1. Mose 2, 4b–9 (10–14) 15 (18–25)

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Vom Wagnis, Gottes Gegenüber zu sein | 15. So. n. Trinitatis | 13. September 2026 | 1. Mose 2, 4b–9 (10–14) 15 (18–25) | Uland Spahlinger

 

4bZur Zeit, als der Herr, Gott, Erde und Himmel machte 5und es noch kein Gesträuch des Feldes gab auf der Erde und noch kein Feldkraut wuchs, weil der Herr, Gott, noch nicht hatte regnen lassen auf die Erde und noch kein Mensch da war, um den Erdboden zu bebauen, 6als noch ein Wasserschwall hervorbrach aus der Erde und den ganzen Erdboden tränkte, – 7da bildete der Herr, Gott, den Menschen aus Staub vom Erdboden und blies Lebensatem in seine Nase. So wurde der Mensch ein lebendiges Wesen.

8Dann pflanzte der Herr, Gott, einen Garten in Eden im Osten, und dort hinein setzte er den Menschen, den er gebildet hatte. 9Und der Herr, Gott, liess aus dem Erdboden allerlei Bäume wachsen, begehrenswert anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse.

10Und in Eden entspringt ein Strom, um den Garten zu bewässern, und von da aus teilt er sich in vier Arme. 11Der eine heisst Pischon. Das ist jener, der das ganze Land Chawila umfliesst, wo es Gold gibt, 12und das Gold jenes Landes ist kostbar. Dort gibt es Bdellionharz und Karneolstein. 13Und der zweite Fluss heisst Gichon. Das ist jener, der das ganze Land Kusch umfliesst. 14Und der dritte Fluss heisst Chiddekel. Das ist jener, der östlich von Assur fliesst. Und der vierte Fluss, das ist der Eufrat.

15Und der Herr, Gott, nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, damit er ihn bebaute und bewahrte. 16Und der Herr, Gott, gebot dem Menschen und sprach: Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen. 17Vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse aber, von dem darfst du nicht essen, denn sobald du davon isst, musst du sterben.

18Und der Herr, Gott, sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist. Ich will ihm eine Hilfe machen, ihm gemäss. 19Da bildete der Herr, Gott, aus dem Erdboden alle Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels und brachte sie zum Menschen, um zu sehen, wie er sie nennen würde, und ganz wie der Mensch als lebendiges Wesen sie nennen würde, so sollten sie heissen. 20Und der Mensch gab allem Vieh und den Vögeln des Himmels und allen Tieren des Feldes Namen. Für den Menschen aber fand er keine Hilfe, die ihm gemäss war. 21Da liess der Herr, Gott, einen Tiefschlaf auf den Menschen fallen, und dieser schlief ein. Und er nahm eine von seinen Rippen heraus und schloss die Stelle mit Fleisch. 22Und der Herr, Gott, machte aus der Rippe, die er vom Menschen genommen hatte, eine Frau und führte sie dem Menschen zu. 23Da sprach der Mensch: Diese endlich ist Gebein von meinem Gebein und Fleisch von meinem Fleisch. Diese soll Frau heissen, denn vom Mann ist sie genommen. 24Darum verlässt ein Mann seinen Vater und seine Mutter und hängt an seiner Frau, und sie werden ein Fleisch. 25Und die beiden, der Mensch und seine Frau, waren nackt, und sie schämten sich nicht voreinander.

 

Vom Wagnis, Gottes Gegenüber zu sein

Liebe Gemeinde,

die Ferien sind vorbei, der Arbeitsalltag hat uns wieder – auch die unter uns, die schon in Rente sind, denn irgendwas gibt es ja immer zu tun. Die Bibelgeschichte, die wir eben gehört haben, der berühmte zweite Schöpfungsbericht, wirft ein Licht genau auf dieses Thema: irgendwas ist immer zu tun. Für Gott zu allererst – daran lässt die Weisheitserzählung mit den vier Flüssen und dem paradiesischen Garten in der Mitte und der Rippe und der Gefährtin für den Menschen und den Begrenzungen, die Gott eingebaut hat in seine Schöpfung, keinen Zweifel.

Denn das lasst uns gleich zu Beginn festhalten: es ist eine alte Weisheitserzählung, die den Menschen erklären möchte, warum ihre Lebensbedingungen so sind, wie sie sind. Und gleichzeitig bekommen sie einen Auftrag, nämlich behutsam und respektvoll umzugehen mit dem, was Gott ihnen zur Verfügung stellt. Mit Herz und Verstand, könnten wir sagen, was nicht unbedingt gleichzusetzen ist mit Laptop und Lederhose (das ist etwas ganz anderes).

Der Auftrag richtet sich an alle Menschen, das zeigen schon die Namen. „Adam“ ist hier nicht einfach ein Vorname wie Klaus oder Thomas oder Kevin, sondern bedeutet im Hebräischen „Mensch“, meinethalben auch „Mann“. Und „Eva“ ist, anders als Katharina, Hildegard oder Janine, ebenfalls keine persönliche Bezeichnung, sondern heißt so viel wie „Mutter des Lebens“. Angesprochen sind also alle Männer und alle Frauen – damals wie heute. Sage also niemand: Gott sei Dank, das ist lange her, wir sind ja nicht gemeint….

Szenenwechsel. Wir gehen für einen Moment nach Königsberg und in das Jahr 1784. Dort lebte und arbeitete damals ein Denkgenie, der Philosoph Immanuel Kant. Einer, nach dessen täglichen Lebensgewohnheiten man die Uhr stellen konnte, erzählten Zeitgenossen. Und ein blitzscharfer Denker.

Ich mute Euch jetzt einen Kernsatz Kants zu. Der bekam einmal die Frage gestellt: „Was ist Aufklärung?“ In einem Aufsatz antwortet er so:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. (Sapere aude!) Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“[1]

Manche sagen dazu: hier stellt jemand den Individualismus auf die alleroberste Stufe. Demnach wärst du das Maß aller Dinge – du musst dich nur des eigenen Verstandes bedienen. Und richtig ist ja: so wie du die Welt – und alles was dazugehört – zu sehen und zu erklären gelernt hast, so wirst du auch in ihr leben.

Richtig ist – immer nach Kant – aber auch dies: Jede Entscheidung, die wir treffen, liegt bei uns. Darin liegt immer ein Risiko – richtig oder falsch? – aber dem kommen wir nicht aus. Wir können niemand anderen dafür verantwortlich machen. Wenn wir andere für uns denken und entscheiden lassen, begeben wir uns in die selbstgewählte Unmündigkeit. Würde Kant sagen. Ein Grundprinzip jeder Demokratie, übrigens.

Was hat das nun mit unserer uralten biblischen Erzählung zu tun? Sehr viel, meine ich. Denn das ist nicht in erster Linie eine Geschichte über die Scham der Nacktheit bei Adam und Eva, auch keine Geschichte über Verführung und Bestrafung, nicht einmal in erster Linie über die Vertreibung aus dem Paradies. Vielmehr ist es eine Geschichte über die Verantwortung, die sich mit der Erkenntnis und mit dem Verstand entwickelt und beim Menschen einstellt. Es ist eine Geschichte über Möglichkeiten und Grenzen, über Zweifel und Mut, über das Risiko jeder Entscheidung. Immer stoßen wir an Grenzen der eigenen Möglichkeiten, an „richtig“ oder „falsch“, die Abgrenzung von Arbeit und Erholung, Kommunikation, die glückt oder misslingt, am Ende an die Grenzen des Lebens selbst mit Geburt und Tod. Wohl dem Menschen, der diese Grenzen erkennt und in sein Nachdenken und Handeln einschließen kann!

Kleine Unterbrechung. Singen wir nach einem kurzen Vorspiel vom Lied EG 368[2] die ersten beiden Strophen:

1. In allen meinen Taten
lass ich den Höchsten raten,
der alles kann und hat;
er muss zu allen Dingen,
solls anders wohl gelingen,
mir selber geben Rat und Tat.

2. Nichts ist es spät und frühe
um alle meine Mühe,
mein Sorgen ist umsonst;
er mags mit meinen Sachen
nach seinem Willen machen,
ich stells in seine Vatergunst.

Paul Fleming, dem wir dieses Gedicht verdanken, war ein bedeutender Dichter in der Barockzeit. Weitgereist war er, seine Gedichte las man. Er wurde nicht sehr alt, 31 Jahre. Fleming, hat sich aus einem tiefen Vertrauen heraus entschieden, sein Leben Gott anzuvertrauen. So sagt er in seinem Gedicht. Rat will er sich beim „Höchsten“ holen, in seine „Vatergunst“ sich und sein Leben stellen. Fleming war davon überzeugt, dass Gott nicht nur der Urheber allen Lebens ist, also der Schöpfer, sondern dass Gott auch sein Leben kennt und hält. Sein Gedicht erinnert mich an diesen Satz: „Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes offene Hand“.

Singen wir die Strophen 3 und 4:

3. Es kann mir nichts geschehen,
als was er hat ersehen
und was mir selig ist.
Ich nehm es, wie ers gibet;
was ihm von mir beliebet,
dasselbe hab auch ich erkiest.

4. Ich traue seiner Gnaden,
die mich vor allem Schaden,
vor allem Übel schützt;
leb ich nach seinen Sätzen,
so wird mich nichts verletzen,
nichts fehlen, was mir ewig nützt.

Fleming schrieb sein Gedicht am Anfang einer langen und gefährlichen Reise. Er hat sich für das tiefe Gottvertrauen entschieden; vielleicht kann man auch sagen: er hat es für sich gewonnen. Und das kann eigentlich nur deshalb sein, weil er in seinem Leben Vertrauen kennengelernt und erfahren hat. Vielleicht liegt hierin der deutlichste Unterschied zwischen einem Dichter und einem Philosophen: der Dichter bringt seine Erfahrungen, seine Empfindungen und vielleicht auch seine Sehnsucht in Verse. Der Philosoph ist dem Verstand verpflichtet. Er sucht nach Erklärungen, nach Widersprüchen, nach Lösungen. Sein Handwerkszeug ist die Kritik. Nicht als Selbstzweck – Kant war kein Querulant –, sondern als Mittel, um die Welt besser zu verstehen. Kant war darin sehr gründlich – und das hat seinen Grund. „Aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen und im beschränkten Gesichtskreis des Pietismus, beschritt er mutig den Weg der Selbstbefreiung durch das Wissen.“[3] So beurteilt ein anderer großer Philosoph, Karl Popper, den Weg Kants: eine mutige Befreiungsübung. Freiheit ist ein Wagnis – aber auch ungemein spannend. Nicht zufällig werden die Menschen als „die ersten Freigelassenen der Schöpfung“[4] bezeichnet.

Und trotzdem haben der Dichter und der Philosoph etwas gemeinsam. Zurück also zur Schöpfungserzählung: Der Weg des Menschen hier wird von der ursprünglichen Bindung an Gott bestimmt. In allem – in allem – verdankt der Mensch sich Gott: als Geschöpf, als Mann und Frau, als Wesen mit der besonderen Fähigkeit, Gott wahrzunehmen und mit Gott in Beziehung zu treten.

Aber nun kommt es. Damit gilt auch: der Mensch ist das Wesen, das auf Gottes Schöpfungsordnung eigenständig – frei – reagieren kann. Er kann Entscheidungen treffen. Daran kommt er nicht vorbei. Ihm fällt die Aufgabe zu, allen Lebewesen Namen zu geben. Der Mensch wirkt – so die alte Erzählung – an und in der Schöpfung ordnend mit. Gleichzeitig aber wird er auch anderen Einflüssen ausgesetzt (dafür steht die Schlange); er hat die Möglichkeit, Ausflüchte zu ersinnen; er kann versuchen, die Verantwortung von sich wegzuschieben. Auch wenn er und sie bei Gott damit nicht durchkommen.

Aber von Anfang an lässt Gott sich darauf ein: Mit den Regeln und mit dem Verstand hat der Mensch Entscheidungsmacht über richtig und falsch übertragen bekommen. Dem kommt er nicht aus. Es ist seine Würde und seine Verantwortung. Die alte Geschichte erklärt nun: Warum ist das so? Weil Gott es so gefügt hat: Eine vollkommene Lebensordnung. Eine vollkommene Friedensordnung – solange sie eingehalten wird. Vielleicht ist das ihre einzige Schwäche. Nachdem sie beschädigt wurde, setzt Gott Zwangsmittel ein. Und in ver-rückter (im wörtlichen Sinn) Wendung erscheint nun Gott für viele als ein strafender, gar rachsüchtiger Gott.

Der Kabarettist und engagierte evangelische Christ Hanns Dieter Hüsch hält in einer seiner fabulierten Geschichten dagegen. Sie heißt: „Besuch beim lieben Gott“. Bei ihm ist Gott nicht rachsüchtig, sondern bekümmert: „Ich war ja vor einigen Monaten dort, ganze sieben Wochen, und durfte zusammen mit dem lieben Gott meine Lieben, die alle schon oben sind, besuchen. Wir standen immer sehr früh auf. … Meistens ließ er mich rufen und sagte: „Ich hab so geschwollene Füße, knöpf mir doch bitte die Schuhe zu.“ Er saß dann auf der Bettkante und sagte: „Ich habe unruhig geschlafen. Die ganze Welt schiebt mir alles in die Schuhe, aber dass die Menschen selbst was verbrochen haben könnten und was dagegen tun, darauf kommt natürlich kein Schwein.“ Er sagte tatsächlich wortwörtlich ,,kein Schwein“[5].

Das ist nun ein bisschen flapsig, aber Hüsch hat hier einen Punkt: wir sind keine Marionetten, die an den langen Fäden des Puppenspielers Gott hängen. Wenn das so wäre, dann wäre tatsächlich alles egal. Dann hätten wir keine Verantwortung. Für gar nichts. Dann wären wir unmündig.

Die Schöpfungsgeschichte weist uns auf den Weg: „Gott hat uns diese Erde gegeben, dass wir auf ihr die Zeit besteh’n“[6]. Er gibt uns den Rahmen. Er gibt uns Regeln. Zum Beispiel über die Jahreszeiten, die die Abläufe in der Natur bestimmen. Zum Beispiel die Klimazonen, die miteinander eine schier unendliche Vielfalt an Pflanzen und Tieren hervorbringen.

Und in alldem gibt es uns, die Menschen. Auch hier wieder: Gott gibt uns seine Weisung an die Hand; manche sagen auch „Gebote“ oder „Gesetze“. Regelungen, Hinweise, Warnungen. Oft ganz einfach ausgedrückt: „15Und der Herr, Gott, nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, damit er ihn bebaute und bewahrte.“ Oder nehmen wir die 10 Gebote: Weisungen, wie ein Vertrag, für die freigekommenen Israeliten nach der Sklaverei in Ägypten. Gott sagt hier: ich binde mich an euch – bindet ihr euch an mich. Es wird euch nützen. Ihr werdet für eure Entscheidungen einen guten Rahmen haben. Ihr werdet gute Lösungen finden für eure Probleme und eure Konflikte, wenn ihr meine Weisungen beherzigt. So in etwa können wir den Sinn der 10 Gebote umschreiben. Und auch in unserer Geschichte findet sich ein ähnlicher Hinweis: „16Und der Herr, Gott, gebot dem Menschen und sprach: Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen. 17Vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse aber, von dem darfst du nicht essen, denn sobald du davon isst, musst du sterben.“ Eine Strafandrohung? Ich würde sagen: Nein, sondern eine Warnung. Denn die Erfahrung lehrt, dass Menschen sterblich sind. So wie sie im Leben Entscheidungen treffen müssen. Denn ja, es gilt: Erkenntnis ist mühsam. Erkenntnis muss sich weiterentwickeln. Und wird nie zu Ende sein. Und das zehrt an uns. Wir müssen das Leben bestehen. Der Apostel Paulus, der nun auch alles andere als dumm war, fasst das an einer Stelle sehr präzise zusammen. Seiner zerstrittenen Gemeinde in Korinth gibt er zu bedenken: „9Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist Stückwerk. 10Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören“ (1. Kor. 13, 9f).

Und wie es bis dahin gehen kann, dafür hat Jesus einen alten Gedanken des Gottesglaubens sehr einprägsam aufgefrischt – in der Geschichte vom barmherzigen Samariter: „25Da stand ein Gesetzeslehrer auf und sagte, um ihn auf die Probe zu stellen: Meister, was muss ich tun, damit ich ewiges Leben erbe? 26Er sagte zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du da? 27Der antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit all deiner Kraft und mit deinem ganzen Verstand, und deinen Nächsten wie dich selbst. 28Er sagte zu ihm: Recht hast du; tu das, und du wirst leben. 29Der aber wollte sich rechtfertigen und sagte zu Jesus: Und wer ist mein Nächster?“ – und dann folgt die Geschichte. Jesus gibt hier keinen Befehl. Er gibt einen Rat, einen Hinweis. Und der Gesprächspartner kommt ja selbst darauf, wenn auch mit etwas Mühe und Widerstand. Gott lieben mit ganzem Herzen, ganzer Seele aller Kraft und dem ganzen Verstand – auch mit dem Verstand(!) – und den Nächsten. So wie du es selbst für dich auch haben wolltest. Indem wir das Richtige erkennen und tun, sagt Jesus, sind wir auf dem Weg. Und es geht um nicht wenig. Es geht darum, das Leben zu empfangen. Auch das gilt es zu erkennen und zu verstehen. Denn es ist hineingelegt in Gottes guten Willen für seine Schöpfung und seine Menschen.

Der Anfang liegt, biblisch gesprochen, weit hinter uns. Das Ziel ist noch nicht erreicht. Uns bleibt nur, unsere Wege weiterzugehen. Mit Vertrauen, aber auch kritisch. Selbstbewusst und mit Gottes Weisung im Kopf und im Herzen. Wachsam gegenüber allen lebensfeindlichen Kräften (auch in uns selbst, wenn’s ist). Aufgeklärt den Weg aus der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ wagen. Mit Gott an unserer Seite – das ist kein Widerspruch. Denn nur so kann ich die alte Weisheitsgeschichte verstehen: Gott wünscht sich Menschen, die so denken und handeln, dass sie seine Schöpfung bebauen und bewahren.

Amen.


Uland Spahlinger, Dekan i.R., Dinkelsbühl
uland.spahlinger@elkb.de

Ich schreibe diese Predigt unter einem doppelten Eindruck: zum einen meiner derzeitigen Lektüre von Karl Poppers „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“, zum anderen des zutiefst verstörenden Wahlergebnisses der Landtagswahl vom 6. September 2026. Genesis 2 habe ich hierunter versucht, seiner mythologischen Einkleidung zu entkleiden und nach dem Verhältnis von Freiheit, Verantwortung und Bindung zu fragen – in sich wagemutig und, dem Umfang einer Predigt entsprechend, lückenhaft. Vielleicht aber eben deshalb als Gedankenfutter und Anregung geeignet.


Fussnoten

[1] I. Kant, Beantwortung der Frage, Was ist Aufklärung, in: Die Kritiken, Zweitausendeins Verlag, Frankfurt 2008, S. 635

[2] Das Wochenlied für den 15. Sonntag n. Trin.

[3] K. Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 1, Tübingen 2008/8, S. XXII.

[4] So im Titel der gleichnamigen Schrift J. Moltmanns, Kaiser Traktate München 1976/5, mit Verweis auf J.G. Herder, ebd. Vorwort S. 7

[5] H.D. Hüsch, Besuch beim lieben Gott, in: Das kleine Buch zwischen Himmel und Erde, tvd Düsseldorf 2000, S. 38

[6] So Eckhart Bücken in EG 432,1: Gott gab uns Atem, damit wir leben