Apostelgeschichte 6,1–7
13. So. n. Trinitatis | 30. August 2026 | Apg 6,1–7 | Stephan Lorenz |
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christi, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen
Wenn man alle Geschichten des heutigen Sonntages anschaut, merkt man schnell, sie haben ein Thema: Nächstenliebe.
Im 112. Psalm heißt es: „Wohl dem Menschen, der gnädig leiht!“
In der Epistellesung hören wir im 1. Johannesbrief, was Christen auszeichnet: „Geliebte, lasst uns einander lieben, denn die Liebe ist aus Gott, und jeder, der liebt, ist aus Gott geboren und erkennt Gott.“
Am bekanntesten das Evangelium: „Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber. Die raubten ihn aus, schlugen ihn und ließen ihn halbtot liegen.“
Zwei, von denen man Hilfe erwartet hätte, gehen vorüber. So lag der Mensch hilflos da, bis der dritte kam, ein Andersgläubiger, der packte zu und tat, was die Situation erforderte. Er war, wie es in der Geschichte heißt, „innerlich bewegt“.
Ohne den, der diese Geschichte erzählt hat, säßen wir nicht hier. Ohne den Messias Jesus keine Kirche, kein „christliches Abendland“, und keine „Marktwirtschaft“ mit „sozialem Netz“, wie wir es kennen. Ohne diese Geschichte gäbe es aber auch unsere heutige Erzählung aus der Apostelgeschichte nicht:
In diesen Tagen aber, als die Jünger sich vermehrten, gab es Ärger zwischen den Hellenisten und den Hebräern, weil ihre Witwen bei der täglichen Bedienung übersehen wurden.
Die Zwölf riefen alle Jünger zusammen, und sprachen: Es ist nicht gut, dass wir das Wort Gottes verlassen und nicht alle Tische bedienen.
Seht euch um, Schwestern und Brüder, nach sieben Männern, von gutem Zeugnis, voll Heiligen Geistes und Weisheit, die wir über dieses Geschäft bestellen wollen; wir aber werden im Gebet und im Dienst des Wortes verharren. Der Vorschlag gefiel allen; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, einen Proselyten aus Antiochien. Die stellten sie den Aposteln vor. Die beteten für sie und segneten sie. Und das Wort Gottes wuchs, und die Zahl der Jünger und Jüngerinnen in Jerusalem vermehrte sich sehr (Apostelgeschichte 6, 1-7).
Ein gutes Beispiel für gelungenes Krisenmanagement. Eine Aufgabe, die Armenspeisung, schon in der jüdischen Synagogengemeinde praktiziert, wird organisiert. Verschiedene Ämter entstehen, wie wir sie noch heute in unseren Gemeinden kennen. Ein Konflikt zwischen Judenchristen und Heidenchristen ist beigelegt. Für die Armen in der Gemeinde ist gesorgt.
Die Erzählung wäre ohne Jesu Geschichte vom barmherzigen Samariter nicht möglich. Zwischen beiden Geschichten liegen etliche Jahrzehnte. Sie entstammen verschiedenen sozialen Situationen. Jesus ist „Wanderprediger“. „Seht die Vögel unter dem Himmel und die Lilien auf dem Felde, die sähen nicht, die ernten nicht, die sammeln nicht in Scheunen – und euer himmlischer Vater ernährt sie doch.“ – Das lebt er. So viel Leichtigkeit des Seins aus unerschütterlichem Gottvertrauen kann sich die frühe Gemeinschaft der Christen nicht leisten. Sie muss sich Gedanken um Finanzierung und Organisation ihres „sozialen Netzwerkes“ machen. Da ist ein anderes Wort Jesu hilfreicher: „Wer unter euch, der einen Turm bauen will, setzt sich nicht zuvor hin, und überschlägt die Kosten, ob er’s ausführen kann“ (Lk. 14,28).
Was gilt für unsere Handeln, das Gottvertrauen des Wanderpredigers oder das kluge vorausschauende Handeln eines Baumeisters? Könnte man fragen. Beides, es geht um unterschiedliche Situationen, hier die individuelle Hilfestellung, dort das Handeln einer Gemeinde.
Das Vorbild des barmherzigen Samariters hat sich tief in unser kulturelles Bewusstsein eingegraben. Einen Hilflosen liegen lassen, das tut man nicht. Das Ideal des zupackenden Helfens – ohne Rücksicht auf Grenzen von Sprache, Rasse oder Religion – ist für uns eine starke Kraft im sozialen Handeln, für Einzelne, für Institutionen und Gesellschaften geworden. Die Pastorentochter Merkel bringt es auf den Punkt. „Wir schaffen das!“
Aber dieses zupackende, eingreifend verändernde, helfende Handeln hat Grenzen. Die Grenzen der Medizin waren vor 150 Jahren allgegenwärtig. Aspirin gegen Schmerzen kennt und schätzt heute jeder. Karl Marx sollte auf Anraten seiner Ärzte gegen seine Schmerzen täglich eine Flasche Portwein trinken. Möglicherweise erklärt sich so ‚Das Kapital‘. Die Verwissenschaftlichung und Technisierung aller Lebensvorgänge, der gleichzeitig ansteigenden allgemeinen Wohlstand hat große Hilfsorganisationen wie das Diakonische Werk, die Caritas oder das Rote Kreuz entstehen lassen. Heute besitzen wir in der Geschichte noch nie dagewesene, enorme Möglichkeiten, Menschen zu helfen. Die Kehrseite: Wir müssen über die Grenzen helfenden Handelns nachdenken. Wir sind gezwungen, uns mit den Folgen der Erfolge moderner Nächstenliebe auseinandersetzen. Die Coronapandemie hat es gezeigt. Da stand (damals in Lissabon) die Frage im Raum, wem die Ärzte helfen sollen, wenn die Zahlen so ansteigen, dass nicht jedem geholfen werden kann. Wer wird dann aussortiert? Der Lockdown hat das verhindert.
Viele verstehen Krankheit so, als fiele sie über den Einzelnen her wie die Räuber an der Straße von Jerusalem nach Jericho über den schutzlosen Reisenden. Sie erwarten Herbergen, in denen die Opfer mit allen Möglichkeiten der Moderne behandelt, gepflegt und gesund gemacht werden. Erwartet werden barmherzige Samariterinnen und Samariter – am besten Nonnen oder Diakonissen, die es für den sogenannten „Gotteslohn“ tun.
Wir wissen: die Erwartung ist nicht finanzierbar, die Pflege und Ärzte, die die Hauptlast – nicht nur in der Pandemie – tragen, sind sie immer noch unterbezahlt und unterbesetzt. Was ist uns die Pflege wert?
Damit nicht genug. Mit der Frage nach einer gerechten Finanzierung ist die Frage der ethischen Orientierung verbunden: Wem geben wir die knapper werdenden Mittel?
Da gibt es dann Fragen. Wenn ich mich gegen eine Organspende ausspreche, will ich dann zugleich, dass ich kein Organ bekomme, wenn ich es bräuchte? Und, wenn das für mich gilt, kann ich zugleich wollen, dass niemand ein Organ bekommt, der nicht selber zur Organspende bereit ist? Das muss sich jeder von uns fragen und eine Antwort finden.
Noch komplizierter wird es, wenn man sich mit den Erfolgen der Medizin beschäftigt. Sie erhält viel Menschen am Leben, die früher gestorben wären. In meiner Klinik konnte ich das beobachten. Die moderne Rettungsmedizin hilft vielen Unfallopfer zu überleben, die vor Jahren noch gestorben wären. Aber die Folgen der Verletzungen sind für die Patienten, für ihre Familien (und letztlich für uns alle) umso gravierender, nicht nur die finanziellen, sondern auch die emotionalen. Öfters habe ich gehört: Wenn ich gewusst hätte, was auf mich zukommt, ich wäre lieber gestorben. Menschen überleben, oft sind die Folgen sind für Einzelne und Familien nicht absehbar. In der Ethikkommission des Krankenhauses haben wir darüber mehrmals in der Woche entscheiden müssen. Wir können heute vielen Menschen helfen, die ethischen Fragen und Probleme sind größer geworden.
Jeder einzelne muss sich überlegen, ob er eine angezeigte Behandlung mit all ihren Konsequenzen will. Die Gesellschaft muss sich entscheiden, was sie sich leisten will und was sie lassen muss. Eine wichtige ethische Frage ist ähnlich wie die der frühen Gemeinde in Jerusalem: bleiben die „Armen“ auf der Strecke?
Viele Menschen lernen schmerzhaft, dass sie endliche, sterbliche Geschöpfe sind. Die Verdrängung des Todes in unserer Gesellschaft, das Verschwinden der Kultur des Umgangs mit Krankheit und Sterben erschwert es vielen Menschen sich konstruktiv damit auseinanderzusetzten. Die Geschichte Jesu und die Erzählung aus der Apostelgeschichte haben nichts an Aktualität verloren.
Das ist ideal zu helfen, dargestellt in der Geschichte vom barmherzigen Samariter: „und als er ihn sah, wurde er innerlich bewegt.“ Leiden – ob nun Krankheit oder soziale Not – sollte unsere Hilfsbereitschaft in Bewegung setzen. Indem wir helfend handeln, zeigen wir, dass wir – wie es der Johannesbrief ausgedrückt – aus Gott geboren sind und Gott erkannt haben. Aber das ist nicht alles. Helfendes Handeln für viele, das zeigt die Geschichte aus der Apostelgeschichte, setzt Institutionen und Organisation voraus, die aus einem Gruppen- bzw. gesellschaftlichen Konsens heraus die verschiedenen Interessen so gut wie mögliche miteinander vereinbaren. Das Grundprinzip jedoch, welches uns bei jeder Konfliktlösung leiten sollte, finden wir in der Apostelgeschichte: keine Gruppe, keine Gemeinde, keine Gesellschaft kann es sich leisten, die „Armen“, die keine Stimme im Chor der Interessenvertreter haben, leer ausgehen zu lassen. Das möge unser Verhalten bestimmen. Niemand soll verloren gehen. Hier gilt das, was Paulus seinen Korinthern schrieb: Alles ist euch erlaubt, aber nicht jedes Anspruchsverhalten fördert eure Gemeinschaft.
Wenn wir unsere Konflikte im Gesundheitssystem und in der Sozialpolitik so angehen, könnte passieren, was am Ende unseres Predigttextes steht: „Und das Wort Gottes wuchs, und die Zahl der Anhänger … vermehrte sich sehr.“ Mehr Menschen sollen Hoffnung schöpfen, Vertrauen ins Leben haben; unsere gesellschaftlichen Institutionen wären vertrauenswürdig, so dass am Ende immer weniger ‚reiche‘ Menschen versuchen müssten, ihr Glück und Überleben, sozusagen in die „eigene Faust“ zu nehmen.
Gottes Heiliger Geist befestige diese Worte in euren Herzen, damit ihr das nicht nur gehört, sondern auch im Alltag erfahrt, auf dass euer Glaube zunehme und ihr selig werdet, durch Jesum Christum unseren Herrn. Amen.
Confiteor:
„Gut wird es dem gehen, der barmherzig ist; der niemandem Unrecht tun will, wird stark sein.“ – lesen wir im Psalm. Wir erleben gerade (im Wahlkampf) wie barmherzige Menschen einerseits und hartherzige, rassistische Menschen andererseits mit denen, die zu uns in ihrer Not fliehen, umgehen. Die einen helfen, die anderen wollen sie vertreiben. Den Barmherzigen, den, der keinem Unrecht tun will, nennt unser Psalm stark. Wir kommen hier zusammen, um von der Barmherzigkeit Gottes zu lernen. Wir vertrauen auf Gottes Erbarmen und wollen uns davon leiten lassen. Und bitten: Gott erbarm dich, vergib uns unsere Angst, die uns blöde macht. Lass uns mit einem unbeschwerten Herzen und fröhlichen Lippen diesen Gottesdienst feiern, durch Christus unseren Bruder. Amen. Und wir erhalten zur Antwort, was gewiss wahr ist: Gott erbarmt sich. Uns ist vergeben. Alle, die vertrauen können, sind Gottes Kinder und sein Heiliger Geist wird bei ihnen sein. Wer Gott vertraut, wird selig. Das verleihe Gott und allen. Amen
Kollektengebet
Barmherziger Gott, wir bitten Dich: Lass in unseren Herzen deine Liebe wachsen, auf dass unserem Nächsten dienen, wie es dir gefällt, der Du mit dem Vater in der Einheit des Heiligen Geistes uns Kraft gibt, heute, morgen und für immer. Amen
Fürbitten
P: Gott, deine Liebe finden wir, wo wir Liebe üben, erbarme dich über die, die verhärtet, kalt geworden, verletzt sind, sich ausgebrannt fühlen, und sich nicht mehr öffnen wollen, wir bitten Dich:
A: Gott, deine Liebe finden wir, wo wir Liebe üben, erbarme dich über die, die sich anderen zuwenden, an Leidenden nicht vorbeisehen, aufrecht Unrecht benennen und Lügen entlarven, sich nicht zurückziehen ins Private, wir bitten Dich: Kyrie eleison.
B: Gott deine Liebe finden wir, wo wir Liebe üben, mache uns hellhörig, wo unser Streben nach Profit Liebe wertlos macht, wo diejenigen die Nase vorn haben, die zuerst nach eigenem Nutzen fragen, wo Fürsorge für Kranke und Arme dem Streben nach Gewinn untergeordnet wird, wir bitten Dich: Kyrie eleison.
C: Gott, deine Liebe finden wir, wo wir Liebe üben, gib uns den Mut, sich denen zu widersetzen, die ihre Weltanschauung oder ihre Religion, ihre Herkunft oder ihre Hautfarbe über deine Liebe stellen, die in die Augen anderer Menschen schauen ohne Mitgefühl, wir bitten Dich: Kyrie eleison.
P: Gott, deine Liebe finden wir, wo wir Liebe üben, du fragst uns, was wir an unseren geringsten Schwestern und Brüdern getan haben. Lass uns nicht schweigen, lass uns wachsen in deiner Liebe, in der du uns zu wahren Menschen, zu deinen Ebenbildern machst. Amen. Laudate omnes gentes
Lieder
166 Tut mir auf die schöne Pforte
412 So jemand spricht
419 Hilf Herr meines Lebens
417 Lass die Wurzel unseres Handelns Liebe sein
420 Brich mit dem Hungrigen dein Brot
326 Sei Lon und Ehr dem höchsten Gut
Pastor J.-Stephan Lorenz
stephanLorenz6@gmail.com