Matthäus 15,21–28
Brotkrümel | 17. So. n. Trinitatis | 27. September 2026 | Mt 15,21–28 | Luise Stribrny de Estrada |
Gebet von der Kanzel aus:
Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht,
hat uns Hoffnung und Zukunft gebracht;
es gibt Trost, es gibt Halt
in Bedrängnis, Not und Ängsten,
ist wie ein Stern in der Dunkelheit.
Gott, lass uns auf dein Wort hören. Amen.
Brotkrümel
Liebe Schwestern und liebe Brüder!
Kennen Sie das? Da rufe ich jemanden an, vielleicht meine Schwester, um ihr etwas zu erzählen, was mir wichtig ist. Aber ich erwische sie im falschen Moment oder auf dem falschen Fuß. Während ich anfange zu erzählen, räumt sie die Spülmaschine aus (das Geschirr klappert, das höre ich am Telefon) und ruft ihrem Mann etwas zu. Ich überlege, ob ich weitersprechen soll, aber ich möchte meine Geschichte wirklich gerne mit ihr teilen. Endlich ist es bei ihr ruhig geworden und ich rede weiter. Da sagt sie zu mir: „Ich habe jetzt keine Zeit mehr, ich muss dringend los zu einer Verabredung. Mach’s gut.“ Ich bin enttäuscht und verärgert. Dieses Telefonat war ein Fiasko. Dabei hatte ich mich darauf gefreut, mit ihr zu sprechen und das, was mich bewegte, mit ihr zu teilen. Aber wir hatten nicht zueinander gefunden.
So ähnlich ist es in der Geschichte aus dem Matthäusevangelium, die uns heute beschäftigt. Sie beginnt mit einer Nicht-Begegnung. Jesus und die kanaanäische Frau, von denen wir in der Lesung gehört haben, kommen nicht zueinander. Jesus hat sich aus Israel zurückgezogen und ist in den Norden, nach Kanaan, gewandert. Er will nicht ständig von hilfesuchenden Menschen bedrängt werden und zur Ruhe kommen. Nur seine Jünger sind bei ihm. Jesus will beten und seine Kräfte sammeln.
Da kommt eine Frau, die hier in Kanaan zuhause ist, und schreit nach Hilfe. Für sie ist Jesus der Heiler, in den sie ihre Hoffnung setzt: Sie will, dass er ihre kranke Tochter gesund macht. Diese wird von einem bösen Geist, einem Dämon, übel geplagt. Damals glaubten die Menschen, dass Krankheiten von bösen Geistern verursacht würden. Welcher Art die Krankheit der Tochter ist, erfahren wir nicht, vielleicht war es eine psychische Krankheit oder eine körperliche wie Epilepsie. Die Mutter hat dagegen kein Heilmittel. Ihre einzige Hoffnung ist Jesus. Sie muss von ihm und den Wundern, die er tun kann, gehört haben. Sie nennt ihn „Sohn Davids“ und erkennt damit an, dass er der Messias Israels ist.
Die Frau lässt nicht locker, weil es um ihr Kind geht. Die Liebe zu ihrer Tochter treibt sie an.
Mir fällt ein Gespräch mit einer Freundin ein. Sie erzählte mir, dass ihre 15-jährige Tochter an Magersucht leidet. Seit einigen Monaten isst sie immer weniger, um schlank zu werden. Inzwischen wiegt sie nur noch 50 Kilo, aber sie findet sich selbst immer noch zu dick. Die Eltern wollen sie jetzt dazu bewegen, in eine Spezial-Klinik zu gehen, damit ihr dort geholfen werden kann. Meine Freundin klang verzweifelt, sie kämpfte mit den Tränen. Sie hatte schon so viel versucht, um ihrer Tochter zu helfen. Aber es hatte keinen Erfolg gehabt. Sie fragte sich, ob ihre Tochter jemals ein positives Verhältnis zu ihrem Körper haben würde. Und sie fragte sich, wo dieses Hungern noch hinführen würde. „Vielleicht haben wir ihr zu wenig unsere Liebe gezeigt, ihr nicht gesagt, wie schön sie ist“, warf sie sich selbst vor.
So ähnlich stelle ich mir die kanaanäische Frau vor: verzweifelt und voller Angst, dass ihre Tochter nie wieder gesund wird. Sie ist bereit, alles zu tun, um ihrem Kind zu helfen.
Aber Jesus ist das nicht. Zuerst reagiert er gar nicht auf sie, dann ist er ungewohnt hart: „Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel“ (V.24), sagt er zu seinen Jüngern. Menschen außerhalb von Israel, Menschen, die keine Juden sind, soll und will er also nicht helfen. Die ausländische Frau geht leer aus. Jesus zieht Grenzen: die einen ja, die anderen nein. Reicht seine Wunderkraft nicht für alle? Oder wendet Gott sich nur an die Menschen seines erwählten Volkes? Warum hat Jesus kein Mitleid mit ihr? Für mich ist das befremdlich.
Die Frau lässt aber nicht locker. Nicht genug, dass sie ihm nachschreit, sie kommt näher und wirft sich vor Jesus nieder. „Herr, hilf mir doch“, bittet sie ihn. Jesus will sie mit einem Bildwort abspeisen: Man solle den Kindern nicht ihr Brot wegnehmen und es den Hunden geben, hält er ihr entgegen. – Welche Kinder? Welche Hunde? Was meint Jesus damit? In der Auslegung dieser Geschichte wird erklärt, dass die Kinder die Menschen aus dem Volk Israel sind und die Hunde die Menschen aus den anderen Völkern. Das Brot ist das Evangelium, die gute Botschaft, dass das Reich Gottes nahe ist.
Wie reagiert die Frau auf dieses Bild, das ihr klarmachen soll, dass sie bei Jesus keine Chance auf Hilfe hat? Die Frau lässt nicht locker. Sie bleibt beharrlich. Dabei ist sie gewitzt und schlagfertig. Sie geht sofort auf Jesu Bild ein und entwickelt es weiter: „Ja, Herr; aber doch essen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.“ (V.27) Mit „Brosamen“ sind die Krümel oder das Zerbröckelte gemeint, das vom Brot auf den Boden fällt, wo die Hunde schon darauf warten. Damit sagt sie: Mir, dem „Hund“, reicht das, was übrig ist, was abfällt. Ich will den Kindern Israels gar nichts wegnehmen, nur ein wenig Anteil haben an den Resten. Das reicht mir. Lass mich etwas von deiner Wunderkraft erleben und nutze sie für mein Kind. Für dein Volk bleibt genug übrig.
Erst jetzt kommt es zu einer wirklichen Begegnung zwischen Jesus und der Frau. Sie treffen sich. Jesus gibt seine ablehnende Haltung auf, vielleicht schaut er der Frau zum ersten Mal in die Augen. Jetzt lässt er sich auf sie ein und erkennt, welche Wucht ihr Glaube hat. Mit all ihrer Kraft glaubt sie an Gott und an ihn, den Sohn Davids, den Messias. Dem will er sich nicht länger entziehen. „Dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst“, sagt er zu ihr. In diesem Augenblick wird ihre Tochter gesund. Jesus hat sie geheilt.
Wir fragen uns, wie das gehen kann, aber darauf gibt uns Matthäus keine Antwort. Er stellt nur fest, dass sie gesund wurde. Jesu Wunderkraft ist so groß, dass er Menschen auch von ferne heilen kann. – Jesus hat die Bitten der Frau endlich erhört und für sie das getan, was sie gewollt hatte.
Wie ist es mit unseren Bitten an Gott? Viele von uns rufen Gott um seine Hilfe an, aber nicht immer tut er das, worum wir ihn bitten. Manchmal ist das zum Verzweifeln. Andere sagen dann vielleicht zu uns: „Was du tust, ist völlig sinnlos. Wahrscheinlich gibt es keinen Gott. Und wenn es ihn doch gibt, dann hört er dich nicht. Zumindest kann er dir nicht helfen.“
In der Bibel lesen wir an vielen Stellen vom Bitten und vom Beten. „Bittet, so wird euch gegeben… Denn wer da bittet, der empfängt“, sagt Jesus im Lukasevangelium (Lukas 11,9f). Er erzählt ein Gleichnis, um zu illustrieren, dass „man allezeit beten und nicht nachlassen soll“ (Lukas 18,1). Wir sollen Gott mit unseren Bitten in den Ohren liegen, dann wird er sie erhören.
Für mich ist beten etwas Selbstverständliches, was ich schon sehr lange tue. Wenn ich mich an Gott wende, hilft mir das, meine Gedanken zu ordnen und Dinge auszusprechen, die mich beschäftigen. Mir tut es gut, ein Gegenüber zu haben, einen, der mich hört. Einen, dem ich alles sagen kann, auch das, was ich sonst keinem Menschen erzähle. Ich erwarte nicht, dass er genau das tut, worum ich ihn bitte. Manchmal dauert es sehr lange, bis das geschieht, worum ich gebeten habe. Manchmal passiert es gar nicht. Ich glaube, dass Gott größer ist als ich mir vorstellen kann und dass er andere Dinge sieht als ich. Vielleicht ist das, was ich erbitte, nicht gut für mich oder jemand anderen. Deshalb geht Gott nicht auf meine Bitte ein. Er wird wissen, warum.
Ich glaube aber auch, dass es mit Gebeten allein nicht getan ist. Mir hilft Dietrich Bonhoeffer, der sagt, wir sollen beten und das Gerechte tun. Wir sind also aufgefordert, selbst etwas beizutragen, damit sich Dinge verändern. Wenn ich Gott um Frieden bitte, kann ich selbst am Frieden bauen, indem ich nicht schlecht über andere rede und bei Meinungsverschiedenheiten das Gespräch suche. Wenn ich mich versuchsweise in den anderen oder die andere hineinversetze, kann ich von mir selbst Abstand nehmen und mich für andere Meinungen öffnen. Das trägt zum Frieden bei.
Die Frau aus Kanaan tut beides: Sie bittet Jesus um Hilfe und traut ihm zu, dass er helfen kann. Gleichzeitig ist sie selbst sehr aktiv, indem sie ihn ruft und zu ihm geht. Wortgewandt nimmt sie sein Bild von den Hunden und den Kindern auf und gibt ihm eine neue Richtung.
Beten und Tun des Gerechten gehören für mich zusammen. Ich bin froh, dass ich etwas dafür tun kann, dass unsere Welt friedlicher und gerechter wird. Gleichzeitig sehe ich, dass das eine sehr große Aufgabe ist. Da ist es gut, dass ich, dass wir Menschen damit nicht allein sind, sondern dass Gott mit uns unterwegs ist.
Amen.
Pastorin Luise Stribrny de Estrada
Am Pohl 13
23566 Lübeck
E-Mail: pastorin.stribrny@gmx.de
Luise Stribrny de Estrada, geb. 1965, Pastorin der Nordkirche. Seit 2009 tätig an der St. Philippuskirche in Lübeck, inzwischen Pastorin der fusionierten Gemeinde Marli-Brandenbaum im Pfarrsprengel Lübeck-Ost. Vorher EKD-entsandte Pfarrerin der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde in Mexiko.
Liedvorschläge:
EG 268 Strahlen brechen viele aus einem Licht
EG 299 Aus tiefer Not
EG 430 Gib Frieden, Herr, gib Frieden
EG.E S.22 Meine engen Grenzen
Tagesgebet
(B.-J. Vogel, Himmelschreiend, in: Pastoralblätter 9/2026, Schriftleitung Jochen Lenz, S. 44):
Herr, wir glauben, hilf unserem Unglauben!
Gott, wir liegen vor dir im Gebet, bete du in uns,
sei uns nahe durch deinen Geist.
Sammle unsere Gefühle und Gedanken,
sammle uns in dir,
dass wir dein Wort neu hören
und zu Herzen nehmen können
und es klar und lichtvoll in uns wird.
Amen.