Epheser 4,22–32

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Die Zugehörigkeit zu Gott hat lebendige Folgen | 19. So. n. Trinitatis | 11. Oktober 2026 | Epheser 4,22–32 | Klaus Wollenweber |

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

 

Predigttext Epheser 4,22–32

22 Dann wurdet ihr aber auch gelehrt, nicht mehr so weiterzuleben, wie ihr bis dahin gelebt habt, sondern den alten Menschen abzulegen, der seinen trügerischen Begierden nachgibt und sich damit selbst ins Verderben stürzt.

23 Und ihr wurdet gelehrt, euch in eurem Geist und in eurem Denken erneuern zu lassen

24 und den neuen Menschen anzuziehen, der nach Gottes Bild erschaffen ist und dessen Kennzeichen Gerechtigkeit und Heiligkeit sind, die sich auf die Wahrheit gründen.

25 Darum legt alle Falschheit ab und haltet euch an die Wahrheit, wenn ihr miteinander redet. Wir sind doch Glieder ein und desselben Leibes.

26 Wenn ihr zornig seid, dann versündigt euch nicht. Legt euren Zorn ab, bevor die Sonne untergeht.

28 Wer bisher ein Dieb gewesen ist, soll aufhören zu stehlen und soll stattdessen einer nützlichen Beschäftigung nachgehen, bei der er seinen Lebensunterhalt mit Fleiß und Anstrengung durch eigene Arbeit verdient; dann kann er sogar noch denen etwas abgeben, die in Not sind.

29 Kein böses Wort darf über eure Lippen kommen. Vielmehr soll das, was ihr sagt, gut, angemessen und hilfreich sein; dann werden eure Worte denen, an die sie gerichtet sind, wohl tun.

30 Und tut nichts, was Gottes heiligen Geist traurig macht! Denn der Heilige Geist ist das Siegel, das Gott euch im Hinblick auf den Tag der Erlösung aufgedrückt hat, ´um damit zu bestätigen, dass ihr sein Eigentum geworden seid`.

31 Bitterkeit, Aufbrausen, Zorn, wütendes Geschrei und verleumderisches Reden haben bei euch nichts verloren, genauso wenig wie irgendeine andere Form von Bosheit.

32 Geht vielmehr freundlich miteinander um, seid mitfühlend und vergebt einander, so wie auch Gott euch durch Christus vergeben hat. (NGÜ)

 

 

Die Zugehörigkeit zu Gott hat lebendige Folgen

Liebe Mitchristen,

so viele Mahnungen aus einem biblischen Text am Sonntagmorgen, – fällt es Ihnen nicht auch schwer, diese lange Liste von Ermahnungen zu hören und zu behalten? Mir jedenfalls fällt es schwer, da ich gleich ein schlechtes Gewissen bekomme. Denn so verhalte ich mich nicht in meinem christlichen Leben zu Hause oder am Arbeitsplatz oder überhaupt in dieser, meiner Welt. So habe ich nicht gelebt! Ist die christliche Kirche mit den biblischen Texten immer noch da, uns Moral zu predigen, uns ein schlechtes Gewissen einzureden? Muss ich dies auch noch am Sonntag im Gottesdienst bestätigt bekommen? Die Ermahnungen sind keine Ermutigung für mich für die neue Woche. Ich mag diesen biblischen Mahntext gar nicht mehr weiter hören.

Ich weiß natürlich, dass sich christlicher Glaube in dieser Einheit von Gottvertrauen und meinem entsprechenden Lebenswandel bewährt. Glauben und Leben gehören untrennbar zusammen. Aber genau dies ist doch im alltäglichen Miteinander so schwierig.

Der biblische Brieftext stört somit in seiner Klarheit und Eindeutigkeit. Er lässt keine Ausnahme zu: Lügt nicht, redet die Wahrheit! Zürnt nicht, versöhnt euch! Redet nichts Schlechtes; bringt das Gute zur Sprache! Lasst nicht Hass und Zorn euer Leben bestimmen; lebt mit Güte und Vergebung! –  Wer von uns könnte behaupten: Gelogen habe ich noch nie! Mich in den Schmollwinkel zurückgezogen oder mir etwas Fremdes angeeignet, – das habe ich noch niemals! Oder noch nie habe ich böse Worte einem andern ins Gesicht gesagt oder über ihn verbreitet. Ich kenne auch keinen Zorn oder Hässlichkeit in meinem Leben! Wer von uns könnte bei ehrlicher Selbstprüfung sagen: Noch nie! Noch nie in meinem langen Leben! Ich jedenfalls nicht. Ich denke, dass in uns allen ein Stück von diesen Verhaltensweisen drinsteckt.

Von dem Schriftsteller Kurt Tucholsky stammt der Ausspruch: „Ich sagte: zweiundsiebzig Jahre auf der Erde. Das bedeutet: Neunundsechzig Jahre lang gelogen; Empfindungen versteckt; geheuchelt; gegrinst statt zu beißen; geschimpft, wo man geliebt hat.“

Wir müssen Tucholsky nicht in allem zustimmen, aber ärgerlich bleibt doch in unserem Zusammenleben, dass wir von den Bildern schlecht wegkommen, die wir im Laufe der Jahre voneinander entwickelt haben. Wir blenden gerne andere und neue Erfahrungen mit anderen Menschen aus und schieben sie beiseite. Denn sie stören unser bisher gewonnenes Bild voneinander. Und das ist ärgerlich und kann uns ängstlich und misstrauisch machen! Wir werden uns bewusst, wie eingeengt unser menschliches Verhalten im Miteinander ist. Ich habe den Eindruck: Entsprechend ist in seiner Klarheit und Unmissverständlichkeit der biblische Briefabschnitt für uns bis heute sehr aktuell.

Liebe Mitchristen, über all den ärgerlichen Ermahnungen können wir leicht eine wesentliche Aussage am Anfang des biblischen Textes überhören oder gar überlesen. Da heißt es: „Legt den alten Menschen ab und zieht den neuen Menschen an!“ Das macht mich stutzig! Wie geht das? Kann ich das eigentlich? Ich kann mich doch nicht neu erfinden! Kann ich ein neuer Mensch werden? Meine Lebenserfahrung sagt mir, dass dies in Wirklichkeit nicht geht. Denn eine neue Umgebung macht noch keinen neuen Menschen; wir nehmen alle eigenen Probleme an den neuen Ort mit.

Es handelt sich um ein biblisches Bildwort; es kann nicht wort-wörtlich gemeint sein!

Deshalb übertrage ich mal: Wage einen neuen Umgang mit dir selbst und mit deinem Nachbarn, deiner Nachbarin; mach einen Anfang! Tapetenwechsel von meinen festgefahrenen Vorstellungen vom Leben mit anderen Menschen! Dabei stelle ich mich der Frage: Kann ich mich in meinen Lebensansichten und Gewohnheiten noch ändern? Das ist unwahrscheinlich schwer: aus meiner eigenen Haut zu schlüpfen, mit meinen eigenen Schwächen fertig zu werden. Ich kann es alleine nicht! Ich kann mich nicht mit eigenen Klimmzügen aus meiner schicksalhaften, lebenslangen Verstrickung retten. Wer hilft mir?

Eine Antwort auf diese existenzielle Frage gibt der biblische Text: „Der Heilige Geist ist das Siegel, das Gott euch aufgedrückt hat, um damit zu bestätigen, dass ihr sein Eigentum geworden seid“! Verstehen wir dies richtig? Wir gehören schon zu Gott. Wir müssen nicht erst mit vereinten Kräften darum kämpfen, den alten Menschen abzulegen, zu Gott zu gehören und christlich zu leben.

Wir sind schon neue Menschen seit unserer Taufe. So ist ja der Ritus wirklich gemeint: die Gottzugehörigkeit wird mir jetzt bewusst; sie existiert schon ohne mein Zutun! Deshalb kann ich mir immer Neues zutrauen, weil Gott mir schon längst alles zugetraut hat. Also kann ich es z.B. wagen, das Gute im anderen Menschen hervorzuheben statt dauernd auf seine schlechten Seiten zu schielen und diese zum Maßstab meines Verhaltens zu machen. Gott hat in Jesus Christus das Neue, das Gute, in mir selbst schon begonnen; mit dieser guten Gabe bin ich seit der Taufe erwachsen geworden. Diese Einsicht meines Glaubens kann ich nun frei und offen weitergeben. Und damit erfüllt sich die Gewissheit: Gott selbst erneuert mich immer neu durch seinen Heiligen Geist; er zieht mir ein neues Kleid an.

Von dieser Gewissheit unseres christlichen Glaubens her schließt sich der Bogen über all den vielen Ermahnungen zu dem Gipfel dieses Briefabschnittes mit den Worten: „Vergebt einer dem anderen, gleich wie Gott euch vergeben hat durch Christus.“ Wir Christen sind moralisch keine besseren Menschen als anders Glaubende oder überhaupt nicht mehr Glaubende, aber uns Christen sind durch den Heiligen Geist geistliche Gaben anvertraut. Gottes Vergebung setzt uns auf die neue Spur: Wir können Vergebung und Gnade einander zusprechen, weil Christus uns vergeben hat. Und wir können allen Menschen diese Einladung Gottes zur Vergebung weitersagen. Wir können aus niedergedrückten Mitmenschen fröhliche Mitbürger machen.

Wir können uns und andere Menschen erneuern; denn wir selbst sind schon erneuert, und unsere eigene menschliche Unzulänglichkeit und Schuld hat nicht das letzte Wort. Darin liegt die großartige Zusage für uns, für uns neue Menschen, die aus der Fülle der Vergebung Christi ganz getrost in die neue Woche blicken und gehen dürfen.

Bleiben wir also bei diesem uns geschenkten christlichen Glauben!

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen


Liedvorschläge

Lied EG 320, 1+2+5+8  Nun lasst uns Gott dem Herren
Lied EG 293      Lobt Gott, den Herrn


Bischof em. Klaus Wollweber
53129 Bonn
E-Mail: Klaus.Wollenweber@posteo.de

Viele Jahre Gemeindepfarrer in der Ev. Keuzkirchengemeinde Bonn; ab 1988 theologischer Oberkirchenrat in der Ev. Kirche der Union (EKU) Berlin ( heute: Union Ev. Kirchen (UEK) in Hannover ); ab 1995 Bischof der „Ev. Kirche der schlesischen Oberlausitz“ mit dem Amtssitz in Görlitz / Neiße  (heute: „Ev. Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz“ (EKBO) ); seit 2005 im Ruhestand wohnhaft in Bonn. Häufig aktiv in der Vertretung von Pfarrerinnen und Pfarrern in Bonn.