Matthäus 20,20–28
In der Bettlerecke | 13. So. n. Trinitatis | 30. August 2026 | Matthäus 20,20–28 | Jan Asmussen
In der Bettlerecke
Auf einer humoristischen Zeichnung sitzt ein Bettler mit ein paar Münzen in seinem Korb. Ein Mann tritt zu ihm und fragt interessiert: „Können Sie wirklich vom Betteln leben?“ – „Nein“, antwortet der Bettler, „manchmal muss ich selbst noch etwas dazulegen!“ Das heutige Evangelium handelt davon, Bettler vor Gott zu sein – also davon, was wir haben, um unsere Körbe zu füllen. Von Martin Luther wird erzählt, dass genau dies seine letzten Worte auf dem Sterbebett waren, das Fazit seines eigenen Lebens mit seinem Kampf ums Überleben und all dem Segen, der auch da war: „Wir sind Bettler, das ist wahr.“
Eine Mutter kommt, um bei Jesus um etwas zu betteln. Nicht für sich selbst, sondern im Namen ihrer beiden Söhne. Das alles ist zutiefst menschlich: Sie meint, sie hätten das Beste verdient. Für sie ist jede Widrichkeit, die ihre Söhne begegnen, unverdient. Vielleicht fällt es ihr auch schwer, ihre Fehler zu sehen – so sind Mütter. Die beiden Söhne, von denen sie spricht, sind Jakobus und Johannes, zwei von Jesu Jüngern. Nicht dass sie die schwarzen Schafe in der Jüngerschar wären, im Gegenteil: Sie gehören zu den engsten Vertrauten. Sie sind es, die nah bei Jesus am Tisch sitzen. Auch an jenem Gründonnerstagabend, an dem Jesus das Abendmahl einsetzt. Sie sind es, die danach mit Jesus gehen, als er im Garten Gethsemane betet. Sie sind es, die auf alten Gemälden unter dem Kreuz stehend dargestellt werden. Viele in der kirchlichen Tradition haben in Johannes den Jünger gesehen, der als „der Jünger, den Jesus lieb hatte“ bezeichnet wird. Es gibt auch Gründe, sich vorzustellen, dass die beiden mit Jesus verwandt sind: seine leiblichen Vettern. Wenn es einen inneren Kreis um Jesus gibt, dann stehen diese beiden jungen Burschen mitten darin und müssen nicht um einen Platz am Tisch betteln.
Aber all das ist einer Mutter nicht genug – sie kommt mit einer besonderen Bitte: Gib ihnen einen Platz an deiner Seite im Reich Gottes. Das haben sie verdient, meint sie, so tüchtig und treu, wie sie sind. Im Vaterunser beten wir: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.“ Doch hier wird es umgekehrt: „So, wie es hier auf Erden ist, so soll es auch im Himmel sein“, betet die Mutter.
Es ist schön, geachtet zu werden. In diesem Leben Ansehen zu haben, ist eine große Sache. Aber was geschieht mit uns, wenn wir eines Tages nicht mehr da sind – wird man sich dann noch an uns erinnern? Und wenn eines Tages die Bilanz unseres Lebens gezogen wird, können wir dann die Errungenschaften und Verdienste, die wir uns im Leben erworben haben, mitnehmen? Das ist es, womit die Mutter der Zebedäussöhne ringt.
Das lässt Jesus fragen, an Jakobus und Johannes gewandt: „Könnt ihr den Kelch leeren, den bitteren Trank trinken, den ich trinken werde?“ Und natürlich sagen sie Ja wie immer, diese idealen Apostel. Es ist ein felsenfestes Ja, wie von jemandem, der aus noch sicherer Entfernung verspricht, für einen anderen durch Feuer und Wasser zu gehen. Gilt es auch dann, wenn es eines schönen Tages hart auf hart kommt? Von den Jüngern wird erzählt, dass sie alle flohen, als die Soldaten hervorsprangen, Jesus ergriffen und ihn zu Pilatus führten. Da lag die Grenze der Treue. Da rettet jeder die eigene Haut und denkt nur an sich selbst. Da ist jeder sich selbst der Nächste. Treue haben wir immer nur unter bestimmten Voraussetzungen und am liebsten auf Abstand. Wenn es hart auf hart kommt, fliehen sie alle und lassen uns ganz allein. Dann gibt es nicht viel, was man selbst noch dazulegen könnte.
Darum weist Jesus diese beiden Jünger ab und durchschaut ihren guten Willen und ihre Beteuerungen. In der wirklichen Not, dort, wo man um Hilfe schreit, da ist man nicht mehr wert als ein armer Bettler, der nichts anderes kann, als um Hilfe zu bitten und zu hoffen, dass sie kommt. Es mag ein ganzes Lebenswerk sein, das Ansehen und Ruhm weckt wie in Luthers Fall. Das Fazit ist dasselbe.
Es gibt ein sarkastisches Bild des dänischen Humoristen Storm P. (1882-1949, A.d.Ü.), das dies deutlich vor Augen führt. Wir sind in einer Kirche und blicken hinauf zur Kanzel. Dort steht ein Pfarrer, obendrein wohl ein Bischof mit Samtweste (der Talar der dänischen Bischöfe ist aus Samt, A.d.Ü.), selbstsicher und stolz aufgerichtet – das Bild stammt aus der Zeit, als die Autorität noch im Amt selbst eingebaut war. Aber er unterstreicht sie auch selbst: Ein Orden mit einem großen Kreuz glänzt an seinem Talar, deutlich platziert, damit jeder es sehen kann. Aber im Hintergrund des Bildes, fast undeutlich, steht auf dem Altar ein kleines Kruzifix. Auf ihm ist Jesus in der Todesstunde selbst zu ahnen. Gequält und ausgestoßen. Das Kreuz steht vor der Stadtmauer in Schande, und hinter dem Kreuz sind auf der Zeichnung von Storm P. Reihen verzweifelter, armer Menschen und dunkle, düstere Mietskasernen zu ahnen. „Die zwei Kreuze“ heißt das Bild. Das eine, auf dem Bauch des Bischofs, drückt menschlichen Status und menschliche Ehre aus und wird mit Stolz getragen. Das andere Kreuz drückt menschliche Verurteilung und Erniedrigung aus.
Was der Bischof nicht weiß, ist, dass er nur dank jenes Kreuzes im Hintergrund dort steht. Seinen ganzen Status hat er nur kraft des Mannes am Kreuz. Jesus leerte den bitteren Kelch und wurde in seinem Tod, einsam und verlassen, aller Menschen Knecht, aller Menschen Untertan. Sein Ehrensitz war nicht mit hoffnungsvollen und ehrgeizigen Jüngern zu beiden Seiten, sondern mit zwei Räubern. So trank er den Kelch, der in seinem Leben darin bestand, treu zu sein bis zuletzt. Treu gegenüber seinem himmlischen Vater. Treu gegenüber der Erde, die Gott geschaffen hatte. „Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.“ Das ist der Weg, den die Bitte im Vaterunser geht.
Der Kern des Christentums ist: Dort, wo wir fallen und um Hilfe schreien und Bettler sind, dort ist außer uns selbst ein Gott, der uns gibt, wovon wir leben können. Jakobus und Johannes verließen ihn und flohen vor ihrer Treue, als es darauf ankam, aber er verließ uns nicht. Daher kommt die letzte Zuflucht, wenn wir mit leeren Körben dasitzen und keinen Sinn finden. Das Letzte ist nämlich nicht, dass unsere Körbe geleert sind, sondern dass sie gefüllt werden. Dass Christus uns in unserer Dunkelheit leuchtet und uns weit mehr gibt, als wir verdient haben. Zusammengefasst in den stärksten Worten, die in jedem einzelnen Gottesdienst erklingen: dass unsere Sünden uns vergeben sind, dass wir von Gott getragen werden – so wie es vorhin gesagt wurde, als ein kleiner neuer Mensch hier in der Kirche getauft wurde.
Der Platz im Reich Gottes ist nicht für die tüchtigen, begeisterten, kompetenten Nachfolger Jesu. Nein, der Platz im Reich Gottes ist ein Platz für Bettler, die nichts anderes können, als zu empfangen. Es heißt, aus der Verheißung zu leben, die wir in der Taufe empfangen haben. Was wir selbst durchs Leben hindurch dazulegen, wiegt im Vergleich rein gar nichts.
Amen.
Jan Sievert Asmussen
Farum Kirke
jsas@km.dk
Diese Fassung kann Spuren von künstlicher Intelligenz enthalten, A.d.Ü.