Apostelgeschichte 10,21-35
3. Sonntag nach Epiphanias | 25.1. 2026 | Apg. 10,21-35 | Stephan Lorenz |
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.
Träume haben uns Menschen immer schon fasziniert. Hippokrates (450-370v.Chr) zeichnete die Träume seiner Patienten auf, denn der Traum gäbe Auskunft über körperliche Mängel. Im Asklepioskult wurden Menschen durch von Apoll geschickten Traumbildern geheilt. Für Freud ist der Traum der ‚Königsweg‘ ins Unbewusste. Heute versucht man im Schlaflabor dem Traum wissenschaftlich auf die Spur zu kommen. Es gibt unzählige populäre Schriften, die Deutungen von Traumbildern anbieten. Auch in unserer jüdisch-christlichen Religion spielen Träume eine große Rolle. Die Träume Pharaos, von Josef gedeutet, seien hier genannt. Auch Petrus hat ein Traumbild. Er ‚sieht‘ viele vierfüßige, kriechende Tiere und hört eine Stimme sagen: Schlachte und iss! Seine fast schon entrüstete Antwort: Ich habe niemals Speise gegessen, die unrein oder trehf (nicht kosher) war! Petrus ist verwirrt. Wie die Traumvision verstehen? Da bekommt er Besuch von ein paar Leuten, Gesandten eines römischen Offiziers. In dieser Begegnung wird ihm sein Traum klar.
Petrus geht zu den Männern und sagt: „Siehe ich bin der, den ihr sucht. Aus welchem Grund seid ihr gekommen?“ Sie sagen: „Kornelius, ein Hauptmann, ein gerechter und gottesfürchtiger Mann mit gutem Ruf beim ganzen Volk der Juden, hat von einem heiligen Engel Weisung erhalten, dich in sein Haus zu holen und zu hören, was du zu sagen hast.“ Er bittet sie hinein und nimmt sie als Gäste auf. Am nächsten Tag steht er auf, geht mit ihnen fort, einige der Brüder aus Joppe begleiten ihm. Als er in Cäsarea ankommt, hat Kornelius seine Verwandten und engsten Freunde zusammengerufen, er erwartet sie. Als Petrus hereinkommt, geht Kornelius ihm entgegen, fällt ihm zu Füßen und betet ihn an. Petrus richtet ihn auf und sagt: „Steh auf, auch ich selbst bin ein Mensch.“ Und während er sich mit ihm unterhält, geht er hinein und findet viele, die zusammengekommen sind. Er spricht zu ihnen: „Ihr wisst, wie unerlaubt es für einen jüdischen Mann ist, sich einem Fremden eng anzuschließen oder zu ihm zu kommen; mir aber hat Gott gezeigt, keinen Menschen profan oder unrein zu nennen, weshalb ich auch ohne Widerspruch gekommen bin, als nach mir geschickt wurde. Ich frage nun: Aus welchem Grund habt ihr mich kommen lassen? Kornelius spricht: „Vor vier Tagen war ich zu dieser, der neunten Stunde beim Gebet in meinem Haus; und siehe, ein Mann trat vor mich in leuchtendem Gewand und sagt: „Kornelius, dein Gebet ist erhört und deiner Almosen ist gedacht worden vor Gott. Schicke nach Joppe und lass Simon herrufen, der Petrus genannt wird; dieser ist zu Gast im Hause Simons, eines Gerbers, am Meer. Da habe ich sofort zu dir geschickt, und du hast gut daran getan, zu kommen. Nun sind wir also alle hier, vor Gott, um alles zu hören, was dir vom Herrn aufgetragen ist. Petrus öffnet den Mund und sagt: In Wahrheit begreife ich, dass Gott nicht die Person ansieht, sondern in jedem Volk ist ihm angenehm, wer ihn fürchtet und Gerechtigkeit übt.
Die Geschichte erzählt, dass noch während Petrus von Jesus erzählt eine zweites Pfingstwunder passiert. Der Heilige Geist kommt über alle. Die anwesenden Gojim (Nichtjuden) werden getauft. Zurück in Jerusalem muss sich Petrus deswegen rechtfertigen. Am Ende jedoch heißt es: Wenn nun Gott ihnen (den Gojim) dieselbe Gabe schenkt, die er uns gibt, nachdem wir unser Vertrauen auf den Herrn Jeshua, den Messias, gesetzt haben, wer bin ich, mich Gott in den Weg zu stellen? Als sie seine Erzählung hören, geben sie nach und fangen an, Gott zu loben. Das bedeutet, dass Gott auch Gojim befähigt, Teshuwa[1] (Umkehr, Buße) zu tun und das Leben zu haben. (11,17.18)[2]
Wer gehört dazu? Wer nicht? Woran macht sich das fest?
Anfangs steht das für Petrus fest: jüdische Menschen! „Dann befahl er uns, dem jüdischen Volk zu verkünden und zu bezeugen, dass dieser Mann von Gott gesalbt wurde, zu richten die Lebendigen und die Toten.“ (10,42) So ist auch seine Aussage zu verstehen „Ihr wisst, wie unerlaubt es für einen jüdischen Mann ist, sich einem Fremden eng anzuschließen oder zu ihm zu kommen…“
Aber es gibt Hörer wie Kornelius, ein φοβούμενος τὸν θεόν, ein Gottesfürchtiger, der die jüdische Lebensweise übernimmt und am jüdischen Leben, wie dem Shabbat, teilnimmt. Der Monotheismus und die hochstehende jüdische Ethik machen den jüdischen Glauben für ihn attraktiv. Aber Leute wie er stehen in der Synagoge gleichsam in der ‚zweiten Reihe‘ als mehr oder weniger gern gesehene Sympathisanten, deren Geld und Verbindung in die heidnische Gesellschaft und Administration hilfreich sein konnten.
Die Traumvision des Petrus verändert die Geschichte: „mir aber hat Gott gezeigt, keinen Menschen profan oder unrein zu nennen, weshalb ich auch ohne Widerspruch gekommen bin, als nach mir geschickt wurde.“ So entwickelt sich – nicht ohne Konflikte – eine Gruppe in und neben der Synagoge, in der Menschen wie Kornelius nicht mehr in der zweiten Reihe stehen. Eine Gruppe mit hybriden Identitäten, in der ein Jude jüdisch bleiben kann und ein ‚Heide‘ ganz dazugehört, ohne sich beschneiden zu müssen. Denn, hier weht ein anderer Geist. Ein grenzüberschreitender, neuer, Juden und Gojim integrierender Geist. „Hier gibt es nicht Jude oder Grieche, hier gibt es nicht versklavt oder frei, hier gibt es nicht männlich und weiblich…“ (Gal 3,28), erinnert Paulus die Christen in Galatien. Und den Korinther schreibt er ins Stammbuch: Wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft, wir seien Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, und sind alle mit einem Geist getränkt. (1.Kor. 12,13) So kommen Menschen wie Kornelius in die Gruppe der Juden, die in Jesus ihren Messias gefunden haben, als Gleichberechtigte zu Israels Gott. Was diese neue Gruppe gründet, spricht Petrus aus: In Wahrheit begreife ich, dass Gott nicht die Person ansieht, sondern in jedem Volk ist ihm angenehm, wer ihn fürchtet und Gerechtigkeit übt. Paulus erklärt es der römischen Gemeinde gegenüber so: Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. (Röm 8,14)
Träume, Visionen haben für unsere Identität, unser Verstehen und Handeln eine enorme Bedeutung. I have a dream that my four little children will one day live in a nation where they will not be judged by the color of their skin but by the content of their character … I have a dream ruft Martin Luther King 1963 beim Marsch auf Washington für Arbeit und Freiheit etwa 250000 Menschen zu. Als ich 20 Jahre nach seiner Rede im Anschluss an mein Vikariat für eine Zeit lang als Stipendiat des lutherischen Weltbundes in Atlanta lebte, gab es genau zwei Gemeinden, eine reformierte und eine lutherische, in denen schwarze und weiße Menschen zusammenkamen, um Gottesdienste zu feiern und gemeinsam lebten. Ist Martin Luther Kings’ Traum ausgeträumt?
Im August 2015, mitten in der Flüchtlingskrise sagt Bundeskanzlerin
Merkel: Ich sage ganz einfach: Deutschland ist ein starkes Land. Das Motiv, mit dem wir an diese Dinge herangehen, muss sein: Wir haben so vieles geschafft – wir schaffen das! Wir schaffen das, und dort, wo uns etwas im Wege steht, muss es überwunden werden, muss daran gearbeitet werden. Die Traumvision einer Willkommenskultur, für die sie heute viel Kritik einstecken muss, obwohl der BDA-Präsident Ingo Kramer 2018 feststellte: Überraschend schnell hätten viele Flüchtlinge (ca. 400.000) in Deutschland einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz erhalten. Die meisten jungen Migranten könnten nach einem Jahr Unterricht so gut Deutsch, dass sie dem Berufsschulunterricht folgen könnten, und die große Mehrheit der erwerbstätigen Flüchtlinge arbeite in sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung.
Der Wind hat sich gedreht. Heute weht ein anderer Geist durch unsere Gesellschaften. Fake News, Verschwörungsvisionen, die ein diffuses Gefühl der Angst und Fremdartigkeit bedienen, beherrschen den Diskurs. Der Kanzler phantasiert von einem Problem mit dem Stadtbild, um absurde Reinheitsphantasien zu bedienen: „Ich sehe zum Teil in den Innenstädten, in denen ich mich bewege, nur noch vereinzelt Deutsche. Das kann nicht Ziel unserer Politik sein.“ (Jörg Meuthen, AfD) „Und deswegen – so Merz weiter – ist der Bundesinnenminister ja auch dabei, jetzt in sehr großem Umfang auch Rückführungen zu ermöglichen und durchzuführen.“
Es gibt solche und solche Träume und Visionen für unsere Gesellschaft, unsere Kirchen, uns selbst. Es liegt an uns, welchen Geist wir wehen lassen: In Wahrheit begreife ich, dass Gott nicht die Person ansieht, sondern in jedem Volk ist ihm angenehm, wer ihn fürchtet und Gerechtigkeit übt. Ehrfurcht vor Gottes Schöpfung und Gerechtigkeit üben, das könnte doch eine Maxime unseres Verstehens und Handelns in unseren Gemeinden und unserem gesellschaftlichen Umfeld sein.
Und Gottes Heiliger Geist befestige diese Worte in euren Herzen, damit ihr das nicht nur hört, sondern auch im Alltag erfahrt, auf dass euer Glaube zunehme und ihr selig werdet, durch Jesum Christum unseren Herrn. Amen
Confiteor:
Gott neige deine Ohren und erhöre uns … so lesen wir im Psalm des heutigen 3. Sonntages nach dem Epiphaniasfest. Wer von uns hat nicht schon so gebetet? Und oft ist es so gewesen, dass wir den Eindruck hatten: Gott schweigt zu unserem Bitten, Flehen, Klagen.
Unser Gottesdienst soll uns helfen, nicht nachzulassen im Bitten und Vertrauen auf Gott. Nicht alle unsere Wünsche erfüllt Gott, aber alle seine Verheißungen, ermuntert uns Bonhoeffer. So bitten wir: Erbarm dich unser, Gott, nimm alles hin, was uns beschwert und unser Leben so unerträglich macht. Lass uns diesen Gottesdienst mit einem unbeschwerten und fröhlichen Herzen feiern durch Christum, unseren Herrn. Amen. Gottes Antwort auf unser Beten ist: Gott erbarmt sich, ist in Christus selbst Menschen geworden und lebte ein Leben wie wir, bis zum Tod am Kreuz. Wer von seinem Geist bewegt wird, ist Gottes Kind. Wer diesem Gott vertrauen kann, wird auch selig werden. Das verleihe Gott uns allen. Amen.
Kollektengebet
Gott, tröste uns in unseren Fragen und Sorgen, sei uns gnädig und höre unser Gebet: Du rufst alle Menschen in Deine Gemeinschaft Du willst, dass allen Menschen geholfen wird, wir bitten Dich. Gib, dass Dein Wort überall gehört wird, dass alle Deine gute, freimachende, Lebensraum schaffende Botschaft hören können und so alle Menschen Dir am Ende danken können. Das bitten wir durch Jesus Christus, der mit Dir und dem Heiligen Geist uns Kraft gibt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen
Fürbitte
P: Gott, du bist Licht und Leben. Bringst Hoffnung und Frieden. Höre uns.
A: Gott, in vielen Ländern leiden die Menschen, suchen Schutz vor Drohnen, Artilleriegranaten, frieren im Dunkeln, hungern und trauern um ihre Toten. Du bringst Leben, stärke uns, damit auch wir heilen und trösten, wo wir es können. Höre uns. Wir rufen: Kyrie eleison
B: Gott der Armen, in der Kälte leiden die Schwachen, frieren ohne Obdach, suchen nach Essbaren, verlieren die Hoffnung. Du bringst Leben, stärke uns, damit auch wir helfen und ermutigen, wo wir es können. Höre uns. Wir rufen: Kyrie eleison
C: Gott des Friedens, überall hoffen Menschen auf deine Gnade, leben mit den Wunden der Vergangenheit, reichen die Hände zur Versöhnung, bauen Brücken. Du bringst Leben, stärke uns, damit auch wir die Hände reichen und Brücken bauen, wo wir es können. Höre uns. Wir rufen: Kyrie eleison
P: Gott, verwandle uns. Dein Geist mache uns zu Menschen des Friedens durch Jesus Christus. Er ist das Licht in unserer Dunkelheit und unsere Hoffnung – heute und alle Tage. Amen. Laudate omnes gentes
Vater unser
Lieder:
293 Lobt Gott den Herrn ihr Heiden all
70 Wie schön leuchtet der Morgenstern
67 Herr Christ der einig Gotts Sohn
73 Auf Seele, auf und säume nicht
71 O König der Ehre
68 Lieber Herr Jesu Christ
[1] Das Prinzip der Teschuwa finden wir beim Propheten Jechezkel: Der Sünder aber, der ablässt von allen seinen Sünden, die er beging, und alle meine Satzungen beachtet und tut, was gerecht und richtig ist, der lebt und stirbt nicht (18, 21-23). Jüdische Allgemeine vom 18.12. 2012
[2] Übersetzung Das jüdische Neue Testament, David H. Stern
Stephan Lorenz