Psalm 118,17
Ich werde leben – und du auch! | Reformationsfest | 31.10.2026 | Ps 118,17 | Peter Schuchardt |
Die Gnade unsere Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen! Amen
Liebe Schwestern und Brüder,
wenn ich die Zeitung aufschlage oder Nachrichten im Fernsehen sehe, dann habe ich oft den Eindruck: Alles geht bergab. Von überall prasseln Schreckensmeldungen und düstere Zukunftsvisionen auf mich ein. Der Krieg in der Ukraine. Die Bedrohung durch Russland. Ein amerikanischer Präsident, der unberechenbar ist und nur den eigenen Vorteil sucht. Die Klimaerwärmung. Invasive Tierarten, die Krankheiten zu uns bringe, die vorher nur in fernen Ländern die Menschen bedrohten. Die Welt ist auf einem schlimmen Weg, und es scheint immer schlimmer zu werden.
Manchmal erscheint mir das wie ein skurriler Wettbewerb: Menschen versuchen, sich mit immer dunkleren Aussagen zu übertrumpfen. Ich mache bei diesem Wettbewerb nicht mit. Denn eines fällt mir dabei auf: Alle diese Zukunftsbilder, diese vermeintlichen Beschreibungen der Welt heute sind hoffnungslos. Da ist nichts, was einen Lichtstrahl aufleuchten lässt in all dem, was nicht gut ist. Das kenne ich von manchem Krankenbesuch. Da sitzt eine Frau in ihrem Bett und klagt und klagt. Sie ist alt geworden, über 90, und nun, nach dem Oberschenkelhalsbruch und dem Krankenhausaufenthalt, sind ihre Kräfte weniger geworden. Und so sitzt sie da und klagt: „Mir geht es so schlecht. Alle lassen mich allein. Ich bin nur noch ein armer Wurm.“ Ich kann die Klagen der Frau sehr gut verstehen. Keine Krankheit ist schön, und in dem Satz: „Alle wollen älter werden, aber niemand möchte alt sein“, steckt eine tiefe Wahrheit. Denn Kranksein, alt werden bedeutet eben auch: Ich kann nicht mehr so wie früher. Ich bin verletzlich geworden und schwach. Ich bin auf Hilfe angewiesen. Das ist für viele eine fast unüberwindbare Hürde. Doch das ist bei dieser Frau nicht die ganze Wahrheit. Denn bei ihr ist die ganze Familie immer wieder da. Ihre Lage ist nicht hoffnungslos. Sie hat Hilfe. Sie hat liebe Menschen, die sich um sie kümmern. Ja, sie ist alt und schwach geworden, aber sie ist auf keinen Fall allein. Und die Menschen, die sie liebhaben, kümmern sich rührend und liebevoll um sie.
Manchmal verstellen uns das Klagen und die ganzen schlechten Nachrichten den Blick auf das, was doch auch da ist. Gute Menschen, die mir helfen. Gute Nachrichten, die von einer anderen, helleren Welt erzählen. „Lobe den Herrn, meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!“, heißt es in den Psalmen[1]. Das zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Bibel hindurch. Gott tut uns so viel Gutes. Ja, wir Menschen tun einander weh und schlimme Dinge an. Das weiß Gott, und es bekümmert ihn immer wieder. Doch Gott hört nicht auf, uns Gutes zu tun[2]. Der Reformationstag heute will uns daran erinnern. Natürlich denken wir an Martin Luther und seine berühmten 95 Thesen. Als er sie am 31. Oktober 1517 an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg anschlägt, löst Luther damit eine Bewegung aus, die die ganze Welt verändert hat – und die unser Leben bis heute prägt. Doch die Kirche beginnt nicht mit dem Jahr 1517. Die Kirche beginnt dort, wo Menschen aus tiefer Trauer, Ohnmacht und einengenden Fesseln neues Leben, neue Hoffnung und eine neue Zukunft erfahren. Die Kirche beginnt mit der Auferstehung Jesu Christi. Und sie beginnt immer wieder neu damit. Martin Luther hat diese zentrale Botschaft wieder in den Mittelpunkt der Kirche und des Lebens gestellt. Das ist der Sinn von „Reformation“, von der Erneuerung der Kirche. Als Luther diese Botschaft wieder freilegt, erneuert sich die Kirche. Und sie kann sich nur erneuern, ja, sie kann nur Kirche sein, wenn sie diese Botschaft in den Mittelpunkt stellt. Das ist der Grund, auf dem wir Christen und Christinnen leben und handeln, der Grund, auf dem das Haus der Kirche und des christlichen Glaubens steht[3]. Luther betont das immer wieder. Für ihn ist das Lesen in und Leben mit der Bibel ganz wichtig. Das ist ja seine Arbeit: Er ist Professor für Biblische Theologe, für Bibelauslegung in Wittenberg. Doch seine Arbeit ist für ihn weitaus mehr als ein Job. Denn er erlebt ja am eigenen Leib und vor allem im eigenen Herzen, wie sehr die Worte der Bibel freimachen. Für ihn sind es die Worte Gottes. Anfangs, ja da fühlt Luther sich gefangen unter der Fuchtel eines grausamen Gottes, der Forderungen an uns Menschen stellt, die nie jemand erfüllen kann. Doch dann entdeckt er beim Lesen in der Bibel: Das will Gott gar nicht. Er will kein Rackern und Schuften von uns, damit wir ihn durch unsere Leistung beeindrucken und damit seine Liebe bekommen. Gott möchte nur, dass wir ihm vertrauen, ihm unser Leben anvertrauen[4]. Und dadurch erlebt Luther es in seinem Herzen und in seiner Seele: Aus diesem Gottvertrauen wächst innerer Friede in ihm. Und Hoffnung! Und Freude! Luther sagt über diesen lebensverändernden Moment: „Hier meinte ich geradezu, ich sei wiedergeboren, die Türen hätten sich geöffnet und ich sei in das Paradies selbst eingetreten.“[5]
Dabei lebt Luther weiter in ständiger Angst. Viele Menschen hören voller Freude den neuen Predigern zu. Andere aber erklären die Protestanten für Feinde Gottes und der Kirche. Das war keine leichte Zeit damals. Luther ist immer wieder angefochten, er zweifelt, er ist enttäuscht, dass das alles nicht so toll läuft, wie er es sich erhofft hat. Gerade in den schwierigen Zeiten sucht er dann nach Trost in der Bibel. Und auch wenn er die ganze Bibel hochgeschätzt hat, so gab es doch Abschnitte und Verse, die ihn besonders angesprochen haben. Einer der schönsten Texte ist für ihn der Ps 118. Wir haben ihn ja vorhin miteinander gebetet. Denn Luther finden sich in diesen Worten wieder. „Ja, genauso ergeht es mir!“, sagt er immer wieder. Er hat ein ganzes Buch über diesen Psalm geschrieben, Das schöne Confitemini[6], das schöne Bekenntnis zu Gott, heißt es. Da sind viele Lebenserfahrungen Luthers, seine Anfechtungen, seine Angst, vor allem aber seine Zuversicht eingeflossen. Denn er erkennt ja immer wieder: Gott ist da. Er ist wirklich, wie Nelly Sachs später sagt, nur ein Gebet weit entfernt. Meine Gegner, meine Feinde, all die Menchen, die es nicht gut mit mir meinen, auch wenn sie mich umringen wie ein Bienenschwarm[7]: Gott ist da und schenkt mir Zuflucht. Menschen mögen mich zu Fall bringen, aber Gott hilft mir wieder auf[8].
Darum, so schreibt Luther: Wende dich an Gott. Sag ihm im Gebet, was du für Kummer hast, was dich bedrängt, woran du zweifelst. Denn, liebe Schwestern und Brüder, das ist ja ein Fehler, den wir Menschen immer wieder machen, so wie die Frau im Krankenhaus. Ich verkrümme mich in mich selber, ich lasse den Kopf hängen, ich kauere auf meinem Bett, meinem Stuhl, verkrieche mich in meiner Angst und schließe mich in meinen Sorgen ein. Das ist sehr menschlich. Das heißt aber auch: Ich vergesse Gott. Dabei sieht der doch mein Leid und meinen Kummer. Und er wartet doch nur darauf, dass ich ihn um Hilfe bitte. „Rufen musst du lernen!“, sagt Luther in seiner Auslegung zum Ps 118. Denn wenn du das tust, dann ändert sich alles. Dann vertraust du darauf: „Gott ist da, und auch wenn ich noch nicht weiß, wie er mir helfen kann, ich will ihm meine Angst, meine Sorgen sagen.“ Und dann, wenn du Gott um Hilfe bittest, dann wirst du erleben: Gott kann und will deine Not verändern. Denn seine Liebe kann dich verwandeln. Deine Trauer in Freude. Deine Angst in Zuversicht. Deine Furcht in Hoffnung.
„Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werke verkündigen.“[9] Gerade dieses Wort ist für Martin Luther eine tiefe Lebenserfahrung geworden. Denn er hatte ja den Tod vor Augen, nicht nur einmal. Auf dem Reichstag zu Worms 1521 hat er vor dem Kaiser nicht widerrufen. Er weiß: Das konnte für ihn das Todesurteil sein. 100 Jahre zuvor hatte man den tschechischen Reformator Jan Hus in Konstanz verbrannt. Doch Luther wird nicht getötet. Er darf leben und kann weiter an der Erneuerung der Kirche arbeiten.
„Ich werde leben!“: Wer das im Herzen spürt, der wird völlig verändert. Denn nun kommt Hoffnung in ihn und Lebensmut. Diese Freude mag mancher von euch schon erlebt haben, als ihr eine schwere Krankheit überstanden habt, liebe Schwestern und Brüder. Und ich weiß: Mancher hatte sich schon innerlich aufgegeben, hatte mit dem Leben abgeschlossen. Eine Beziehung, die in die Brüche gegangen ist. Eine tiefe Enttäuschung. Vertrauen, das böse missbraucht wurde. Viele Dinge können geschehen, die uns innerlich sterben lassen. Doch Gott will das nicht. Darum wirbt er mit seiner ganzen Liebe immer wieder um uns, unablässig. Denn unser Gott ist ein Gott des Lebens. Das ist der Kern der frohen Botschaft, die uns die Bibel erzählt. Und darum feiern wir heute genau das, die Botschaft des Lebens. Wir danken Gott für Frauen und Männer wie Martin Luther, die diese Botschaft den Menschen nahebringen wollen. Wir wissen: Er war bei aller Größe ein Mensch, der auch voller Fehler war. Luther selber hat das so empfunden. Doch wir dürfen ja leben, auch trotz aller Fehler, die wir machen, und mit denen wir uns so oft das Leben schwer machen. Darum ist der Reformationstag heute das große Hoffnungsfest für uns. Ich werde leben – und du auch!
Mit dieser Hoffnung sehen wir auch auf die Welt. Sie mag uns völlig verworren und dunkel erscheinen – sie ist es nicht. Denn Gottes große, grenzenlose, lebensverändernde Liebe findet auch durch unser menschliches Kuddelmuddel, durch all unser Versagen und unsere Schuld hindurch in unsere Herzen. Gott gibt uns, seine Menschen ja nicht auf. Und darum sollten wir unsere Welt auch nicht aufgeben. Luther würde nicht sagen, es wird alles immer schlimmer, sondern: „Das Leben ist noch nicht getan oder geschehen, es ist aber im Gang und im Schwang. Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg. Es glüht und glänzt noch nicht alles, es bessert sich aber alles.“[10] Über allen Schreckensmeldungen und dunklen Nachrichten steht doch das große Wort unseres Herrn Jesus Christus: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende!“[11] Und wenn er an unserer Seite ist, dann werden wir leben, getröstet in aller Angst, behütet in allem Stürmen, geborgen in seiner Liebe. Das dürft ihr euch heute sagen – und eurem Sitznachbarn auch: „Ich werde leben – und du auch!“ Euch allen ein gesegnetes Reformationsfest.
Amen
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen
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Liedvorschläge:
Anstelle des Tagespsalms 46 werde ich den Psalm 118 mit der Gemeinde lesen (EG 747 oder HELM 246)
EG 440 „All Morgen ist ganz frisch und neu“
EG 347 „Ach bleib mit deiner Gnade“
EG 394 „Vertraut den neuen Wegen“
HELM (Beiheft der Nordkirche Himmel, Erde, Luft und Meer) 122 „Meine engen Grenzen“
HELM 181 „Meine Hoffnung und meine Freude“
„Mein Herz ist voll“: ein neuer Text von Christoph Zehendner zur Melodie von EG 341 „Nun freut euch, lieben Christen g´mein“
Pastor Peter Schuchardt
Bredstedt
E-Mail: peter.schuchardt@kirche-nf.de
Peter Schuchardt, geb. 1966, Pastor der Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland (Nordkirche), seit 1998 Pastor an der St. Nikolai Kirche in Bredstedt/Nordfriesland (75%), seit 2001 zusätzlich Klinikseelsorger an der DIAKO NF/Riddorf (25%).
[1] Ps 103,2
[2] Mt 5,45
[3] Vgl. den Tagesspruch zum Reformationsfest 1 Kor 3,11
[4] Rö 1,17
[5] Martin Luther, Vorrede zu den „Opera latina“, Wittenberg 1545, in: WA
54,185,12ff. Übersetzung von Bernhard Lohse, Luthers Theologie in ihrer
historischen Entwicklung und in ihrem systematischen Zusammenhang, 1995, 104f.
[6] https://jochenteuffel.com/2024/07/26/martin-luther-das-schone-confitemini-auslegung-zu-psalm-118-1530-es-heist-ich-rief-den-herrn-an-rufen-must-du-lernen-das-horst-du-wohl-und-nicht-selbstversunken-dasit/
[7] Ps 118,12
[8] Ps 118,13
[9] Ps 118,17
[10] https://www.ev-kirche-rathenow.de/glaube/glaube-im-alltag
[11] Mt 28,20