Apostelgeschichte 6,1–7

· by predigten · in 05) Apostelgeschichte / Acts of the Apostles, 13. So. n. Trinitatis, Aktuelle (de), Archiv, Beitragende, Bibel, Deutsch, Kapitel 06 / Chapter 06, Kasus, Neues Testament, Predigten / Sermons, Suse Günther

13. So. n. Trinitatis | 30. August 2026 | Apg 6,1–7 | Suse Günther |

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit Euch allen. AMEN

 

In diesen Tagen aber, als die Gemeinde immer größer wurde, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung.

Da riefen die Zwölf die Gemeinde zusammen und sagten:

Es ist nicht richtig, dass wir für die Mahlzeiten sorgen und darüber die Verkündigung vernachlässigen.

Darum, liebe Geschwister, seht Euch um nach sieben Menschen in Eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll heiligen Geistes und Weisheit sind, die wir bestellen wollen zu diesem Dienst. Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben.

Diese Rede gefiel der ganzen Menge gut, sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glauben und heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanos  und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Juden  aus Antiochia.

Diese Männer stellten sie vor die Apostel, die beteten und legten die Hände auf sie.

Und das Wort Gottes breitete sich aus, die Gemeinde in Jerusalem  wurde immer größer. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam.

Gott, gib uns ein Herz für Dein Wort. Und nun ein Wort für unser Herz. AMEN

Liebe Gemeinde!

Im heutigen Predigttext erfahren wir Grundlegendes darüber, wie es in der ersten christlichen Gemeinde in Jerusalem zuging.

  1. Die Gemeinde bestand aus Juden, die zum Christentum gefunden hatten Und die wieder setzten sich zusammen aus denen, die schon immer in Jerusalem oder wenigstens Israel ansässig gewesen waren. Die also hebräisch sprachen Und aus denen, die griechisch sprachen. Weil sie im riesigen Reich Alexanders des Großen ansässig gewesen waren. Zu denen gehörte übrigens Paulus.
  2. Die Gemeinde in Jerusalem war ziemlich groß. So groß, dass es darin eine beachtliche Gruppe Menschen gab, die sich nicht selbst versorgen konnten, sondern die von der Gemeinde mitversorgt wurden. In diesem Falle die Witwen, die kein eigenes Einkommen hatten, nachdem ihr Mann gestorben war.
  3. Innerhalb der Gemeinde nahm man die Aufgabe, sich um Leute zu kümmern, die darauf angewiesen waren, sehr ernst.
  4. Trotzdem kam es vor, dass Menschen übersehen wurden. Und dann kam es, wie in allen menschlichen Gemeinden schnell zu Vorwürfen und Konkurrenzgefühlen: „An die denkt Ihr. Und an mich?“
  5. Diese Vorwürfe nahm die Gemeindeleitung sehr ernst. Denn sie wusste, dass so etwas, ob nun berechtigt oder nicht, sehr schnell zu Zerwürfnissen führen konnte. Im schlimmsten Fall die Gemeinde zerstören könnte.
  6. Ein kluger Schachzug ist daher die Lösung, die für das Problem gefunden wird: Es werden Menschen gewählt, die sich speziell um diese Aufgabe kümmern sollen: Dass alle genug zu essen haben.
  7. Es ist also klar, dass über diese Tatsache, ob Menschen satt werden oder nicht, gesichert wird, ob die Gemeindeleitung weiterhin Anerkennung findet oder nicht.
  8. Es ist wichtig, dass die Aufgaben verteilt werden. Denn es ist klar, dass nicht einer alles machen kann. Es soll auch weiterhin gesichert sein, dass derjenige, der das Wort Gottes verkündet, den Rücken frei hat für diese Aufgabe.
  9. Es finden sich tatsächlich viele, die sich wählen lassen, um in Zukunft die Essensversorgung sicher zu stellen.
  10. Diese Leute werden jetzt nicht einfach unters Volk geschickt. Sondern sie werden beauftragt. Vor der Gemeinde legt man ihnen die Hände auf und segnet sie.
  11. Diese Vorgehensweise hat Erfolg. Denn, so lesen wir in der Bibel, die Gemeinde wuchs weiter, Lukas beschreibt sogar ehemalige Tempelpriester, die nun zur christlichen Gemeinde wechselten.

Wenn wir das alles für unsere Gemeinde heute hören, dann kommt uns vieles bekannt vor.

  1. Unsere Gemeinde besteht aus verschiedenen Menschengruppen, Einheimischen und Zugereisten aus anderen Gebieten und Konfessionen.
  2. Unsere Kirche bemüht sich auch die im Blick zu haben, die Hilfe benötigen.
  3. Diese Aufgabe wird – noch – sehr ernst genommen, sie ist auch in unseren Tagen nicht von Kürzungen betroffen.
  4. Trotzdem kommt es vor, dass Menschen übersehen werden. Das führt zu Ärger und der Angst, zu kurz zu kommen.
  5. Solche Vorwürfe nehmen wir sehr ernst und bemühen uns um Lösungen.
  6. Dazu brauchen wir Menschen, die mithelfen. Und dazu wählen wir unser Presbyterium.
  7. Ob wir als Kirche und Kirchengemeinde weiterhin anerkannt werden, hängt davon ab, ob die Leute den Eindruck haben, dass wir unsere Aufgaben ordentlich erledigen.
  8. Das kann nur gelingen, wenn wir diese Aufgaben auf mehrere Schultern verteilen.
  9. Da gibt es allerdings dann einen Unterschied zu unseren Tagen: Es fällt schwer, genügend Menschen zu finden, die die verschiedenen Aufgaben übernehmen möchten. Umso dankbarer bin ich für die, die mir immer noch und immer wieder treu zur Seite stehen.
  10. Auch heute schicken wir unsere Leute nicht einfach unters Volk. In einem feierlichen Gottesdienst werden sie gesegnet und beauftragt.
  11. Ob unsere Vorgehensweise Erfolg haben wird und sich auch wieder Menschen für den Pfarrerberuf entscheiden, das muss sich noch zeigen.

Viele Parallelen. Eine ganz besondere Übereinstimmung allerdings wird auf den Anhieb nicht sichtbar, sondern erst beim Blick in den griechischen Grundtext. Und das ist dann unser 12ter Punkt: Gleich dreimal taucht dort ein Wort auf, das uns allen geläufig ist, das aber seltsamerweise in der Übersetzung verloren gegangen ist: das Wort „Diakonie“. Wir kennen den diakonischen Wert und seine Arbeit in Zweibrücken, in Deutschland und weltweit: die Fürsorge für andere.

Wir kennen Diakone, die in der evangelischen und katholischen Kirche in der Verkündigung tätig sind: Menschen, die aber in ihrer Ausbildung einen größeren Schwerpunkt auf die praktische Ausbildung legen konnten, als das Pfarrern zugestanden wird.

In unserem Predigttext wird dieses Wort übertragen mit „Dienst“ und „dienen“. Wenn man es ganz genau übersetzen würde, dann müsste an dieser Stelle nicht „Diener“ stehen, sondern „Kellner“. Denn eigentlich heißt „Diakon“: Der, der für die Mahlzeiten da ist.

Damit wird etwas Grundlegendes deutlich: Die Basis für alle Arbeit, die wir den Menschen zugute lassen kommen wollen ist, dass sie satt sind.

Genau darum geht es im Predigttext. Dass alle zu essen haben. Die aus den verschiedenen Herkunftsländern, die gut situierten und die Witwen. Erst dann, wenn alle gleichermaßen satt sind, wenn also die Diakonie ihre Arbeit geleistet hat, erst dann sind die Menschen bereit und in der Lage, auch denen zuzuhören, die von Jesus erzählen und die Bibel auslegen.

Heute, wo es immer weniger Pfarrer und Pfarrerinnen gibt, gewinnt diese diakonische Arbeit zunehmend ganz neu an Bedeutung. Jahrhundertelang hatten wir es vergessen. Tonangebend waren die Gemeindeleiter. Und das waren in den Augen der Kirche die, die das Wort Gottes verkündigten. Dabei war es schon immer so: Bevor die Leute den Pfarrern zuhören konnten, musste erst einmal ihre Existenz gesichert sein.

Mein Großvater war Diakon. Er war in den dreißiger Jahren in der Jugendarbeit der Arbeiterviertel im Ruhrgebiet tätig und nach dem Krieg in Heimen, die die Kirche für verwaiste Jugendliche eingerichtet hatte. Noch viel später als Berufschullehrer. Meine Großmutter musste, bevor sie meinen Großvater heiraten durfte, eine Prüfung in Hauswirtschaft ablegen. Denn sie musste genau das machen: Kochen. Kochen für alle die jungen Leute in den Heimen. Es musste gewährleistet sein, dass alle zu essen hatten.

Unsere Landeskirche hat sich jahrelang ausgeruht auf der Tatsache, dass es genügend Pfarrer und Pfarrerinnen gab und hat keine Diakon:innen mehr ausgebildet. Das rächt sich nun bitter. Wir haben niemanden mehr, der zupackt. Die Stelle von Hubertus konnte nicht mehr besetzt werden.

Wen also können wir berufen, wenn das Murren in der Gemeinde lauter wird, weil grundlegende Bedürfnisse nicht mehr bedient werden können? Wer schaut nach denen, die krank sind, die alleine sind, denen es an Geld für den Alltag fehlt? Wir Pfarrer/innen können uns nicht mehr auf unseren Dienst am Wort allein berufen. Wir können aber genauso wenig wie in der urchristlichen Gemeinde alle Aufgaben alleine bewältigen.

Umso dankbarer bin ich dafür, dass wir in der Gemeinde zusammenarbeiten. Als Team. Als Presbyterium. Als Ehrenamtliche. Als Menschen, die sehen, wo es fehlt.

Ich bin auch dankbar, dass ich nicht alleine hier vorne stehe. Dass es Menschen gibt, die auch im Gottesdienst mitwirken. Leute, die aus der Bibel vorlesen und solche die sich zu Lektoren und Prädikanten ausbilden lassen. Solche, die als Musiker Gottes Wort verkünden. Lebendige Gemeinde miteinander und füreinander. Es wird Zeit, dass sich Kirche und ihre Vertreter/innen von ihrer elitären Stellung verabschieden und sich hin zu den Menschen wenden, bei denen das Leben stattfindet. Mitten hinein ins Gewühl mit allen seinen Anfragen.

Ich freue mich über jeden und jede von Ihnen, die sich darauf einlassen. Ich freue mich über die großartige Arbeit unserer Diakonie. Aber auch unserer kleinen Diakone und Diakoninnen vor Ort, die täglich dafür sorgen, dass niemand vergessen werden soll.

Sind Sie dabei?

AMEN


Verfasst von:
Suse Günther