Apostelgeschichte 2,1–21
Pfingsten auf dem Dorf | Pfingstsonntag | 24.05.2026 | Apg 2,1–21 | Ralf Reuter
Pfingsten auf dem Dorf
Der Duft von frischem Heu zieht in die Kirche ein. Er kommt durch die wenigen Öffnungen der Fenster. Es ist warm und still auf dem Dorf. Die Besucher geben sich die Hand. Sie singen nach den ersten Tönen der Orgel und bitten um den Heiligen Geist.
Geschichten erzählen vom Pfingstfest. Vom Windstoß, von den Flammen auf den Häuptern, vom plötzlichen Reden in den Sprachen der anderen. Ekstase, Entflammen, andere reden in meiner Sprache. So waren sie alle an einem Ort beieinander.
Gibt es das überhaupt? Diese Erzählung von Lukas, mit den Anklängen aus jüdischen Festen, mit der Schilderung der 10 Gebote vom Berg Sinai, sie führte erst um 400 nach Christi zu einem eigenen christlichen Pfingstfest. Ab da ist es der Geburtstag der Kirche.
An einem Ort beieinandersitzen und so etwas wie den Geist Gottes empfangen, dies bleibt wohl ein Traum von Zukunft. Schon bei den Propheten sollten die Jungen ‚Geschichte sehen‘ und die Alten ‚Träume haben‘, ‚Söhne und Töchter weissagen‘ und alle den Geist empfangen.
Vielleicht bleiben von Pfingsten nur einzelne Geschichten. Wie soll es sonst zugehen, mit dem Geist. „Erzählt einander die Lebensbilder“ hat es Peter Handtke in einem dramatischen Gedicht genannt. „Das Dorf ist groß. Der ewige Friede ist möglich“, schreibt er.
Also gehe ich „Über die Dörfer“, heute auf der Kanzel. Schon dem Pastor in Rheinsberg versagte die Stimme, als mit einem Windstoß Friedrich Wilhelm I. Pfingstsonntag 1737 in die Kirche kam. Er konnte das Fest nicht erklären, trotz königlicher Aufforderung, so Theodor Fontane.
Konfirmationen auf dem Dorf, da sitzen sie alle zusammen, in ihrer Festtagskleidung. Und hören erst zu, als sie mit Namen persönlich angesprochen werden. Soweit es geht in ihrer Sprache. Mit Worten, die von ihren Hobbys berichten, und ihren Bibelsprüchen.
Der Geist Gottes, ‚Schutz und Schirm vor allem Argen, Stärke und Hilfe zu allem Guten‘, dies ist schon Pfingsten. ‚Söhne und Töchter‘ werden es sein, die die Erde bebauen und bewahren. Mit Hoffen auf den Geist, damit sich ihre ‚Sonne nicht in Finsternis‘ verwandelt.
All das beginnt schon früher. In den Taufen. Da steht die Familie zusammen, mit den Freunden, Paten. Oft haben sie gute Wünsche mitgebracht. Dann die Einschulung. Da sitzen die Kleinen im Altarraum, mit ihren ersten Schultaschen, und alle segnen mit.
Dorf ist beileibe nicht nur Kirche, Dorf ist auch Feuerwehr. Die Fahrten zu den Einsätzen, eng im Wagen zusammensitzend. Für das Helfen, das Löschen, den Einsatz entflammt. Und doch ist ihnen immer auch bange, was werde ich sehen, geht es gut aus?
Dorf ist Vereinsleben. Sport- und Heimatverein engagieren sich für Kinder, für Jugendliche, in geschützten Räumen, mit Einsatz, mit Freude. Und was machen wir als Kirche für Familien? Und, noch besser, wie kann alles miteinander im Dorf verbunden werden?
Wo brennen Menschen für ein gemeinsames Ganzes? Für einen Spielplatz, für die Busverbindungen, für den Erhalt der alten Dorfkirche. Für das Klöncafé, in denen die Älteren zusammenkommen und ihre Geschichten des Lebens erzählen, mit leuchtenden Augen.
Im Kirchenvorstand, wer tut sich das an? Undichte Fenster und Landverpachtung, darum geht es, Stühle schleppen und die Zusammenlegungen mit anderen Gemeinden. Wo bleibt der Heilige Geist? Und dann doch wunderbares Singen, die Chöre, das Heilige Abendmahl.
Schützenfest und Kirmes, wer darf dazugehören, mitschießen, mitfeiern? Alteingesessene, und Neubürger, und auch diejenigen, die auf der Flucht bis hierhergekommen sind. Die eine andere Sprache sprechen. Rhabarberkuchen anbieten, ein Bier zusammen trinken.
An diesem Pfingstfest gibt es jedenfalls im Anschluss noch gegrillte Würstchen. Und im Juni einen WM-Fußballgottesdienst mit dem ganzen Dorf. Ist es der Heilige Geist, der hier zusammenführt? Oder nur ein Event? Die Pfingstpredigt des Petrus jedenfalls zielt auf alle.
Dabei geht es schon mit dem Preußenkönig schief. Erst verhagelt er dem Pastor die Predigt, düpiert die Gemeinde, und dann gängelt er seinen Sohn, dem späteren ‚Alten Fritz‘. Der wird sein Leben lang darunter leiden. Auch Peter Handtke weiß von bösen Dorfgeschichten.
Wenn die Totenglocke ausläutet, was kann auf einer Beerdigung erzählt werden? Die guten und die nicht so guten Geschichten? Meine Rettung ist dann nur das Bibelwort, das würdigend und ehrlich, dankend und bittend durch die Trauerfeier führt. Wo dies gelingt, ist es der Geist.
Ich wünsche mir, wie die Zeitlichkeit des Lebens zur Chance wird für ein Miteinander und ein gegenseitiges Helfen. Früher waren die Türen auf dem Dorf niemals verschlossen, immer war jemand da. Heute soll es zumindest ein offenes Herz sein und ein wachsamer Blick.
Geschichten erzählen, das ist so wichtig. Neu lernen, sich Zeit zu nehmen und anderen zuhören. Nicht gleich antworten. Und wenn, es so sagen, dass die Worte ankommen, dass sie wohltun. Durchs Dorf gehen, wie früher Jesus selber, so stelle ich mir das vor.
Doch Vorsicht, nicht überhöhen, es braucht immer auch die Stadt, das Rausfahren, das Kloster, die Zweitgemeinde, das Mitmachen im Anonymen, das Sitzen im Restaurant. Und die Reisen, das ganz andere, sich selber mitnehmen, zurückkommen und grüßen.
Das Dorf hat Zukunft. Junge Familien ziehen gerne raus, das Bauland ist billiger. Doch bitte nicht aus städtischer Sicht sagen, wie das Land sein soll. Das Potential liegt hier. Und die Kirche der Zukunft? Lasst sie eine geistvolle Kirche sein, offen, den Menschen nahe.
Denn nirgends sonst als im Dorf zieht das frische Heu bis in die Kirche hinein. Immer gibt es Tage, die gelebt werden wollen, mit Wind und Wetter, Hunden und Pferden, Acker und Vieh. Heute Glückwunsch, liebe Kirche, zum Geburtstag. Komm, Heiliger Geist, Pfingsten auf dem Dorf.
Ralf Reuter, Göttingen E-Mail: Ralf.Reuter@evlka.de
Pastor der Ev.-luth. Weststadt-Kirchengemeinde Göttingen und der Göttinger Westdörfer, gelegentlich als Pastor für Führungskräfte mit Klausuren und Retraiten im Kloster Loccum
Literatur:
Daniel Marguerat: Die Aposteleschichte. Kritisch-exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Band 3, 2022, S. 88-114
Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Die Rheinsberger Kirche, 1864, in: Werke Band 3, Hg. Hansludwig Geiger, S. 83
Peter Handtke: Über die Dörfer, 1980/81, in: Werke, Prosa 2, S. 745-830, Zitate: S. 825 und 830
Andreas Möller: Die Unterschätzten. Warum sich unsere Zukunft auf dem Land entscheidet, 2026