2. Timotheus 1,7-11
Text: 2. Timotheus 1,7-11 | Kasus: 16. Sonntag nach Trinitatis | 20. September 2026 | Andreas Schwarz
Predigtreihe: II
Datum: 20. September 2026
Ort: Lutherkirche Pforzheim
Verfasser: Pfarrer in Ruhe Andreas Schwarz
7 Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. 8 Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit für das Evangelium in der Kraft Gottes. 9 Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt, 10 jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilands Christus Jesus, der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium, 11 für das ich eingesetzt bin als Prediger und Apostel und Lehrer.
Am Tag nach Wahlen ist für manche Parteien der Frust groß und die Verunsicherung spürbar. Wenn sie viele Stimmen verloren haben, müssen die Verantwortlichen das Ergebnis analysieren und nach den Gründen dafür forschen. Nach der verheerenden Wahl in Sachsen-Anhalt war das vor allem für die CDU so und aus einer reinen Beobachtung von Zahlen ging es besonders bei der Parteizentrale in Berlin um Grundsätzliches: Wer sind wir als Partei? Wofür stehen wir? Was haben wir zu sagen? Wofür setzen wir uns ein?
Ganz offensichtlich entsteht der Eindruck, es ist nicht mehr allen in gleicher Weise klar, wer sie sind und was sie wollen. Das Risiko ist ja auch immer groß, sich wegen Umfrageergebnissen und verbreiteten Stimmungen in der Gesellschaft wie ein Fähnchen im Wind zu drehen.
Wenn die Leute das wollen, dann sagen wir das. Und wenn sie etwas anderes wollen, dann sagen wir eben auch was anderes. Irgendwann verlierst du so dein Profil, deinen Markenkern.
Da haben wir es als Kirche gut.
Die Themen, um die es geht, sind gesetzt.
Die Botschaft ist gegeben und klar.
Sie ist in ihrem Inhalt grundsätzlich unveränderlich.
Als Pfarrer und Prediger bin ich dafür eingesetzt, den Menschen das Evangelium von Jesus Christus zu sagen. Das hat seit 2000 Jahren die gleiche zugespitzte Botschaft: Er hat dem Tod die Macht genommen und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht.
Das ist eine verstörende Aussage, schon damals mit viel Kritik und Ablehnung überschüttet. Ganz wie heute, wo sehr viele Menschen von einem Leben der Auferstehung nichts wissen wollen, nicht daran glauben und also auch nicht darauf hoffen. Mit dem Tod ist alles vorbei. Das ist die Botschaft, die viele Menschen für wahr halten.
Sollten wir auf die Idee kommen zu denken: Naja, wenn die Leute mehrheitlich das hören wollen, dann sagen wir ihnen halt das, vielleicht kommen sie dann wieder zurück?
Ich vermute, hier sind wir uns einig, dass wir uns damit verkaufen. Wir geben weg, wofür wir stehen und was uns auszeichnet. Wir verraten, wozu wir eingesetzt sind.
Uns ist eine unvergleichliche Botschaft geschenkt worden, die keine Partei, kein Verein, niemand zu bieten hat. Sie ist ja auch kein Menschenwerk, keine von Menschen erarbeitete Satzung, kein von uns erstelltes Leitmotiv.
Sie kommt von vor der Zeit.
Sie wurde uns von Christus gegeben.
Sie wurde der Welt offenbart und ist in Christus erschienen.
Wir haben weder das Recht noch die Möglichkeit, daran etwas zu ändern.
Im Gegenteil, wir glauben daran, wir leben davon und wir leben es.
Diese Botschaft hat ihren Platz in unserem Leben. Sie wird laut, wenn ein Mensch zur Welt kommt, wenn er getauft wird.
Er wird hineingeführt, wenn er sich auf den Weg zu seiner Konfirmation macht.
Die Lebensbotschaft wird laut, wenn Menschen Gott um den Segen für ihre Ehe bitten.
Vor allem wird diese Botschaft im Angesicht des Todes verkündigt. Dann, wenn unsere Erfahrung am deutlichsten dagegen spricht. Wenn alles nach Aus und Ende aussieht, wenn offensichtlich der Tod seine Macht ausgespielt und gewonnen hat. Dann verkündigen wir, was wir nicht sehen und uns nicht vorstellen können. Dass Jesus Christus dem Tod die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.
Die Wahrheit dieser Botschaft ist nicht zu beweisen. Das macht sie angreifbar und für viele zweifelhaft. Aber vielen Menschen gibt sie Trost in schweren Zeiten, Hoffnung in Aussichtlosigkeit und Halt, wenn die Wege vor den Füßen unklar sind.
Paulus erinnert seinen Freund und Schüler Timotheus an diese Botschaft, weil sie von außen auf uns zugekommen ist. Gottes Ratschluss und seine Gnade sind Urheber dieser unglaublichen Zusage.
Sie hat damit eine völlig andere Bedeutung, als wenn es eine menschliche Kompromissformel wäre, als Ergebnis langer und zäher Verhandlungen verschiedener Partner, bei Abwägung aller Vor- und Nachteile.
Darauf lässt sich nicht bauen und nicht leben, wie uns die politischen Parteien immer wieder deutlich zeigen.
Unsere christliche Botschaft hat Kraft.
Eine Kraft, die wir nicht selbst herstellen können.
Sie ist ein Geschenk.
Sein Geschenk an uns, sein Geist.
Der kein Geist der Furcht ist, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.
Wie gut, denn die Furcht ist der ständige Begleiter menschlichen Lebens. Furcht vor Armut oder Krankheit, vor Ausgrenzung oder Abschiebung. Angst davor, dass der christliche Glaube, seine Botschaft und die Bedeutung der Kirche immer weiten auf den Rückmarsch geraten.
Manchmal hilft uns die Furcht, dass wir aufmerksam und vorsichtig bleiben.
Aber manchmal schüchtert sie uns auch ein, lähmt sie uns.
Weil wir sehr genau wissen, wir haben keine Chance.
Die Gefahren sind zu groß, die Mächte, die das Leben bedrohen, sind zu stark.
Wir schaffen es nicht, wir werden verlieren, wir werden scheitern. Und dann ist alles aus, dann ist alles vorbei.
Es ist die gleiche Zusage wie bei dem Umgang mit dem Tod. Er markiert unsere Grenze, das Ende unserer Möglichkeit. Aber Gott setzt dagegen das Leben – für uns. Furcht führt uns vor Augen, dass wir scheitern können und er setzt gegen diese Sorge seinen Geist.
Und mit ihm die Kraft, die Liebe, die Besonnenheit.
So redet Paulus mit Timotheus. Die tiefe persönliche Beziehung der beiden zueinander wird aus diesem Briefabschnitt deutlich. Sie sind sich nah geworden, verbunden im Glauben, im Dienst des Evangeliums, aber auch persönlich. Darum wirken die Worte des Apostels sehr seelsorglich, wenn er vorher schreibt: Ich erinnere dich daran, dass du erweckst die Gabe Gottes, die in dir ist durch die Auflegung meiner Hände.
Da ist nichts zu leisten und hervorzubringen, nichts aus eigener Kraft und Idee zu schaffen. Es ist da, es ist in ihm. Ihm wurden die Hände aufgelegt bei seiner Ordination – so nennen wir es heute.
Und ich denke an all die Menschen, denen ich Hände auflegen durfte. Den vielen jungen Menschen bei ihrer Konfirmation; den Eltern bei der Taufe ihrer Kinder, den Paaren bei ihrer Trauung, den Menschen, die bei der Beichte Vergebung unter Handauflegung empfangen.
Immer geschieht etwas zwischen Gott und den Menschen. Er verschenkt Kräfte und Gaben, Zuversicht und Hoffnung. In den Zeiten, in denen Furcht oder Feigheit sich breit machen könnten, weil jemand spürt, er kann nicht mehr, sie ist am Ende. Da ist die Einladung, sich zu erinnern an die aufgelegten Hände, an die göttlichen Zusagen. Ich bin bei dir und darum kannst du mehr, als du kannst.
In einer Zeit, in der von manchen Menschen und bestimmten politischen Parteien der Hass geschürt wird, die Aus- und Abgrenzung, der Gedanke von Abschiebung, von unterschiedlicher Qualität der Menschen, redet die Botschaft des Evangeliums von Liebe. Das zieht sich durch von den Anfängen im Volk Israel bis zum Apostel. Was wir von Gott als Gabe und Geschenk empfangen, das wirkt durch uns auf Mitmenschen. Und zwar gerade auf die Schwächsten, auf die, die es am nötigsten haben: die Geflüchteten, die Fremden, die Kranken, die Behinderten.
Unsere Aufgabe ist nicht Trennung, Spaltung, Isolierung, sondern Liebe und Zuwendung, damit alle Menschen Zugang zu gutem und sicherem Leben haben. Darum erheben wir als Christen unsere Stimme gegen Hass und Spaltung. Wir leben die Liebe, von der wir selbst getragen werden.
Auch bei der Besonnenheit liefert uns das aktuelle politische Geschehen mit seinen gewesenen und anstehenden Wahlen eine deutliche Folie. Da geht zunehmend um geschürte Emotionen, um befeuerte Furcht. Der Apostel aber redet von der Besonnenheit. Um Fakten geht es, um klare und vernünftige Gedanken, um Ruhe und Gelassenheit und dann um hilfreiche Schritte, die allen Menschen ihren Raum zum Leben gönnen und gewähren.
Aber es gilt natürlich und zuerst für unseren christlichen Glauben und das Leben in Kirche und Gemeinde.
Wenn die Umstände schwierig sind – Paulus sitzt im Gefängnis und die Gemeinden machen sich Sorgen. Mehrere unserer Gemeinden sind vakant, eine Lösung noch immer nicht in Sicht.
Aber das Evangelium wird verkündigt, Sonntag für Sonntag, kein Gottesdienst fällt aus. Die Gemeinde versammelt sich, um miteinander zu hören, zu singen und zu beten. In der Woche versammeln sich Menschen zu guter und fröhlicher Gemeinschaft, geben sich dadurch gegenseitig Halt. Wir halten die schwere Lage nicht für ein Argument gegen das Evangelium und seine Kraft. Es wirkt und wir schämen uns nicht, zu glauben und zu hoffen.
Auch, wenn offensichtlich so vieles dagegenspricht. Die christliche Botschaft von Kraft, Liebe und Besonnenheit ist wohl nie das Naheliegende und Offensichtliche gewesen. Aber es ist durch Christus in diese Welt gekommen und hat Menschen erreicht und bewegt. Oft genug auf ganz persönliche und menschliche Art und Weise.
Paulus erinnert sich an die Glaubensgeschichte seines Freundes und Schülers Timotheus. Er schreibt direkt vor unserem Text: Ich erinnere mich an den ungeheuchelten Glauben in dir, der zuvor schon gewohnt hat in deiner Großmutter Lois und in deiner Mutter Eunike; und gewiss auch in dir.
Ist es nicht so gewesen? Da war die Großmutter, die erzählt hat, die Zeit hatte und ihren Glauben ganz selbstverständlich an ihre Kinder, besonders an die Enkel weitergegeben hat. Was wären unsere Kirchen und Gemeinden ohne die Großmütter? Die erzählen und in aller Treue die Hände falten und beten.
Und ohne die Mütter, die ihre Kinder Liebe spüren und erfahren lassen, die für sie da sind am Tag und in der Nacht, die sie zur Taufe bringen, zur Kirche, damit sie in den Glauben und in die Gemeinde hineinwachsen.
Es ist wahrlich kein Zufall, sondern kirchliche Realität von ihren Anfängen bis heute, dass die Frauen eine tragende und prägende Rolle spielen für den Glauben der Kinder und Enkel. Bei Timotheus. Und heute nicht anders.
Da mögen sie immer weiter diskutieren darüber, ob Frauen in der Kirche verkündigen dürfen oder nicht. Sie tun es längst, sie haben es immer schon getan, ganz natürlich und selbstverständlich, weil es in ihnen wohnt, weil das Evangelium eine Kraft hat, die sich nicht eindämmen lässt. Das ist ja das Gute und Tröstliche, was Kirche von politischen Parteien und Vereinen unterscheidet. Uns ist eine Kraft als Gabe und Geschenk zuteil geworden, die uns leben lässt. Jetzt. Und die sichere Hoffnung verleiht auf das Leben in Ewigkeit. Durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.