Ezechiel 37,24
Jeder für sich oder alles in allem? | Predigt zur Christvesper | 24.12.2025 | Thomas Schlag
Liebe Heilig-Abend-Gemeinde,
man mag es in diesen Zeiten der bunt und laut und blinkend und poppig präsentierten Weihnachtswelten kaum für möglich halten: Klassische Krippenausstellungen haben Konjunktur. Schon ein kurze «google»-Recherche macht deren unüberschaubare Anzahl und Vielfalt landauf und landab offenbar. Krippeninstallationen scheinen das Gegenprogramm zum vorweihnachtlichen Gerenne und Gehetze zu bilden. Es scheint, als ob sich in ihnen eine ganze Gegenwelt auftut.
Besonders anschaulich ist für mich selbst die Krippenausstellung in ganz unmittelbarer Nähe zum lärmigen Weihnachtsmarkt Baden-Baden, deren Besuch wir seit vielen Jahren zum vertrauen Familienritual gemacht haben: Nur wenige Meter neben den dicht umlagerten Buden und in hörbarer Weite des allgemeinen Glühweinrausche(n)s sind im sogenannten Wandelgang der Trinkhalle 28 Krippen aufgereiht:

https://www.flickr.com/photos/125877475@N06/54215681587/
Diese zeigen, wie es auf der Informationstafel heisst, «wie vielfältig und lebendig Krippenkunst heute sein kann – von alpenländischer Tradition über barocke Schnitzkunst bis hin zu modernen Interpretationen mit Wurzelholz und orientalischem Flair.» Man kann übrigens, wenn man es nicht persönlich dorthin schafft, die Beschreibung zu allen 28 einzelnen Krippen wunderbar bequem digital ansteuern und sich so im wahrsten Sinn des Wortes eine Vorstellung von jeder einzelnen Version des Heilig-Abend-Ereignisses verschaffen.[1]Hier nur eines der Beispiele südtiroler Holzschnitzkunst:

https://www.soniademetz.com/presepi-in-legno/presepe-da-tavolo-sd/
Und so kann man in der Baden-Badener Ausstellung Besucherinnen und Besucher beobachten, die sich offenbar ganz bewusst für einen Moment aus dem Weihnachtsmarktgetriebe herausnehmen, den deutlich ruhigeren Ort aufsuchen, möglichst nahe an die einzelne Installationen herangehen um Details zu entdecken und einfach staunen – und zwar Kinder wie Erwachsene gleichermassen.
Was ist eigentlich das Schöne und Faszinierende an einer Weihnachtskrippe, was diese aktuelle Konjunktur erklären mag? Natürlich ist es im Einzelfall deren wunderbare künstlerische Machart – wenn auch nicht selten fast zu süsslich und harmonisch und sehr traditionalistisch ohnehin.
Gleichwohl darf man staunen über die detailliert ausgearbeitete Installation des gesamten Geländes um die Krippe herum, über die fein geschnitzten Gewänder und die einzelnen Gesichter von Maria und Josef, über die zum Vorschein kommende Geborgenheit des Jesuskindes, über die erschrockenen Hirten, über die mehr oder weniger stoischen Esel und Ochs’, über die Gaben bringenden Könige, und über den gloriosen Engel über allem.
Und selbst wenn man keine Worte hört und natürlich auch keine Bewegungen wahrzunehmen sind, erscheint das gesamte weihnachtliche Ensemble in einem besonderen Licht. Vielleicht fasziniert gerade die besondere Ruhe, die die Personen in der jeweiligen Krippenversion zum Ausdruck bringen, sogar ausstrahlen? Jede einzelne Figur ist es je für sich es wert, betrachtet zu werden.
Dabei erscheint auf den ersten Blick jede einzelne Figur ganz «bei sich» selbst zu sein: die staunende Maria, der irgendwie skeptisch betrachtende, möglicherweise ganz einsame Josef, die sich fürchtenden und lobenden Hirten, die gelassen beobachtenden Tiere, die anbetenden Könige, der verkündigende Engel. Es herrscht, wie sollte es anders sein, gewissermassen stumme Bewegungslosigkeit. Nun ja, wie sollte es anders sein bei einer solchen Installation unterschiedlicher einzelner Spiel-Figuren, die ja bekanntermassen alle ihre je eigene Rolle zugeschrieben bekommen haben.
So mag man sich fragen: Zeigt sich hier eigentlich eine weihnachtliche Gemeinschaft? Oder ist doch mehr oder weniger jeder und jede für sich allein? Jeder und jede ein «lonely player» auf der Inszenierungsfläche des Lebens?
So macht es Sinn, das Ganze nochmals ganz anders zu betrachten: Das Krippenensemble kann man sich tatsächlich auch ganz bewegt vorstellen. Und dann – bei entsprechender eigener kreativer Phantasie – lässt sich eine erhebliche Resonanzdynamik entdecken. Die Figuren richten sich aus: ihr Blick geht auf die Mitte des Ganzen, das Jesuskind in der Krippe.
Man mag sich vorstellen, dass sie genauestens wahrnehmen und hören, was gerade geschieht. Alle Einzelfiguren geraten in Bewegung, weil sie aus besten individuellen Gründen allesamt tief bewegt sind. Und dann mag man imaginieren, dass – nicht sichtbar und doch spürbar – alle mit allen in Bewegung und dabei tief miteinander verbunden sind. Einzelne feine Krippenausarbeitungen bringen durch das beleuchtete Ambiente der Herberge eine geradezu alles überwölbende Geborgenheit zum Vorschein. Dass manches Krippen-Exemplar – nicht nur in Baden-Baden – in die Umrisse eines alten Weinholzfasses eingekleidet ist, sei hier nur augenzwinkernd am Rande bemerkt.
Fasskrippe aus Neapel aus der Sammlung des Museums Burg Posterstein (https://www.burg-posterstein.de/veranstaltungen/weihnachten-und-meer-weihnachtskrippen-aus-laendern-am-meer/)

Vielleicht ist es gerade dies, was die Faszination dieser Krippen ausmacht. Es sind eben nicht einfach Einzelfiguren, die sich hier irgendwie zufällig versammeln. Sondern es zeigt sich ein ganzes Ensemble von höchst emotionalen Momenten und Motiven, die das weihnachtliche Ganze ausmachen. Ich stelle mir vor: Alle bilden miteinander einen grossen Resonanzkörper, der die gesamte weihnachtliche Gefühlswelt zum Ausdruck bringt. Es bildet sich eben nicht nur ein «jeder für sich allein», sondern ein grosses «Wir», ein «alles in allem» ab.
Dieses Ganze spiegelt dann zugleich unsere eigene weihnachtliche Gefühlswelt wider. Eine bunte, in uns selbst keineswegs immer ausgeglichene Mischung. Ja, wir staunen heute Abend, aber es ist vermutlich auch nicht wenig Skepsis mit im eigenen Gefühlsraum, ob und wie denn nun dies alles zu verstehen ist. Und natürlich kennen an diesem Abend viele Menschen das prekäre und schmerzhafte Gefühl, alleine zu sein.
Diese Weihnachtstage tragen insofern durchaus auch einen bedrohlichen Charakter. Gerade in diesen Tagen gewinnt das Gefühl tiefer Einsamkeit bei vielen die Oberhand – und nicht wenige flüchten sich dann in den digitalen oder emotionalen «lonely player»-Modus. Ganz zu schweigen davon herrscht vielfach und ganz berechtigt erhebliche Furcht angesichts innerer und äusserer Herausforderungen. Der Eingang des uns vertrauten Weihnachtsliedes «Ich steh’ an Deiner Krippen hier» ist deshalb im Einzelfall mit vielen, vermutlich durchaus auch zwiespältigen Gefühlen verbunden.
Aber es darf jetzt hoffentlich auch Raum für Lob und ruhige Gelassenheit sein. Und möge dies jetzt doch auch eine Zeit für dankbares Beten und strahlenden Glanz werden.
Diese vielfältigen, zutiefst menschlichen Gefühlswelten werden am heutigen Abend durch tiefgründige Worte gespiegelt, die Hoffnung machen – gerade weil sie auf ein neues gemeinsames «Wir» hin ausgerichtet sind:
Der Prophet Ezechiel kündigt schon in ganz uralten Zeiten an:
Ez 37, 24 Und mein Knecht David soll ihr König sein und der einzige Hirte für sie alle. Und sie sollen wandeln in meinen Rechten und meine Gebote halten und danach tun. 25 Und sie sollen wieder in dem Lande wohnen, das ich meinem Knecht Jakob gegeben habe, in dem eure Väter gewohnt haben. Sie und ihre Kinder und Kindeskinder sollen darin wohnen für immer, und mein Knecht David soll für immer ihr Fürst sein. 26 Und ich will mit ihnen einen Bund des Friedens schließen, der soll ein ewiger Bund mit ihnen sein. Und ich will sie erhalten und mehren, und mein Heiligtum soll unter ihnen sein für immer. 27 Meine Wohnung soll unter ihnen sein, und ich will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein, 28 damit auch die Völker erfahren, dass ich der HERR bin, der Israel heilig macht, wenn mein Heiligtum für immer unter ihnen sein wird.
Diesen Ankündigungen liegt, kaum überraschend, die ganz reale Erfahrung des Volkes zugrunde, dass eben alles zu zersplittern und auseinanderzufliegen droht. Keine Gemeinschaft, keine Verbindung mehr untereinander, schon gar kein gemeinsamer Blick in eine bessere Zukunft.
Und dann eben doch und ganz überraschend und im wahrsten Sinn des Wortes er-staunlich: Ein neuer König wird angekündigt: Mein Knecht David soll ihr König sein und der einzige Hirte für sie alle. … Und ich will mit ihnen einen Bund des Friedens schließen, der soll ein ewiger Bund mit ihnen sein. Und ich will sie erhalten und mehren, und mein Heiligtum soll unter ihnen sein für immer.
Gott schenkt neue Hoffnung, er ermöglicht einen Neuanfang. Und alles wird – so möge man hoffen – auf Frieden hin ausgerichtet sein.
Und inmitten dieser hoffnungsvollen Worte fällt auf: Der Prophet spricht eben nicht nur Einzelne an. Sondern sein Blick geht auf alle, auf das Miteinander, das gemeinsame Hören und Sehen und Staunen, auf «alles in allem». Und so verbinden sich seine Worten über den Bund des Friedens, über die neue heilige Wohnung mit der grossen Hoffnung, dass gemeinsam für das ganze Volk ein neues Miteinander erlebt werden kann: Weihnachtliche Gegenwelt sozusagen.
Man mag diese prophetische Botschaft deshalb auch so hören und für sich verstehen, dass jetzt und heute in uns selbst die unterschiedlichen eigenen Gedanken und Gefühle zusammenkommen dürfen, weil unser ganzes Leben gut geborgen ist.
Im Blick auf die weihnachtliche Krippe darf all dies gemeinsam Platz haben: Staunen, Skepsis, Einsamkeit, Fürchten, Loben, Anbeten und Strahlen. Wir dürfen erfahren, dass wir selbst viel mehr als blosse Einzelfiguren, ganz anderes als «lonely player» sind. Ich stehe eben nicht «allein an Deiner Krippen hier». Sondern mitten im eigenen Blick auf die Krippe sind wir zutiefst miteinander verbunden. Jetzt darf Weihnachten kommen. Jetzt darf «Alles in allem» sein.
Amen.
—
[1] https://www.baden-baden.com/veranstaltungen/christkindelsmarkt/krippenausstellung-in-der-trinkhalle