Matthäus 15,21-28

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17. So. n. Trinitatis | 27. September 2026 | Mt 15,21-28 | Ralph Kunz |

21 Und Jesus ging von dort weg und zog sich in die Gegend von Tyrus und Sidon zurück. 22 Und da kam eine kanaanitische Frau aus jenem Gebiet und schrie: Hab Erbarmen mit mir, Herr, Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem Dämon furchtbar gequält. 23 Er aber antwortete ihr mit keinem Wort. Da traten seine Jünger zu ihm und baten: Stell sie zufrieden, denn sie schreit hinter uns her! 24 Er antwortete: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt. 25 Doch sie kam, fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, hilf mir! 26 Er antwortete: Es ist nicht recht, den Kindern das Brot wegzunehmen und es den Hunden hinzuwerfen. 27 Sie sagte: Stimmt, denn die Hunde fressen ja ohnehin von den Brotbrocken, die vom Tisch ihrer Herren fallen. 28 Darauf antwortete ihr Jesus: Frau, dein Glaube ist gross! Dir geschehe, wie du willst. Und von Stund an war ihre Tochter geheilt.

 

Liebe Gemeinde

In der Regel ist der Sonntag ein Tag, an dem wir weniger tun, weniger gefordert und weniger gefragt sind als sonst. Heute nicht. Zumindest nicht in der Schweiz. Heute entscheiden wir als Schweizer Stimmbürger:innen über zwei Vorlagen – die Neutralitäts- und die Ernährungsinitiative. Ich habe schon abgestimmt und natürlich habe ich mich richtig entschieden. Wie alle anderen auch. Wir sind uns einig. Doch wie kommen wir zu unserer Entscheidung? Fragen Sie sich manchmal auch: Was würde Jesus tun?

Ich finde es grundsätzlich eine gute Faustregel. Schliesslich ist Jesus ein Vorbild. Zu fragen, was er tun, wie er sich verhalten und wie er argumentieren würde – das ist wie ein ethischer Kompass, an dem ich mich orientiere – auch in politischen Fragen.

Leider funktioniert er nicht bei allen Menschen, wie ich es gernhätte. Es geht in der Politik fast ein wenig so, wie im Refrain des Volkslieds. Dort heisst es: «Mal rauf, mal runter, mal links, mal rechts, mal vorwärts, mal rückwärts, mal links, mal rechts.» Und so kommt es, dass es auch bei denen, die himmelwärts schauen, mal links und mal rechts geht. Davon wissen auch die Bürgerinnen und Bürger in Sachsen-Anhalt ein Lied zu singen. Was andere für einen Rückschritt halten, ist der Fortschritt der anderen.

Im Evangelium zum heutigen Sonntag geht es nicht um Politik und irgendwie doch. Jesus ist gefragt, in welche Richtung seine messianische Sendung gehen soll. Man könnte vorweg die Frage stellen. Was wird Jesus tun, wenn ihm eine heidnische Frau über den Weg läuft? Die Geschichte erzählt, wie er reagiert hat. Und das ist ziemlich irritierend. Aber schön der Reihe nach. Was genau ist passiert?

Am Anfang heisst es, Jesus zog sich zurück in die Gegend von Tirus und Sidon. Er wollte offenbar in Ruhe gelassen werden. Matthäus erzählt im Abschnitt davor, was der Grund dafür war. Jesus stritt sich mit den Pharisäern. Es ging wieder einmal um die Ernährung, genauer: um reines und unreines Essen. Es war das grosse Thema der pharisäischen Ernährungsinitiative. Sie predigten ihren Volksgenossen, sich strenger an die Regeln zu halten. Für sie war die kultische Unreinheit das religiöse Problem. Es hindert Gott daran, seinen Messias zu senden. Für die einfachen Leute war die pharisäische Lösung ein massives Problem: Schon das rituelle Händewaschen im Alltag war eine Herausforderung.

Die rigorose Haltung der Pharisäer, ihre Weigerung, darauf Rücksicht zu nehmen, machte wiederum Jesus wütend. Er war ganz und gar nicht neutral. Seine Position: Nicht, was in den Mund hineinkommt, macht den Menschen unrein, sondern das, was herauskommt. Das musste Zoff geben. Jetzt also der Rückzug in ein neutrales Umfeld. Denn Tirus und Sidon war nicht-jüdisch. Der Rückzug war sozusagen ein Kurzurlaub vom messianischen Stress. Die Leute waren sowieso schon unrein. Kein Streit zu erwarten. So der Plan, aber er geht nicht auf. Denn da kommt eine kanaanitische Frau aus jenem Gebiet und schreit: «Hab Erbarmen mit mir, Herr, Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem Dämon furchtbar gequält.»

Was wird Jesus tun?
Er ignoriert sie. Er lässt sie schreien. Es geht ihn  nichts an. Aber sie lässt nicht locker, läuft ihm nach, zetert weiter. Sie hat eine kranke Tochter zuhause. Zwischen den Zeilen steht: Die Frau nervt! Sie ist so penetrant. Und die Jünger bemühen sich, Jesus umzustimmen, bitten ihn. «Stell sie zufrieden, denn sie schreit hinter uns her! Gib Deinen Widerstand auf, hör sie an, dann haben wir wieder Ruhe!»
Doch Jesus bleibt eisern. Er verweist auf seine Order. Er hat eine klare Vorstellung von seiner Mission. Die kanaanäische Heulsuse hat darin keinen Platz. Die Jünger sollten es wissen: «Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.» Vielleicht überzeugt er die Jünger? Sie beeindruckt das nicht sonderlich. Im Gegenteil: Sie wird noch zudringlicher, fällt vor ihm nieder und sagt: «Herr, hilf mir!»
Was wird Jesus tun? Machen wir den Jesustest im Original. Er ist doch der Bergprediger. Wir haben seine Worte im Ohr: Liebe Deinen Feind? Was sagt er? Nicht das, was wir von ihm erwarten. Denn «er antwortete: Es ist nicht recht, den Kindern das Brot wegzunehmen und es den Hunden hinzuwerfen.»
Das ist ziemlich starker Tobak! Um es mit den Worten zu sagen, die er den Pharisäern an den Kopf warf: Was aus seinem Mund herauskommt, macht klingt ziemlich pharisäisch. Herrischer, überheblicher geht’s nicht. Juden sind Kinder Gottes, Nichtjuden sind wie unreine Hunde. Was für ein zynisches Bild!
Aber sie gibt nicht auf. Sie lässt sich von dieser Arroganz nicht beirren. Sie hat es sich in den Kopf gesetzt und lässt ihn nicht so leicht davonkommen. Denn sie weiss: Er ist der Davidsohn. Er ist ein Heiler. Sie glaubt es: Er kann, wenn er will, ihre Tochter retten. Also leistet sie hartnäckig Widerstand und antwortet schlagfertig: «Stimmt, es ist nicht recht, wenn die Kinder leer ausgehen – aber Hunde müssen auch überleben. Und sie fressen ohnehin nur die Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.»
Das ist ein genialer Konter. 1:0 für die kanaanäische Frau. Sie anerkennt seine Herrschaft und erinnert ihn zugleich an seine Verantwortung. Sie unterstellt sich ihm, aber ist nicht unterwürfig. Wenn Jesus ihr jetzt die Hilfe verweigert, entpuppt er sich als ein Herrchen , das seinem Hund nicht einmal den Abfall gönnt. Was darauf folgt, ist grosses Evangelium.

Jesus lernt von der Frau, was Gottes Wille ist. Sie wird zur Lehrmeisterin des Meisters. Sie öffnet ihm die Augen, weil sie nicht aufgibt. Und er erkennt, dass es richtig ist, seine Mission zu weiten. Über die Schafe Israels hinaus. Sie lehrt ihn, Gottes Barmherzigkeit zu den Völkern zu tragen, dass die Zeit gekommen ist, die Trennwand abzureissen und die Fremden, die Gott vertrauen, willkommen zu heissen. Sie hat einen grossen Glauben und hilft Jesus, seinen Glauben zu weiten. Darauf antwortete er ihr: «Frau, dein Glaube ist gross! Dir geschehe, wie du willst. Und von Stunde an war ihre Tochter geheilt.»

Was für eine wunderliche und wunderbare Geschichte für alle, die sich an die Faustregel der christlichen Orientierung halten. Wir fragen: Was würde Jesus tun? Und bekommen zur Antwort: Mach es wie er – hör auf Gottes Wort. Und in diesem Fall hat Gott durch die Frau gesprochen. Jesus korrigiert seine Überzeugung. Das passt ins Bild, das das Evangelium von ihm zeichnet. Denn die kanaanäische Frau ist ja nicht die einzige Prophetin, die ihm auf die Sprünge hilft. In der Reihe derer, die ihn auf Kurs bringen, sind andere «Unreine»  – ein römischer Hauptmann, ein Zöllner, eine blutflüssige Frau. Jesus lernt von ihnen.

Ich höre den Einwand. Lieber Bruder, zweifelst Du etwa an der Unfehlbarkeit unseres Herrn Jesus Christus? Stellst Du seine Herrschaft in Frage? Predigst Du uns heute den interreligiösen Dialog? Ist er denn nicht Gottes Sohn?
Doch, Er ist es. Aber dass er von seinem herrischen Gebaren abrückt, macht ihn zum Herrn.
«Herr lass Deine Wahrheit uns vor Augen stehen» – so haben wir gesungen und gebetet. Auf dass wir auf seiner Spur bleiben und an ihm und mit ihm Gottes unbegrenzte Liebe zu allen Menschen entdecken. Auf dass wir merken, Jesus ist kein Idol, das wir für unsere politischen Ideen oder ein mystisches Programm einsetzen, um uns als fromme Besserwisser aufzuspielen. Jesus gehört uns nicht. Denn Er ist beides – wahrer Gott und wahrer Mensch. Wäre er nur Mensch, könnten wir uns nicht auf ihn verlassen. Wäre er nur Gott, würde er nicht zum Vorbild taugen. Denn dann hätte er nicht gelitten, hätte den Schmerz, die Trauer und die Wut derer nicht empfunden, die man wie Hunde behandelt. Als Herrenmensch wäre er gottgleich, unberührt, neutral und perfekt, aber unbelehrbar und ergo unbeirrbar. An einem supermoralischen Teflon-Jesus würde alles abperlen. Wer würde es wagen, ihn anzuschreien? Wer würde sich trauen, ihn etwas zu bitten?
«Herr, lass Deine Wahrheit uns vor Augen stehen»  – so haben wir gesungen und gebetet. Und merken diese Wahrheit hat sein Gesicht, das Gesicht eines Menschen, das aus den Geschichten der Evangelien aufscheint. Sie zeichnen das Bild eines leidenschaftlichen Freund Gottes, der Dinge sagt, die nur er sagen kann: Wer von uns hätte die Vollmacht so reden, wie er geredet hat? Aber das Evangelium der kanaanäischen Frau vervollständigt das Bild. Jesus ist unser Lehrer, weil er sich belehren lässt. Er lässt sich etwas sagen. Er hört auf die Stimme einer Frau, die er – metaphorisch – zuerst auf die Stufe einer Hündin gestellt hat. Und entdeckt in ihr die Tochter Gottes auf Augenhöhe. Taugt die Regel, was würde Jesus tun?

Ja, wenn wir lernen, dass Jesus kein «Argument» liefert, um einander niederzuknüppeln. Je nachdem, wo wir sind und wer wir sind, ist er für uns mal oben mal unten, mal links mal rechts. Es wäre seltsam, wenn wir, die so verschieden sind, uns auf ein politisches, mystisches oder ästhetisches Programm einigen könnten, dass allen gefällt. Im Alltag der Demokratie streiten wir, aber am Sonntag singen wir und beten gemeinsam. Vielleicht täte es uns allen gut, auch im Alltag zu beten, Dein Reich komme!

Amen


Verfasst von:
Prof. Dr. Ralph Kunz