Apostelgeschichte 2,1–21

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Neues bricht an | Pfingstsonntag | 24. Mai 2026 | Apg 2,1–21 | Thomas Muggli-Stokholm |

 

Neues bricht an

Petrus zitiert in seiner Pfingstpredigt aus dem Buch Joel. Dieser Prophet schildert die Situation der Welt, unmittelbar vor dem Tag, wo Gott Gericht hält, die Feinde vernichtet und sein auserwähltes Volk befreit. So lässt Joel Gott selbst sprechen: «Wunder oben am Himmel werde ich wirken und Zeichen unten auf Erden: Blut und Feuer und qualmenden Rauch. Die Sonne wird Finsternis werden und der Mond Blut.» (Apg 2,19 und 20a)

Blut, Feuer, qualmender Rauch, Finsternis: Diese Bilder passen erschreckend gut zu unserer Zeit. Unsere Welt ist in innert kürzester Zeit aus den Fugen geraten. Mächtige treten das Völkerrecht mit Füssen, brechen bewährte Regeln und machen das Miteinander der Völker unberechenbar. Kriege und Konflikte fordern das Blut unzähliger Unschuldiger, bringen Feuer und qualmenden Rauch über Städte und Dörfer und zerstören, was während Jahrhunderten aufgebaut wurde. Der Krieg hat auch Europa erreicht. So stellte Andreas Künne, der EU-Botschafter in der Schweiz, neulich in einem Interview fest: «Wir sind nicht im Krieg, aber wir leben auch nicht mehr im Frieden.»

Wie wären wohl die Reaktionen, wenn das Pfingstwunder heute geschehen würde? Die Frauen und Männer, welche die grossen Taten Gottes, das Evangelium seiner Liebe und Vergebung verkündigen, würden im allgemeinen Lärm und Getümmel wohl kaum wahrgenommen. Und wenn, dann würde das Wunder, dass einfache Leute plötzlich alle gängigen Sprachen beherrschen, nur müdes Schulterzucken auslösen. Solche Mirakel sind sinnloser Luxus, seit es den Google-Translator und andere Programme gibt, welche verblüffend perfekt von der einen in die andere Sprache übersetzen. Ja, wir haben praktisch unbeschränkte Möglichkeiten der Kommunikation, über räumliche und sprachliche Grenzen hinweg, von denen die Generationen vor uns nicht einmal zu träumen wagten.

So würde man eigentlich das Gegenteil von Krieg und Konflikten erwarten: Alle verstehen einander, vom Inuit in Grönland bis zur Ureinwohnerin Südafrikas, von der Naturwissenschafterin an der Top-Hochschule der USA bis zum Arbeiter in der Kleiderfabrik in Bangladesch. Leider ist das Gegenteil der Fall: Die technischen Möglichkeiten werden schamlos missbraucht, um Menschen zu betrügen und ruinieren, um geschichtliche Fakten zu verdrehen und Lügen zu verbreiten. So ist die Sprachverwirrung heute total: Nachrichten, Stimmen, Bilder und Filmsequenzen haben ihre Verlässlichkeit verloren. Immer und überall müssen wir damit rechnen, dass wir mit Hilfe künstlicher Intelligenz getäuscht und betrogen werden.

Am Pfingstfest beflügelte der Heilige Geist die Freundinnen und Freunde Jesu, das Haus zu verlassen und das Evangelium beherzt zu verkündigen. Demgegenüber ist es in den Kirchen heute still geworden: Wir bleiben lieber in unseren sicheren Häusern, pflegen Bewährtes und halten uns zurück mit allzu pointierten Botschaften, um nur ja den Mitgliederschwund nicht zu beschleunigen. Statt die grossen Taten Gottes zu verkündigen, stellen wir uns die verzagte Frage, wie lange es uns wohl noch gibt.

«Wunder oben am Himmel werde ich wirken und Zeichen unten auf Erden: Blut und Feuer und qualmenden Rauch. Die Sonne wird Finsternis werden und der Mond Blut, ehe der grosse und herrliche Tag des Herrn kommt.»

Petrus verhält sich alles andere als still und verzagt. Er schöpft aus dem Vollen: Dem Spott der Zyniker, die behaupten, er und seine Freunde seien bloss betrunken, begegnet er mit einem unerhörten Anspruch: Das Pfingstwunder, wo ein paar ungebildete Galiläer vom Heiligen Geist erfüllt plötzlich Fremdsprachen beherrschen, das Pfingstwunder ist nichts weniger als das Zeichen dafür, dass der grosse und herrliche Tag des Herrn gekommen ist, wo Gott sein Reich begründet. Dieses Reich ist keine provinzielle Angelegenheit, sondern die Neuschöpfung der Welt, ja, des ganzen Kosmos.

Wie kommt Petrus zu diesem Anspruch? Schauen wir, wie es ihm und seinen Freunden zu Beginn unseres Predigttextes geht. Im ersten Kapitel der Apostelgeschichte erfahren wir, dass rund hundertzwanzig Personen zur Gemeinschaft gehören, die nach der Auffahrt Jesu darauf wartet, wie es weitergeht. Besonders Petrus hat turbulente Zeiten hinter sich, mit einem Auf und Ab von Hoffnung und Verzweiflung. Seine Rolle bei der Verhaftung und Kreuzigung Jesu ist feige und kläglich. Trotzdem gehört er einige Tage später zu den ersten Zeugen der Auferstehung. Und Jesus, den er so schmählich verleugnete und verliess, beauftragt ihn zur Verkündigung des Evangeliums. Die schöne Zeit, wo es immer wieder zu Begegnungen mit dem Auferstandenen kommt, endet mit Auffahrt, der abrupten Trennung.

So sind Petrus und die anderen Nachfolgerinnen und Nachfolger in einer diffusen Stimmung, hin- und hergerissen von österlicher Euphorie und Abschiedsschmerz, Hoffnung und Verzweiflung. Jesus liess offen, wann er wiederkommt, um seine Herrschaft aufzurichten. Er versprach ihnen nur, dass sie nach seiner Auffahrt die Kraft des Heiligen Geistes empfangen würden. Sie haben keine Ahnung, wie das geschehen soll.

Das Wunder von Pfingsten verändert alles. Dieses Wunder findet nicht irgendwann statt, sondern an Schawuot, einem der drei Wallfahrtsfeste Israels. Zum einen ist Schawuot ein Erntedankfest. Zugleich erinnern sich die Juden an das Schlüsselereignis am Sinai, wo Gott – vermittelt durch Mose – seinen Bund mit Israel schliesst, seinem auserwählten Volk das Gesetz, die Tora, übergibt und ihm ewige Treue zusagt, sofern es sich an die Weisungen der Tora hält.

Gott offenbart sich am Sinai machtvoll, mit Blitz und Donner, Wolken, Rauch und Erdbeben. Nur Mose allein darf sich ihm nähern. Das Volk bleibt vom Heiligen getrennt.

Für uns Christinnen und Christen wird aus Schawuot das Pfingstfest: So wie Gott mit Israel rund fünfzig Tage nach der Befreiung aus Ägypten am Sinai seinen ersten Bund stiftet. So setzt er an Pfingsten, fünfzig Tage nach Ostern, den neuen Bund in Kraft, den er in Jesus Christus, dem Befreier von Schuld und Tod begründet. Auch hier geschieht Wunderbares und Machtvolles: Ein heftiger Sturm fährt durch das Haus. Zungen wie von Feuer legen sich auf Frauen und Männer. Das gewaltige Tosen fällt auf in der Stadt Jerusalem, die wegen Schawuot voller Menschen aus allen Ländern ist. Die Leute strömen zusammen und wollen wissen, was los ist.

Zugleich unterscheidet sich die Gottesoffenbarung an Pfingsten wesentlich von jener am Sinai: Im neuen Bund braucht es keinen Mittler mehr zwischen Gott und dem Volk. In Jesus reisst Gott die Mauer zwischen ihm und den Menschen nieder. Alle Frauen und Männer, welche Jesus vertrauen und nachfolgen, werden mit dem Heiligen Geist erfüllt. Darum zitiert Petrus in seiner Pfingstpredigt den Propheten Joel, der verheisst, dass Gott in den letzten Tagen seinen Geist über alles Fleisch ausgiesst, so dass Töchter und Söhne weissagen, Jugendliche mit Visionen beschenkt und Alte mit Träumen erfüllt werden.

Am Sinai empfängt Mose das Gesetz, auf steinerne Tafeln gemeisselt, die unumstösslichen Regeln, die eingehalten werden müssen, damit der Bund Gottes bestehen bleibt. An Pfingsten erfüllt der Heilige Geist je einzelne Menschen, so dass sie von den grossen Taten Gottes erzählen. Es geht nicht mehr um einen äusserlichen Gehorsam, sondern um das innerliche Ergriffensein. Gott berührt die Herzen der Seinen, so dass sie über sich hinauswachsen und in allen Sprachen der Welt von seinem Wirken erzählen. Es geht im neuen Bund also nicht um eine äusserliche, neue Heilslehre, sondern um das persönliche Zeugnis, das Kundtun der ganz persönlichen Erfahrung mit dem Gott, der in Jesus unsere Nähe sucht, unser Leben mit uns teilt und sich hingibt für uns bis in den Tod am Kreuz. Dieses Zeugnis überwältigt nicht mit Macht und Gewalt. Es ist auf offene Ohren und Herzen angewiesen. Es braucht empfängliche Menschen, welche zuhören und sich die Worte dieser Galiläerinnen und Galiläer zu Herzen gehen lassen. Gerade darum erwähnt Lukas ausdrücklich die Spötter, die sich das Heilige mit ihren dummen Sprüchen vom Leib halten,

Das ist das eigentliche Wunder: Das Zeugnis kommt bei vielen Menschen an. Lukas berichtet, wie sich nach der Predigt von Petrus dreitausend Menschen taufen lassen. Worte und Taten finden zusammen: Die Glaubenden halten zusammen, teilen ihren Besitz gerecht und haben alles gemeinsam. Nochmals wird die Bedeutung von Pfingsten deutlich: Die Zeit ist erfüllt, der grosse und herrliche Tag des Herrn ist angebrochen. Der Anfang seines Reichs, wo Frieden und Gerechtigkeit herrschen, ist gesetzt.

Kehren wir nochmals zurück zum Schluss unseres Textes, zur schmerzhaften Realität, Blut, Feuer und qualmender Rauch. Der gegenwärtige Zustand der Welt ist himmelweit von dem entfernt, was an Pfingsten und danach geschah. Bei uns leben wir zwar nach wie vor in Wohlstand und Frieden. Zugleich ist uns die Hoffnung abhandengekommen. Viele junge Menschen sehen keine Perspektive mehr für ihr Leben. Mitten im Wohlstand greift Trostlosigkeit um sich. Wie schön wäre da eine Wiederholung des Pfingstwunders! Leider bleibt es aus.

Bleibt das Wunder wirklich aus? Rein äusserlich gesehen geschah seinerzeit nur wenig: Das Brausen und Tosen verschwand so schnell, wie es gekommen war. Und das Sprachenwunder wird von Lukas in knappen Worten abgehandelt, während die Predigt des Petrus volle siebenundzwanzig Verse umfasst. Das Wunder an sich spielt nicht die eigentliche Rolle. Viel wichtiger ist seine Wirkung: Einfache Menschen erzählen begeistert von Gott und seinen grossen Taten, die er hier und jetzt vollbringt. Und genau dazu sind wir alle auch heute befähigt. Wir müssen gar nicht auf ein spektakuläres Wunder warten. Es liegt schon vor uns. Wir müssen nur unsere Ohren, Augen und Herzen öffnen dafür: In Jesus Christus schenkt Gott uns Zukunft und Hoffnung. Jesus setzt sich nicht durch mit Feuer, qualmendem Rauch und Erdbeben. Er vergiesst kein fremdes Blut. Er gibt sich selbst hin bis aufs Blut, um uns zu versöhnen mit Gott und miteinander. Und er bietet uns seine Freundschaft an: Wir sind nicht mehr Mägde und Knechte, die Gottes Gebote erfüllen müssen, um von ihm geliebt zu werden. Wir sind Gottes Kinder, eingeladen, seine Liebe zu feiern und seinen Frieden zu pflegen. Das Pfingstwunder geschieht, wenn wir unsere Herzen öffnen für diese frohe Botschaft,

wenn wir uns ergreifen lassen von der Freude und Hoffnung, die Gott uns schenkt. Und wenn wir mit Worten und Taten davon Zeugnis ablegen.

Klar: Im Moment widerspricht der Zeitgeist dem, was der Heilige Geist will. So anders ist das aber nicht als damals: Die ersten Christinnen und Christen wurden im besten Fall belächelt oder für verrückt erklärt, im schlimmsten Fall verfolgt und umgebracht. Trotzdem wurde aus den hundertzwanzig treuen Frauen und Männern eine Weltreligion, die unzähligen Menschen Halt und Hoffnung schenkt. Das ermutigt uns, selbst treu zu bleiben, das und der Umstand, dass im Moment gerade junge Menschen genug haben von äusserlichem Glück und Wohlstand. Die Zahl jener, die nach Gott und dem Sinn des Lebens fragen, nimmt zu. Uns sind geistvolle Antworten auf diese Fragen und das Angebot eines erfüllten Lebens geschenkt. Wir sind herausgefordert, diesen Schatz in allen Sprachen der Welt zu verkünden und mit unserem Leben Zeugnis abzulegen dafür.

Amen.


Verfasst von:
Thomas Muggli-Stokholm