Apostelgeschichte 10,1–35
3. Sonntag nach Epiphanias | 25.01.2026 | Apg 10,1–35* | Hansjörg Biener |
Interkulturelle Begegnungen sind nicht so einfach, wie es Multikulti-Feste und -Umzüge verheißen. Aber: Der Gemeinde Jesu sind sie von Anfang an aufgetragen. So jedenfalls die Bibel in unserem heutigen Predigttext. Er erzählt von der Begegnung zweier Menschen und Kulturen unter dem einen Gott. Dabei stoßen jahrhundertealte Gewohnheiten aufeinander: Auf der einen Seite Kornelius, römischer Hauptmann und „Gottesfürchtiger“ [Anführungsstriche mitsprechen], auf der anderen Seite Petrus, geborener Jude und gewordener Christ. Der Jude und der Römer hätten weiter aneinander vorbeigelebt, hätte Gott nicht das Wunder getan, dass sie als Christen zusammenfanden.
Lukas erzählt die Geschichte so ausführlich, dass ich aus Apostelgeschichte 10 nur einige Verse nehmen kann.
Kornelius – römischer Hauptmann und Gottesfürchtiger
Lernen wir zunächst den Römer kennen:
„Es war ein Mann in Cäsarea mit Namen Kornelius, ein Hauptmann der Abteilung, die die Italische genannt wurde. Der war fromm und gottesfürchtig mit seinem ganzen Haus und gab dem Volk viele Almosen und betete immer zu Gott.“ (Apg. 10,1-2)
Kornelius ist ein römischer Soldat. Aber er ist anders, als man Soldaten einer Besatzungsmacht üblicherweise erlebt: Er ist „fromm und gottesfürchtig und freigiebig“, so sehr, dass er den Respekt der Bevölkerung gewinnt. [Mir fallen die US-amerikanischen Soldaten ein, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg hungernder Kinder erbarmten. Meine Mutter und mein Schwiegervater hatten aus der Besatzungszeit auch anderes zu erzählen, aber eben auch dieses.]
Als „fromm und gottesfürchtig“ wird Kornelius beschrieben. „Gottesfürchtig“ ist ein Fachbegriff. Er bezeichnete Menschen, die dem Judentum nahestanden. Sie hatten gesehen, dass der unsichtbare Gott des Bilderverbots den Göttern der Statuen und Haine überlegen war. Sie hatten erkannt. dass seine „Einweisung ins Leben“ eine bessere Lebensgrundlage war als die griechisch-römischen Göttermythen, Opferrituale und Zukunftsorakel. Doch Gottesfürchtige hatten den letzten Schritt nicht getan. Sie waren nicht offiziell zum Judentum übergetreten. Der römische Centurio Kornelius ist einer von ihnen. Roms Soldaten kamen im Lauf ihres Lebens weit herum. Da wird Kornelius viele Kulte kennengelernt haben. Der Gott der Juden hat ihn festgehalten. Das war die erste Lektion, die Kornelius auf das Kommende vorbereitete. Lukas würde sagen, auf das vorbereitete, was Gott für ihn vorhatte. In einer Vision bekommt er den Hinweis auf den Apostel Petrus. Den soll er holen lassen.
Petrus – Jude und Christ
Und damit sind wir bei der zweiten Hauptperson der Begebenheit, die uns lehrt, wie das Christentum kulturelle Grenzen überschreitet, weil sein Gott das will. Petrus gehört zu den Säulen der Urgemeinde von Jerusalem. Neben Paulus ist Petrus im Neuen Testament ein führender Mann in der frühen Christengemeinde. Es gibt aber wichtige Unterschiede zwischen Petrus und Paulus. Anders als Paulus fühlt sich Petrus auch als Christ streng seiner jüdischen Herkunft verpflichtet. Für Paulus sind z. B. die alttestamentlichen Speisegebote zweitrangig geworden. Petrus dagegen hält sich weiter an die Speise- und Reinheitsgebote, aber daran lernt Petrus seine erste Lektion.
Bei den Vorbereitungen für eine Mahlzeit hat Petrus eine Vision: Er
„sah den Himmel aufgetan und etwas wie ein großes leinenes Tuch herabkommen, an vier Zipfeln niedergelassen auf die Erde. Darin waren allerlei vierfüßige und kriechende Tiere der Erde und Vögel des Himmels. Und es geschah eine Stimme zu ihm: Steh auf Petrus, schlachte und iß.“ (Apg. 10,11-13)
Offenbar sind da auch Tiere dabei, die Petrus sonst nicht isst. Ich kann mir sein Entsetzen vorstellen, wenn ich vergleiche, ich müsste Insekten essen. In vielen Ländern der Welt gehören Insekten selbstverständlich zum Speiseplan. In Europa ist das anders. In der EU ist der Verkauf von Insekten als Lebensmittel erst seit 2021 zugelassen. Bei Petrus geht es nicht nur um eine eklige Vorstellung, sondern sogar um den Bruch religiöser Gebote:
„Petrus aber sprach: o nein, Herr; denn ich habe noch nie etwas Verbotenes und Unreines gegessen. Und die Stimme sprach zum zweiten Mal zu ihm: Was Gott rein gemacht hat, das nenne du nicht verboten. Und das geschah dreimal; und alsbald wurde das Tuch wieder hinaufgenommen gen Himmel.“ (Apg. 10,14-16)
Verständlicherweise ist Petrus „irritiert“.
Eine unerwartete Reise
Noch während Petrus nachsinnt, beginnt die Auflösung des Rätsels. Die Boten des Kornelius sind da. Sie loben Kornelius in den höchsten Tönen und bitten Petrus zu kommen:
„Der Hauptmann Kornelius, ein gerechter und gottesfürchtiger Mann mit gutem Ruf bei dem ganzen Volk der Juden, hat einen Befehl empfangen von einem heiligen Engel, dass er dich sollte holen lassen in sein Haus und hören, was du zu sagen hast.“ (Apg. 10,22-23)
Petrus folgt der Einladung des römischen Hauptmanns. So können das Lernen im Kopf und das Lernen in der Tat zusammenkommen.
Zwischen Joppe und Caesarea sind es 50 km. Ein langer Weg, viel Zeit zum Nachdenken. Z. B. über Folgendes: Kornelius ist Römer und Soldat. So fromm er auch sein mag, – er ist trotzdem Teil der Besatzungsmacht. Ein Teil der jüdischen Bevölkerung leistete passiven Widerstand. Man mied die Römer, so gut es ging. Ein anderer, kleinerer Teil der jüdischen Bevölkerung war im militärischen Untergrund. Aber noch mehr. Nicht nur die Politik steht zwischen Petrus und Kornelius. Auch die Religion, die Juden den Umgang mit anderen als ihresgleichen unmöglich machte. Die Fremden waren unrein, unheilig, weil nicht zum Gott Israels gehörend. Darum war jeder Jude, der mit Römern Umgang hatte, eine Zeitlang unrein. Petrus, eben noch derselben Meinung, erwandert sich das, was er in der Vision im Bewusstsein erlernt hat. Petrus „weiß“, dass Kornelius im jüdischen Sinn fromm ist. Gott hat Kornelius vorbereitet – rein gemacht bzw. für rein erklärt. Nun muss das „Wissen“ aus dem Kopf auch zur Anwendung kommen.
Menschliche und göttliche Erwartungen
„Kornelius aber wartete auf sie und hatte seine Verwandten und nächsten Freunde zusammengerufen. Und als Petrus hereinkam, ging ihm Kornelius entgegen und fiel ihm zu Füßen und betete ihn an.“ (Apg. 10,24b-25)
Welch verkehrte Welt. Nicht der unterworfene Jude unterwirft sich, sondern der Hauptmann der römischen Besatzungsmacht. Kornelius richtet große Erwartungen auf den Apostel, die Petrus offenbar als übermenschlich empfindet.
„Petrus aber richtete ihn auf und sprach: Steh auf, ich bin auch nur ein Mensch.“ (Apg. 10,26)
Dabei ist Petrus selber noch am Lernen:
„Und er sprach zu ihnen: Ihr wißt, daß es einem jüdischen Mann nicht erlaubt ist, mit einem Fremden umzugehen oder zu ihm zu kommen; aber Gott hat mir gezeigt, daß ich keinen Menschen meiden oder unrein nennen soll. Darum habe ich mich nicht geweigert zu kommen, als ich geholt wurde.“ (Apg. 10,28)
Keinen Menschen unrein nennen – das ist vielleicht ein bisschen mehr gesagt, als die Vision hergibt. Da ging es ja nicht um den Nährwert von Tieren, die man bisher nicht essen durfte. Was Petrus aber gelernt hat: In besonderen Situationen kann es auch besondere Aufträge von Gott geben. Aus dem „Was Gott rein gemacht“ der Vision ist jetzt „Wen Gott rein gemacht hat, den meide nicht.“ geworden.
„Nun erfahre ich in Wahrheit, daß Gott die Person nicht ansieht; sondern in jedem Volk, wer ihn fürchtet und recht tut, der ist ihm angenehm.“ (Apg. 10,34)
Das ist eine bemerkenswerte Aussage, denn Kornelius ist weder richtiger Jude noch schon Christ. Er ist bisher „nur“ ein Gottesfürchtiger. Das Minimum der göttlichen Forderung sind nach diesem Bibelvers also (1) der Glaube an den einen Gott und (2) eine fromme Lebensführung. Wir werden dem noch nachzudenken haben. Bleiben wir aber zunächst bei der Apostelgeschichte, wo Gott Petrus und Kornelius zusammengeführt hat.
Interkultureller Austausch unter dem Vorzeichen Gottes
Und so tauschen die beiden aus, was sie haben: Kornelius berichtet von der religiösen Suche und der Vision, die er gehabt hat. Petrus erzählt von seiner Vision und seinem Glauben. Er erinnert an das Leben und Sterben Jesu:
„Ihr wißt, was in ganz Judäa geschehen ist, angefangen von Galiläa nach der Taufe, die Johannes predigte, wie Gott Jesus von Nazareth gesalbt hat mit heiligem Geist und Kraft; der ist umhergezogen und hat Gutes getan und alle gesund gemacht. (…) Den haben sie an das Holz gehängt und getötet. Den hat Gott auferweckt am dritten Tag und hat ihn erscheinen lassen. (…) Und er hat uns geboten, dem Volk zu predigen und zu bezeigen, daß er von Gott bestimmt ist zum Richter der Lebenden und der Toten. Von diesem bezeugen alle Propheten, daß durch seinen Namen alle, die an ihn glauben, Vergebung der Sünden empfangen.“ (Apg. 10,37-43 in Auswahl)
Das ist sicher nicht alles, was Petrus zu sagen hatte. Man darf davon ausgehen, dass in dieser Situation nicht nur gepredigt wird. Es wird sicher auch erklärt und nachgefragt, nachgefragt und erklärt. An einer Stelle muss es nach meinem Gefühl Kornelius ins Herz gestochen haben: „Den haben sie getötet.“ Das „sie“ waren römische Soldaten, und Kornelius ist römischer Soldat. Das „sie“ ist für Kornelius auch ein „wir“, selbst wenn er nicht dabei war. Und Kornelius wusste, welch grausame Strafe die Kreuzigung war. Ihr einziger Sinn bestand darin, einen Menschen grausam zu Tode zu bringen und alle, die das sahen, einzuschüchtern. Die Christen haben dem Kreuzestod Jesu eine andere Bedeutung abgerungen. Nicht einfach so, sondern bewegt durch die Botschaft der Auferstehung. Die Idee des Opfers war damals allgemein verständlich. Weder Juden noch Heiden näherten sich ihrem Gott ohne Sündenbewusstsein und ohne ein Opfer zur Besänftigung. In diesem Sinn verstanden die Christen Jesu Tod als das letzte Opfer, „daß alle, die daran glauben, Vergebung der Sünden empfangen“.
Am Ende lassen sich Kornelius und sein ganzes Haus taufen. Sie waren „Gottesfürchtige“, doch den letzten Schritt zum Judentum konnten sie nicht tun. Durch die Taufe werden sie nun in ein erweitertes Gottesvolk eingegliedert. Es nahm seinen Anfang beim Judentum und den Judenchristen und hat sein Ende auch bei uns, den Heidenchristen. Die Wege des Kornelius und des Petrus haben sich damals wieder getrennt. Jeder musste sein Christentum an je seinem eigenen Ort bewähren. Sie waren nicht gleichförmig geworden, wohl aber hatten sie gelernt, dass sie trotz verschiedener religiöser und kultureller Herkunft unter einem Gott zusammengehörten.
Lernherausforderungen für heute
Die Christen, die uns diese Geschichte aus der frühchristlichen Gemeinde überliefert haben, muten uns dieselbe Lernaufgabe zu, wie sie Petrus erlebt hat. Lukas erinnert uns an etwas, was man in den Köpfen vielleicht schon begriffen hat:
„daß Gott die Person nicht ansieht; sondern in jedem Volk, wer ihn fürchtet und recht tut, der ist ihm angenehm.“ (Apg. 10,34)
Und doch gibt es in unseren Köpfen und unserem Handeln manche Schranken.
Da Petrus seine Lektion zuerst an den Speisen lernte, will ich zuerst daran erinnern, dass unterschiedliche Essgewohnheiten trennen konnten und heute nicht mehr trennen. Denken wir zunächst an Schimpfworte wie „Krauts“ für die Deutschen und „Froschfresser“ für Franzosen, den „Kümmeltürken“ oder „Spaghettifresser“. Heutzutage gehören Pizza und Spaghetti aglio olio, Gyros und Döner zum Alltag. Und man geht zum Chinesen oder Thailänder und wird auch noch die syrische und afghanische Küche kosten. So erfahren wir schon im Alltag, wie es nicht mehr darum geht, was jemand isst. Der nächste Schritt: „In jedem Volk: wer Gott fürchtet und recht tut, der ist ihm angenehm“ (Apg. 10,34) und sollte es auch uns sein.
Die Schranke der Verschiedenheit von Kulturen und Gewohnheiten ist am sichtbarsten bei der Begegnung unter Völkern, aber auch spürbar, wenn man als „Preuße“ nach Bayern kommt, als „Ossi“ in den Westen oder umgekehrt, wenn man in Russland Deutscher war und nun in Deutschland „Russe“ ist. Trotzdem ist es für eine Hochzeit heute nicht mehr so wichtig, ob jemand in Kiel oder München, Aachen oder Frankfurt (Oder) geboren ist und haben sich in Deutschland längst internationale Familien gebildet. So erfahren wir schon im Alltag, wie es nicht mehr darum geht, wo jemand herkommt. Der nächste Schritt: „In jedem Volk: wer Gott fürchtet und recht tut, der ist ihm angenehm“ (Apg. 10,34) und sollte es auch uns sein.
Beispiele für heute nicht mehr so verständliche Grenzziehungen finden wir auch im eigenen christlichen Haus. Früher wurde der Unterschied zwischen Katholisch und Evangelisch hoch gehängt, und manches kann man auch begründen. Aber: So wie sich Essgewohnheiten angenähert haben und Nordlichter und Süddeutsche, ist es auch mit den konfessionellen Unterschieden geworden. Sie sind manchmal spürbar, aber nicht mehr ganz so Menschen-trennend, wie noch zum Beispiel in der Nachkriegszeit. So haben wir auch kirchlich gelernt, dass es nicht darum geht, wie jemand die Hände faltet, „sondern in jedem Volk: wer Gott fürchtet und recht tut, der ist ihm angenehm“ (Apg. 10,34) und sollte es auch uns sein.
[Ob man in dieser Logik auch eine interreligiöse Ökumene von Christentum, Judentum und Islam denken soll, ist in den Kirchen umstritten. Man kann den zuletzt zitierten Bibelvers in diese Richtung auslegen. Andererseits läuft die interreligiöse Begegnung im Predigttext auf die Taufe hinaus. Ich werde also nur Folgendes sagen: Ob Jude, Christ, Muslim oder Christ, Menschen, denen es wirklich um ein religiöses Leben geht, werden stets um ihre Grenzen wissen und darin Bescheidenheit für den Umgang mit anderen Gläubigen lernen. „Fundamentalismus“, der es immer noch besser weiß, gedeiht nur bei Menschen, die sich an ihrer eigenen Frömmigkeit noch zu wenig abgearbeitet haben. Wer andere mit seinem Glauben das Fürchten lehrt, ist nicht nur bei Menschen unangenehm, sondern bei Gott auch. Unser Predigttext lässt uns in andere Richtungen denken: „In jedem Volk: wer Gott fürchtet und recht tut, der ist ihm angenehm“ (Apg. 10,34).]
Der Judenchrist Petrus überschritt seine Grenzen und teilte von seinem Glauben; der Mann aus dem römischen Heidentum fand das Ziel seiner religiösen Suche und trat über zum Christentum. Viele Schranken, die Menschen trennen, sind weithin ähnlich wie in jener Geschichte; der Gott, der uns an die Hand nimmt und unsere persönlichen Schranken durchbricht, der ist freilich auch derselbe.
Amen.
Dr. Hansjörg Biener (*1961) ist Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und als Religionslehrer an der Wilhelm-Löhe-Schule in Nürnberg tätig. Außerdem ist er außerplanmäßiger Professor für Religionspädagogik und Didaktik des evangelischen Religionsunterrichts an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. (Hansjoerg.Biener (at) fau.de)
Literaturschau
Die Exegeten sind sich einig, dass das Kapitel wesentlich von Lukas gestaltet worden ist. Wie viel historische Erinnerung bzw. wie viel vorgegebenes Gut ist, ist dagegen umstritten.
So konstatiert Weiser, Alfons: Die Apostelgeschichte. Kapitel 1-12, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus / Würzburg: Echter, 1981 (Ökumenischer Taschenbuch-Kommentar zum Neuen Testament, Band 5/1), S. 253: „Es gilt in der Forschung als allgemein anerkannt, daß Lukas eine ältere Überlieferung aufgenommen und bearbeitet hat. Umstritten sind indes der Umfang und die inhaltliche Akzentuierung der luk Bearbeitung.“
Kurz nur Mussner, Franz: Apostelgeschichte, Würzburg: Echter, 1984 (Die neue Echter Bibel: Kommentar zum Neuen Testament, Band 5), S. 62: „Lk fand wohl zudem in seinem Traditionsmaterial auch eine Erzählung über die Bekehrung eines heidnischen Hauptmanns Kornelius in Cäsarea durch Petrus auf göttlichen Antrieb hin.“
„Optimistischer“ im Urteil Roloff, Jürgen: Die Apostelgeschichte, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2. Auflage 1988 (Das Neue Testament Deutsch, Band 5), S. 165-166: „Die Erzählung war ursprünglich eine judenchristliche Missionslegende, die anhand einer fundamentalen Erfahrung des Petrus für eine Mission an den ‚Gottesfürchtigen‘ und ihre volle Integration in die Gemeinde ohne Beschneidung eintrat. Anscheinend war beides im Entstehungsmilieu der Erzählung noch kontrovers. Ein streng nomistisch-judenchristlicher Standpunkt soll hier unter Verweis auf Petrus und die ihm von Gott aufgenötigte Einsicht aufgebrochen werden zugunsten eines Kirchenverständnisses, das die Grenze des Heils nicht mit der Grenze des beschnittenen, gesetzestreuen Israel in eins setzt. Wenn so die Autorität des Petrus zur Legitimation dieses innerhalb des palästinischen Judenchristentums umstrittenen Standpunkts herangezogen wurde, muß dies aber einen konkreten geschichtlichen Hintergrund gehabt haben. So dürften zumindest die Grundzüge der Erzählung historisch sein: Petrus wird auf einer seiner Reisen, die der Mission unter Israel dienten, tatsächlich eine Begegnung mit einem Gottesfürchtigen gehabt haben, die zu dessen Taufe führte, und er wird sich zur Rechtfertigung dieses Schrittes tatsächlich auf die Vision V. 9-16 berufen haben. Gerade sie dürfte zum festen Grundbestand der Erzählung gehören; alle Versuche, sie als ursprünglich eigenständiges Traditionsstück zu erklären, blieben letztlich ohne Überzeugungskraft. Auch die Lokalisierung des Vorgangs in Cäsarea dürfte historisch zuverlässig sein.“
Aus Haacker, Klaus: Die Apostelgeschichte (Theologischer Kommentar zum Neuen Testament, Band 5), Stuttgart: Kohlhammer, 2019, noch zwei Erläuterungen:
- 185-186: „Der Rang eines Centurio war der höchste, den man als bloßer Berufssoldat erreichen konnte; denn der nächsthöhere Rang des Militärtribuns war schon eine Stufe in einer politischen Laufbahn. Es gab zwei ‚italische‘ Kohorten, deren Mitglieder aus Freigelassenen rekrutiert waren. In Kommentaren wird oft darauf hingewiesen, dass die Anwesenheit einer dieser beiden Kohorten in Judäa für die hier in Frage kommende Zeit weder literarisch noch durch Inschriften bestätigt wird. Angesichts der geringen Anzahl überhaupt erhaltener Erwähnungen dieser beiden Kohorten ist das jedoch kein Argument gegen die Zuverlässigkeit der vorliegenden Angabe.“
- 187: „Kornelius hat sich also Merkmale jüdischer Frömmigkeit zu eigen gemacht, ohne zum Judentum überzutreten. Letzteres hätte seine Entlassung zur Folge gehabt, weil Juden mit Rücksicht auf ihre Religion (Sabbatheiligung, Speisegebote usw.) für den römischen Militärdienst ungeeignet waren.“