EG 347: „Ach bleib mit deiner Gnade“

· by predigten · in Archiv, Beitragende, Deutsch, Invokavit, Kasus, Katharina Coblenz-Arfken, Passion im Lied, Predigten / Sermons, Predigtreihen / Predigtserien

Predigtreihe „Passion im Lied“ | Invokavit | 4.3.2001 | EG 347: „Ach bleib mit deiner Gnade“ | Katharina Coblenz-Arfken |

Gemeindegesang : 1. Ach bleib mit deiner Gnade bei uns, Herr Jesu Christ, dass uns hinfort nicht schade des bösen Feindes List.

Predigt

Mein Zug kam kurz vor Mitternacht in Berlin an. Das Wochenende war ich in Dresden bei meinen Eltern gewesen. Ich wollte schnell nach Hause. Vom S-Bahnhof durch den Mombijoupark waren es keine 5 Minuten bei schnellem Schritt. Mein Mann würde hoffentlich noch wach sein. Kein Mensch war mehr unterwegs. Ich hatte schon fast die nächste Häuserfront des leerstehenden Postverwaltunsgebäudes erreicht, da schrillte ein Pfiff. Ein großer schwarzer Hund jagte auf mich zu, sprang mich an. Ich stand wie gebannt. Von der Seite trat ein Mann aus der Dunkelheit. „Aus“ rief er und packte mich am Handgelenk. „Komm mit“. In mir rasten die Gedanken. Niemand ist hier, niemand hört mich. Bei dem Hund kann ich nicht entkommen. Gott hilf mir. Gib mir die richtigen Worte. Der Mann hielt mich fest „Komm mit“ wiederholte er gepreßt. „Laß mich los“. Ich redete wie ein Buch. Ich redete um mein Leben. Ich sprach ihn auf sein Menschsein an. „Was hast du davon, wenn du mich vergewaltigst? Ich bin eine verheiratete Frau, habe ein Kind. Du bist jung, hast das Leben vor dir. Du siehst gut aus (das stimmte nicht ganz). Du kannst doch auf ganz normalem Weg eine Freundin bekommen, die dich liebt. Wenn du mir Gewalt tust, dann machst du dich unglücklich, wirst verfolgt. Du musst dir dein Leben doch nicht versauen. Meins machst du auch kaputt. Ich trau dir zu, dass du ein Mensch bist und so was nicht machst. Ich glaub an Gott, der zeigt dir auch einen besseren Weg.“ Das Wunder geschah. Er ließ los. Ich ging weiter. Ich zwang mich, nicht zu rennen, obwohl meine Herz bis zu den Ohren klopfte. In diesem Moment spürte ich, was Gnade ist. Wie ein Schutzmantel hatte sie sich um mich gelegt, „dass uns hinfort nicht schade des bösen Feindes List“.

Dies Erlebnis fiel mir ein, als ich über dieses Lied nachsann. Es entstand 1627. Der Dichter des Textes, Josua Stegmann, stammt aus Sülzfeld bei Meiningen. Er war 39 Jahre alt und inzwischen Superintendent und Theologieprofessor in Rinteln an der Weser, als er diese Verse niederschrieb. Der dreißigjährige Krieg verwüstete das Land. Glaubenskampf weitete sich zum Machtkampf aus. Die Kriegsereignisse brachten es mit sich, dass er drei Jahre später aller materiellen Grundlagen beraubt wurde. Man nötigte ihn zu einer Disputation, die nur auf eine Verspottung hinauslief. Er starb darauf im übernächsten Jahr. Dies Lied aber behielt seine Kraft und steht als einziges von ihm noch heute, nach nun 374 Jahren, in unserem Gesangbuch. Ich singe es gern. Die Melodie stammt von dem ihm wohl bekannten achtzehn Jahre älteren Kantor Melchor Vulpius aus Schleusingen. Er hatte sie ursprünglich zu einem Sterbelied komponiert (Christus, der ist mein Leben, Sterben mein Gewinn, EG 516).

Josua Stegmann beginnt sein Lied mit einem Seufzer: „Ach!“ Dieser Seufzer kommt aus tiefstem Herzensgrunde – am Anfang jeder Strophe. Sechsmal wiederholt er dieses „Ach“ und die Not in seinem Herzen wandelt sich damit gleichsam zur Bitte, zum Gebet, doch bewahrt zu bleiben vor des bösen Feindes List.

Aber was ist denn des bösen Feindes List? Gibt es den bösen Feind überhaupt? Die Bibel nennt ihn Teufel oder Satan. Sie nimmt die Erfahrung ernst, dass es die Macht des Bösen gibt. Eine gefährliche Macht, die Leben zerstört. In ihrem Bereich werden Menschen verleitet, sich gegen das Leben zu stellen. Es geht darum, dass wir nicht Schaden nehmen, dass wir nicht dem Teufel auf den Leim gehen. Ich war doch versucht, mich kräftig zu wehren, zurückzuschlagen. Irgendetwas hat mich davor bewahrt. Gottes Gnade, denke ich. Irgendwie muß der andere das gespürt haben.

In dieser Situation war das Böse offensichtlich. Ich hätte genauso böse werden können. Wenn ich eine Pistole oder ein Messer bei mir gehabt hätte, dann hätte ich ihn umbringen oder beseitigen können. Im Nachhinein bin ich froh, dass ich das nicht gehabt habe. Ich gehe auch heute nicht bewaffnet aus dem Haus. Gewalt mit Gewalt zu beantworten, führt zu einer Spirale des Todes. Wenn wir Böses mit Bösen vergelten, dann begeben wir uns in den Machtbereich des Bösen. Denn, wenn ich meinen Feind hasse, verleihe ich ihm auch Macht über mich: Macht über meine Gedanken, Macht über meinen Schlaf, Macht über meinen Blutdruck… Der Haß schlägt zurück. „Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen“ beten wir gemeinsam.

So nennt in der zweiten Strophe Josua Stegmann Jesus Christus den „Erlöser“:

„Ach, bleib mit deinem Worte bei uns Erlöser wert…“.

Das heißt, ich bin nicht allein und orientierungslos im Leben. In Jesus Christus hat Gott uns gezeigt, wie sein Leben und seine Liebe sich in der Welt auswirken. Er widerstand der Versuchung zur Macht, der Versuchung durch Schmeichelei und der letzten Versuchung, den Satan anzubeten. Er blieb achtsam und zog die Grenze zwischen sich und dem Teufel: „Hebe dich hinweg von mir, Satan! Denn es steht geschrieben: „Du sollst Gott, deinen Herrn, anbeten und ihm allein dienen“ (Mt 4,10). Jesus schlug nicht auf den Teufel ein, sondern vertraute Gott allein. Er wusste, dass er ganz fest zu Gott gehört.

Wir leben in einer Zeit, in der die zerstörerische Gewalt breiten Raum einnimmt. Die nur auf Leistung und Gewinn orientierte Gesellschaft frisst die menschlichen Werte. Wir leben alle längst auf Kosten derer, die wir ausbeuten – wir sehen sie bloß nicht, die Menschen in der 3.Welt. Und wie sollen unsere Kinder an Werte glauben, wenn die Verantwortlichen in der Regierung sich mit Millionen bereichern und nicht mal zur Rechenschaft gezogen werden?

Der junge Mann aus dem Park, er hatte ein verwahrlostes Gesicht, er glaubte, er kann sich mit Gewalt jede Frau nehmen zu seinem Spaß. Die Videotheken sind voll von Filmen, die solche sexuelle Gewalt zeigen. Niemand verbietet es, denn es bringt Gewinn.

Die Bitte um Wahrheit, die vor dem Irrtum bewahrt, wird mir zur Mitte in diesem Lied (Vers 3):

Ach, bleib mit deinem Glanze bei uns, du wertes Licht;

dein Wahrheit uns umschanze, damit wir irren nicht.

Ist es nicht makaber, wenn schon Christen bitten, sich mit einzusetzen, dass ein Armeestandpunkt in Eggesin erhalten bleibt, damit Arbeitsplätze erhalten werden? In Wahrheit wäre es sinnvoller, lebenserhaltende Arbeitsmöglichkeiten und Arbeitsfelder zu suchen. Müssen Schulen wirklich geschlossen werden, wenn weniger Kinder da sind? Wäre es nicht eine gute Möglichkeit, den Kindern mehr Zuwendung zukommen zu lassen? Sicher, man kann damit nicht so viel verdienen, wie mit Waffengeschäften. Aber es geht um unser Leben und das Leben dieser einmalig schönen Welt, die ich auch meinen Kindern und Enkeln erhalten möchte.

Wie ein Bogen spannen sich die Worte für die göttlichen Gaben dieser sechs Strophen um mich, die mich bewahren mögen vor der Versuchung zum Bösen:

GNADE – WORT – GLANZ – SEGEN – SCHUTZ – TREUE

Die Einfachheit der Worte, die Schlichtheit und die Klarheit des Reimes sind es wohl, die es vermögen, uns auch heute noch anzusprechen und zu berühren. Wir dürfen uns mit unter diesen Bogen, den Schutz Jesu stellen.

Es ist so viel Böses auf der Welt. Wie gut, dass es diesen Schutzwall gibt. Der Dichter Josua Stegmann hat uns mit diesem Lied davon erzählt.


Dr. Katharina Coblenz-Arfken

MTS-Str.4

18556 Altenkirchen

Tel.: 038391-12326

E-Mail: Arfkencoblenz@aol.com