Markus 2,14-22

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Der neue Lappen | 17. So. n. Trinitatis | 27. September 27, 2026 | Markus 2,14-22 | Elof Westergaard |

 

Der neue Lappen

Ich harrte des HERRN, und er neigte sich zu mir
und hörte mein Schreien.
Er zog mich aus der grausigen Grube,
aus lauter Schmutz und Schlamm,
und stellte meine Füße auf einen Fels,
dass ich sicher treten kann;
er hat mir ein neues Lied in meinen Mund gegeben,
zu loben unsern Gott.
Psalm 40,2-4

Hört die zugleich schöne, erbauliche und hoffnungsvolle Bewegung in diesen Versen aus dem alttestamentlichen Psalm, der zu diesem Sonntag gehört:

Gott neigt sich zum Psalmisten herab, hört sein Gebet und zieht ihn heraus aus Schmutz und Schlamm. Gott gibt ihm festen Boden unter den Füßen, stellt seine Füße auf den Fels, dass er sicher steht. Und nicht genug damit. Gott lässt ihn nicht einfach auf dem Fels stehen – gerettet, nass und schmutzig. Gott legt ihm auch ein neues Lied in den Mund, ein Lied, das der Psalmist als Lobgesang für Gott beschreibt.

Gott ist also nicht nur der Retter, sondern auch der, der dem Menschen Worte gibt, neue Worte, von denen wir leben können. Er erneuert unser Leben, indem er uns ein neues Lied in den Mund legt.

Ich habe mich immer schwergetan, die tiefere Bedeutung des Bildes zu verstehen, das Jesus im heutigen Evangelium gebraucht.

Jesus sagt:

„Niemand flickt einen Lappen von neuem Tuch auf ein altes Kleid; sonst reißt der neue Lappen vom alten ab und der Riss wird ärger. Und niemand füllt neuen Wein in alte Schläuche; sonst zerreißt der Wein die Schläuche, und der Wein ist verloren und die Schläuche auch; sondern man füllt neuen Wein in neue Schläuche.“ (Mk 2,21-22)

Ich verstehe das Leben im Grunde anders. Es macht mir große Freude, Altes und Neues zu verbinden. Genau das tue ich ja als Pfarrer Woche für Woche: Ich lege die biblischen Worte aus, mache mir das Alte zu eigen und versuche, die Worte jetzt neu und für uns bedeutsam werden zu lassen. So machen wir uns das Alte zu eigen im Raum des Gottesdienstes.

Aber vielleicht ist mein Fehler, dass ich Jesu Worte sofort metaphorisch und fast allegorisch verstehen will, als müsste sich jedes Glied des Bildes unmittelbar auf unsere Zeit übertragen lassen.

Vielleicht geht es in Jesu Worten in diesem Zusammenhang gar nicht darum, ob das Alte oder das Neue besser ist. Was aber, wenn wir Jesu Bild stattdessen konkret und erfahrungsnah lesen – als einen Vergleich, der nur für einen ganz bestimmten Sachverhalt gilt?

Das verlangt vielleicht, dass wir fragen: Wie ist das eigentlich mit neuem, noch nicht eingelaufenem Stoff auf alter, oft gewaschener Kleidung – und mit neuem Wein in alten Schläuchen?

Wenn ich einen neuen Flicken auf ein altes Stück Stoff setze und das Kleidungsstück wasche, kann der neue Stoff einlaufen. Und wenn man das neue Stück, den neuen Flicken, auf ein altes, gewaschenes und abgetragenes Stück Stoff näht, kann sich der Flicken zusammenziehen und das Alte zerreißen. Ebenso wenig taugt neuer Wein in alten Schläuchen.

So kann es sein: Neues und Altes passen nicht unbedingt zusammen, nur weil man sie zusammennäht oder zusammengießt.

Jesus gebraucht dieses Bild aus der Erfahrung, um zu unterstreichen: Wenn etwas Neues geschieht und hinzukommt, dann verändert es auch das Alte.

Und genau davon handelt ja das heutige Evangelium. Jesus kommt und reißt Schranken nieder. Er bricht Risse in die Mauern zwischen abgesonderten und vereinzelten Menschen.

Das geschieht, indem Jesus in fremde Häuser tritt, hinein zu denen, die wir nicht mögen. Er isst mit Sündern und mit denen, die wir verurteilt und ausgeschlossen haben.

So bringt Jesus das Alte, die Gesetzesreligion, zum Reißen und schafft neue Öffnungen, die uns aufs Neue zusammenführen können.

Jesu Worte handeln also nicht davon, ob das Alte oder das Neue besser ist. Sie handeln von dem Neuen, das er für uns in die Welt bringt. Dem Neuen, das – Gott sei Lob und Dank – noch immer neue Risse schafft. Dem Neuen, das eben erneuert, so wie Gott im alttestamentlichen Psalm uns aus dem Schlamm zieht und uns dort nicht einfach allein stehen lässt, sondern uns ein neues Lied in den Mund legt.

Ein neues Lied, das weder unbekannt ist noch unbedingt nie zuvor gesungen wurde, das aber die Schöpfung in sich trägt und unser Leben immer wieder erneuern kann.

Gott, hab Dank für dein Lied in uns.

In Jesu Namen. Amen.


Elof Westergaard
Bischof von Ribe
eve@km.dk


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