Apostelgeschichte 6,1–7
Glauben und Handeln | 13. So n. Trinitatis | 30. August 2026 | Apg 6,1–7 | Wolfgang Vögele |
Friedensgruß
Der Predigttext für den 13.Sonntag nach Trinitatis steht in der Apostelgeschichte 6,1–7:
„In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung. Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, daß wir für die Mahlzeiten sorgen und darüber das Wort Gottes vernachlässigen. Darum, ihr lieben Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll heiligen Geistes und Weisheit sind, die wir bestellen wollen zu diesem Dienst. Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben. Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Judengenossen aus Antiochia. Diese Männer stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten die Hände auf sie. Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam.“
Glauben und Handeln
Liebe Schwestern und Brüder,
wer im Moment abends um acht die Tagesschau einschaltet, vor dessen Augen laufen erschreckende Bilder ab, von ausgetrockneten Flußbetten und riesigen Waldbränden sowie von sicher gestellten Kamikaze-Drohnen auf deutschen Flughäfen. Hitzewelle und Trockenheit, die Angst vor einem Krieg, der sich nach Westeuropa hineinschleicht, und die Unterbrechung der Versorgung mit Rohstoffen schaffen ein Klima der Verunsicherung. Vor und hinter der Kamera bleibt unklar, was zu tun wäre. Der Blick auf die Politiker, die handeln sollen, zeigt immer mehr Rechtspopulisten deren einfache Rezepte die Wähler täuschen, aber wenig weiterführen. Viele Gelegenheiten zu vernünftigem, überlegtem Handeln verstreichen ungenutzt. Politische Lagen, die sich nicht durch einfache Handlungen auflösen lassen, treiben Bürgerinnen und Bürger in Gefühle von Ohnmacht. Wer meint, nichts tun zu können, zieht sich in Resignation oder umgekehrt in Wut und Aggression zurück.
Dies ist kein Traktat über politische Vernunft und pragmatisches Handeln. Ich will keine Hinweise zur strategischen Lösung politischer Probleme geben. Mir geht es um einen Weg aus der Verunsicherung. Der Evangelist Lukas erzählt von der entstehenden Urgemeinde in Jerusalem, einer Stadt, die aus bekannten Gründen bis heute zu den Konflikt- und Unruheherden des Nahen Ostens zählt. Schon die erste christliche Gemeinde stand vor existenzbedrohenden Problemen, in diesem Fall einer sozialpolitischen Schieflage. Lukas beschreibt die Lösung des Problems in dürren, bürokratischen Worten. Das erinnert an das bräsige Protokoll einer Sitzung aus dem klerikalen Verordnungsblatt, bei dem Probleme hinter moralischen Appellen verschleiert werden. Trotzdem verbergen sich in der protokollarischen Notiz des Lukas wichtige Hinweise darauf, wie Christenmenschen mit Gefühlen politischer Ohnmacht produktiv umgehen können. Dem will ich nachgehen. Die Frage, warum sich ausschließlich Männer um die Probleme von Frauen, hier: Witwen kümmern, lasse ich beiseite. Vielleicht nur das: Ich wundere mich darüber, weil kein anderer Evangelist so viel von namentlich bekannten Witwen erzählt wie Lukas.
Der Evangelist erzählt, wie die Gemeinde das Amt der Diakone schafft. Wenn Lukas in der Gegenwart gelebt hätte, ich bin sicher, er hätte sich auch Frauen als Diakoninnen vorstellen können. Wichtig ist allein: Niemand muss in der Gemeinde ein Amt ausüben, um Christin oder Christ zu sein. Die ersten drei Eigenschaften von Christenmenschen scheinen gleich am Anfang auf, als die leitenden Apostel der Gemeinde darüber reden, welche Aufgaben ein Diakon erfüllen muss: „[S]eht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll heiligen Geistes und Weisheit sind, die wir bestellen wollen zu diesem Dienst.“
Wer Diakon sein will, soll offen sein für den Heiligen Geist. Christlicher Glaube ist kein Wettbewerb, bei dem es darum geht, so viele Bedürftige besucht, bekehrt, missioniert, getraut, getauft, beerdigt zu haben. Glaube braucht keine Statistiken, das brauchen nur klerikale Bürokratien. Glaube braucht am Anfang vor allem Offenheit und die Bereitschaft auf das zu hören, was Gott den Menschen nahebringen will. Die Aufgabe besteht nicht darin, Leistungen zu erbringen, wie die Arbeiter am Fließband ihren Akkord erfüllen müssen. Die erste Aufgabe besteht darin, offen zu sein für das, was der Geist wirkt. Und der Heilige Geist, das wissen gerade die Leser des Lukas, ist nicht auf Kirchenräume beschränkt, sondern er wirkt, wo er will, über Kirchen und Gemeinden hinaus. Wer glaubt, der wird aufmerksam auf Orte, Zeiten und Rituale Gottes. Was könnte Gott von mir wollen? Wo konzentriert sich seine Gegenwart?
Manche christlichen Gemeinden inszenieren diese Gegenwart Gottes als Folge von Wunderheilungen, von Ekstase und Zungenreden, von überschwänglicher Begeisterung, die ihren Anhalt am Alltag völlig verloren hat. Hier aber inszeniert niemand eine Glaubensshow, Frömmigkeit als Entertainment. Vielmehr verbindet sich die Offenheit für den Heiligen Geist mit Vernunft und Pragmatik und nüchterner Berechnung. Glauben führt nicht in Ekstase, sondern in hoffnungsvolles Abwarten und nüchternes Kalkül. Der Heilige Geist wirkt nicht, indem er die Naturgesetze außer Kraft setzt. Er wirkt im Alltag.
Um das zu bemerken und um daran Orientierung zu finden, braucht es neben dem Glauben vertrauensvolle Weisheit. Weisheit bedeutet, nicht nur im Glauben, aber auch im Glauben Erfahrungen zu sammeln und daraus zu lernen. Es schadet auch nichts, die Lebenserfahrungen anderer nach einer Prüfung zu übernehmen. Der Heilige Geist kann auch darin handeln und wirken, daß schlicht und einfach etwas Vernünftiges, Maßvolles geschieht.
Ich muß nicht alles selbst erfinden. Wenn andere etwas Gutes praktizieren, kann ich es übernehmen. So ist das schon in der hebräischen Bibel. Wichtig ist: Weisheit allein ist nicht alles – wie das Wirken des Geistes nicht alles ist. Es müssen alle hier genannten Komponenten zusammenwirken.
Wer Offenheit für den Geist und Weisheit zutreffend miteinander verknüpft, dem merkt man das an. Die Menschen spüren das, wenn jemand Gutes bewirkt. Er erwirbt sich einen guten Ruf und gewinnt Ansehen unter den Glaubenden. Man weiß: Zu dieser und jener Person kann ich gehen, wenn es mir nicht gut geht. Glauben, Geist und Weisheit bleiben nicht im stillen Kämmerlein, sondern sie gewinnen öffentliche Aufmerksamkeit, Anerkennung und Verbreitung.
Wer Glaube, Geist und Weisheit verbindet, der kann auch anderen helfen. Das ist die vierte gute Eigenschaft, die hier zur Disposition steht. Im Griechischen wird für Helfen das Verb „diakonein“ gebraucht. Das steht aber noch nicht für Diakonie im evangelischen oder Caritas im katholischen Bereich. Ursprünglich ging es im Griechischen und auch im Neuen Testament um das Dienen bei einer Mahlzeit: Das fängt beim Füßewaschen beim Betreten des Hauses an, weil die Straßen staubig sind. Es setzt sich fort mit Tischdecken, Auftragen, Servieren, Abräumen, Geschirrspülen. Das ist Dienen im Sinne von „diakonein“. In der Jerusalemer Urgemeinde erhält das Dienen trotzdem einen anderen, christlichen Akzent.
Dienen heißt nun: Ich verschließe die Augen nicht vor der Not des anderen. Ich erkundige mich und überlege, wo ich helfen kann. Das ist nicht nur eine Sache der Spezialisten, obwohl Lukas gerade in diesem Predigttext von der Einrichtung des Diakonenamtes erzählt. Aber Lukas kannte noch keine riesigen diakonischen Einrichtungen, in denen Tausende von Mitarbeitenden Alten, Pflegebedürftigen, psychisch Kranken zur Seite standen. Diakonie meint Glaube, Weisheit und Kommunikation mit anderen, dazu eine bestimmte Haltung der Aufmerksamkeit. Mit dieser Aufmerksamkeit sehen die Glaubenden, wo Not entsteht und wo im Kleinen geholfen werden kann. Diakonische Großinvestitionen und Großinstitutionen entwickeln sich erst Jahrhunderte später. Für Lukas ist die Haltung der Aufmerksamkeit wichtig: Sie sieht die Not dort, wo sie entsteht, und hilft dann im Kleinen.
Neben den drei individuellen Bestimmungen Offenheit für den Geist, Weisheit und (diakonisches) Dienen kommen nun drei weitere Bestimmungen des Glaubens hinzu. Alle drei sind stärker auf Gemeinschaft und Kommunikation ausgerichtet: das gemeinsame Essen, das Hören auf Gottes Wort und zuletzt das Beten.
Gemeinsames Essen entwickelt sich aus Dienen und Beten. Das mag manchem viel zu harmlos vorkommen, aber es ist ein entscheidender Faktor fürs Gemeindeleben. Der geht verloren, wenn dieses nur aus Sitzungen, Kommissionen und Bürokratie besteht. Gemeinsames Essen führt zum Abendmahl im Gottesdienst, der geistlichen Mahlgemeinschaft. Aber auch ohne den theologischen Aspekt ist gemeinsames Essen wichtig, um miteinander reden zu können. Es ist wichtig, um Not und Probleme wahrzunehmen und helfen zu können. Beim Essen wird Wirklichkeit, wie ein afrikanisches Sprichwort sagt, das ich einmal gelesen habe: „Der Mensch ist für den Menschen die beste Medizin.“ Das gilt auch für glaubende Menschen. Glaube und Gemeinschaft sind für den anderen die beste Medizin.
Die leitenden Apostel in der Jerusalemer Urgemeinde reservieren die Verkündigung des Evangeliums für sich selbst. In der Gegenwart steht dieser Auftrag zur Verkündigung Männern und Frauen offen. Er steht eigentlich allen Glaubenden offen, die das Evangelium weiterbringen wollen. Jeder, der glaubt, braucht Gottes Wort. Es wird ihm und ihr von außen zugesprochen. Das ist aus einem ganz bestimmten Grund wichtig: Solange wir in unserer eigenen Sprache, in unseren eigenen Gedanken kreisen, haben wir Schwierigkeiten, uns selbst (und auch anderen) zu helfen. Wir brauchen diese Befreiung aus dem selbstverliebten Kreisen um das eigene Ich.
Der letzte Punkt, das Beten, fasst im Grunde all das zusammen, was ich bisher gesagt habe: Wer betet, wendet sich an den, dem er sein Leben verdankt. Es gehört schon zur Weisheit die Erkenntnis, dass ich mir nicht aus eigener Kraft aus meinen Problemen helfen kann. Wer betet, wendet sich an Gott. Beten bedeutet, hören zu lernen, das eigene Geplapper verstummen zu lassen. Wer betet, kann zuhören, er muss nicht unbedingt reden. In diesem Sinn hat es der dänische Philosoph Kierkegaard einmal formuliert. Und Beten hat in der Fürbitte mit Helfen zu tun. Eine Konfirmandin hat gesagt: Fürbitten sind mir wichtig, denn da beten wir für andere Menschen, damit ihnen geholfen wird. Wer betet, gibt sich nicht zufrieden mit dem, was ist. Er will über die mühsame, unübersichtliche Gegenwart hinausgelangen. Beten erfordert aufmerksam zu sein und sich berühren zu lassen. Wer betet, der öffnet sich dem Heiligen Geist. Das ist der erste Schritt, um denen zu helfen, die es nötig haben. Genau so breitet sich Gottes Liebe aus. Amen.
Prof. Dr. Wolfgang Vögele
Karlsruhe
wolfgangvoegele1@googlemail.com
Wolfgang Vögele, geboren 1962. Apl. Professor für Systematische Theologie und Ethik an der Universität Heidelberg. Er schreibt über Theologie, Gemeinde und Predigt in seinem Blog „Glauben und Verstehen“ (www.wolfgangvoegele.wordpress.com). Neuerscheinung: Zusammen mit Sven-Kristian Wolf, Glauben und Schauen. Theologisch-fotografische Betrachtungen, Karlsruhe 2026.