Lukas 19,1 – 10

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Predigt am 14. Sonntag nach Trinitatis | am 6. 9. 2026 um 9.30 Uhr in Holziken/Schweiz | Dörte Gebhard, Pfarrerin 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.                                                Amen. 

 

Liebe Gemeinde

Zachäus war reich, sehr reich.

Er war aber klein, sehr klein.

Und überall unbeliebt, sehr unbeliebt.

Von ihm erzählt Lukas, übrigens: nur Lukas, in seinem Evangelium.

1 Jesus kam nach Jericho; sein Weg führte ihn mitten durch die Stadt.  2 Zachäus, der oberste Zolleinnehmer, ein reicher Mann, 3 wollte unbedingt sehen, wer dieser Jesus war. Aber es gelang ihm nicht, weil er klein war und die vielen Leute ihm die Sicht versperrten. 4 Da lief er voraus und kletterte auf einen Maulbeerfeigenbaum; Jesus musste dort vorbeikommen, und Zachäus hoffte, ihn dann sehen zu können. 5 Als Jesus an dem Baum vorüberkam, schaute er hinauf und rief: »Zachäus, komm schnell herunter! Ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein.« 6 So schnell er konnte, stieg Zachäus vom Baum herab, und er nahm Jesus voller Freude bei sich auf.

7 Die Leute waren alle empört, als sie das sahen. »Wie kann er sich nur von solch einem Sünder einladen lassen!«, sagten sie. 8 Zachäus aber trat vor den Herrn und sagte zu ihm: »Herr, die Hälfte meines Besitzes will ich den Armen geben, und wenn ich von jemand etwas erpresst habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück.« 9 Da sagte Jesus zu Zachäus: »Der heutige Tag hat diesem Haus Rettung gebracht. Denn«, fügte er hinzu, »dieser Mann ist doch auch ein Sohn Abrahams. 10 Und der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.«                                         (Neue Genfer Übersetzung)

Liebe Gemeinde

Schnell ist Zachäus vom Baum herunter, sehr schnell.

Schon waren alle empört, sehr empört.

Und Jesus verhält sich dreist, sehr dreist.

Ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein.

Nicht:

Wollen wir mal abmachen? Eigentlich käme ich gern einmal zu dir. Falls es dir recht ist. Wir hätten sicher gute Gespräche.

Das wäre höflich in der Schweiz!

Nein: Ich muss heute …

Ungefähr so, aber doch etwas netter, habe ich es kürzlich bei einem unserer Kirchenpfleger gemacht – ich habe mich in sein Haus am Hang eingeladen, am Abend, nach dem Bibelgesprächskreis, um die Sonnenfinsternis zu beobachten. Die nächste totale Finsternis in der Schweiz ist am 3. September 2081, da bin ich jedoch sehr wahrscheinlich verhindert.

Ich muss heute …

Jesus ist frech, sehr frech.

Ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein.

  1. Eine Frage: Kann man Gastfreundschaft erzwingen?

Jesus stellt sich von vornherein als Gast vor, ohne eingeladen zu sein.

Soll man das nachmachen?

Darf man das?

Kann man das überhaupt?

Er, Jesus, lädt sich bei Zachäus ein.

Aber das bekommt die aufgebrachte Menge gar nicht mit.

Das ist meine Erfahrung: Aufgeregte Leute, besonders, wenn es viele sind, hören nicht besonders gut zu und sehen auch nicht alles, weil sie nicht alle auf Bäumen sitzen. Aber sie haben dafür schnell eine feste Meinung, eine sehr feste:

«Wie kann er sich nur von solch einem Sünder einladen lassen!«, sagten sie.

 

Wie kann er nur!

Dabei hatte Zachäus ein einziges Mal in seinem Leben nichts gemacht. Er hat dieses eine Mal niemanden betrogen, niemandem etwas abgeknöpft, geschweige denn viel. Er hatte nichts gemacht, sondern still auf dem Baum gehockt. Deutlich wird es betont: Er hat Jesus nicht zum Essen eingeladen.

Er wollte erstmal gucken, erstmal horchen, was dieser Jesus für einer ist.

Dem Evangelisten Lukas gelingt, was eigentlich unmöglich ist:

Zachäus, der mir alles andere als sympathisch erscheint, der für die Besatzungsmacht arbeitet und dahingerafft wurde von seiner Raffgier, der wegen des Geldes Kopf und Herz schon längst verloren hatte … genau dieser Zachäus bekommt mein Mitgefühl, als er so plötzlich zum Gastgeber erklärt wird.

Ist Ihnen das auch schon passiert?

Dass Ihnen ein dreister Gast mit der Tür ins Haus fiel?

Jesus jedenfalls möchte nicht erstmal bisschen gucken, sondern gleich essen.

Er möchte nicht lange zuhören, er hat Hunger.

Luzia Sutter Rehmann, Professorin für Neues Testament in Basel, ist allen Stellen im Neuen Testament, an denen es ums Essen geht, nachgegangen. Dabei hat sie festgestellt: Jesus und seine Leute hatten tendenziell immer Hunger. Kein Wunder, wenn man ohne feste Bleibe umherzieht, barfuss und besitzlos.

Ein Gastgeschenk hatte Jesus nicht dabei. Ich erschien, als ich mich selbst einlud, immerhin mit einer schwarzen Brille, die dann reihum ging, weil nicht alle eine ergattert hatten. So war das Naturschauspiel ohne Gefahr für die Augen zu beobachten.

  1. Ein Nebengedanke: Wie sehr hat Jesus Zachäus überrumpelt?

Ob Jesus nicht nur sich selbst, sondern sehr selbstverständlich die zwölf Jünger miteingeladen hat?

Das wird – leider – nicht überliefert. Ich halte es für sehr wahrscheinlich!

Zachäus war … ein reicher Mann. Sehr reich!

Aber hätten Sie Spaghetti für diese «Wilde 13» (Michael Ende) vorrätig gehabt? Mit Sauce?

Wie wäre es um Getränke bestellt gewesen?

Unvergesslich ist für mich, wie ich einmal von Gästen zur Gastgeberin gemacht wurde, von sehr vielen Gästen. Es waren auf jeden Fall wesentlich mehr als nur 13.

Christoph, unser Sohn, ging neu in den Schweizer Kindergarten. Es war recht bald nach unserem Umzug aus Deutschland. Da gab es einen Wandertag der Kindergartengruppe, der durch das ganze Dorf führte. Jedes Kind zeigte, wo es wohnte. Christoph erzählte voller Stolz, dass man im Pfarrhaus immer eine offene Tür findet, dass es dort immer etwas gibt, sogar Kinderpunsch.

So sass ich an jenem Wintermorgen am Schreibtisch im Büro, wandte den Kopf vom Bildschirm ab und schaute in den grauen Garten.  Da sah ich in leuchtenden Farben, schön der Reihe nach, im Gänsemarsch, eine grosse Kindergruppe kommen, eine sehr grosse Gruppe.

Sie mussten in diesem Moment bei uns zu Gast sein. Sie mussten Punsch trinken. Mehr als 13, alle!

Ich wurde direkt auf der Türschwelle zur Gastgeberin ernannt. Der Kindergärtnerin war es etwas peinlich, aber auch ihr war kalt, sehr kalt.

Punsch gab es reichlich. Stühle allerdings nur wenige, sehr wenige.

Als wäre es gestern gewesen, sehe ich sie am Boden in unserer Pfarrhausküche sitzen … in langen Reihen, denn unsere Küche war damals 1,80 m breit und 12 m lang. Es war herrlich, so überrumpelt zu werden.

Zachäus lässt sich fröhlich überrumpeln und lernt in einem einzigen Augenblick von Jesus, von Gastfreundlichkeit bedeutet.

Gastfreundlichkeit ist unabhängig davon, wie viele Katzenhaare auf dem Wohnzimmersofa sind.

Gastfreundlichkeit zeigt sich nicht daran, ob man gerade ein sauberes Handtuch in die Gästetoilette gehängt hat.

Gastfreundlichkeit duldet keinen Aufschub.

  1. Eine Einsicht: Jesus ist ein Gast wie wir.

Wir feiern gleich Abendmahl in Erinnerung an Jesus, den Gast auf Erden.

Ich habe schon oft zur Einführung beim Abendmahl gesagt: Jesus lädt uns ein.

Dabei stimmt das nicht ganz!

Denn auch beim letzten Abendmahl hat sich Jesus dreist, sogar sehr dreist selbst eingeladen.

Hört selbst aus Lukas 22, als die Jünger Jesus fragen, wo sie denn das Passalamm zubereiten könnten?!

Jesus antwortete: »Wenn ihr in die Stadt kommt, werdet ihr einem Mann begegnen, der einen Wasserkrug trägt. Folgt ihm in das Haus, in das er hineingeht, 11und sagt zu dem Hausherrn: ›Der Meister lässt dich fragen: Wo ist der Raum, in dem ich mit meinen Jüngern das Passamahl feiern kann?‹ 12 Er wird euch ein großes Zimmer im Obergeschoss zeigen, das mit Sitzpolstern ausgestattet ist. Bereitet dort das Mahl vor.«

(Neue Genfer Übersetzung)

Jesus selbst hat kein Daheim, schon gar nicht in Jerusalem.

Er kann gar kein richtiger Gastgeber sein.

Es stehen auch nicht viele Behausungen leer, schon gar nicht zur Zeit des Passahfestes.

Jesus hat einen Riecher für Reiche.

Er weiss, wer zu viel hat, viel zu viel.

Einen Saal, gross genug für 13 Personen und obendrein mit Sitzpolstern, der gerade nicht gebraucht wird.

Jesus schickt seine Jünger, sich bei diesem Mann mit Krug einzuladen – wohlgemerkt mit insgesamt 13 Personen. Judas, Petrus, Thomas … alle sind dabei!

Aber zurück zu Zachäus!

  1. Eine Konsequenz: Zachäus wird mit Jesu Hilfe ein richtig guter Gastgeber.

Zachäus versucht es nicht mit Ausreden.

Er erklärt nichts, er rechtfertigt sich nicht.

Aber er ent-schuldigt sich, im wahrsten Sinne des Wortes:

»Herr, die Hälfte meines Besitzes will ich den Armen geben, und wenn ich von jemand etwas erpresst habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück.«

Er wird in diesem Moment alle seine «Schulden» los.

Er hat sicher erst später die Konsequenzen bedacht, die das bei den Römern haben würde.

Er hat sich anstecken lassen von der Dreistigkeit Jesu.

Der Mann, der immer nur genommen hatte, erkennt jetzt, wie selig geben macht: Viel seliger als nehmen!

Der Mann, der gewöhnt war zu fragen:

„Was krieg ich dafür?

Was hab ich davon?“,

sieht plötzlich ein:

„Viel kann ich geben, sehr viel!“

Liebe Gemeinde

Wir wissen, wie die Geschichte der Gastfreundschaft weitergeht,

was es bedeutet, wenn wir Türen, Tisch und Kühlschrank auftun, wenn wir grosszügig sind.

Wer ist noch nie ausgenutzt worden?

Wer hat sich noch nie naiv gefühlt?

Wer hat seine Weitherzigkeit nicht schon einmal bereut?

Gastfreundschaft kostet etwas, nicht zuletzt auch Geduld und Nerven.

Es gibt dreiste Gäste.

Sie kommen unangemeldet und bringen gleich noch ihre ganze WG mit.

Sie essen das Doppelte oder das Vierfache von dem, was zu erwarten war. Oder sogar 13 Portionen.

Aber mit Gottes Hilfe schaffen wir es, gute Gastgeberinnen und Gastgeber zu werden.

Denn Jesus hat als Gast auf Erden gelebt und genau dadurch sein Heil unter die Gastgeber gebracht:

»Der heutige Tag hat [Zachäus’] Haus Rettung gebracht. Denn«, fügte [Jesus] hinzu, »dieser Mann ist doch auch ein Sohn Abrahams. 10 Und der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.«                                

Wir beten heute am besten mit Worten, die von Zachäus sein könnten:

«Komm, Herr Jesus, sei du unser Gast.

Und segne uns und was du uns bescheret hast.»                                   Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, stärke und bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, der zu Gast war auf Erden. Amen.