Epheser 4,22–32

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Zur Weiterarbeit an uns selbst | 19. So. n. Trinitatis | 11. Oktober 2026 | Epheser 4,22–32 | Manfred Mielke |

Liebe Gemeinde,

heute hören wir aus der Bibel die Aufforderung: „Legt von euch ab den alten Menschen…und zieht den neuen Menschen an.“ Ihr schließen sich weitere Empfehlungen an. Zuerst bleiben wir aber bei dem Vorgang, Altes abzulegen und Neues anzuziehen. Das machen wir bezüglich unserer Kleidung täglich: bei der morgendlichen Wahl – ob Bluse oder Pullover – und spätabends beim Hineinschlüpfen in die Nachtwäsche. Aber die biblische Aufforderung benutzt das nur als Bild. Es geht ihr nicht um den abwägenden Griff zur Alltags-Hose, zur Festtags-Garderobe oder zum Übergangs-Look. Es geht ihr in der Sache um das Abstoßen unserer alten Identität und das Einbetten des neuen Menschen in uns selbst. Sie macht uns Mut, dass wir unseren Wesenskern erneuern lassen und unsere neue Wesensart nach außen zeigen und ausüben werden.

Dazu möchte ich von einem Beispiel berichten, das zunächst buchstäblich unter die Haut geht. Gemeint ist das berufliche Können eines besonderen Hautarztes, des (Düsseldorfer) Dermatologen Dr. Afschin Fatemi. Er bietet seit über 10 Jahren Aussteigern aus der rechtsradikalen Szene das Weglasern ihrer Tattoos mit Nazi-Symbolik an. Und das kostenlos, aber nur, wenn der Kunde ihn im Gespräch überzeugt, dass sein Ausstieg glaubwürdig ist.

In den Worten des Epheserbriefes klingt das so: „Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet. Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.“[1] Zwar spricht die Bibel uns als Gruppe an, aber eine solche Umprägung der eigenen Persönlichkeit geht nicht ohne eigene Bereitschaft und Mut. Jeder von uns braucht eine Gruppe, die ihm spiegelt, dass die eigene Kehrtwende glaubwürdig ist. So ist auch das Entfernen von Nazi-Tattoos nicht nur ein oberflächliches, sondern ein zutiefst zwischenmenschliches Geschehen.

Im Fernsehbericht sagt der Patient, dass er 38 Jahre alt sei und rund 20 Jahre aktiv in der rechten Szene Thüringens mitmachte. Wegen eines Tötungsdeliktes habe er lange eingesessen. Im Gefängnis sei er jedoch Menschen begegnet, die nicht in sein Feindbild gepasst hätten. Mit einem Russen und einem Albaner habe er Sport betrieben. Sie hätten ihn anders behandelt, als er es wegen seiner Glatze und seiner rechten Tattoos erwartet habe. So reifte sein Umdenken zum Ausstieg aus dem Nazi-Kosmos. Jetzt fragt er sich: „Wie konntest du so dumm sein?“ Jetzt will er das Hitlerporträt und das Hakenkreuz auf seinem Oberarm weghaben. Der Mann berichtet von sich als Beispiel für einen „früheren Wandel, der ihn durch trügerische Begierden fast zugrunde richtete“.

Aber auch der erfolgreiche Schönheitschirurg hat einen Wandel durchgemacht. Seine Eltern stammen aus dem Iran, können also politische oder auch religiöse Flüchtlinge gewesen sein. Afschin Fatemi wurde 1972 in Mainz geboren, er studierte in Lübeck und New York Medizin und wurde 2007 Arzt als Dermatologe. Er sagt über sein Aussehen, dass es wohl zum ehemaligen Feindbild seiner Patienten passt. „Ich hake nach, ob sie ihr Leben wirklich umgestellt haben oder nur nach einem kostenlosen Weg suchen, um Tätowierungen loszuwerden. Denn wir behandeln nur Ex-Nazis. Übrigens ist es total geil, wenn man ein Adolf-Gesicht wegmachen kann.“ Oder einen Totenkopf, die Zahl 88 für „Heil-Hitler“ oder die SS-Runen. – Als berühmter Schönheitschirurg profitiert er auch von dem Boom seiner Branche mit Fettabsaugungen und Face-Lifting. Aber er entfernt nicht nur Hakenkreuze umsonst; die von ihm gegründete Organisation „Umbrella“ (zu Deutsch „Schirm“) operiert weltweit viele Kriegsverletzungen – kostenfrei. Sinngemäß hören wir dazu im Epheserbrief: „Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nötige Gut, damit er dem Bedürftigen abgeben kann. Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, damit es Segen bringe denen, die es hören.“

Dies sind keine moralischen Vorbedingungen für Neubewerber. Es sind auch keine Einlassbedingungen in den Club der Rechtgläubigen. Das alles wird vielmehr vorausgesetzt. Und somit legt uns der Epheserbrief eine Kontrollliste für uns vor. Für uns, die Überzeugten, die Getauften. Ihre Schärfe zielt auf unser internes Benehmen. Dabei verlangt sie nicht Unmögliches, sondern ein konsequentes Weiter-Entwickeln. Dazu lesen wir: „Der neue Mensch in euch ist nach Gott geschaffen in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit. Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind. Wenn ihr zornig seid, dann ladet nicht Schuld auf euch, indem ihr unversöhnlich bleibt. Lasst die Sonne nicht untergehen, ohne dass ihr einander vergeben habt. Gebt dem Teufel keine Gelegenheit, Unfrieden zu stiften. Und betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt seid für den Tag der Erlösung.“ So spannt der Epheserbrief den Bogen von unserer Erschaffung bis hin zur Erlösung. Von der Neuen Eva und dem Neuen Adam durch Gott bis hin zu Christi Willkommenskultur im Himmel am Tag der kosmischen Erlösung. Da wir bis dahin spirituell versiegelt sind, werden wir dann befreit entsiegelt sein.

Beim ersten Hinhören hätten wir vermuten können, wir bräuchten uns nur ein christliches Mäntelchen umzuhängen. Es geht aber um das leidenschaftliche Wachhalten unseres neuen Ichs. Um das Ausagieren unserer zweiten Identität. Beide wuchsen heran mithilfe unseres „Suchens und Findens“, Anklopfen und Hineinschreiten, mithilfe unserer Entbindung und Emanzipation. Weil es ein Beziehungsgeschehen unseres Schöpfers an uns ist, ist es keine Selbstoptimierung, kein Erfolg des: „Du musst dich neu erfinden!“ – Wir befinden uns auch außerhalb des Slogans „Kleider machen Leute“. Der meint ja, mit jedem anderen Dressing werden wir andere Typen, zumal uns die andern dann so einschätzen. Aber die Novelle „Kleider machen Leute“ schrieb der Schweizer Gottfried Keller im Jahre 1874. Zuvor gab es in Polen Aufstände, die große Fluchtwellen auslösten, auch von Soldaten und Widerstandskämpfern. Manche gaben sich als polnische Adelige aus, viele nahmen ihren erlernten Beruf wieder auf, z.B. den des Schneiders. In der neuen Heimat machte das Anfertigen von Kleidung aus ihnen „gemachte Leute“. – Ich erwähne dies, weil der Epheserbrief das Plündern und Stehlen nicht abstrakt verurteilt, sondern zur Bekehrung drängt, zum „Arbeiten, um mit eigenen Händen das nötige Gut zu erwirtschaften, um Bedürftigen abgeben zu können.“ So umschreibt er das Gelingen einer Einwanderung, die oftmals mit dem Umbau der eigenen Identität einhergeht.

Der heutige Bibeltext macht uns Mut zur Weiterarbeit an uns selbst. Er hilft uns sympathisch gegen zu viele Modethemen und innere Leere. Da er uns als Gemeinschaft anspricht, werden wir uns auch seiner Kirchenkritik stellen. Von uns trägt hoffentlich niemand antisemitische Tattoos, aber wir schweigen oft betreten im Konflikt zwischen kolonialer Israelkritik und unserer Glaubensnähe zu Jüdinnen und Juden. – Wir sind keine Zauberärzte mit Laserpistolen, aber wir sehnen uns im Gebet: „Gott, gib uns in dieser schlaffen und glaubensarmen Zeit die scharf geschliffenen Waffen der ersten Christenheit.“ Wir sind zu selten Friedensaktivisten, aber wir versuchen „die Sonne nicht untergehen zu lassen, ohne einander zu vergeben.“ Wir sind zutiefst betroffen, dass bei uns, den Kernländern der Reformation, antireligiöse Parteien Zulauf finden. Wir stellen uns aber solidarisch mit denen, die nach der Devise leben: „Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller Bosheit. Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.“ – Unsere innere Verwandlung verändert, was uns nach außen hin wichtig ist. An dieser Schnittstelle mag uns das Gebet helfen: „Am Ende des Tages lege ich ab: Bücher, Briefe, Akten, Schlüssel, Schuhe, Kleider und die Uhr. Am Ende dieses langen Tages lege ich auf dich: Ängste, Sorgen, Mühen, Trauer, Sehnsucht und meine Schuld. Am Ende dieses langen Tages lege ich mich – ganz und gar, still und geborgen – mein guter Gott in deinen Schutz und Frieden.“ Amen


Ich zitiere aus folgenden Manuskripten bzw. Sendungen:

  1. Bamdad Esmaili in: WDR.de, 22.09.2026, 15.30 Uhr;
  2. Jalica Engelbarts in: NRZ, 06.05.2026, 11:00 Uhr
  3. Nico Schwieger in: RND, 09.07.2023, 06:30 Uhr;

Benutzte Bibelübersetzungen: Luther 2017; Hoffnung für alle; Exegese für Predigten

Das Abendgebet von Johannes Hansen ist allg. verfügbar


Lieder:

  1. Der Herr wird nicht fragen/Jetzt ist die Zeit (Sichtweisen Nr.37)
  2. Singt, Christen, singt das neue Lied (Jubilate Nr.121)
  3. O komm, du Geist der Wahrheit (Gesangbuch)
  4. Zu Pfingsten singt die Christenheit; P. Spangenberg zu „Jauchz, Erd und Himmel“
  5. Kennst Du die Menschen hinter Zweifeln; P. Spangenberg zu „Wer nur den lieben Gott“

Gebet:

Guter Gott, wenn Du auf uns zukommst:
Roll nicht wie ein Feuerball über uns weg.
Heiliger Gott, wenn Du uns die Gebote übergibst:
Gib uns den Mut, sie anzunehmen.
Schöpfer Gott, wenn du uns mit Gnade umhüllst:
Wehre uns Gerede von den nackten Tatsachen.
Naher Gott, wenn Du unsre Tränen abwischst:
Entkrampfe uns vom Festhalten am Alten.
Verborgener Gott, wenn du uns Wege ebnest:
Mach uns hilfsbereit für die, die mit uns flüchten.
Offener Gott, wenn du den Tag der Erlösung startest:
Halte uns, deine Geschöpfe, zusammen.
Futuristischer Gott, wenn Du Wunder tust:
Beginne in uns die Auferstehung und das Leben.
Friedefürst, wenn du den Hebel ansetzt:
Gib, dass wir nicht aus deinem Frieden fallen. Amen


Manfred Mielke, Pfarrer der EKiR im Ruhestand, geboren 1953, verheiratet, 2 Söhne. Sozialisation im Ruhrgebiet und in Freikirchen. Studium in Wuppertal und Bonn (auch Soziologie). Mitarbeit bei Christival und DEKT. Partnerschaftsprojekte in Ungarn (1988- 2011) und Ruanda (2001-2019). Musiker und Arrangeur.


Anmerkungen:

[1] Dass der interviewte Patient im WDR-Report ein T-Shirt trug mit dem Aufdruck „Jesus Team“ ist wunderbar/verwunderlich