1. Mose 2,4b–9(10–14)15(18–25)

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15 So. n. Trinitatis | 13. September 2026 | 1. Mose 2,4b–9(10–14)15(18–25) | Hosea Heckert |

 

4b Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte. 5 Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen. Denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute; 6 aber ein Strom stieg aus der Erde empor und tränkte alles Land. 7 Da machte Gott der HERR den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen. 8 Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. 9 Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. 10 Und es geht aus von Eden ein Strom, den Garten zu bewässern, und teilt sich von da in vier Hauptarme. 11 Der erste heißt Pischon, der fließt um das ganze Land Hawila und dort findet man Gold; 12 und das Gold des Landes ist kostbar. Auch findet man da Bedolachharz und den Edelstein Schoham. 13 Der zweite Strom heißt Gihon, der fließt um das ganze Land Kusch. 14 Der dritte Strom heißt Tigris, der fließt östlich von Assyrien. Der vierte Strom ist der Euphrat. 15 Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte. 16 Und Gott der HERR gebot dem Menschen und sprach: Du darfst essen von allen Bäumen im Garten, 17 aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben. 18 Und Gott der HERR sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht. 19 Und Gott der HERR machte aus Erde alle die Tiere auf dem Felde und alle die Vögel unter dem Himmel und brachte sie zu dem Menschen, dass er sähe, wie er sie nennte; denn wie der Mensch jedes Tier nennen würde, so sollte es heißen. 20 Und der Mensch gab einem jeden Vieh und Vogel unter dem Himmel und Tier auf dem Felde seinen Namen; aber für den Menschen wurde keine Hilfe gefunden, die ihm entsprach. 21 Da ließ Gott der HERR einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen, und er schlief ein. Und er nahm eine seiner Rippen und schloss die Stelle mit Fleisch. 22 Und Gott der HERR baute eine Frau aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm, und brachte sie zu ihm. 23 Da sprach der Mensch: Die ist nun Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch; man wird sie Männin nennen, weil sie vom Manne genommen ist. 24 Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und sie werden sein ein Fleisch. 25 Und sie waren beide nackt, der Mensch und seine Frau, und schämten sich nicht. 

 

Liebe Gemeinde,

atemlos ist unsere Zeit irgendwie. Zumindest über weite Strecken – das würden wir wohl bestätigen können. Wann ist denn noch die Zeit mal so richtig durchatmen zu können, ohne schon an das Nächste zu denken. Wann kommt bei mir denn noch so dieser herrliche Reflex, dass mein Körper von selbst reagiert und ich erleichternd seufzend ganz tief einatme und sage: „Ach ist das gerade schön hier!“ Aller Druck fällt wie von Geisteshand verscheucht von mir ab und ich bin ganz ICH. Gibts solche Momente nur noch im Urlaub oder kommt das auch noch im Alltag vor? Goethe hat es so im Osterspaziergang ausgedrückt: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein!“

Bleiben wir doch mal bei dem großen Dichter und stellen seinen Vers neben den biblischen aus der zweiten Schöpfungserzählung im 1. Buch Mose: Hier bin ich MENSCH! Schreibt Goethe. Biblisch gesprochen hieße das: Hier bin ich Adamah. Hier bin ich Erde! Der Erzähler beschreibt uns die Erschaffung des MENSCHEN im Garten Eden so: Da machte Gott der HERR den Menschen aus Staub von der Erde. Im Hebräischen hört sich das so an: afar-min-ha-adamah. „Afar“ ist dabei tatsächlich der lose Staub, die Krume, die man an der Erdoberfläche zusammenkratzen kann. Einen Vers vorher wird geschrieben, dass die „Adamah-Erde“ durch den Strom aus der Tiefe schon ausreichend befeuchtet war. Also konnte es losgehen mit dem Kneten. Im schöpferischen Kneten wurde ein Adam=Erdling, sagen wir mal eine „Erdenfigur“ daraus. Das schöne Gefühl, das mich manchmal überkommt: Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein – könnte ich jetzt so übersetzen: Hier stehe ich gerade wie frisch vom Schöpfer geknetet als standfeste Figur auf der Erde! Ich bin gut mit der Erde verbunden – als Erdenfigur wohltuend geerdet.

 

7 Da machte Gott der HERR den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase.

Liebe Gemeinde! Wann war das eigentlich das letzte Mal, als ich mich so gefühlt habe. Wo ich quasi die feuchten, warmen Hände meines Schöpfers noch spüren konnte. Wo ich seinen Atem in mich einströmen gespürt habe und wo sich alles in mir geöffnet hat, um seinem Lebensatem in mir Raum zu geben.

Vielleicht fällt Ihnen ja sofort ein solcher Moment ein oder sogar mehrere, die Sie über die Jahre immer wieder be-atmet haben. Es kann auch sein, dass da erst mal gar nichts in Erinnerung kommt, was nicht zwangsläufig bedeutet, dass es solche Momente gar nicht gab. Vieles wird auch unter alltäglicher Atemlosigkeit verschüttet. Welche Menschen waren in diesem Moment in ihrer Nähe und haben Ihnen – möglicherweise im Auftrag des Schöpfers – neuen Lebensatem eingehaucht? War es ein Sonnenuntergang, der Weitblick nach dem Erklimmen eines Berges in der Landschaft oder in Ihrer Lebenslandschaft oder etwas ganz Verrücktes, was Sie einfach gemacht haben?

Möglicherweise braucht es Begegnungen in Gottes Garten, um an dieses erste Atmen anknüpfen zu können und dieses Gefühl wieder neu für mich zu entdecken: „Ich bin eine wunderbar gestaltete Erdenfigur! Tief erleichtert seufzend darf ich sagen: Hier bin ich Mensch! Hier darf ich sein!“

Unser Predigttext ist natürlich kein historischer Bericht, sondern eine wohlüberlegt komponierte Erzählung eines Menschen, der zunächst seinen Zeitgenossinnen und Zeitgenossen etwas über den Schöpfer sagen wollte. Die erste und die zweite Schöpfungserzählung im 1. Buch Mose sind nichts anderes als Lesetexte auf Arbeitsblättern im Religionsunterricht zu unterschiedlichen biblischen Zeitaltern. Es sollen Fragen aufgeworfen und beantwortet werden.

Eine Frage auf dem Arbeitsblatt könnte sein: Warum hat Gott die Erde und den Menschen erschaffen?

Eine erhoffte Antwort des Autors dieses lehrenden Arbeitsblattes könnte sein:

Der ewige Gott hat sich mit der Erschaffung der Welt einen schönen Plan gemacht. So hat er sich in die kleinteilige Zeitlichkeit begeben, in der wir als seine Erdenfiguren leben und wirken. Er hat sich überlegt, wie er eine schöne mit Schätzen ausgestattete Landschaft, einen Garten zum Aufatmen inmitten aller Atemlosigkeit schafft. Erde, die immer wieder befeuchtet wird, wo schließlich Kräuter, Sträucher und Bäume wachsen, Wasser fließt in großen Flüssen und Tiere kommen hinzu. In diesen Garten stellt er uns als seine handelnden Gestalten und betraut uns mit Verantwortung. Er hat auch Grenzen gesetzt, die mit dieser Verantwortung zu tun haben, die später in der Erzählung von dem ersten Menschenpaar exemplarisch verletzt werden. Die Erzählung projiziert die tatsächlichen Erfahrungen, die Menschen mit sich selbst in ihrer Geschichte machen, schon nach vorne an den frühestmöglichen Anfang. Schon in der gepredigten Schöpfungserzählung wird deutlich gemacht, dass der Schöpfer trotz aller Verfehlungen mit uns, seinen liebgewonnenen Gestalten, weitermacht und ein neues Kapitel aufschlägt. Grenzüberschreitungen bringen Ängste mit sich, dafür steht bei Eva wohl bildlich die Angst vor der Schlange, und bei Adam die Erkenntnis, dass es Mühen kostet, ein fruchtbares Leben zu führen und ein Auskommen zu haben. Eigentlich ist es keine Vertreibung aus dem Garten Eden, sondern eine Vergrößerung des Gartens, der mit Verantwortung unter Mühen und Ängsten, aber auch unter Freuden und Erfolgen von uns Erdenfiguren gestaltet werden kann. Gott ist zu der Erkenntnis gekommen, dass er seinen Erdenfiguren, eine größere Verantwortung wird übertragen müssen, aber dass er das eben auch tun kann. Wir lernen es, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, auch wenn das angstbesetzt ist und äußerst mühevoll. WIR stehen hinter den literarischen Figuren der beiden Protagonisten Adam und Eva und dürfen das Feld, den Acker, den großen Garten, in den Gott uns täglich neu stellt, bestellen. Gelingt uns die Bestellung, wird auch der vergrößerte Garten immer wieder zu einem Paradies. Dann können wir uns wie Adam und Eva in die Augen schauen oder alleine auf den Horizont blicken und langsam tief ein- und ausatmen und fühlen: Hier bin ich MENSCH, hier darf ich sein! Auf diesem Stück Erde habe ich als Gottes Erdenfigur meine Rolle und Aufgabe bekommen.

Eine schöne Erde mit Pflanzen und Tieren ist Gott offensichtlich nicht genug. Offensichtlich ist er auch sich selbst nicht genug. Er braucht noch Menschen wie Adam und Eva und später ihre Nachkommen.

Aufatmen, Partner:innen finden, Spielen im vergrößerten Garten… Das klingt natürlich jetzt sehr ideal und Sie sagen sich vielleicht beim Zuhören: Na der hat gut reden! So einfach ist das nicht und wie soll das gehen?

Ich behaupte, der Verfasser des Religionsarbeitsblattes zur 2. Schöpfungserzählung wollte seinen Schülerinnen und Schülern etwas sehr Wichtiges deutlich machen: Seine Schöpfungserzählung ist kein historischer Bericht, vielmehr geht es ihm darum, das zu sagen: Der Kontakt zum Schöpfer ist das Entscheidende, was Leben im Fluss hält und gutes Zusammenleben und wegweisende Entscheidungen zwischen Gut und Böse ermöglicht. Ich darf mich regelmäßig erneut in die formenden Hände meines Schöpfers begeben. Auch, wenn ich vieles falsch mache und Erwartungen bitter enttäusche, ich brauche mich vor IHM nicht zu verstecken, auch wenn ich mich „nackt“ gewirtschaftet habe. Ich darf seinem Ruf neu folgen, wenn er mich wie Adam und Eva ruft: Wo bist du?

Lassen Sie mich versuchen, es anschaulicher werden zu lassen!

Ich war in meinem Erdenfigur-Dasein zehn Jahre lang im Gefängnis. Nicht als Insasse, sondern als Gefängnisseelsorger in verschiedenen Thüringer Justizvollzugsanstalten für Männer und Jugendliche. Ich habe Menschen jeden Alters getroffen, die auf verschiedenst böse Arten ihre Freiheit ausgelebt hatten und deshalb zeitweise ihrer Freiheit beraubt werden mussten. In den Gesprächen mit ihnen ist mir eines klar geworden.

Einem jeden dieser Menschen, die da im Seelsorgezimmer oder ihrem Haftraum vor mir saßen, hat Gott eine schöne Gestalt, ein gutes Wesen mit auf den Weg gegeben, als er ihnen seinen Atem eingehaucht hat. Da war es eigentlich möglich, dass vielleicht nicht alles, aber doch einiges oder sogar vieles hätte gut werden können. Die Lebensgeschichten, die ich da zu hören bekam, führten bei mir nicht selten zu dem Gedanken: Wenn ich das erlebt hätte, was dieser Mann da vor mir auf dem Stuhl aus seinem Leben erzählt, dann würde ich vielleicht jetzt wohl eher auf der anderen Seite des Tisches sitzen und wäre jemand geworden, der berechtigterweise ins Gefängnis wandern muss. Sicher entschuldigen die Lebensumstände nicht die Taten. Ja – und andere müssen geschützt werden vor jemandem, der den Kontakt zu seiner guten Schöpfungsgestalt verloren und Grausames getan hat. Eines aber habe ich im Gefängnis in der Begegnung mit den Menschen dort gelernt: Sie sind keine Verbrecher, sie sind keine Mörder, Diebe, Betrüger, Gewalttäter und Vergewaltiger. Sie sind MENSCHEN! Afar-min-ha-Adamah! Wie ich auch! Ich habe kein Recht, sie auf ihre bösen Taten zu reduzieren und sie nur gemäß ihren schrecklichen Taten zu bezeichnen. Denn genau das tun diese ganzen etikettierenden Worte. Sie sind aus dem gleichen Erdenstaub wie ich gemacht und Gott ist weiter an ihnen dran, so wie auch an mir selbst. Ich darf und kann mit ihnen auf Augenhöhe sprechen und ihnen neu versuchen zu vermitteln, dass ihre gute Gestalt da war und immer noch da ist. Gott steht bereit, andere Menschen bieten sich an, mit ihnen gemeinsam an einer neuen Gestalt des Lebens zu formen und sie selbst wieder atmen zu lassen. Zum Beispiel kann das gerade im Gefängnis, dem sozusagen zeitweise verkleinerten Garten, wieder geschehen. Ein verkleinerter Garten mit eingeschränktem Bewegungsradius und einer gewissen unterbrechenden Verlangsamung birgt zumindest die Chance, den alten Schöpfungswillen und -atem neu oder vielleicht sogar erstmals zu entdecken.

Mit dem folgenden konfrontativen Impuls habe ich manchen ach so stolzen Adam dort im Jugendgefängnis verblüfft und wie ich meine auch in einem guten Sinne verunsichert:

“Sie sind jetzt 18 Jahre. Sie sitzen im Gefängnis. Sie blicken zurück auf ihre bisherige Geschichte. Stellen Sie sich vor: Sie sind 80 Jahre und Sie stehen vor dem Spiegel! Was für einen Menschen möchten Sie dort gerne sehen? Einen, der mit gewissen Unterbrechungen im Gefängnis gelebt hat und draußen nichts auf die Reihe bekommen hat, oder Sie sehen sich und denken an ihr Leben zurück und können sich auf die Schulter klopfen und sagen: mit 18 war ich noch gefangen, aber dann hab ich die Kurve gekriegt, gemeinsam mit anderen viel zustande gebracht, Liebe gefunden, Liebe gegeben, Familie gegründet, mit meinen Händen etwas geschaffen!?“

Der zweite Schritt war eine “Haftraum-Hausaufgabe“: Überlegen Sie mal, wer Sie in einem, in fünf, in zehn, in 20 und in 50 Jahren sein wollen. Was wollen Sie bis zu diesen einzelnen Zeitpunkten gerne erreicht haben? Halten Sie diesen Lebensplan bitte schriftlich für sich fest.“

Die meisten der Jugendlichen und jungen Männer haben sich diesen Anregungen nicht verweigert und es entstanden oft sehr tiefgehende Gespräche. Ein gewisser Lebensatem bewegte und regte sich mitten im auf dem elf Quadratmeter verkleinerten Lebensgarten des Haftraumes.

Es war eine wunderschöne Entdeckung, wenn auch die schönen und guten Seiten eines Menschen aufleuchteten und ich ihm zurückmelden konnte, dass ich seine gute Gestalt sehen kann und sie wertschätze und würdige. Ich habe mit ihm Ressourcen entdeckt, die den Sehnsüchten und Hoffnungen des schriftlichen Lebensplans eine berechtigte Grundlage bieten konnten. Das war oft etwas Neues und Wohltuendes für jemanden, der immer auf seine bösen Taten mit den verschiedenen Wörtern wie Verbrecher angesprochen wird. Wie kann ich da an das Gute in mir glauben, ein Zutrauen dazu finden und es neu atmen lassen, wenn alles Luft holen, alles Lebensatem einholen, immer wieder erstickt wird!

Das hat natürlich nicht dazu geführt, dass alle nach dem Besuch beim Seelsorger zu einer Mutter Teresa oder einem Mahatma Gandhi geworden sind. Die Erfolge waren oft sehr klein, die Rückfälle in die böse Gestalt und Lebensgestaltung durchaus an der Tagesordnung. Auch wenn es oft nur ein kurzer Moment war, wo einem Menschen dort bewusst geworden ist, dass er auch eine gute Gestalt ist, dann war es doch ein Moment, den ich als einen heiligen Moment erlebt habe. Da habe ich den Heiligen Gott sitzen sehen, wie er gerade freundlich nickend feststellt, dass er gut an diesem Menschen geknetet hat. Auch, wenn er im Moment kein wirklich gutes Bild abgibt – immer noch schaut er ihn mit liebenden Augen an!

Da ist etwas wunderbar Gutes da, was später dann stark verformt wurde und eine böse Fratze als Maske bekommen hat. Was ich an Gutem in diesem Menschen sehen konnte, hatte dieser selbst wohl nur selten oder noch gar nicht bei sich wahrgenommen. So war jedenfalls mein Gefühl. Hinter allen Verformungen und Etikettierungen konnte ich den Schöpfungsgedanken seines und meines Schöpfers sehen. Das hat mich mit diesem Menschen vor mir verbunden. Das hat uns auf Augenhöhe gehalten und ein gutes Gespräch ermöglicht. So hat die gute Gestalt hinter der entstellenden Maske wieder einmal atmen können.

Ich bin meiner Verantwortung ein Stück weit gerecht geworden, wenn er aufatmen konnte, wenn er einmal sich für das Gute entschieden hatte – oder wenigstens einmal weniger im leider oft grausamen Gefängnisalltag für das Böse, indem er einfach nichts getan hat und so den Kreislauf des Bösen immerhin einmal unterbrochen hatte. Der versteckte gute Mensch konnte aufatmen, sich seiner eigentlichen Gestalt bewusster werden, seinen Platz auf diesem Stück Adamah mal wieder neu wahrnehmen und ggf. die nächsten Schritte etwas danach ausrichten. Das ist schon was!

Ein zweites Bild der guten Schöpfung hat sich mir tief in meine Erinnerung eingeschrieben. Das war ein Gemeindefest in meiner ersten Gemeindepfarrstelle in einem Dorf in der Nähe von Erfurt: Es war ein ungewöhnlich warmer Spätsommertag im September. Wir hatten eine jährlich stattfindende Fahrrad-Rallye-Aktion laufen, um Spenden für die Kirchensanierung zu sammeln. Nach der Rallye gab es wie immer Kaffee und Kuchen und Bratwurst am Abend. Ein kleiner Tanzboden war direkt vor der Kirchentür unter zwei riesigen hundertjährigen Eichen aufgebaut. Es lief Musik querbeet, so dass für jeden etwas dabei war. Die Tanzfläche war gut gefüllt von allen Generationen. Die Omas tanzten mit den Enkeln, kleine Kinder mit den betagten NachbarInnen, Ehepaare eng beieinander, die nicht immer einfach zu nehmenden Konfirmanden mischten sich dazwischen. Manche tanzten zusammen, manche auseinander, auch mancher einzeln ganz versonnen für sich alleine, einer mit Krücke, die andere mit Rollator. Es war so ein friedlicher Anblick. So ein allumfassender Frieden, wie es das hebräische Wort Schalom besser umschreibt als unser deutsches Wort. Es war für mich eine Heilige Zeit, ein Heiliger Abend mitten im September. Ich hörte meinen Schöpfergott, wie er mir trotz lauter Tanzmusik ins Ohr flüsterte: „Hier bin ich GOTT. Hier will ich sein!“

Solche heiligen Momente und Zeiten kann ich immer wieder einüben: Zeiten im Garten mit Gott vereinbaren, mich durchkneten lassen, mich berühren lassen, mich auf einen Tanz einlassen, Gott  sozusagen noch mal ran lassen oder besser gesagt immer wieder ran lassen, weil ich ja immer wieder im Laufe des Lebens die bei meiner Schöpfung angelegte Form verliere. Auch ich entwickle mich streckenweise in Richtung der besagten Fratze. Und wenn ich sogar ganz meine Konturen, meine Figur, meine Gestalt verloren haben sollte, mich wie ein Mensch im Gefängnis fühle, dann kratzt Gott diesen zerfallenen Staub von der Erde zusammen und fängt wieder an, an mir zu kneten und mir seinen Lebensatem einzuhauchen und mich zum Tanz aufzufordern. Das durfte ich in meinem Leben immer wieder erleben.

Fangen wir doch gleich damit an, und nehmen uns ein paar Minuten innerhalb dieses Gottesdienstes, um uns im schöpferischen Gestalten in trauter Zweisamkeit mit Gott zu üben!

Ich gebe Ihnen eine Stange aus Knetmasse mit der folgenden Aufgabe in Ihre Hände:

Wie hat Gott mich als Erdenfigur geschaffen? Welche Haltung hat ER mir (Jede und jeder setze den eigenen Namen ein!) zugedacht? Welche Figur soll ich machen? Was sind meine in Vers 15 der biblischen Erzählung erwähnten Bauaufträge und Bewahrungsaufgaben auf meinem Fleckchen seiner Schöpfung? Welche Haltung hat er mir in meinem Leben zugedacht? Das Wichtigste, was Ihnen einfällt, bekommt durch Ihre knetenden Hände eine Gestalt, die Sie aus der einförmigen Knetmasse herausholen! Wenn Sie sich als Gottes Erdenfigur fertig geknetet haben, dann drehen Sie sich als Figur, so dass Sie zurückschauen und sich selbst ins Gesicht schauen und stellen sich die oben erwähnte Gefängnisfrage: Wer sind Sie gewesen in den vergangenen Jahren? Dann drehen Sie sich als Figur nach vorne und befinden sich hinter sich und schauen sich selbst über die Schulter. Jetzt lautet die Frage: Wohin will ich gehen in der kommenden Zeit. Wer will ich in wieviel Jahren sein?

Wenn Sie beim hinter sich her sehen zu einem Ziel gekommen sind, dürfen Sie an ihrer Erdenfigur nochmals knetend etwas verändern. Sie dürfen das natürlich gerne auch im alltäglichen realen Leben tun. Und ja, Sie dürfen ihrer „Erstbekneter“ das auch tun lassen. Er wartet darauf, dass Sie ihn alltäglich ranlassen.

 Knetmasse austeilen und ein paar Minuten Zeit geben.

 Sie haben ein paar Minuten ihre Erkenntnisse in eine Masse geknetet. Nachdem ich meine lange Predigt noch einmal gelesen hatte, habe ich sie noch in ein kurzes Gedicht „eingeknetet“, das ich Ihnen und Ihrer soeben fertig gewordenen Figur zum Schluss noch mitgeben möchte:

 

Geerdet werden

Der Ewige hat knetend dir Gestalt verliehen.
Aus guter Erde dich gemacht.
So manchen Formverlust hat ER verziehen,
dich neu auf guten Kurs gebracht.

Auf Lebenskreisen, großen, kleinen,
ziehst du suchend deine Bahn.
Bist zu zweit und auch alleine,
und SEINE Augen sehen dich an.

Doch hin und wieder läuft es schief.
Verirrst dich selbst im schönsten Garten.
Der Gärtner ruft: „Wo bist du denn?
Muss ich noch länger auf dich warten?

Versteck dich nicht in diesem Abstand!
Komm in die Nähe meiner Hände!
Ich scheue wirklich keinen Aufwand!
Werd dich gestalten ohne Ende!“

So soll es sein. Amen.



Vorschläge zur Liturgie

Tagesgebet

Gott, du hast alles und alle geschaffen. Wir leben in deiner Schöpfung zusammen mit Pflanzen und Tieren. Wir tragen besondere Verantwortung, der wir nicht ausreichend gerecht werden. Wir sehen die Wunden, die wir als Gesellschaft und als Einzelne reißen. Hilf uns, dass wir lernen, uns demütig einzuordnen und eine gute Rolle in deiner Schöpfung auszufüllen. Hilf uns bewahren, was du uns anvertraut hast. Gib du uns deinen göttlichen Atem. Lass uns einatmen, aufatmen und ausatmen und lebe Du mit uns! Amen.

Fürbittgebet

Gott, du hattest die Idee, dass es mich geben sollte. Du hast meine schöne Gestalt nicht vergessen, die du mir zugedacht und gegeben hast. Manchmal schrecke ich auf, weil ich merke, dass ich meine gute Gestalt vergessen und verloren habe. Dann kommst DU. DEINE Hand berührt mich und DU formst wieder mit an meinem Leben. Lass mich DEINE Hand nicht abweisen, lass mich weich und offen bleiben für DEINE Berührungen, die auch mich formen und mich auch zu einer wohltuenden Gestalt auf dem Fleckchen Erde machen, auf das DU mich gestellt hast! Lass mich den Boden in meinem Umkreis nicht nur in meinem Sinne, sondern auch in deinem Sinne bestellen! Lass uns alle in einem fruchtbaren Miteinander zusammen und aneinander wachsen! Lass uns immer wieder eine gute Figur auf deiner Erde machen, die auch unsere geworden ist! Lass uns so auch ein Bild für DICH abgeben, das Menschen um uns herum sehen können. Lass uns so den Himmel zur Erde werden und die Erde zu Menschen, die in deinem Sinne eine Rolle spielen, die Leben einatmen und ausatmen! Öffne unsere Augen und Herzen, dass wir nicht an der oberflächlichen Maske eines Menschen abgleiten, lass uns immer wieder nach Wegen suchen, auch unter diese Maske zu schauen und andere zu ermutigen, ihrer guten Schöpfungsgestalt wieder gewahr zu werden. Gib uns den Mut, uns die Hände immer wieder schmutzig zu machen, um deine Erde in die Hand zu nehmen, Gutes zu gestalten und Leben einzuhauchen. Zusammen mit DIR, schaffen wir das!

Einladung zum Gebet in der Stille…

Vaterunser

Segenszuspruch

Der ewige Gott, der dich gestaltet hat, behütet dich in deiner Zeit. Er hält dich in seinen Händen. Er holt dich aus dem Staub und verleiht dir neu deine Gestalt. Vertrau dich heute seinem Segen an! Lass dich von seinen Händen berühren und mach Gottes Lebensatem wieder zu deinem! Gottes Segen war, ist und wird mit dir sein! Amen.


Persönlicher Hinweis

Wer immer mal auf der Suche nach einem Impuls u.a. fiktive Gespräche zwischen Gott und Mensch, einem Gebet oder einem Gedicht ist, der kann gerne auf meine im Aufbau befindliche Webseite schauen und sich ggf. Anregungen holen. Predigten sind bisher nur wenige eingestellt, werden aber sicher noch ein paar folgen. Für Rückmeldungen – auch kritische – bin ich immer dankbar. Vorsicht, die Seite ist noch eine ziemliche Baustelle!

www.gottundmensch.de


Pfarrer Hosea Heckert, momentan aus gesundheitlichen Gründen im Wartestand, Evangelische Kirche in Mitteldeutschland

hoseaheckert@posteo.de

 

Bild: Hosea Heckert