leben, Reden und Handeln. Auf dieses Fundament in unserer Zeit aufzubauen, das ist allerdings unser Job. Jesus aber als Botschafter von Gottes Vergebung, d.h. Jesus Sterben am Kreuz als Durchkreuzen von uns Belastendem, das ist einmalig. Und dann die Auferstehung, die uns sagt: Fang neu an, lass das Alte alt sein und wirke jetzt frisch, unbelastet, befreit. Das ist einmalig geschehen für uns. Es bedeutet: Mach Geist und Kopf frei von gestern und fang heute neu an. Dies anzunehmen, zu akzeptieren und wirklich versuchen loszulassen, das ist Glauben an Jesu, den Christus. Das ist unser Fundament.

  • Fegefeuer – Reinigungsfeier (Verse 12 -15)

Paulus schreibt weiter: «Ob nun einer mit Gold, Silber, Edelsteinen, Holz, Heu oder Stroh auf dem Fundament weiterbaut – eines jeden Werk wird offenbar werden, denn der Tag des Gerichts wird es ans Licht bringen, weil er sich im Feuer offenbart: Wie eines jeden Werk beschaffen ist, das Feuer wird es prüfen. Hat das Werk, das einer aufgebaut hat, Bestand, so wird er Lohn empfangen. Verbrennt sein Werk, so wird er Schaden erleiden – er selbst aber wird gerettet werden, freilich wie durch Feuer hindurch.»

Wie gesagt, Paulus ist ein Kind seiner Zeit. Aus dem Persischen und aus jüdischer Tradition kannte er das reinigende Feuer, die Feuerprobe am Ende aller Zeiten. Vom Bauen kommt Paulus auf feuerfestes und damit edles Baummaterial oder eben schnell Verbrennendes. Es steckt eine Drohung hier drin, wie man in der Gemeinde wirkt. Das Ende würde zeigen, ob wir wirklich Aufbauendes getan haben oder nicht, je nachdem wie die Feuerprobe ausfällt. Im Mittelalter hat man darum gestritten, ob die Erfindung des Fegefeuers hier eine biblische Grundlage hätte.

Werke zeigen mir und anderen, ob ich ein guter Christ*in bin? Das stimmt so gar nicht mit Paulus überein. Unsere Reformatoren haben das vor 500 Jahren bestätigt. Nicht durch unser Tun werden wir von Gott angenommen, sondern durch unseren Glauben an Jesus Christus und unser daraus resultierendes selbstverständliches Handeln. Jesus betont das in der Bergpredigt im Matthäusevangelium. Er betont, wer seine Worte hört und in seinem Sinne handelt, der baut sein Lebenshaus auf einen Felsen. Er wird bestehen und sein Glauben hält auch den Stürmen des Lebens stand. Wir haben davon in der Lesung gehört (Matthäus 7, 24-29).

Unser Leben hat Feuerproben und Stürme. Glauben an das Fundament Jesus Christus gibt Halt, lässt wanken, aber wir stehen. Fussballer bringen das manchmal auf einfache klare Sätze wie «Jesus ist my goal».

  • Schlussgerade (Verse 16/17)

Apropos Fussball. Paulus liebt Sportvergleiche aus seiner, der griechische Sportwelt. Er schreibt davon auch im Brief an die Gemeinde in Korinth. Und da wir gerade die Europameisterschaften in Leichtathletik in Birmingham hatten, sage ich. Mit den letzten zwei Sätzen erreicht Paulus die Schlussgerade, also den letzten, geraden Streckenabschnitt vor dem Ziel, und bringt alles über die Zielgerade wie Audrey Warro im 800 m Rennen Freitag vor einer Woche.

Paulus schreibt: «Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und dass Gottes Geist in euch wohnt? Wer den Tempel Gottes zerstört, den wird Gott zerstören; denn der Tempel Gottes ist heilig – und das seid ihr.»

Lassen wir die menschlich verständliche Drohung einmal bewusst beiseite, so sagt Paulus hier etwas ganz Wichtiges.

Paulus schreibt dem bunten Haufen Christusglaubenden in Korinth, uns heute, hier, in der Kirche Oberrieden sehr ähnlich. Ihnen und damit uns teilt er mit:

Ihr seid Gottes Tempel!

Wir wissen, bis zur Zerstörung des Tempels in Jerusalem war der Tempel nach Jüdischem Verständnis der Ort von Gottes Gegenwart in der Welt. Paulus aber sagt:

‘Ihr als Gemeinde von Christusglaubenden, Ihr seid Gottes Tempel. Gott ist in Euch gegenwärtig. Wir sind also die Wohnstätte Gottes hier in der Welt.

Wenn sie jetzt ungläubig den Kopf schütteln, verstehe ich das. Aber Paulus ist ein von Jesus erfasster, aber nüchtern denkender Christ. Und er sagt: ‘Das Fundament Jesus Christus ist gelegt. Ihr als Gemeinde und Gemeindeglieder baut darauf auf. Wie immer ihr das macht, Gottes Geist der Liebe, der Vergebung, des aufeinander Achtens und sich für andere Engagieren, dieser Geist Gottes ist unter Euch, zwischen Euch, in Euch. Er wohnt in Euch, selbst wenn ihr ihn loswerden wollt, er bleibt in euch. Dank Jesus Christus.’

Die Liebe Gottes ist da. Sie will uns lenken und leiten und Geborgenheit geben. Gottes Liebe ist unsere «güldene Sonne, voll Freud und Wonne, …hält uns zeitlich und ewig gesund» (P. Gerhardt, Die güldne Sonne. Das Lied begleitet uns durch den Gottesdienst.)

AMEN

Aus der Fürbitte:

… Unser Gott, Dir zu begegnen, wie Paulus, das wünschen wir uns wohl, haben es vielleicht auch ganz anders schon erlebt. Es ist kaum in Worte zu fassen. Aber die Wirkung der Vergebung und Liebe zu uns, die man gern weitergibt, die kennen wir alle. Danke Gott, und wir bitten Dich, dass Dein Wirken vieles in der Welt zum Positiven verändert.

Gott, die Kriege, die Bedrohungen, und Worte, die Angriffen gegen Demokratie, Wirtschaft und Frieden gleichkommen, sie machen uns Angst, schmerzen, lassen uns unverständlich und mit Fragen zurück.

Wir bitten Dich, unser Gott, wirke Du mit Deinem Geist, mit Jesus dem Christus, gegen jede Art von Gewalt, für Friede und Liebe miteinander und untereinander gegen Ausgrenzung und für Integration.

Unser Gott, grosse Feuer und Wassermangel prägen diesen Sommer aber auch schönstes Ferienwetter.

Gott, lass alle genug Wasser und Lebenskraft immer wieder neu finden. Schenke uns Frieden, so wie Paul Gerhardt ihn noch nach 30 Kriegsjahren erlebte.

In der Stille kommen wir mit unseren Gebeten und Gedanken zu Dir … Alles sammeln wir in dem Gebet, dass Jesus uns gelehrt hat und beten gemeinsam …

Berthold W. Haerter

Pfarrer der Evangelisch-Reformierten Landeskirche Zürich seit 1993

Gemeindepfarrer in Oberrieden seit 2005