Apostelgeschichte 10,21-35
Gottes Liebe überwindet alle Grenzen | 3.S.n.Ep. | 25.01.2026 | Apg 10,21-35 | Peter Schuchardt |
(Vorbemerkung: Ich schlage vor, den Predigttext (kursiv) von einem 2. Leser/ einer 2. Leserin lesen zu lassen)
Predigt
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes, und die Gemeinschaft des Hl. Geistes sei mit euch allen! Amen
Liebe Schwestern und Brüder,
das Christentum ist die größte Religionsgemeinschaft auf der Erde. Fast 2,7 Milliarden Menschen bekennen sich zum christlichen Glauben.[1] Und das wirklich auf der ganzen Welt, auf allen Erdteilen, in allen Ländern. Es gibt Regionen, in denen war das Christentum jahrhundertelang die prägende Kraft in Kultur und Gesellschaft, etwa bei uns in Europa. Manchmal kann man ja zurzeit den Eindruck kriegen, wir sind nur noch eine verschwindende Minderheit in unserem Land. Natürlich gehen die Mitgliedszahlen der Kirchen in Deutschland zurück, und doch: auch in Deutschland sind es 44 Millionen Christinnen und Christen.[2] Es gibt keine andere Gemeinschaft, die so viele Menschen mit einer Idee, mit einem Thema vereint. Und wir sind auch in unserem Land immer noch eine starke, eine bedeutende Gruppe. Wenn man uns als Minderheit bezeichnet und damit nicht mehr richtig ernst nimmt, was sollen dann die wirklichen Minderheiten sagen?
Weltweit wächst das Christentum in den Ländern südlich der Sahara und in Mittel- und Südamerika. Doch auch in Deutschland und Europa zeigt sich ein interessanter Trend: Jugendliche aus der Generation Z (das sind die, die heute 16-30 Jahre alt sind) interessieren sich mehr und mehr für den christlichen Glauben.[3] Gerade in dieser Generation gibt es ein wachsendes Bedürfnis nach Gemeinschaft und nach Sinn – und das finden sie im Glauben.
Dabei sind die Anfänge des Christentums sehr bescheiden und klein. Ja, Jesus hatte durch seine Predigten, durch sein Auftreten, durch seine Lebenshaltung viele Menschen beeindruckt. Immer wieder lesen wir im Neuen Testament, dass die Menschen über ihn staunten und sich wunderten.[4] Jesus heilte Aussätzige.[5] Er sprach allein mit Frauen – undenkbar damals.[6] Er segnete die Kinder.[7] Er aß mit Zöllnern und Sündern. Er öffnete mit all dem die Gemeinschaft mit Gott ganz weit. „Ihr gehört dazu!“, das zeigte Jesus mit all dem. „Ihr gehört auch zu Gott.“ Bei dem, was Jesus tat und sagte, kam aber immer wieder die Frage auf: „Stimmt das denn? Wem gilt Gottes Liebe? Wer gehört zu ihm?“ Und Jesus hatte immer wieder Streit mit anderen, die sagten: „Jesus, was du tust, ist nicht richtig! Die Sünder müssen erst ihren Fehler gut machen, dann dürfen sie zu Gott kommen.“ Jesus sah das ganz anders. Doch dann kam der Karfreitag. Jesus wurde hingerichtet. Seine Jünger flohen aus Angst und Panik. Alles schien aus und vorbei zu sein. Aber es war nicht vorbei. Jesus ist auferstanden am Ostermorgen. Und er schickte seine Jünger und Jüngerinnen hinaus in die Welt, um die Gute Nachricht, das Evangelium zu verkünden. Aber die Jünger sprachen zuerst und vor allem mit den Menschen jüdischen Glaubens. Denn Jesus war ja selbst als Jude aufgewachsen, und so verstanden die Jünger auch ihre Aufgabe: Wir verkündigen Jesus als Messias, als Heiland des jüdischen Volkes. Ganz praktisch sah das so aus, dass die Jünger wie Paulus, wenn sie in eine neue Stadt kamen, zuerst in die Synagoge gingen, ins Gebetshaus der jüdischen Gemeinde. Und das war auch richtig so. Aber Jesus ist doch Gottes Sohn, der Heiland der ganzen Welt. So singen es die Engel auf den Feldern von Bethlehem, so hat Jesus sich auch denen zugewandt, die nicht zum jüdischen Volk gehören. Es brauchte einiges an Zeit, bis die Jüngerinnen und Jünger das verstanden: Wenn wir Gottes grenzenlose Liebe verkündigen, dann dürfen wir selbst auch keine Grenze setzen. Dann sind wir in die ganze Welt gesandt, ohne Wenn und Aber. Wir sollten aus unserer Sicht heute den Jüngern keinen Vorwurf machen, dass sie diese Zeit brauchten, liebe Schwestern und Brüder. Denn nichts im Leben ist so schwer wie eine wirkliche Veränderung. Und diese Veränderung, über das jüdische Volk hinaus allen Menschen, allen Völkern auf der Erde die Gute Nachricht zu verkündigen, das ist wirklich ein völlig anderer Blick. Die Apostelgeschichte erzählt uns davon, wie diese Veränderung allmählich heranreift und dann mit einem Mal da ist. Es beginnt in der Stadt Cäsarea[8] – übersetzt kann man sagen: in der Kaiserstadt – mit dem römischen Hauptmann Kornelius. Der ist mit den römischen Göttern großgeworden, er weiß auch, dass die römischen Cäsaren als Gott verehrt werden wollten. Doch er hat den faszinierenden Glauben der Juden kennengelernt und folgt nun Gott und den Geboten. Eines Tages schickt Gott einen Engel zu Kornelius. Das allein ist schon ein Wunder. Zu diesem römischen, früher sagte man: heidnischen Hauptmann kommt ein Bote Gottes. Der sagt ihm: „Hol Simon Petrus zu dir.“ Kornelius ist erstaunt über diese Aufforderung, er kennt keinen Simon Petrus, doch er hört auf Gott und schickt drei Boten los, um diesen Petrus zu holen. Der ist in der Stadt Joppe und hat einen merkwürdigen Traum: Gott zeigt ihm in einem Tuch alle möglichen Tiere, Raubtiere, Vögel, Kriechtiere und mehr. Im Traum fordert Gott Petrus auf: „Schlachte diese Tiere und iss sie!“ Doch Petrus ist im jüdischen Glauben großgeworden, und die jüdische Religion trennt ganz genau zwischen rein und unrein, also zwischen Tieren, die man essen und die man nicht essen darf, und weigert sich. Aber Gott sagt ihm: „Was ich für rein erklärt habe, dass nenne du nicht unrein!“[9] Petrus hat keine Ahnung, was Gott ihm damit sagen will. Plötzlich klopfen drei Männer bei ihm an die Tür. Da sind die Boten von Kornelius aus Cäsarea. Hier setzt nun unser Predigttext ein (Apg 10, 21-35 BasisBibel):
Petrus ging hinunter und sagte zu den Männern: »Ich bin der, den ihr sucht. Was führt euch zu mir?« Sie antworteten: »Hauptmann Kornelius hat von einem heiligen Engel den Auftrag bekommen, dich in sein Haus zu bitten. Er glaubt an den Gott Israels und lebt gerecht vor ihm. Beim ganzen jüdischen Volk genießt er hohes Ansehen. Er soll sich anhören, was du zu ihm zu sagen hast.« Seltsam, seltsam, wird Petrus sich gedacht haben. Aber wenn Gott einen Engel zu ihm schickt, dann wird das wichtig sein. Da ließ Petrus die Männer herein und nahm sie als Gäste auf. Am nächsten Morgen machte sich Petrus mit den Männern auf den Weg. Auch einige Brüder aus Joppe gingen mit.
Einen Tag später trafen Petrus und seine Begleiter in Cäsarea ein. Kornelius erwartete sie schon. Er hatte auch seine Verwandten und engsten Freunde zu sich eingeladen. Als Petrus ins Haus eintreten wollte, kam Kornelius ihm entgegen. Ehrfürchtig fiel er vor Petrus auf die Knie. Kornelius sieht Petrus ja jetzt das erste Mal. Wenn Gott diesen Menschen ausgewählt hat, dann, so denkt Kornelius, muss der doch sicher ganz besonders heilig und mächtig sein. Also wirft er sich voller Demut vor Petrus auf den Boden. Aber der zog ihn hoch und sagte: »Steh auf! Ich bin auch nur ein Mensch.« Während er sich mit Kornelius unterhielt, betrat er das Haus. Dort fand er viele Leute versammelt. Petrus sagte zu ihnen: »Ihr wisst ja: Einem Juden ist es nicht erlaubt, Umgang mit einem Fremden zu haben oder ihn zu Hause aufzusuchen. Das ist so, liebe Gemeinde: Die jüdischen Menschen achten die Menschen anderer Religion, gehen aber nicht in ihre Häuser. Uns erscheint das fremd, doch in Petrus dämmert es allmählich, was dieser seltsame Traum ihm sagen will. Er sagt weiter: Aber Gott hat mir gezeigt, dass man keinen Menschen als unvorschriftsmäßig oder unrein bezeichnen darf. Deshalb bin ich eurer Einladung ohne Widerspruch gefolgt. Aber jetzt möchte ich gerne wissen, warum ihr mich eingeladen habt.« Petrus hat schon eine große Grenze überschritten und Neuland betreten – er ist im Haus des römischen Hauptmanns, eines Fremden. Er ahnt, heute wird er noch mehr Grenzen überschreiten. Kornelius antwortete: »Es war vor drei Tagen, genau zur gleichen Zeit – um die neunte Stunde. Ich betete gerade in meinem Haus. Da stand plötzlich ein Mann vor mir, der ein prächtiges Gewand trug. Er sagte: ›Kornelius, Gott hat dein Gebet erhört und deine Gaben für die Armen gesehen. Schicke also jemanden nach Joppe und lass Simon zu dir bitten, der auch Petrus genannt wird. Er ist zu Gast bei dem Gerber Simon, dessen Haus am Meer liegt.‹ Da habe ich sofort nach dir geschickt. Gut, dass du gekommen bist. Jetzt sind wir alle hier vor Gott versammelt, um zu hören, was der Herr dir aufgetragen hat.« Petrus begann zu sprechen: »Jetzt begreife ich wirklich, dass Gott nicht auf die Person sieht! Wer ihn ehrt und das tut, was vor ihm recht ist, den nimmt Gott an – ganz gleich, aus welchem Volk er stammt.
Kornelius und Petrus wissen am Anfang nicht, warum Gott ihre Wege zusammengeführt hat. Doch nun ist es für Petrus ganz klar. Sie sind im Haus des Kornelius, um zu hören, was Gott ihnen sagen will. Das tun wir auch gerade, liebe Schwestern und Brüder, wir sind zusammen hier in unserer Kirche und hören auf Gottes Wort. Kornelius und Petrus feiern mit all den Menschen, die da sind, mit den Boten, die ihn geholt haben, mit dem Dienern, den Mägden, den Frauen, den Kindern, den Alten und Jungen einen Gottesdienst. Sie sind vereint im Hören auf Gottes Wort. In Cäsarea, in der Kaiserstadt, geht es um den wahren Herrn aller Menschen. Und das ist nicht der Cäsar in Rom, das ist Gott der Herr. Manche Dinge muss man erleben, um sie voll und ganz zu verstehen. Jetzt erkennt Petrus, worum es geht: Gott sieht nicht auf die Person. Wer ihn ehrt, wer das tut, was Gott von ihm möchte, der gehört zu Gott. Aus welchem Volk er auch stammt, woher er kommt, das ist für Gott nicht wichtig. Wichtig allein ist: Er möchte dazugehören, er möchte auf Gott hören und seinem Wort folgen. Alle, die das wollen, gehören dazu. Nicht nur die Angehörigen eines bestimmten Volkes, nicht nur die Männer, die Reichen, die Gewinner. Gottes Liebe will zu jedem Menschen. Und so werden Kornelius und die anderen getauft.[10] Das, liebe Schwestern und Brüder, ist die Geburtsstunde der großen weltweiten Kirche, in der wir heute leben. Gott selber überwindet alle Grenzen, die wir Menschen aufrichten.
Wir leben leider in einer Zeit, die immer mehr statt immer weniger Grenzen aufbaut. Grenzen der Hautfarbe, der Religion, der Herkunft. Immer öfter heißt es: „Du kommst hier nicht rein! Du gehörst nicht dazu!“ Doch dagegen steht unsere Botschaft, die Gute Nachricht von Gottes grenzenloser Liebe. Sie sagt zu jedem, der kommt: „Du bist willkommen! Wir freuen uns, dass du da bist. Lebe mit uns gemeinsam Gottes große Liebe, und lass sie uns in dieser Welt weitererzählen.“ Das Evangelium ist die Kraft Gottes, die alle selig macht, die daran glauben.[11]
Und so ist auch Gottes Wort an die ganze Welt gerichtet. Das erkennt Petrus im Haus des Kornelius. Gott guckt nicht auf die Person, wo er herkommt, was er hat oder nicht hat. Er sieht den Menschen, er sieht dich, wie du bist, „mit all deinen Farben und deinen Narben“, singt Sarah Connor.[12] Und Gott freut sich über das, was er in dir sieht. Deine Farben lässt er strahlen, deine Narben will er heilen.
Mit dieser Botschaft kommt Gott in unsere Welt. Und es ist so wichtig, sie zu sagen und zu hören. Liebe Schwestern und Brüder, nur weil Menschen sich in dieser Botschaft geborgen und von ihr getröstet fühlen, nur darum ist die Kirche Jesu Christi durch die Zeiten so gewachsen und wächst und lebt immer noch. Ich weiß sehr gut, dass in der Kirche und durch die Kirche auch viele Fehler gemacht wurden. Doch diese Fehler werden ja gerade darum so deutlich, weil dagegen Gottes gutes Wort steht. Allem Machtstreben, allem Versagen von Menschen zum Trotz geht Gottes Wort hinaus in die Welt an alle Menschen. Und alle dürfen kommen, dürfen von Gottes Gnade nehmen, können hier ausruhen, können sich ermutigen und aufrichten lassen. Im Haus des Kornelius in Cäsarea hat das angefangen, und es durchwebt und durchwirkt auch heute unsere Welt mit all ihrem Dunkel und ihren Irrungen. Gottes Liebe überwindet alle Grenzen und bringt uns zusammen, hier heute morgen und überall auf der Welt. Gott sei Dank.
Amen
Und der Friede Gottes, …
Liedvorschläge
O Jesus Christe, wahres Licht EG 72
O König aller Ehren EG 71
Gott deine Werke sind groß (Fritz Baltruweit) in: damit wir klug werden Liederbuch zum Kirchentag Stuttgart 2015 Nr. 63
Lobt Gott den Herrn, ihr Heiden all EG 293 (Wochenlied)
In Christus gilt nicht Ost noch West HELM 78
Eingangsgebet
Lieber himmlischer Vater,
deine Güte reicht, so weit der Himmel ist.
Deine Liebe kennt keine Grenze.
Wir Menschen aber richten immer wieder Grenzen auf:
zu unseren Nächsten, zu dir.
Wir bitten dich:
Komm über unser Grenzen hin zu uns und öffne unsere Augen und Herzen
für dein Wort und für unseren Nächsten.
Das bitten wir dich durch Jesus Christus, deinen lieben Sohn.
Er lebt und regiert mit dir und dem Hl. Geist von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Amen
Fürbittgebet
Lieber Herr Jesus Christus,
wir Menschen denken oft so klein von uns und von dir.
Lass uns die Größe deiner Liebe erkennen,
und lass uns sehn: Jeder und jede ist von dir geliebt.
Wir bitten dich für unsere Gemeinde:
sei du uns nahe bei allem, was wir tun.
Wir rufen zu dir: Herr, erhöre uns!!
Wir bitten dich für alle,
die Verantwortung tragen in Wissenschaft, Politik und Wirtschaft.
Öffne ihnen die Herzen für dein Wort.
Segne alles Tun, was unsere Welt friedlicher und gerechter macht.
Wir denken besonders an die Menschen in den vielen Kriegsgebieten.
Wir beten, dass dort Frieden wird.
Wir rufen zu dir: Herr, erhöre uns!
Wir bitten dich für alle, die traurig und niedergeschlagen sind,
die krank sind und Schmerzen leiden,
die Mut und Hilfe für ihr Leben brauchen.
Sprich dein gutes Wort zu ihnen,
damit sie getröstet und aufgerichtet werden.
Wir rufen zu dir: Herr, erhöre uns!!
Wir denken an alle, die im Sterben liegen: Tröste sie.
Schenke ihnen einen sanften Tod.
Wir rufen zu dir: Herr, erhöre uns!
Wir denken an uns selbst:
du weißt, wann wir verzagen, wo wir verzweifeln
und keine Kraft mehr haben.
Du siehst, wo Bitterkeit uns zerfrisst und alle Freude nimmt.
In der Stille sagen wir dir, was uns bewegt (STILLE)
Wir rufen zu dir: Herr, erhöre uns!
Wir danken dir, Herr Jesu Christus, dass du unsere Gebete erhörst.
Dir vertrauen wir uns an, heute und an allen Tagen, die du uns schenken wirst.
Amen
Pastor Peter Schuchardt
Bredstedt
E-Mail: peter.schuchardt@kirche-nf.de
Peter Schuchardt, geb. 1966, Pastor der Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland (Nordkirche), seit 1998 Pastor an der St. Nikolai Kirche in Bredstedt/Nordfriesland (75%), seit 2001 zusätzlich Klinikseelsorger an der DIAKO NF/Riddorf (25%).
[1] World Population 2026 – Live Counter, Demographics, Religion, Literacy & Projections
[2] Religionszugehörigkeiten 2023 | fowid – Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland
[3] Christentum im Trend – Gen Z findet Glaube cool – kath.ch
[4] Mk 2,12 u.ö.
[5] Mt 8,1-4
[6] Joh 4,1-42; bes. 27
[7] Mt 19,14
[8] Caesarea Maritima, Bilderserie, Fotos, Photos für DSL
[9] Apg 10,15
[10] Apg 10,48
[11] Rö 1,16 (Epistel des Sonntags!)