Lukas 13,1–9
Der Turm in Siloah | 21. So. n. Trinitatis | 25. Oktober 2026 | Lukas 13,1–9 | Jan Asmussen |
Der Turm in Siloah
Man kann daran sterben, die Wahrheit zu kennen. Darum ist uns eine Grenze gesetzt, wie weit wir die verborgenen Zusammenhänge verstehen. Wir kommen schnell zu dem Punkt, wo das taghelle Verstehen, wie die Dinge zusammenhängen, sich eintrübt. Das Rätsel beginnt. Wir würden nicht überleben, das ganze Muster des Schicksals mit seinem „Warum“ und „Wann“ wie ein offenes Buch zu erkennen. Mose sprach zu Gott auf dem Berg: „Lass mich deine Herrlichkeit sehen!“ Doch dann wäre er gestorben, und darum hielt Gott die Hand davor, sodass der Kern der Wahrheit verborgen blieb. Es gibt Dinge, die besser verborgen bleiben. Denn wir wagen nur so lange auf die Zukunft zu hoffen und ihr zu vertrauen, wie es eine Ungewissheit gibt und nicht alles bekannt ist.
Doch manchmal fühlt es sich an, als zittere Gottes Hand, und Menschen erhaschen einen Blick auf das, was sie nicht sehen und wonach sie nicht fragen sollten. In den Kriegen dieser Zeit sowie unverschuldet in den Strassen schauen Menschen dem Tod ins Auge und entgehen ihm gegen jede Wahrscheinlichkeit. Vielleicht waren sie am Abend zuvor noch in einem Ort, der in die Luft gesprengt wurde, und nur ein Zufall an diesem Abend hat sie gerettet. Sie haben weit mehr gesehen, als sie ertragen konnten, denn sie haben in den Abgrund geblickt. Menschen, die am Abgrund gestanden und hinabgeschaut haben, können nicht anders, als zwei Fragen zu stellen – Fragen, die Menschen eigentlich weder stellen sollen noch stellen können, weil sie nach dem fragen, was im Abgrund ist – oder hinter Gottes verbergender Hand. Die Fragen lauten: „Warum war ich es, der nach Hause kam?“ – „Warum kam meine Freundin nicht nach Hause, sondern wurde eines der Opfer?“ Solche Fragen zu stellen ist zutiefst menschlich. Aber die Antwort auf solche Fragen zu kennen – das hieße, zu sein wie Gott selbst.
In dieser Zeit, in der Bomben und Terroranschläge Unschuldige trifft, werden diese Fragen so oft gestellt, dass wir meinen, es seien moderne Fragen. Doch jede Zeit hatte ihre Katastrophen, die eine ganze Bevölkerung getroffen haben.
Es war einmal ein Viertel in Jerusalem, das mit einem Schlag ein Teil ihrer Einwohner verlor. Einer der Türme der Stadt stürzte ein und begrub eine Menschenmenge unter sich – auf einem Marktplatz vielleicht. Viele sahen es geschehen. Sie hörten das Dröhnen, sahen die Staubwolke, und das Bild der Verstümmelten brannte sich ihnen für immer auf die Netzhaut. Noch mehr hatten Bekannte, Kollegen und Angehörige unter den Toten. Die Zahl der Toten – 18 Menschen – das war ein unbeschreibliches Unglück. Doch der Ort der Katastrophe hieß Siloah, und noch viele Jahre danach war dieser Ort in aller Munde.
Und die Fragen waren dieselben wie nach jedem späteren vergleichbaren Unglück: „Warum ist meine Familie heil und unversehrt, während mein Nachbar alles verloren hat?“
Die Antwort auf diese Frage zu kennen, hieße, zu werden wie Gott selbst. Doch Menschen können nicht aufhören, nach Antworten zu suchen. Eine Antwort könnte sein, dass es wohl Schicksal war, dass gerade diese sterben mussten. Man sagte nicht geradeheraus, sie hätten es verdient – aber viele meinten, es müsse eine höhere Gerechtigkeit geben, die gerade diese achtzehn genau dorthin gestellt hatte, in genau jener Sekunde. Dann ist es nicht bloß Abgrund, sondern ein unerwarteter, flüchtiger Einblick in Gottes Lenkung. Kein Sperling fällt zur Erde, ohne dass Gott dabei ist – so könnte man zitieren. Also wird es wohl auch hier so gewesen sein.
So reagiert die menschliche Vernunft, wenn die Wege, die auf ebenem Grund gebahnt sind, plötzlich an einem Abgrund enden. Wir bauen einfach eine Brücke, damit unsere biedere Alltagsvernunft weitergehen kann. „Es wird schon einen Sinn haben“, sagt man. Doch so redet nur, wer nicht begriffen hat: Über einen Abgrund baut man keine Brücke.
Diese Menschen, die sich selbst beruhigen, indem sie vom Rand des Abgrunds aus vernünftige Brücken bauen, kommen zu Jesus, um sich ihre Theorie bestätigen zu lassen. Was war mit den achtzehn los, dass sie und nicht wir den Turm auf den Kopf bekamen? Sie hoffen, ihr Weltbild bestätigt zu bekommen: Hier in der Welt ergeht es dir, wie du es verdienst. Also kommt es nur darauf an, Schuld zu vermeiden – und dazu kann Jesus vielleicht ein paar Anleitungen geben.
Doch Jesu Antwort ist viel abweisender, als sie ahnen. Es gibt nicht den geringsten Unterschied zwischen euch und den achtzehn in Siloah, sagt Jesus. Es hätte auch euch treffen können. Diese Antwort beruhigt nun gerade nicht. Denn sie stellt diese Menschen, die wissen wollen, was der Abgrund birgt, vor eine hässliche Alternative.
Die erste Möglichkeit ist, dass Unglücke einfach zufällig geschehen. Ist das die Meinung Jesu? Heute spielst du mit deinem Kind, morgen wird es vielleicht überfahren. Vielleicht wird dein S-Bahnhof im morgendlichen Berufsverkehr das nächste Ziel eines Terroristen. Dein Abendgebet für dich und die Deinen, die Lebensziele, die du noch erreichen willst, das Gefühl, in deinem Leben getragen und gesegnet zu sein – all das ist vollkommen bedeutungslos. Denn Gott ist ein Würfelspieler.
Die zweite Möglichkeit ist, dass im Innersten des Abgrunds ein Drahtzieher sitzt, der seine nächsten Opfer genau auswählt. Sie sollen glauben, es sei Zufall, damit sie keine Vorkehrungen treffen können. Doch es kommt über sie, und wenn es geschieht, wird Verblüffung ihr letzter Ausdruck sein. Gott würfelt nämlich überhaupt nicht, sondern besitzt und genießt die totale Kontrolle. Gott ist ein psychopathischer Serienmörder.
Diese Alternative – absoluter Zufall oder verborgene Pläne – ist das Höchste, was die menschliche Vernunft aus eigener Kraft als Brücke über den Abgrund zustande bringt. Und beides ist gleich quälend und lässt uns wünschen, wir hätten diesen Gedanken nie gedacht. Darum fegt Jesus die Brücke mit all ihren Fundamenten und klugen Überlegungen hinweg. Er sagt zu den klugen Leuten: „Wisst ihr was: In Wirklichkeit verdient ihr es allesamt, einen Turm auf den Kopf zu bekommen! Gibt es etwa einen unter euch, der mit Recht behaupten kann, er habe es weniger verdient als sein Nachbar? Gibt es einen, der behaupten könnte, es weniger verdient hat als ein anderer?“, fragt Jesus. Bei einer solchen Antwort wird es ganz still. „Wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle auch so umkommen“, sagt Jesus. Die achtzehn in Siloah hatten es nicht verdient. Es war auch kein Zufall. Denn verdient haben es in Wahrheit alle.
Diese Zuspitzung ist die Erschütterung, die die Antworten der Vernunft hinwegfegt. Jesus nimmt uns mit an den Rand des Abgrunds und sagt: Eigentlich hättet ihr es alle verdient, hinabzustürzen. Und es ist ganz und gar nicht euer Verdienst, dass ihr nicht längst fallt. Wenn ihr hier am Rand steht und wir gleich wieder auf ebenen Grund zurückgehen können, dann einzig und allein darum, weil Gott nicht will, dass ihr fallt.
Dort drinnen, hinter der Hand, die Gott vor Mose hält, wohnt eine gewaltige Kraft, die erschaffen und vernichten kann, Leben keimen und sterben lassen, eine Welt formen und sie wieder umgestalten, Plagen senden und fruchtbaren Regen. Bei Gott ist alles grenzenlos möglich. Das ist ein furchtbares Wissen, und darum soll Mose es nicht sehen, sondern darauf vertrauen, dass Gott immer vor allem Schöpfer ist, vor allem Lebensspender, vor allem gnädig. Denn so – nur so – gelingt unser Leben: indem wir darauf vertrauen. Nur wenn Gottes Hand zittert, wenn wir etwas sehen, was wir nicht hätten sehen sollen, erhaschen wir einen Blick hinter Gottes Hand.
Doch das ist nicht das Wichtige für uns. Das Wichtige ist, dass Gott die Hand davorhält, weil er uns kennt und den Unterschied zwischen sich und uns. Wir können nur gedeihen im Vertrauen auf die Übermacht des Guten. Wir können nur mit einem Abgrund leben, an dessen Rand man nicht balancieren muss, sondern von dem man ein wenig Abstand halten kann.
Kinder, denen man Märchen erzählt, können sie nur ertragen, wenn die grausigen Einzelheiten – Drachen, Hexen und Gespenster – in einem geborgenen Rahmen erzählt werden. Der Schoß, auf dem das Kind sitzt, während man erzählt, ist die Hand, die man davorhält und die gefährliche Drachen zu etwas macht, von dem man bloß hört. Man kann nicht ohne Begleitung an den Rand des Abgrunds gehen. Heute gehen wir hinaus an diesen Rand und rufen unsere Fragen in die Tiefe hinab – aber das geschieht in einer wichtigen Geborgenheit. „Er scheint zornig, doch ist er mild“, versichert uns das Kirchenlied („Guds Søn kom ned fra Himmerig, DDS 488, von Grundtvig (A.d.Ü.)) Gottes Friede und Gottes Liebe sind das Erste und das Letzte, was über Gott zu sagen ist – und Jesus Christus ist gegenwärtig (Anspielung auf das Kirchenlied „Nu fryde sig hver kristen mand“, DDS 487, von Grundtvig, deutsch „Nun freut euch, lieben Christen g’mein“, A.d.Ü.)) Nur in Geborgenheit kann man an den Abgrund treten und seine Fragen hinauswerfen – und dann auch wieder aufhören zu fragen.
Denn das Entscheidende ist nicht, dass keiner von uns es weniger verdient hat als andere, einen Turm auf den Kopf zu bekommen. Das Wichtige ist, was Gott über sich selbst und sein Verhältnis zu uns sagt: dass er uns kennt und behütet – nicht nur vor dem Bösen, sondern auch vor unserer eigenen törichten Vernunft.
Darum knüpft Jesus an das Gespräch über das Unglück in Siloah ein kleines Gleichnis. Es handelt von einem kümmerlichen Feigenbaum, der es kaum verdient hat, der Axt zu entgehen, und der seit Jahren sein Dasein nicht mit angemessener Frucht vergolten hat. Es gibt allen Grund, der Vernunft Genüge zu tun. Aber nicht bei diesem Gärtner: „Herr, lass ihn noch dies Jahr“, sagt er. Früchte können unverhofft kommen. Feigenbäume gleichen im Grunde den Menschen: Es ist immer zu früh, Schlüsse zu ziehen – weder über das Schicksal noch über den Zufall. Das Wichtige ist nicht, wie es dir ergeht und was du verdient hast, sondern wer dein Gärtner ist und wie er ist.
Amen.
Jan Sievert Asmussen
Pastor in Farum
jsas@km.dk