Ezechiel 2,1-10; 3,1-3
Eine Ausnahmesituation: harten Gesichtern und verstockten Herzen predigen – oder doch normal? | Sexagesimae | 8.2.2026 | Ezechiel 2,1-10 und 3,1-3 | Winfried Klotz |
Ezechiel 2,1-10 und 3,1-3 (Zürcher Bibel)
1 Und er sprach zu mir: Du Mensch, stelle dich auf deine Füße, und ich will zu dir sprechen!
2 Und sobald er zu mir sprach, kam Geist in mich und stellte mich auf meine Füße, und ich hörte den, der zu mir sprach. 3,24; 37,10.14; Dan 8,18
3 Und er sprach zu mir: Mensch, ich sende dich zu den Israeliten, (zu Nationen, die sich auflehnen, vgl. LXX) die sich aufgelehnt haben gegen mich. Sie und ihre Vorfahren haben mit mir gebrochen, so ist es bis auf diesen heutigen Tag. 3,4; 5,6; 11,12; 16,47; 20,1-44
4 Und zu den Nachkommen mit verhärteten Gesichtern und hartem Herzen, zu ihnen sende ich dich, und du wirst ihnen sagen: So spricht Gott der HERR! 3,7; Ex 4,21; Ex 7,3
5 Und sie – mögen sie hören oder es lassen, denn sie sind ein Haus der Widerspenstigkeit! –, sie sollen wissen, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist. 3,11.27; 33,33
6 Und du, Mensch, fürchte dich nicht vor ihnen und vor ihren Worten. Fürchte dich nicht, auch wenn sie dir widersprechen und Dornen für dich sind und du auf Skorpionen sitzt. Vor ihren Worten fürchte dich nicht, und vor ihren Gesichtern hab keine Angst! Sie sind ein Haus der Widerspenstigkeit! 3,9; Jer 1,8.17; 28,24
7 Und du wirst ihnen meine Worte sagen, mögen sie hören oder es lassen! Sie sind ein Haus der Widerspenstigkeit!
8 Du aber, Mensch, höre, was ich zu dir rede. Sei nicht widerspenstig wie das Haus der Widerspenstigkeit, öffne deinen Mund, und iss, was ich dir gebe. Jer 1,6; 3,1; Jer 1,9; Offb 10,8-11
9 Und ich sah, und sieh: Zu mir hin war eine Hand ausgestreckt, und sieh, in ihr war eine Schriftrolle. 8,3; Sach 5,2; Offb 5,1; Offb 10,2
10 Und er breitete sie vor mir aus, und sie war auf der Vorderseite und auf der Rückseite beschrieben, und auf ihr aufgeschrieben waren Klagen und Seufzer und Wehrufe.
31 Und er sprach zu mir: Du Mensch, iss, was du vorfindest, iss diese Schriftrolle, und geh, sprich zum Haus Israel! 2,8; Jer 1,9; Offb 10,8-11
2 Und ich öffnete meinen Mund, und er ließ mich jene Rolle essen.
3 Und er sprach zu mir: Mensch, gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe! Da aß ich sie, und in meinem Mund wurde sie wie Honig, süß. Offb 10,10; Ps 19,11; Jer 15,16
In einer Ausnahmesituation befindet sich Ezechiel – bei Luther Hesekiel, Angehöriger einer Priesterfamilie – als er von Gott angeredet wird. Nicht nur, dass er zur Gruppe der 597 vor Christus (2. Könige 24, 8-17) aus Jerusalem deportierten Menschen gehört; nicht nur, dass er herausgerissen ist aus der Gemeinschaft derer, die fröhlich im Tempel in Jerusalem Gottesdienst feiern. (Psalm 42) Er ist hineinversetzt in eine Umwelt, die den Gott Israels nicht kennt und anderen Göttern dient. Er gehört zu einer Gruppe von entwurzelten Menschen, tief verunsichert, unfrei, babylonischen Beamten unterstellt. Das ist die äußerlich sichtbare Ausnahmesituation.
Die andere ist schwerer zu verstehen und kaum zu beschreiben. Zu Beginn unseres Predigtwortes heißt es: „Und er sprach zu mir: Du Mensch, stelle dich auf deine Füße, und ich will zu dir sprechen! Und sobald er zu mir sprach, kam Geist in mich und stellte mich auf meine Füße, und ich hörte den, der zu mir sprach.“ (V. 1+2) Dem voraus geht in Kapitel eins die Schilderung einer Gottesvision. Ezechiel schaut die Herrlichkeit Gottes. Das aber löst in ihm keinen Freudentaumel aus, sondern stürzt ihn in große Bedrängnis. Eine kaum zu fassende Ausnahmesituation! Was da mit ihm geschieht, er ist diesem Geschehen ausgeliefert, nimmt ihm alle Sicherheit. Auf seine Mitmenschen wirkt er wie einer, dem etwas Schreckliches widerfahren ist. Im dritten Kapitel heißt es: „Und Geist hatte mich emporgehoben und nahm mich fort, und ich ging, bitter, aufgewühlt, und schwer lag die Hand des HERRN auf mir. Und ich kam zu den Verbannten nach Tel Abib, die am Fluss Kebar wohnten, und ich blieb, während sie dort wohnten, und dort saß ich sieben Tage lang, unter ihnen Entsetzen verbreitend.“ (V. 14+15) Wir meinen manchmal, es wäre großartig für uns, wenn wir Gottes Herrlichkeit in einer Vision schauen könnten, ähnlich wie die Jünger auf dem Berg bei der Verklärung von Jesus. (Mt 17, 1-7)) Aber auch dort heißt es, dass die Jünger sehr erschrocken sind. Ezechiel, gewiss ein frommer, gottesfürchtiger Mensch, erfährt Gott als überwältigend und erschreckend. Seine Berufung zum Propheten, also zum Sprachrohr für Gott, ist für ihn keine Adelung, keine Ausstattung mit besonderer Würde und Autorität, sondern eine enttäuschende Aufgabe; man hört ihm zu aber nimmt ihn nicht ernst. (vgl. Kap. 33, 30-33)
In der Beauftragung heißt es: „Und er sprach zu mir: Mensch, ich sende dich zu den Israeliten, die sich aufgelehnt haben gegen mich. Sie und ihre Vorfahren haben mit mir gebrochen, so ist es bis auf diesen heutigen Tag. Und zu den Nachkommen mit verhärteten Gesichtern und hartem Herzen, zu ihnen sende ich dich, und du wirst ihnen sagen: So spricht Gott der HERR! Und sie – mögen sie hören oder es lassen, denn sie sind ein Haus der Widerspenstigkeit! –, sie sollen wissen, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist.“ (V. 3-5) Die Beschreibung derer, denen Ezechiel Gottes Wort ausrichten soll, macht wenig Hoffnung: Sie haben sich aufgelehnt gegen Gott, sie haben mit mir gebrochen, verhärtete Gesichter, harte Herzen – sie sind ein Haus des Widerspruchs. Warum zu solchen Menschen reden? „Sie sollen wissen, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist.“ Dieser Satz hat eine besondere Bedeutung: Auch wenn die, zu denen Ezechiel gesandt ist, jetzt nicht zuhören, wird im Nachhinein doch sichtbar werden, dass Gott das Volk Israel, mit dem er einen Bund geschlossen hat, nicht im Stich gelassen hat. Es wird sichtbar werden, dass er treu den Bund mit diesen Menschen gehalten hat. Das aber wird in der Zukunft Brücke zu einem Neuanfang sein. Es ist noch kein Licht am Ende des Tunnels zu sehen, einmal abgesehen von den irrlichternden falschen Propheten, aber Gott hält in seiner Treue durch. Menschen wollen auf seine Mahnung nicht hören, – ich ergänze: dass es das Buch Ezechiel gibt, zeigt aber, dass im Umfeld des Propheten einige gehört und die Botschaft bewahrt haben –, aber Gott bleibt den von ihm abgewandten Menschen zugewandt. Dass sie den Ruf Gottes zur Umkehr nicht hören, führt sie in die Gottesferne; Gott kann nahe sein und doch so fern!
Es ist heute nicht anders: was wir Säkularisierung nennen, ist aus meiner Sicht eine Beschneidung des eigenen Denkhorizonts, eine Verkürzung der Wahrnehmung durch Voraussetzungen, deren Notwendigkeit zu überprüfen wäre. ICH im Zentrum bringt nicht die große Freiheit, sondern führt zu einem Ausgeliefertsein ans Irdische mit seinen Begrenzungen, seiner Vergänglichkeit und seinen Irrwegen und so zu einem sinnlosen Leben. Es muss nicht so sein, wie damals bei den Deportierten, deren Leben zerbrochen wurde, fremdbestimmt, rechtlos; es kann bei äußerem Wohlergehen im Inneren Friedlosigkeit und Leere regieren, dass ein Mensch ausgeliefert ist sich selbst und nie zufrieden sein kann. Da mögen viele helle irdische Lichter leuchten, die Dunkelheit des Herzens können sie nicht hell machen, die Gottesfinsternis nicht überwinden.
Der Gott, der treu zu seinem Bund steht, ist zugleich der Gott, der denen fern ist, die ihn verlassen haben. Aber in der Sendung des Propheten hält Gott seine Gegenwart aufrecht bei Menschen, die ohne ihn durchs Leben gehen. Die sehen das nicht so; Gott hat uns verlassen, meinen sie, nicht wir ihn. Aber indem das prophetische Wort sich bewahrheitet, werden Gottes Gericht, aber auch seine Gnade sichtbar.
Ich muss – vielleicht etwas weit hergeholt – an einen Vers aus dem Johannesevangelium denken, der von Gottes Liebe zur von ihm abgewandten Welt redet. Aus seiner Liebe sendet Gott den Sohn, Jesus, sein Brückenkopf in einer feindlichen Welt. (Joh. 3,16) Er hat ihn nicht gesandt, um die Menschen zu richten, sondern zu retten. Aber gerade da, wo Gottes Licht aufleuchtet, wird die Dunkelheit sichtbar; und da es hier um einen personalen Prozess geht, um Menschen mit ihrem Ja oder Nein, wird die Dunkelheit nicht einfach erhellt, sondern da, wo das Nein regiert, macht das Licht die Dunkelheit sichtbar und verurteilt sie.
Ich kehre zurück zur Berufung Ezechiels: während nach meinem Eindruck heutige Predigten tendenziell Reden zur Befriedigung eines religiösen Bedürfnisses sind, ist es bei Ezechiel nicht so; er muss ansagen, was den Hörern nicht gefällt und muss aushalten, dass ihm widersprochen wird. Die Gute Nachricht Bibel gibt Vers 6 und 7 so wieder: „Du Mensch, hab keine Angst vor ihnen und ihren Spottreden! Du wirst unter ihnen leben wie unter Skorpionen, wie mitten im Dorngestrüpp. Aber du brauchst dich nicht vor ihnen zu fürchten. Sag ihnen die Worte, die ich dir auftrage, ganz gleich, ob sie auf dich hören oder nicht. Du weißt ja, sie sind ein widerspenstiges Volk.“ Wir alle, Prediger/innen, möchten gehört werden; wir wünschen uns positive Rückmeldungen, freuen uns, wenn wir Menschen ansprechen können. All das hat Ezechiel nicht zu erwarten! Seine Lage ist unbequem, Spott, Widerspruch, Verachtung muss er sich gefallen lassen. Aber er darf sich nicht fürchten und nicht an die anpassen, denen er Gottes Wort sagen soll. Seine Botschaft ist, jedenfalls in den Jahren bis zum Fall Jerusalems und der zweiten Wegführung, 587/86 v. Chr., voll harter Kritik an denen, die dort leben: er spricht gegen den König, die Priester, Richter, Propheten, einflussreichen Leute. Die schon ins Zweistromland Deportierten werden dagegen getröstet, eine Rückkehr ins Land Israel wird ihnen angesagt, (Kap. 11, 14ff) obwohl auch sie Leute sind, die den Propheten nicht ernst nehmen.
Ezechiel wird im letzten Abschnitt unseres Predigtwortes aufgefordert, eine Schriftrolle zu essen. Eine ausgestreckte Hand reicht sie ihm; all das geschieht in der Gottesvision. Der Empfang des Gotteswortes wird im Essen der Schriftrolle vollzogen; es wird verinnerlicht, ein Teil der Person des Propheten. Sie schmeckt süß, was bedeutet das? Ich verstehe das im selben Sinn, wie es Jeremia einmal sagt: „Empfing ich deine Worte, so habe ich sie verschlungen, und deine Worte wurden meine Wonne, die Freude meines Herzens.“ (Jer. 15, 16) Gottes Wort zu empfangen ist für den Propheten erfüllend, erhebend, obwohl die Botschaft bedrängend ist. Die Schriftrolle ist innen wie außen beschrieben, auf ihr stehen Klagen und Seufzer und Wehrufe. Ezechiel kann und darf sich nicht von der Botschaft distanzieren. Sein persönlicher Weg ist mit der Botschaft verknüpft. Er muss sie weitersagen mit Worten, aber auch durch Handlungen und Verhalten.
Wer möchte schon Prophet/in sein, wenn das solche Belastungen mit sich bringt? Aber Ezechiel wird nicht gefragt, ob er das möchte, genauso wie die anderen Propheten, von denen die Bibel erzählt. Aber er wehrt sich auch nicht dagegen, er erhebt keinen Einspruch mit Verweis auf ein Handikap. „Gott der Herr redet, wer sollte nicht Prophet werden?“ sagt Amos. (Amos 3, 8 LU) So ist es bei Ezechiel. Und wir?
Ich bin kein Prophet, sage ich; Gott redet nur vermittelt durch das Wort der Bibel zu mir. Aber wenn Gott durch das Wort der Bibel zu mir und zu dir redet, dann sind auch wir mit einer Botschaft betraut. Es ist die Botschaft des Evangeliums von Jesus. Es gibt auch im Bereich der Kirche viel Streit darum, was Inhalt dieser Botschaft ist. Ich sage es ganz einfach: Jesus ist der Weg zu Gott. (Joh. 14,6) Geh diesen Weg. Das auszurichten ist Aufgabe aller, die sich Christen/innen nennen. Orientieren wir uns an Ezechiel, der ‚verhärteten Gesichtern und harten Herzen‘, predigen musste. Erschrecken wir nicht vor ihnen! Und seien wir dankbar für die, die die Botschaft hören und mit uns den Jesus-Weg gehen. Amen.
Winfried Klotz, Pfr. i. R., Bad König/ Odenwald, Jg. 1952, verh., 3 Kinder und ein Enkelkind.
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