Epheser 4,22–33

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So tun als ob | 19. Sonntag nach Trinitatis | 11. Oktober 2026 | Eph 4,22–33 | Dr. Christoph Kock |

1. „Wir gegen die“. Was Menschen verbindet

Krisenstimmung. Russlands Krieg gegen die Ukraine und kein Frieden in Sicht. Ebenso wenig im Nahen Osten. Diktatoren weltweit auf dem Vormarsch. Und in Deutschland: Spritpreise auf Rekordhoch trotz Tankrabatt. Rente und Gesundheitsversorgung unter Druck. Daraus schlägt eine Partei Gewinn, die auf Hass, Wut und Misstrauen setzt. Die den Rechtsstaat demontieren will und Abgrenzung zum Programm macht. „Wir gegen die“. Die Liste derer ist lang, die aus Deutschland weggeredet werden. Wegen ihrer Herkunft, ihrer Religion, ihrer Meinung, ihrer sexuellen Orientierung. Kein Platz für die. Egal, was das bedeutet. Misstrauen und Wut sorgen für das Gefühl, zusammenzugehören.

Angst macht sich breit. Bei denen, die davon betroffen sind. Bei denen, die diese Partei auf keinen Fall wählen werden. Was tun, um Demokratie, Freiheit und Rechtsstaat zu schützen? Viele sind ratlos.

Krisenstimmung. In Kirchen und Gemeinden. Kleiner werden wir: Weniger Menschen gehören dazu. Weniger Gebäude, weniger Personal. Weniger Geld. Weniger Einfluss. Was sagen, was tun? Was verbindet uns als diejenigen, die nach Gott fragen? Vor der Wahl in Sachsen-Anhalt nehmen Kirchenleitende öffentlich Stellung. Sie warnen davor, dass die AfD Menschenwürde und Demokratie gefährdet. Die Wirkung hat sich in engen Grenzen gehalten. Anderen ist die Logik der Abgrenzung wohl vertraut. Sie praktizieren sie selbst in ihrem Glauben. „Wir gegen die“. Das hat lange Tradition. Die Glaubenden gegen den Rest der Welt, der abgeschrieben und aus dem Himmel weggeredet wird. Kein Platz für „die“. Egal, was das bedeutet.

2. Stellung zu beziehen ist gefährlich

Krisenstimmung. Vor knapp 2000 Jahren. In Kleinasien, der heutigen Türkei. Damals eine Provinz im römischen Reich. Da Rom weit weg war, funktionierte die politische Bindung an den Kaiser über Religion. Kaiser Domitian ließ sich sogar mit „mein Gott und mein Herr“ verehren. In Ephesus wurde ihm ein gigantischer Tempel gewidmet. Wer den Kaiserkult ablehnte, galt als Staatsfeind. Die Gesellschaft war tief gespalten. Trotz boomender Wirtschaft und Reichtum gab es viele Menschen, die in Armut lebten.

Für die christlichen Gemeinden, die dort entstanden waren, eine unsichere Umgebung. Wer sich zu Jesus Christus bekannte, verweigerte meist die Teilnahme an öffentlichen Festen und den Feiern der Handwerkergilden. Denn diese begannen immer mit Opfern für heidnische Schutzgötter und den Kaiser. Weil sie nicht am gesellschaftlich-religiösen Leben teilnahmen, wurden Gemeindemitglieder wirtschaftlich isoliert und gemieden. Wurde ein Christ gar von Nachbarn oder Konkurrenten beim römischen Statthalter angezeigt, musste dieser handeln. Verweigerte der Christ dann hartnäckig das Loyalitätsopfer für den Kaiser, drohte die Hinrichtung.

3. Was sagen? Ein Versuch mit einem Brief

Woran sich in der Krise orientieren? Was soll ich sagen? Jemand schreibt den christlichen Gemeinden in der Gegend einen Brief. Mit der Autorität des Paulus, der viele Gemeinden selbst gegründet hat, von dem auferstandenen Jesus dazu beauftragt. Hören wir in diesen Brief hinein, der als Epheserbrief in der Bibel steht.

22 Deshalb sollt ihr den alten Menschen ablegen,
denn er entspricht der früheren Lebensweise.
Er wird sich zugrunde richten
durch seine trügerischen Begierden.
23 Lasst euch dadurch erneuern,
dass Gottes Geist in eurem Verstand wirkt.
24 Und zieht den neuen Menschen an wie ein neues Gewand.
Denn er ist nach Gottes Bild geschaffen
und dadurch fähig
zu wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.
25 Deshalb sollt ihr die Lüge ablegen.
Vielmehr soll jeder die Wahrheit sagen,
wenn ihr miteinander redet.
Denn wir alle sind Glieder am Leib von Christus.
26 Euer Zorn soll nicht dazu führen,
dass ihr Schuld auf euch ladet!
Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.
27 Gebt dem Teufel keinen Raum zum Wirken!
28 Wer stiehlt, soll nicht mehr stehlen.
Vielmehr soll er sich abmühen
und durch seiner eigenen Hände Arbeit etwas verdienen.
Dann hat er genug, um dem Bedürftigen etwas abzugeben.
29 Kein böses Wort soll über eure Lippen kommen.
Vielmehr sollt ihr stets ein gutes Wort haben,
um jemanden zu stärken, wenn es nötig ist.
Dann bringt dieses Wort denen Segen, die es hören.
30 Betrübt nicht Gottes heiligen Geist,
der euch wie ein Siegel aufgedrückt wurde.
So kennzeichnet uns Gott
für den Tag der endgültigen Erlösung.
31 Alle Erbitterung, Wut, Zorn,
lautstarke Auseinandersetzungen und Verleumdungen
sollen bei euch keinen Platz haben.
Das gilt erst recht für alle Bosheit.
32 Seid vielmehr gütig und barmherzig zueinander.
Vergebt einander,
wie Gott euch durch Christus vergeben hat.

4. Aus alt neu machen

Schwere Kost, so scheint es. Ein paar Details:

Den alten Menschen ablegen und den neuen Menschen anziehen. Kleidung bringt den Status eines Menschen zum Ausdruck. Der Absender des Briefes hat vor Augen, dass in seiner Umgebung Witwen, Sklavinnen und Sklaven, Priester und Würdenträger im römischen Staat Kleider tragen, an denen sie zu erkennen sind. So wie heute Klinikbeschäftigte, Feuerwehr oder Polizei. Solche Kleidung zeigt an, was einen Menschen ausmacht.

Vielleicht lässt sich dieser Wechsel vom alten zum neuen Menschen vorstellen wie das Ablegen der verordneten Arbeitskleidung. Endlich, mag da einer denken, endlich Feierabend. Jetzt was Bequemes anziehen oder was mir gefällt. In meiner Freizeit. Jetzt mache ich, was mit gefällt.

Nein, so war das nicht gemeint, würde mir der Briefschreiber entgegnen. Der neue Mensch ist nach Gottes Bild geschaffen. Du kannst ihm, du kannst dir viel zutrauen. Denn Gott hat dafür gesorgt, dass du gerecht und heilig bist. Gottes Geist ist die Kraft, mit der Gott in dir wirkt.

Dein Vergleich mit der Arbeitskleidung hinkt. In deiner Welt zieht die Pflegefachkraft wieder den Kasack an, wenn die nächste Schicht beginnt, die Polizistin ihre Unform, der Feuerwehrmann beim nächsten Einsatz die Schutzausrüstung. Mir kommt es auf einen grundlegenden Wechsel an. Mit Gottes Geist in dir gibt es kein Hin- und her.

Ihr sollt … Ihr sollt nicht … Es folgt eine lange Liste, was ein neuer Mensch so alles tun und lassen soll.

Anderen die Wahrheit sagen, anstatt sie anzulügen. Den eigenen Zorn begrenzen und bis spätestens zum Abend loswerden. Das könnte heute ebenso in einem Ratgeber stehen. Selbst zu arbeiten, anstatt zu stehlen. Den Bedürftigen etwas abgeben. Kein böses Wort zu anderen. Vielmehr ein gutes Wort parat haben, das sie stärkt, wenn es nötig ist. Das denen, die es hören, Segen bringt. Erbitterung, Wut und Zorn? Weg damit. Andere ausgrenzen, lautstarker Streit, üble Nachrede und Bosheit? Kein Platz dafür. Stattdessen barmherzig sein und einander vergeben. So sein wie Gott, nämlich heilig, und wie Jesus Christus.

Auweia! Je länger die Liste wird, je mehr Farbe ins Bild des neuen Menschen kommt, desto größer wird mein Widerspruch. Wer kann das denn alles erfüllen? Ich kann mir nicht vorstellen, solch ein neuer Mensch auf Dauer zu sein. Vielleicht hin und wieder, danach bin ich wieder der alte. Mit Seiten, die mir nicht gefallen. Und überhaupt, wenn Gott im Geist wirkt, warum sind dann so viele Aufforderungen nötig?

5. Grenzwertig

Es gibt doch Grenzen, würde ich gegenüber dem Briefschreiber einwenden. Grenzen zwischen Gott und Mensch, zwischen Glaubenden und Jesus Christus. Dass Menschen an solchen Ansprüchen scheitern, weil sie Menschen sind.

Menschen kommen an Grenzen. Etwa bei dem, was du zum Schluss forderst. Einander zu vergeben, wie Gott ihnen vergeben hat. Klar, in jedem Gottesdienst gehört das zum Vaterunser. Und doch: Manche haben Unrecht und Gewalt erlitten, durch Menschen manchmal aus ihrem Umfeld. Kaum auszuhalten. Sie sind verletzt an Körper und Seele. Denen vergeben, die ihnen das angetan haben? Viele können das nicht und wollen es auch nicht. Ich glaube, Gott hält das aus.

Menschen kommen an Grenzen. Selbst wenn Christinnen und Christen wissen, wogegen sie sind und danach handeln. Dagegen sein ist einfach. Mit anderen sich lautstark zu wehren, mag sich gut anfühlen. Aber wie weit reicht das? Schimpfen auf Bitterkeit, Zorn und Hass der anderen hilft in einer polarisierten Gesellschaft nicht weiter, sondern verstärkt nur, was zu überwinden wäre. Die Populisten fühlen sich nur bestätigt und freuen sich über die Reaktion, die sie provoziert haben. Du bist dem alten Menschen näher als dir lieb ist. Gerade dann, wenn dein eigener Zorn, deine eigene Wut das Kommando übernimmt. Das ist gefährlich und trügerisch. Weil sich dadurch diejenigen nicht ändern werden, die Misstrauen und Wut zum Programm gemacht haben. Denn sie erleben, wie sie erfolgreich sie damit sind. Dazu gehört, wie du darauf reagierst. Ein Teufelskreis.

6. Erlebe, was du bewirken kannst

Trotzdem gefällt mir eine Richtung, die der Epheserbrief aufzeigt. Es geht um christliche Gemeinden. Als Raum für eine Alternative zu Hass, Ausgrenzung und Gewalt. Darauf liegt das Gewicht. Einfach so tun, als ob es diesen neuen Menschen in Christus schon gibt.

So tun als ob. Ein Junge tut so, als wäre er gerne Feuerwehrmann. Seine Mutter besorgt ihm ein T-Shirt, das wie eine Uniform aussieht, und bastelt ihm ein Atemschutzgerät aus Papprollen. Ausdauernd tut er so als ob. Kleidung spielt dabei eine wichtige Rolle.

Ein neues Outfit verändert Menschen. Wenn es gut geht, wächst das Selbstvertrauen und die Ausstrahlung. Grundlage für TV-Serien und Kinofilme.

So tun als ob. Im neuen Gewand. Den neuen Menschen anziehen und ausprobieren, wenn Gottes Bild in dir zu glänzen beginnt. Allen Grenzen zum Trotz. Vielleicht ist es entscheidend, dieses neue Gewand anzuprobieren und zu schauen, was passiert: Den eigenen Zorn begrenzen, anstatt ihn Tag für Tag größer werden zu lassen. Zorn auf Dauer macht den Zornigen kaputt. Stattdessen:

Nicht das Dagegen-, sondern das Dafürsein üben. Bedürftige wahrnehmen und ihnen helfen. Deutlich machen, dass jeder Mensch Gottes Bild in sich trägt und Gott Vielfalt liebt. Ich vermute, hier weiter zu überlegen lohnt sich. Im Magazin „Royale“ vom 2. Oktober hat Jan Böhmermann den Einsatz der Kirchen in Ostdeutschland für Demokratie und gegen Ausgrenzung gewürdigt. Vielleicht bewirken sie doch mehr, als es zunächst den Anschein hat.

Entscheidend ist die Praxis, nicht die Theorie. Sich darauf konzentrieren, wie du Menschen begegnest, mit denen du Gott auf der Spur bist. Mit denen du an einem Ort lebst. Auszuprobieren, wie sich das anfühlt. Sich zuhören, Kompromisse finden, sich gemeinsam stark dafür machen, was möglichst vielen Menschen zugutekommt. Dabei die Liste im Blick, von der in diesem Brief die Rede ist. Damit Erfahrungen machen und sich davon überraschen lassen, was du selbst bewirken kannst. Du bist heiliger, als du es dir zugestehst.


Lied: EG 268 (Gaben gibt es viele)

Mit Impulsen aus: Peter Müller, Ulrich Heckel, Epheser 4,22–32, Exegese für die Predigt, 11.10.2026 (https://www.die-bibel.de/ressourcen/efp/reihe2/19-nach-trinitatis-epheser-4)


Verfasst von

Pfarrer Dr. Christoph Kock
Wesel
E-Mail: christoph.kock@ekir.de

Dr. Christoph Kock, geb. 1967, Pfarrer der Evangelischen Kirche im Rheinland. Seit 2007 Pfarrer an der Friedenskirche in der Evangelischen Kirchengemeinde Wesel.