2. Timotheus 1,7-10
| Kraft, Liebe und Klarheit | 16. Sonntag nach Trinitatis | Eidgenössischer Dank-, Buss- und Bettag | 20 September 2026 | | Predigt zu 2. Timotheus 1,7-10 | verfasst von Paul Wellauer |
| Psalmgebet im Wechsel |
Psalm 111,1-10 I Preis der Gottesgnade | Lutherbibel 2017*
I 1 Halleluja! Ich danke dem HERRN von ganzem Herzen im Rate der Frommen und in der Gemeinde.
II 2 Gross sind die Werke des HERRN; wer sie erforscht, der hat Freude daran.
I 3Was er tut, das ist herrlich und prächtig, und seine Gerechtigkeit bleibt ewiglich.
II 4 Er hat ein Gedächtnis gestiftet seiner Wunder, der gnädige und barmherzige HERR.
I 5 Er gibt Speise denen, die ihn fürchten; er gedenkt auf ewig an seinen Bund.
II 6 Er lässt verkündigen seine gewaltigen Taten seinem Volk, dass er ihnen gebe das Erbe der Völker.
I 7 Die Werke seiner Hände sind Wahrheit und Recht; alle seine Ordnungen sind beständig.
II 8 Sie stehen fest für immer und ewig; sie sind geschaffen wahrhaftig und recht.
I 9 Er sandte Erlösung seinem Volk und gebot, dass sein Bund ewig bleiben soll. Heilig und hehr ist sein Name.
II 10 Die Furcht des HERRN ist der Weisheit Anfang. Wahrhaft klug sind alle, die danach tun. Sein Lob bleibet ewiglich.
I+II AMEN
| Lesung Predigttext | 2. Timotheus 1,7-10 | Mut zum Bekenntnis | © Die Zürcher Bibel, 2007**
7 Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. 8 Schäme dich nicht, Zeugnis abzulegen für unseren Herrn, auch nicht dafür, dass ich für ihn im Gefängnis bin, sondern ertrage für das Evangelium Mühsal und Plage in der Kraft Gottes, 9 der uns errettet und uns berufen hat mit heiligem Ruf, nicht aufgrund unseres Tuns, sondern aufgrund seiner freien Entscheidung und seiner Gnade, die uns in Christus Jesus zugedacht wurde, vor aller Zeit, 10 jetzt aber sichtbar geworden ist im Erscheinen unseres Retters, Christus Jesus: Er hat den Tod besiegt und hat aufleuchten lassen Leben und Unsterblichkeit, durch das Evangelium.
Selig ist jeder Mensch, der Gottes Wort hört, in seinem Herzen bewahrt und danach lebt. Amen
| Predigt | Kraft, Liebe und Klarheit |
Liebe Gemeinde, liebe christliche Geschwister
1. Der Geist der Kraft, Liebe und Besonnenheit / Klarheit
Stellt euch für einen Moment vor, ihr hättet eine Firma, einen Betrieb aufgebaut. Im Schweisse eures Angesichts, mit viel Herzblut und Engagement ist über die Jahre ein erfolgreiches Unternehmen entstanden. Und nun geht es darum, diesen Betrieb in jüngere Hände zu übergeben. Diese jüngeren Hände gehören einer Person, die euer volles Vertrauen geniesst. Sie hat bei euch die Lehre gemacht, euch über die Schulter und auf die Hände geschaut, das Handwerk Schritt für Schritt gelernt, von Klein auf. Diese Person hat Talent und Leidenschaft, Weitsicht und Verstand, Freude und Elan. Ihr habt grosse Zuversicht, dass es gut kommt. Und nun geht es darum, diesem jüngeren Menschen nochmals die Hand auf die Schulter zu legen und die wichtigsten Grundsätze, Leitlinien und Ziele in Erinnerung zu rufen.
Der Apostel Paulus kann Timotheus leider in diesem Moment die Hand nicht auf die Schulter legen, da er im Gefängnis sitzt. Doch er hat dies bereits zu einem früheren Zeitpunkt getan, als er zusammen mit den Ältesten, mit den Leitern der Gemeinde, für Timotheus gebetet, ihn gesegnet und in den Dienst der Gemeindeleitung eingesetzt hat. (Vgl. 1. Timotheus 4,14; 2. Timotheus 1,6)
Es geht allerdings nicht um eine Firma oder einen handwerklichen Familienbetrieb, den Paulus nun Timotheus anvertraut, sondern um eine christliche Gemeinde, die Paulus gegründet hat. Entsprechend sind es keine handwerklichen oder unternehmerischen Ratschläge, die Paulus Timotheus ans Herz legt, sondern geistliche Weisheiten und Ermutigungen für seinen Glauben: «Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.»
In den beiden Briefen an Timotheus ist zwar nicht eindeutig erkennbar, dass Paulus auf konkrete Fragen oder Problemberichte von Timotheus reagiert, doch einige Herausforderungen im Gemeindeleben kommen später zur Sprache. Möglicherweise wurde Paulus zugetragen, Timotheus leide unter der Last der Gemeindeleitung und seine ursprüngliche Begeisterung sei ihm abhandengekommen. So ermutigt er Timotheus: «Aus diesem Grund rufe ich dir ins Gedächtnis: Lass das Feuer der Gabe Gottes, die durch die Auflegung meiner Hände doch in dir ist, wieder brennen.» (Vers 6) Gut möglich, dass die Vielfalt und Grösse der Aufgaben in der Gemeindeleitung eine Schicht von Staub und Asche auf das ursprüngliche Feuer von Timotheus gelegt haben. Paulus findet: «Lege neue Scheite ins Feuer, damit es wieder brennt und leuchtet!»
Worin besteht dieser Brennstoff für ein feuriges Glaubensleben? «Der Geist der Kraft, Liebe und Besonnenheit.» Paulus spricht von Gottes Geist, der in dieser Weise wirkt und brennt. Er fordert damit Timotheus heraus, sich wieder ganz neu und bewusst für die Kraft und Wirkung von Gottes Geist zu öffnen, sein Herz und seinen Verstand, seine Hände und seinen Mund mit Gottes Geist erfüllen zu lassen. Er muss nicht aus sich selbst kräftig, liebevoll und besonnen sein. Gottes Geist kann, soll und muss dies in ihm bewirken.
Und Paulus sagt umfassend für alle Christinnen und Christen, nicht nur für Personen in Leitungsaufgaben: «Gott hat UNS den Geist der Kraft, der Liebe und Besonnenheit geschenkt.»
Was würde er daher dir und mir raten, wenn sich Verzagtheit, Mutlosigkeit, Niedergeschlagenheit und Furchtsamkeit (δειλίας) in unserem Leben breit macht? Bitte um Gottes Geist, lass dich von seinem Geist ganz neu und immer wieder erfüllen! Gott schenkt dir gerne seinen Geist der Kraft, griechisch «Dynamis». Eine neue Dynamik und Stärke möge deinen Glauben prägen. Auch die Liebe (Agape) müssen wir nicht aus uns selbst produzieren: Gottes Geist ermächtigt uns dazu, Liebe zu empfangen und weiterzugeben. Und was ist mit dem «Geist der Besonnenheit» gemeint? Dies ist wohl der schillerndste der drei Merkmale von Gottes Geist. Das griechische Wort σωφροσύνης (Sophrosyne) kann neben Besonnenheit auch Klugheit, Verstand, insbesondere auch Mässigung der Begierden und Leidenschaften bedeuten, Selbstbeherrschung und Selbstkontrolle. Ich habe für mich als Zusammenfassung all dieser Begriffe «Klarheit» gewählt. Wer mit Gottes Geist der «Sophrosyne» beschenkt und erfüllt ist, weiss, was er tun und lassen soll, hat Klarheit und Weisheit für Gottes Pläne. Paulus spricht zunächst Timotheus und dann auch der damaligen Gemeinde und uns heute Gottes Geist der Kraft, Liebe und Klarheit zu.
Angenommen, du bist nun Teil der «Geschäftsleitung» im Betrieb von Timotheus und du hast unbeschränkt Kraft, Liebe und Klarheit: Wo würdest du gleich anpacken, dich einbringen und «dynamische» Veränderungen vorantreiben? Wohin soll sich «die Firma» entwickeln?
Ich träume persönlich sehr gerne von dem her, was Gott möglich machen kann, wenn wir ihm volles Vertrauen schenken. Mich motiviert es, in grossen Zielen zu denken und darauf hin zu steuern. Der Zuspruch, den Paulus gegenüber Timotheus macht, motiviert auch mich, verleiht mir Flügel, Motivation und Freude, Lust auf mehr. «Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit / Klarheit!»
- Gottes Gnade trägt
Nach diesem feurigen und motivierenden Einstieg verschweigt Paulus auch die ernsten Seiten des Auftrags nicht: Paulus selbst erträgt «Mühsal und Plage» für den Dienst für das Evangelium. Er schreibt aus dem Gefängnis. Doch auch dort spürt und erlebt er die Kraft Gottes: Diese lässt ihn die Herausforderungen der Gefangenschaft ertragen und sogar Segen daraus erwachsen. Paulus kann offenbar auch in seiner misslichen Lage für die frohe Botschaft des Evangeliums einstehen, Briefe schreiben und andere ermutigen. Für Timotheus, der in aller Freiheit leben und predigen kann, soll dies eine doppelte Ermutigung sein, ohne Furcht und Scham das Evangelium zu verkündigen.
Wir haben in unserer Gemeinde gerade am vergangen Sonntag Berichte darüber gehört, wie Christen und Christinnen in Pakistan und Indien unter schwierigsten Bedingungen für ihren Glauben einstehen und sich damit oft Nachteile und Verfolgung einhandeln. Trotzdem bauen sie Schulen und Hilfseinrichtungen für die Ärmsten auf und stehen ihnen in Wort und Tat zur Seite, mit Kraft, Liebe und Klarheit. Diese Berichte ermutigen und beschämen mich zugleich: Ich will mir ein Beispiel an ihnen nehmen, mutiger und fröhlicher für den Glauben einzustehen. Und ich will nicht aufhören, für sie zu beten und sie in ihrer wichtigen Arbeit zu unterstützen.
Paulus macht deutlich: Die Kraft, diese Strapazen zu ertragen, sind nicht sein eigener Verdienst. Sie sind eine Auswirkung davon, dass Gott ihn erwählt und begnadigt, gerettet und berufen hat. So ruft er sich und Timotheus in Erinnerung, was das unerschütterliche Fundament ihres Glaubens ist: Gottes Gnade trägt. Mir erscheinen diese grossen Begriffe wie die wuchtigen Steine eines Fundaments: Gnade, Rettung, Heilige Berufung, «sichtbar geworden im Erscheinen unserer Retters Jesus Christus.» Auf diesen Grundsteinen dürfen auch wir vertrauensvoll unser «Glaubenshaus» aufbauen.
Auf dem Grundstein unserer Johanneskirche steht das Bibelwort: «Denn ein anderes Fundament kann niemand legen als das, welches gelegt ist: Jesus Christus.» (1.Korinther 3,11) – Und genau der selbe Vers bildet die Präambel, das Vorwort der Verfassung der Evangelischen Landeskirche des Kantons Thurgau: «Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.» [www.rechtsbuch.tg.ch/app/de/texts_of_law/187.11]
Solche «fundamentalen», Grund legenden Sätze und Glaubenswahrheiten ruft Paulus Timotheus in Erinnerung, um dessen «Verzagtheit», Fragen und Zweifel auf einem sicheren, beständigen Fundament zur Sprache zu bringen. Timotheus Glauben kann herausgefordert und erschüttert sein: Gottes Gnade trägt, sein Fundament hält den Erdbeben im Glaubensleben stand.
- Perspektive Ewigkeit
«…sichtbar geworden im Erscheinen unseres Retters, Christus Jesus: Er hat den Tod besiegt und hat aufleuchten lassen Leben und Unsterblichkeit, durch das Evangelium.» Paulus legt nicht nur ein sicheres, beständiges Fundament für den Glauben des Timotheus und seiner Gemeinde, er verleiht diesem Glauben auch Flügel: Die Perspektive Ewigkeit.
Mit seiner Auferstehung hat Jesus Christus die Türe zum ewigen Leben, zur Unsterblichkeit aufgestossen. Unter den Füssen die schweren und beständigen «Brocken» Gnade, Rettung, Berufung und über dem Kopf der weite Himmel der ewigen Hoffnung: So zeichnet Paulus ein dynamisches Bild des christlichen Glaubens. Mich erinnert dies an das Sprichwort, das fälschlicherweise dem libanesischen Philosophen und Dichter Khalil Gibran zugeordnet wird: «Solange deine Kinder klein sind, gib ihnen Wurzeln, wenn sie grösser werden, schenk‘ ihnen Flügel.» Paulus schenkt dem jüngeren Timotheus und der christlichen Gemeinde gleich beides: Beständige Wurzeln und hoffnungsfrohe Flügel.
Bis heute Leben wir als christliche Gemeinde in diesem zugleich herausfordernden wie belebenden Spannungsfeld: Gottes Gnade, Errettung und Berufung legt das sichere Fundament. Die Auferstehungskraft von Jesus Christus setzt uns in Bewegung in Richtung Ewigkeit.
Und auf dem Weg dazwischen schenkt uns Gottes Geist der Kraft, Liebe und Klarheit die nötige Energie, Ausdauer und Weitsicht, beides im Auge zu behalten: Fundament und Perspektive, Woher und Wohin.
Ich kann mir vorstellen, dass mit den Worten von Paulus an Timotheus in jedem und jeder von uns unterschiedliche Saiten zum Klingen gebracht werden: Der eine fühlt sich im Nachdenken über das sichere Fundament am wohlsten. Die andere möchte lieber Gottes Geist der Kraft, Liebe und Klarheit mehr Raum in ihrem Leben schenken. Und Dritten ist die Perspektive Ewigkeit eine treibende Kraft in ihrem Glauben und Handeln. Was geschieht aber, wenn wir uns vornehmen, in der kommenden Woche unsere «Wohlfühlthematik» zu verlassen und uns einem der anderen Themen zuzuwenden. Die «Fundamentalen» lassen sich begeistern von Kraft, Liebe und Klarheit, die Ewigkeitsträumer lassen sich neu «erden» und auf sicheren Boden stellen und die Geistbewegten denken ganz neu über ihre Perspektive Ewigkeit nach. Wählt euch eure ganz persönliche Herausforderung aus: Besser als im Gefängnis zu sitzen, ist sie allemal!
Amen
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Liedvorschläge
ERG 162 Gott ist gegenwärtig
ERG 163 Jesus, Herr und Haupt der Deinen
ERG 511 O komm, du Geist der Wahrheit
ERG 514 Veni Sancte Soiritus
ERG 518 Grosser Gott, wir loben dich (Bettagsversion / Greyerz)
ERG 797 Wach auf, du Geist der ersten Zeugen
RW 1 Rückenwind / Du bist der Herr, der mein Haupt erhebt
RW 23 Du grosser Gott, wenn ich die Welt betrachte
RW 65 Gott ist Liebe
RW 93 Lass die Worte, die ich sag
RW 110 Gott segne dich
Literatur
*) Martin Luthers Übersetzung, Martin Luther 1984 © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 1985.
**) Die Zürcher Bibel, Ausgabe 2007, © Friedrich Reinhard Verlag Basel, & Theologischer Verlag, Zürich
ERG = Gesangbuch Evangelisch-reformierten Kirchen der deutschsprachigen Schweiz, © Friedrich Reinhard Verlag Basel, & Theologischer Verlag, Zürich 1998
RW = Rückenwind, Lieder für den Gottesdienst, Hrsg. Evang Landeskirche des Kantons Thurgau, Theologischer Verlag, Zürich2017
Pfr. Paul Wellauer, Bischofszell, Schweiz | Mail: paul.wellauer@internetkirche.ch
www.internetkirche.ch | www.internetkirche.ch/livestream | www.evang-tg.ch | @paulwellauerweber
Geb. 1967, Pfarrer und Mitglied im Kirchenrat der evangelischen Landeskirche des Kantons Thurgau, Schweiz. Seit 2009 in Bischofszell-Hauptwil, 1996-2009 in Zürich-Altstetten, davor 1993-1996 Seelsorger und Projektleiter im Sozialwerk Pfarrer Sieber, Zürich, www.swsieber.ch