Epheser 4,22–32
Aus der Haut fahren – ein neuer Mensch werden | 19. So. n. Trinitatis | 11. Oktober 2026 | Epheser 4,22–32 | Dr. Friedrich Schmidt-Roscher |
Liebe Schwestern und Brüder!
Manchmal würde ich am liebsten aus der Haut fahren.
Hier vorne am Körper einen Reißverschluss aufmachen, mich häuten und ein neuer Mensch werden. Ein Mensch, der mehr liebt, der mehr hofft, der mehr glaubt.
Raus aus den alten Klamotten! Raus aus den alten Gewohnheiten! So werden, wie Gott mich sieht. Ein Kind Gottes.
„Den neuen Menschen anziehen“, so schreibt es der Paulusschüler im Brief an die Gemeinde in Ephesus. Vermutlich spielt er auf etwas an, was damals am Ende des 1. Jahrhunderts in den christlichen Gemeinden üblich war:
Menschen, die getauft wurden, legten ihre alten Kleider ab. Sie erhielten ein neues weißes Gewand. Weiß ist die Farbe des Lichts. Sie soll das Licht Christi sichtbar machen. Das Licht wirkt durch die Taufe in dem Menschen. Ganz in weiß waren die Getauften auf der Straße für andere Menschen erkennbar. Dieser Mann oder diese Frau war durch die Taufe wirklich ein neuer Mensch geworden.
Kleider machen Leute. Das neue weiße Gewand hat die Frau oder den Mann verwandelt. Von außen nach innen, vom Hemd ins Herz. Mit der Kraft Christi hat der Mensch als Christ gelebt.
Diese Erfahrung ist vergleichbar mit dem Trikot des Lieblingsvereins, das ich überziehe. Wer sich ein Schalke-Trikot überzieht oder ein FCK-Trikot, der wird Teil einer großen Gemeinschaft. Er zeigt damit zu wem er gehört. Sie bekennt sich öffentlich zu seinem Verein und ist Teil der Mannschaft. Mein Trikot macht mich zu einem anderen Menschen. Kleider machen Leute.
Wer getauft ist und das weiße Gewand trägt, der zeigt, dass er nach dem Bilde Gottes erschaffen ist. Im ersten Buch der Bibel wird erklärt, dass alle Menschen nach dem Bild Gottes geschaffen sind – Frauen und Männer, Menschen mit unterschiedlicher Hautfarbe, Gläubige und Ungläubige. Wir sind bei aller Unterschiedlichkeit seine Geschöpfe.
Doch wer getauft ist und auf Christus hofft, der weiß darum. Der sieht sich selbst und die anderen als Ebenbilder Gottes. Der Glaube öffnet mir die Augen für etwas, was andere nicht sehen oder noch nicht sehen.
Im Brief an die Gemeinde in Ephesus denkt der Schreiber darüber nach, wie diese unsichtbare Wirklichkeit sichtbarer werden kann. Wie also das, was uns in der Taufe Gott zusagt, auch für andere Menschen sichtbar wird.
Diese neue Haut oder dieses neue Kleid, das wird mir geschenkt. Das ist ein Geschenk Gottes. Oder wie es im Epheserbrief heißt, da wirkt die Kraft Gottes. Und so wie man an bestimmten Zeichen oder Codes „Markenklamotten“ erkennen kann, so gibt es auch für uns als Kinder Gottes Kennzeichen. Diese Kennzeichen markieren, dass ich ein Christ oder eine Christin bin. Diese Kennzeichen sind Gerechtigkeit, Heiligkeit und Wahrheit.
Das macht ganz deutlich, dass es beim Christsein nicht um eine Kostümierung geht oder um eine andere Rolle. Es geht auch nicht darum, dass wir als Christen so ein bisschen bella figura machen. Ein neuer Mensch werden, das geht schon unter die Haut. Denn wir sollen ja keine „Schein-Heilige“ werden, sondern Heilige. Heilig werden wir nicht, weil wir abheben oder uns über andere erheben, sondern weil der heilige Gott in uns wirkt. Mein Leben, mein Reden, mein Handeln durchdringt. Menschen, die trotz ihrer Fehler, sich von Gott begeistern lassen. Menschen, die trotz ihrer Schwäche, sich von Gottes Geist ermutigen lassen verbindlich zu leben
Verbindlich, das meint in Verbindung mit Christus. Dass Christus mit seiner Kraft und seiner Liebe in uns wirkt. Dass er ein Teil meiner eigenen Persönlichkeit, meiner guten und weniger guten Eigenschaften überstrahlt. Sein Licht, das Gute in mir mehr strahlen lässt und die Schatten meines Lebens heller werden lässt. Durch die Verbindung mit Christus komme ich auch in Verbindung mit den anderen Menschen, meinen Schwestern und Brüdern. In dem Brief nennt der Autor vier Beispiele. Sie machen deutlich, wie dieses neue Kleid mein Leben bestimmt.
Keine Falschheit mehr, sondern die Wahrheit leben. Dass wir gegenüber anderen Menschen echt sind. Dass ich frei von dem rede, was mich bewegt. Ich muss mich nicht verstellen. Ich soll keine falschen Sachen behaupten, weder von mir noch von anderen. Darin zeigt sich meine Glaubwürdigkeit, aber es hängt auch die Glaubwürdigkeit der Kirche Jesu Christi daran. Es geht nicht um eine schonungslose Wahrheit, die anderen Menschen weh tut. Es geht um Freimut, Herzlichkeit und Offenheit. Nicht nach vorne freundlich tun und hintenherum dann andere Dinge erzählen. Solche Sachen. Biblische Wahrheit hat etwas mit Treue und Verlässlichkeit zu tun. Dass ich zu einem Menschen stehe, auch wenn es gerade schwierig ist.
Heute vermitteln manche Menschen und auch manche Parteien den Eindruck, dass sie die Wahrheit für sich gepachtet haben. Natürlich ist Wahrheit auslegbar und je nach Lebenserfahrung und Weltdeutung verschieden. Doch in einer Gesellschaft und in einer Kirche ist es auch wichtig, dass wir uns darum bemühen ein gemeinsames Bild zu bekommen. Es gibt eine Wahrheit, die frei macht und eine, die Menschen klein machen will.
Als zweites wird der Zorn genannt. Der Zorn ist eine starke Macht und kann Menschen auf falsche Wege führen. Er bringt auch besonnene Menschen durcheinander. Deshalb spricht der Schreiber des Epheserbriefes bei den Gefühlswallungen des Zorns auch vom Teufel, dem Durcheinanderbringer.
Manche Menschen sind solche Hitzeblitze, die ihren Zorn nur schlecht unter Kontrolle halten können. (Mich übermannt er manchmal leider auch.) Deshalb beschreibt der Schreiber einen Weg, um den Zorn zu befrieden. Bevor die Sonne sinkt, sollen wir den Zorn ablegen und einander um Verzeihung bitten. Damit ich ohne Wut im Bauch, ohne Verletzungen zu Bett gehen kann. In der Dreigenerationenfamilie in der Westpfalz, in der ich groß geworden bin, war dieser Rat eine wichtige Lebenshilfe für ein gutes Miteinander. Wo Zorn und Verletzungen, die durch den Zorn hervorgerufen zu viel Zeit und Raum gewinnen, da kann eine Wunde groß werden und Menschen so auseinanderbringen.
Auch in der Politik führt uns Zorn und Wut in die falsche Richtung. Er richtet sich dann schnell gegen Minderheiten, die zu Sündenböcken gemacht werden. Deshalb ist es wichtig, besonnen zu bleiben und den Parteiführern, die hetzen und spalten, unseren christlichen Geist entgegenzusetzen.
Der dritte Bereich, der im Epheser genannt wird, ist der Diebstahl. Wer stiehlt, der lebt auf Kosten anderer Menschen. Denn er oder sie strengt sich nicht an, sondern bemächtigt sich durch Betrug oder Gewalt des Besitzes anderer. Diebstahl ist ja nicht nur, wenn ich einem anderen heimlich oder mit Gewalt etwas wegnehme. Diebstahl ist es auch, wenn ich meine Steuern nicht bezahle oder andere Menschen über den Tisch ziehe. Das Gegenmodell sind Menschen, die mit ehrlicher Arbeit sich ihren Lebensunterhalt verdienen und auch noch denen helfen, die in Not sind. Schön wird dies in einem Buchtitel zusammengefasst: „Anständig Geld verdienen.“ Dafür sollen wir uns als Christen einsetzen.
Neulich sprach ich mit Konfirmandinnen und Konfirmanden über das Gebot, nicht zu stehlen. Wir kamen auch auf die Superreichen zu sprechen. Ein Konfirmand sagte: Die haben hart für Ihren Reichtum gearbeitet. Das zweifle ich nicht an. Arbeiten jedoch nicht auch andere Menschen hart und kommen kaum über die Runden? Haben die Superreichen nicht manchmal auch Glück gehabt? Fußt mancher gigantischer Reichtum nicht auf Unrecht? Würde es unsere Welt nicht ein klein wenig besser machen, wenn wir bei den Superreichen so viel Steuern holen, dass damit für alle 18jährige beispielsweise ein Führerschein bezahlt werden kann?
Ein vierter Bereich wird im Epheserbrief genannt. Es geht dabei um unser Reden. Denn auch Worte können verletzten. Worte können andere Menschen herabsetzen, beschämen, beleidigen. Worte haben eine große Macht. Und manche wissen nicht, welchen Schaden sie mit ihren spöttischen oder bösartigen Worten bei anderen Menschen anrichten.
Statt böse Worte, sollen wir als Christen gute Worte sprechen. Im Lateinischen heißt „bös sagen“, fluchen und „gut sagen“ segnen. Das zeigt deutlich, wie stark menschliche Worte wirken können. Sie können zum Fluch für andere Menschen werden oder zum Segen. Sie können Menschen aufrichten oder hinrichten, aufregen oder trösten. Als Kinder Gottes suchen wir auch nach einer anderen Sprache, um Menschen Mut zu machen und aufzubauen.
Auch das neue Kleid der Getauften ist nur die ersten Tage strahlend weiß. Im Laufe der Zeit wird es grau und verschmutzt. Und auch der neue Stoff bekommt Risse und muss ausgebessert werden.
So ist es auch mit unserer Bestimmung als Christen. Das ist eine Aufgabe für das ganze Leben. Manchmal muss das Kleid gewaschen und ausgebessert werden. So eine Reinigung kann auch ein Gottesdienst sein, in dem ich mich neu nach Gott ausrichte. Denn auch Getaufte laufen manchmal in die falsche Richtung. Auch bei Christen spielt Gott manchmal eine zu kleine Rolle. So hilft es, wenn ich mich neu besinne, neu ausrichte am Licht Jesu. Dann kann seine Liebe und seine Kraft mich neu füllen. Ich kann mich in die Richtung wenden, in der Jesus mich sieht. So geht der Glaube unter die Haut und macht mein Leben hell. Amen.
Verfasst von:
Dr. Friedrich Schmidt-Roscher, Jahrgang 1962,
Pfarrer in Prot. Kirchengemeinden Haßloch und Meckenheim in der Pfalz
Verheiratet, 3 erwachsene Kinder