Deuteronomium 7,6–12

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Aus Liebe zum Lernen und Leben | 6. Sonntag nach Trinitatis | 12.07.2026 | 5. Mose 7,6–12 | Manfred Mielke|

Liebe Gemeinde,

für eine neue Arbeitsstelle wirst du dich bewerben und abschließend einen Vertrag unterschreiben. Darin stehen deine Aufgaben und was Dir als angemessener monatlicher Lohn zusteht. – Wenn zwei Menschen vor dem Traualtar sich das „Ja-Wort“ zusprechen, dann gehen sie den „Bund fürs Leben“ ein. Dem Paar geht es um eine unermessliche Liebe, um das „Sich Vertragen“ und das „Füreinander Dasein“.

In beiden Fällen schließen zwei Seiten einen Vertrag, gehen ein Bündnis ein, binden sich aus freien Stücken. Darüber wacht eine Respektsperson, die die entsprechende Vollmacht hat. Der Arbeitgeber reicht dir den Kugelschreiber an, der Pfarrer segnet euch den Bundesschlag eurer Hände. Es gibt also sehr unterschiedliche Formen, Verträge einzugehen, den Lebensfrieden zu erobern oder sich den Lebensunterhalt zu sichern.

Mose hatte damals die Aufgabe, das Bündnis zwischen seinem Volk Israel und seinem Gott Jahwe in klare Worte zu fassen. Dazu hält er eine großartige Rede, von der wir nun den einleitenden und den abschließenden Gedanken hören, den Mittelteil bedenken wir später. Der einleitende Gedanke lautet: „Du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Dich hat Jahwe, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind.“ Sein abschließender Gedanke lautet: „Falls ihr seine Gebote hört und haltet und danach tut, so wird der HERR, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er es unseren Vätern geschworen hat. (5.Mose 7,6+12)

In seiner Rede beschreibt Mose sich nicht als Vertragspartner, er fungiert als Vermittler. Er benennt klare Fakten, wobei alle Beteiligten spüren, dass es um etwas Grundlegendes geht. Um etwas, was sie schon „in etwa“ können, aber beide noch hineinwachsen werden.

Die Israeliten haben die Flucht durch die Wüste Sinai hinter sich. Sie sind mittellose und heimatlose Migranten und werden sich in so etwas Fremdes wie Eigentumsrechte oder ethnische Erwählung erst eingewöhnen müssen. Und Jahwe, ihr Gott, hat sein Volk aus der Sklaverei Ägyptens gerettet und durch die Todeszone navigiert. Zukünftig muss er auch im Kulturland und im Wohlstand so etwas Fremdes wie Barmherzigkeit und Moral aufrechterhalten, da wird er noch hineinwachsen müssen.

Eigentlich hatte Mose sich seine Rede so schreiben lassen, als würde er mit Glanz und Gloria ins Gelobte Land einmarschieren, als Anführer des „Größten Projekts aller Zeiten“. Doch Gott verurteilte ihn wegen eines bestimmten Vergehens dazu, noch in der Wüste zu sterben; nur einen Blick über die Hügel ins fremde Land Kanaan darf er noch werfen. So wird seine Antrittsrede zu einer Abschiedsrede, seine Utopien werden zu seinem Vermächtnis, und seine Führungsqualitäten erstarren zu einem erhobenen Zeigefinger.

Seine Rede ist eingerahmt mit gegenseitiger Erwählung und Bündnistreue, mit guten Hoffnungen und Zusagen. Sie bekommt aber einen herben und warnenden Einschub. Der lautet so: „Gott hat euch nicht angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –, sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat er euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten. So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen.

So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust.“

Moses selbst und jeder Zuhörer und jede Zuhörerin sind Überlebende des Marsches durch die Wüste. Jetzt zu hören, dass Gott sowohl seine Treue wie auch seine Vergeltung ausüben wird in den nächsten tausend Generationen, überfordert und verwirrt sie. Und dennoch wird das Gottesvolk in den nächsten Jahrhunderten zunehmend heidnische Gottheiten verehren und das Militär vergöttern. Ihre Abkehr von Gott bewirkte viele und tiefe Krisen. Als diese eintraten, half dann die Autorität des Moses, dass er schon in der Wüste davor gewarnt hatte.

In seiner Rede klingen zudem einige Begriffe auf, die wohltuend bleiben, obwohl sie gefährdet sind. zB Vertragstreue und Eides-Leistung, Barmherzigkeit und Liebe. Gott ist bereit, zu seiner Heiligkeit auch die Barmherzigkeit zu paaren, und stellt sich seinem inneren Konflikt zwischen Vergeltung und Lebensförderung. Und das Volk braucht eine neue Geschicklichkeit und Tatbereitschaft, um die Anforderungen auf seiner Seite zu erfüllen. Mose fungiert dabei als Vermittler, als Mediator, ähnlich wie der Pfarrer, der die Handgeste des Ehepaars segnet oder wie der Arbeitgeber, der den Kugelschreiber zur Unterschrift anreicht.

Mich interessiert, einige Erkenntnisse aus dem heutigen Bibeltext in unserer Realität wiederzuentdecken. Mein erstes Beispiel ist eine Trauung, die ich erlebt habe. Die Braut stammte aus Ost-Afrika, der Bräutigam aus seiner deutschen Heimat. In das Glockengeläut mischten sich gellende afrikanische Freudenrufe, die auch bei unserm Bläserstück anhielten: „Bino Batata, bobongola motema – Yesu akopenga jo!“ („Der Vater, die Mutter, Tante, Onkel – alle brauchen Jesus!“) Aber beim Trauversprechen wurde es mucksmäuschen still; die Braut sprach es auf Deutsch und der Bräutigam auf Kinyarwandisch. Das Büffet wurde dann eröffnet mit einer Vorsuppe aus Hühnerbrühe und lustigen Buchstabennudeln, serviert von den drei Kinder-Töchtern der Braut. – Schon eine gewöhnliche Trauung bewegt uns, aber hier gingen zwei einen Lebensbund ein, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Die Braut war in Ruanda als Friedensaktivistin engagiert und konnte als Witwe mit ihren Kindern in letzter Sekunde noch vor dem Genozid fliehen. Der Bräutigam strebte nach seiner Scheidung eigentlich nur noch seine Pensionierung an. – Ihr Bund fürs Leben kam mit wenigen Worten und Gesten zustande, aber in indem jeder es in der Muttersprache des anderen sagte, blitzte etwas auf von der Schöpfungslust Gottes. Die Langsamkeit, mit der sich beide die Hand reichten, spiegelte die Verletztheit ihrer Seelen wider und auch die Irrwege hin zum sicheren Hafen einer vorsichtigen Liebeslust. Die fröhlichen Buchstaben in der Hühnersuppe verwiesen auf den Hunger der Kinder auf ein eigenes Kinderzimmer – in einem „Gelobten Land“ und ließen auch ihre Buchstabierlust aufploppen hin zur Pubertät und Autonomie.

Zu dieser besonderen Trauung passte noch mehr wie zu jeder anderen der Glückwunsch des Moses: „Seid gewiss, dass der treue Gott seinen Bund und eure Barmherzigkeit durchhalten wird.“ Soweit zum Bund des Lebens. Mein zweites Beispiel folgt einer Episode aus der aktuellen Arbeitswelt. Ein guter Bekannter bewirbt sich auf einen Job in der Geschäftsleitung eines Technik-Unternehmens. Zum Abschluss der Verhandlungen muss er einige Unterschriften leisten, zum Datenschutz und gegen Korruption. Doch ein Dokument ist ungewöhnlich. Niemals habe er ein Seminar der Scientology-Sekte besucht, allein ein Kontaktversuch wäre ein sofortiger Kündigungsgrund. Auch das unterschreibt er klaglos. So wird er Mitarbeiter eines großen Konzerns, der das Eigentum eines legendären Patriarchen ist. Wer bei dem so eine Klausel unterschreibt, kann sich alle weiteren Verbote in dessen Stallordnung ausmalen. Niemand würde es je wagen, gegen dessen Ethik-Grundsätze zu verstoßen.

Mose spricht von den Eigentumsrechten Gottes an seinem Volk. Damit schließt Gott jede Fremdsteuerung aus, z.B. für die Gegenseite zu spionieren oder sich der Bestechlichkeit auszuliefern. Mose will die Loyalität fördern, Gott treu zu bleiben, der sie durch die Hungerzeiten der Wüste geführt hat, damit sie den zukünftigen Fleischtöpfen der Babylonier, Perser, Griechen und Römer nicht erliegen. Der Zauber fremder Religionen soll nicht als Ausrede herhalten, die eigenen Standards auszusetzen.

Wenn heute ein Konzern seine Leute freiwillig übertariflich bezahlt, ihnen E-Bikes spendiert und sogar die Nachhilfekosten ihrer Kinder übernimmt, dann, weil er sich um die Work-Life-Balance seiner Untergebenen und Leibeigenen sorgt. Die Sorge Gottes um unsre Work-Life-Balance klingt in Moses Rede in etwa so an: „Bleibt in Gottes Moral, denn er hat euch erwählt, weil er euch ganzheitlich liebt.“

Für das historische Israel folgte nach der Flucht durch die Wüste der Durchmarsch ins Kulturland. Das Paar marschierte durchs Single- und Witwendasein hinein in die Lebensform der Familie. Der Umschüler kämpfte sich durch einige Fortbildungen, bis er die Gesinnungskontrolle akzeptierte und sich sein Auskommen sicherte. Diese unterschiedlichen Formen, Verträge einzugehen, den Lebensfrieden zu erobern oder den Lebensunterhalt abzusichern, haben eine gemeinsame Urgeschichte im Bündnis Gottes mit seinem historischen Israel. Heute haben wir aus der Rede des Moses herausgehört, dass Gott dabei kein lebensfeindliches Ordnungskonzept verfolgte, sondern ihn die Liebe antrieb zum Leben und zum Lernen. Amen.

Liedvorschläge

Singt Gott den neuen Lobgesang (Singt Jubilate 92)

Nun danket Gott, erhebt und preiset (EG 290)

Fürbitten (mit Singspruch von Okko Herlyn)

Eine/r: Gott, du hast Israel durch die Wüste geführt. Stehe denen bei, die Fluchtwege finden müssen.

Alle: Gib uns heute Mut und Geduld für Morgen, und einen langen Atem.

Eine/r: Viele haben den Mißbrauch ihres Guten Glaubens erlitten. Zeige dich in deiner Unerschrockenheit.

Alle: Gib uns heute Mut und Geduld für Morgen, und einen langen Atem.

Eine/r: Gott, du lebst deine Balance zwischen Zorn und Segen. Sei uns ein Brunnen der Courage.

Alle: Gib uns heute Mut und Geduld für Morgen, und einen langen Atem.

Eine/r: Wir bitten dich: Schütze alle Liebenden, in Krisen wie im Glück.

Alle: Gib uns heute Mut und Geduld für Morgen, und einen langen Atem.

Eine/r: Gott, fördere unsre Großzügigkeit und befreie unsern Glauben von allen Lohngedanken.

Alle: Gib uns heute Mut und Geduld für Morgen, und einen langen Atem.

Eine/r: Gott, lass uns aus der Kraft Deiner Dreieinigkeit mehr Frieden in dieser Welt wagen.

Alle: Gib uns heute Mut und Geduld für Morgen, und einen langen Atem.

Manfred Mielke, Pfarrer der EKiR im Ruhestand, geb 1953, verheiratet, 2 Söhne. Sozialisation im Ruhrgebiet und in Freikirchen. Studium in Wuppertal und Bonn (auch Soziologie). Mitarbeit bei Christival und Kirchentagen. Partnerschaftsprojekte in Ungarn (1988- 2011) und Ruanda (2001-2019). Musiker und Arrangeur.