Genesis 2,4b–9.15

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Der Mensch – „Erdling“ oder Weltbeherrscher? | 15. So. n. Trinitatis | 13. September 2026 | Genesis 2,4b–9.15 | Thomas Bautz |

 

Der Mensch – „Erdling“ oder Weltbeherrscher?

Liebe Gemeinde!

(Gen 2,7–8.15): „Da bildete Gott den Menschen aus Staub von der Erde, und Er blies in seine Nase den Lebensatem (den Odem des Lebens). So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen. Es pflanzte Gott einen Garten in Eden […], und setzte dorthin den Menschen, den Er gebildet hatte. […] Es nahm Gott den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, damit er ihn bearbeite und beschütze.“

Mir kommt ein Kind in den Sinn: das durfte im riesigen Schrebergarten des Großvaters die Sommerferien ganz und häufig die Wochenenden verbringen. Es bekam ein „Grundstück“ – klein, aber sein eigen. Dort entwickelte es Landschaften: Fluss, See, Wasserfall und Hügel. Die Wasserrechnung für den Großvater stieg mit dem Älterwerden des Kindes. Aber er nahm ihm das nie übel. Im Garten war alles, was an Obst und Gemüse wachsen und gedeihen kann, und es labte sich daran. Wenn es auf dem Kirschbaum Süßkirschen „erntete“, durfte niemand anderes pflücken. Eine passende Beschreibung für dieses schöne Dasein in der Kindheit wird uns heute beschäftigen: Es war das „Paradies“.

Dazu gehörte übrigens auch die angenehme Atmosphäre in der Gemeinschaft der Freunde und Bekannten seines Großvaters, die sich teils im Liegestuhl entspannten, teils mit dem Großvater Skat spielten. Noch im Grundschulalter war das Kind mit dabei, wurde mit neun Jahren schon erfolgreich. Für das Kind war das ein wertvolles Zeichen der Integration; auch sonst fühlte es sich von den Erwachsenen ernst genommen. Mögen doch recht viele Kinder die Chance haben, eine solche quasi paradiesische Kindheit zu erleben! Ihnen ist es am ehesten vergönnt oder ermöglicht, selbstbewusst zu leben, Gaben zu entdecken, Mut zu fassen gegenüber Widerständen und sich als Erwachsene später in Krisen zu engagieren. Aber auch ohne phantastische Kindheit bleiben im Laufe des Lebens dank schulischer, beruflicher Ausbildung Wege offen, um gleichsam gegen den Mainstream zu schwimmen und in Theorie und Praxis Widerstand zu leisten.

Gibt es eine Rückkehr ins „Paradies“? Oder bleibt es uns verschlossen? Paradise lost, betitelte John Milton sein berühmtes episches Gedicht (1667).[1] Milton kannte nicht nur die Mythologie der hebräischen Bibel (Fall Satans, Verführung Adam und Evas, Sündenfall, Vertreibung aus dem Garten Eden), er hatte sich auch politisch engagiert, bis er schließlich enttäuscht wurde. Das Wort „Paradies“ findet sich in der griechischen Übersetzung der hebräischen Bibel (LXX Gen 2,8: παράδεισον ἐν Εδεμ).

Das Wort stammt vielleicht aus dem Persischen und meint schlicht „eingezäunter Bereich“. Heute meint es metaphorisch häufig ein himmlisches Fleckchen Erde, etwa als Urlaubsort; auch ein Glücksgefühl angesichts eines Erfolges, oder wenn man sich in einer Gemeinschaft ganz akzeptiert fühlt: „Es ist wirklich herrlich bei Euch!“ Das „Paradies“ ist jedoch für viele Menschen unerreichbar, ausgenommen für die Reichen, die es aber mitunter nur oberflächlich durch materiellen Überfluss erleben, innerlich aber arm und einsam sind.

Leider ist „das Paradies“ zeitlich weit in die Ferne gerückt, und auch räumlich ist es unter Menschen, in Gesellschaften der Industrieländer insbesondere, arg geschrumpft, und man kann froh sein, noch auf ein gewisses Maß an Herzlichkeit und Menschlichkeit zu stoßen. Viele Menschen sind abgestumpft, fristen ihr selbst gewähltes Dasein in materiell orientierter Langeweile. Der Klimawandel vermag sie nicht wirklich zu (be)treffen. Doch macht uns der materielle Wohlstand wirklich glücklich? Verhindert er, dass sich Menschen radikalisieren oder in den Krieg ziehen? Ich glaube, die Antwort lautet: Nein. In manchen Gesellschaften hat eine große Mehrheit der Menschen mehr Nahrung als sie essen, mehr Kleider als sie tragen können und mehr Freizeit als sie jemals mit Konsum füllen könnten.[2]

Wenn wir davon ausgehen, dass der Mensch überleben will, ist es höchst überraschend, dass wir die einzige Spezies auf der Erde sind, die wissentlich ihren Lebensraum zerstört und gleichzeitig diese Tatsache leugnet. Entweder sind wir unverrückbar on a Highway to Hell (1979),[3] oder wir erkennen nicht, wie wir Menschen funktionieren.[4] Das einst von AC/DC angesprochene Lebensgefühl hat sich nicht wesentlich verändert:

Highway to Hell // Living easy, living free / […] Taking everything in my stride / Don′t need reason, don’t need rhyme / There ain′t nothin‘ I would rather do / Going down, party time / […] // […] Nobody’s gonna mess me ′round / Hey Satan, paid my dues / Playing in a rocking band / Hey momma, look at me / I’m on my way to the promised land // I′m on the highway to hell / Highway to hell // […]

[…] Ich nehme alles gelassen hin / Brauch keine Gründe, brauch keine Reime / Es gibt nichts, was ich lieber tun würde/ Los geht’s, Partyzeit / Meine Freunde sind auch schon da // […] Niemand wird mir in die Quere kommen / Hey Satan, ich habe meinen Preis (Lehrgeld, Gebühr) bezahlt / Ich spiele in einer rockigen Band /
Hey Mama, schau mich an / Ich bin auf dem Weg ins gelobte Land // I′m on the highway to hell […] // […]

Auf einfacher Ebene bringt der Text in bestechend klaren Worten zur Sprache, was längst Ausdruck eines Lebensgefühls geworden und geblieben ist: Gleichgültigkeit (der Kontext entlarvt “Gelassenheit” hier als negativ gemeint); Spaß haben, Lust auf Party, aber keine sozialen Kontakte; Misstrauen: „Niemand wird sich mit mir anlegen“ oder „mir in die Quere kommen“; „Da wird mich niemand an der Nase herumführen“.

Wovor verschiedene Wissenschaften seit vielen Jahrzehnten warnen, ist der Klimawandel mit seinen verheerenden Folgen, die schmerzlich mehr und mehr spürbar werden, nun erst in aller Munde, in das allgemeine Bewusstsein getreten. Daran ändern auch die Leugner wie Donald Trump nichts mehr! Muss man am Menschen zweifeln und verzweifeln? Eine beinahe rhetorische Frage, deren Antwort vor Augen liegt. Aber wir dürfen deshalb nicht das Leben gänzlich aufgeben und die Erde vollends zerstören, weiter ausbeuten, herunterwirtschaften. Es mag hilfreich sein, wieder einmal den Schöpfungsmythos aus der hebräischen Bibel zu betrachten, und gerade deshalb mögen wir unsere Zweifel zulassen.

Es gehört zum Menschsein, was ihn unaufhörlich antreibt, „einmal alles zu hinterfragen, was wir denken, was wir glauben, was wir fühlen, und was wir denken, fühlen und glauben müssen, um so glücklich zu sein, wie es die menschliche Natur zulässt. Das ist […], was ich […] heute zu prüfen vorschlage.“[5] So stellt sich Jean-Jacques Rousseau seinen Zweifeln, eines Geistes mit René Descartes, der rückblickend erkennt, wie viel Falsches und Zweifelhaftes er in der Jugend akzeptiert hatte, so dass er „daher einmal im Leben (semel in vita) alles von Grund auf umstoßen und von den ersten Grundlagen an neu beginnen müsse, wenn ich jemals für etwas Unerschütterliches und Bleibendes in den Wissenschaften festen Halt schaffen wollte.“[6]

Für Descartes führt der alles erfassende Zweifel unmittelbar zur Selbstvergewisserung der Seele als einer denkenden Substanz (res cogitans). Doch gibt sich Rousseau damit nicht zufrieden und meint mit John Locke (1632–1704):[7]das Wesen der Seele bestünde gar nicht im Denken. Rousseau ist davon überzeugt, dass „sowohl die Sinne als auch das begriffliche Denken immerzu täuschen; er bleibt daher skeptisch und schreibt im Dritten seiner Lettres morales:[8]„Wir wissen nichts, wir sehen nichts, wir sind eine Truppe Blinder, geworfen ins Abenteuer in das weite Universum.“ Auch das entspricht teilweise dem Lebensgefühl der Menschen heute, die nachdenken, beobachten, die Krisen wahrnehmen, aber kaum Auswege sehen.

Inzwischen haben moderne Wissenschaftstheorie und Naturwissenschaften selbst erkannt, dass es keinen „festen Halt“ geben kann, haben aber bestätigt, dass ein gesunder Zweifel Forschungen vorantreibt und fruchtbare Diskurse nicht abbrechen dürfen. Konträre Auffassungen stoßen aufeinander, reiben sich und setzen dadurch häufig neue Energien frei. Die Jugend nimmt die Forschungsergebnisse zum Klimawandel sehr ernst; schließlich haben sie die Folgen zu tragen, und das nicht in ferner Zukunft! Die Geschichte vom Kindheitserlebnis im Schrebergarten ist keine Augenwischerei, die ein Paradies etwa vorgaukeln und die Motivation zu einer Veränderung als illusorisch vertuschen will. Kinder brauchen ein Fundament, nicht nur durch Geschichten, die man ihnen erzählt; seit langem gibt es die erlebnisorientierte Pädagogik, die den Kindern die Augen öffnen und sie sensibilisieren kann für die Natur und ihre Lebewesen.

Wir haben ein zweifaches Problem mit der gegenseitigen Wahrnehmung: Die Jugend muss verstehen, dass sich Verhaltensweisen, Strukturen und Ideologien nicht so schnell ändern, Reformen auch nicht erzwingen lassen. Politiker und Wirtschaftler müssen verstehen lernen, dass die Uhren der Jugendlichen und Kinder nicht langsamer gehen und sie keine Geduld mehr haben. Man muss Gespräche auf Augenhöhe mit ihnen führen, aber auch Einrichtungen mit ihnen aufsuchen, wo Veränderungen sichtbar werden: Institute, die wahrnehmbare Forschungsarbeit betreiben; ökologische Landwirtschaftsbetriebe; Produktionsstätten aus der Chemie- oder Stahlindustrie, oder auch aus der Automobilbranche. Man muss dort jeweils offen sein für die oft kritischen Fragen der Jugend. Doch je weniger sich die Jugend ernst genommen fühlt, desto größer werden Zweifel oder gar Verzweiflung, bis hin zu Suizidgedanken.

Wie werden Menschen vor Descartes und Rousseau mit Zweifeln fertig? Wie denken sie, welche leitenden sprachlichen Konventionen stehen ihnen zur Verfügung? Wie nehmen sie sich selbst wahr? Im Alten Orient wie auch im Alten Israel denkt man natürlich schon über den Ursprung der Welt und über die Anfänge des Menschen nach. Die eigene Reflexion wie ebenso die Kommunikation mit anderen in einer Gemeinschaft gestaltet sich in Form von Geschichten, die man sich erzählt. Narrative Elemente und Inhalte sind wichtiger als Fragen nach logischer Stimmigkeit oder abstrakter Wahrheit. Das Leben des Homo religiosus gründet sich auf Mythen, die keiner rationalen Begründung bedürfen.

Ein Gottesbezug ist selbstverständlich, „Gott“ als Voraussetzung allen Seins: Himmel und Erde, Pflanzen, Tiere und der Mensch, der die Erde, pars pro toto: einen Garten in Eden, bearbeiten und beschützen soll.[9]  Es fällt auf, dass der Mensch zunächst wie eine Figur, ganz passiv erscheint – von der Gottheit in den Garten Eden (ins „Paradies“)[10]gesetzt (2,8.15). Psalm 8,5–7ff regt zur Frage an: Wer oder was ist der Mensch?

„Wenn ich deinen Himmel sehe, das Werk deiner Finger, / den Mond und die Sterne, die du hingesetzt hast: / Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, / und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? / Du hast ihn wenig geringer gemacht als Gott, / mit Ehre und Hoheit hast du ihn gekrönt. / Du hast ihn zum Herrscher gesetzt über die Werke deiner Hände, / alles hast du ihm unter die Füße gelegt […].“

(Gute Nachricht–Bibel paraphrasiert, 5–6): „Wie klein ist da der Mensch, wie gering und unbedeutend! Und doch gibst du dich mit ihm ab und kümmerst dich um ihn! Ja, du hast ihm Macht und Würde verliehen; es fehlt nicht viel und er wäre wie du.“

Der Mensch als höchstes Geschöpf,[11] mit Hoheit – in der Philosophie später weiter gefasst: Erhabenheit – gekrönt, mit dem Auftrag, die Werke Gottes verantwortungsvoll zu verwalten (cf. Gen 2,15), wo der Aspekt des Bearbeitenshervorgehoben wird. Dem Menschen werden Status und Eigenschaft eines artifex divinus zuerkannt, wie ihn später der römische Dichter Ovid in seinen Metamorphosen mit ähnlichen Ausdrücken beschreibt, bis schließlich der artifex divinus in der Renaissance genialen Künstlern wie Michelangelo und Leonardo da Vinci zugeschrieben wird. Doch Kreativität und künstlerisches Schaffen sind leider nur eine Seite des Menschen. Wir müssen heute schmerzlich erkennen, dass die Spezies Mensch sich eher zum Zerstörer der Erde und zum Vernichter ihrer lebendigen Bewohner entwickelt hat!

Die Theorie vom Homo oeconomicus und die Entwicklung eines entsprechenden Lebensstils haben dazu beigetragen.[12] In Europa und in den USA bleibt man Erkenntnissen zum Thema immer noch weitgehend ignorant und gleichgültig.[13] Die Ideologie vom Homo oeconomicus ist überall wirksam, wo sich Menschen wirtschaftlichem Wachstum, technischem Fortschritt und einem „angemessenen“ Wohlstand um jeden Preis verschrieben haben.

In der Theorie ist es eine Modellvorstellung der Wirtschaftstheorie eines idealen, ausschließlich nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten denkenden und handelnden Menschen. Der Homo oeconomicus kennt nur ökonomische Ziele, ist durch Eigenschaften wie rationales Verhalten, das Streben nach Nutzenmaximierung, die vollständige Kenntnis seiner wirtschaftlichen Entscheidungsmöglichkeiten und deren Folgen informiert – offensichtlich aber nicht genug über Ursachen und Folgen des Klimawandels!

Er strebt nach vollkommener Information über alle Märkte und Eigenschaften sämtlicher Güter (vollständige Markttransparenz). Das Ideal des Homo oeconomicus soll elementare wirtschaftliche Zusammenhänge in der Theorie durchsichtig und ohne praktische Unzulänglichkeiten beschreiben können.[14] Eduard Spranger bezeichnete 1914 in Psychologie der Typenlehre den Homo oeconomicus als Lebensform des Homo sapiens:

„Der ökonomische Mensch im allgemeinsten Sinne ist also derjenige, der in allen Lebensbeziehungen den Nützlichkeitswert voranstellt. Alles wird für ihn zu Mitteln der Lebenserhaltung, des naturhaften Kampfes ums Dasein und der angenehmen Lebensgestaltung.“[15] Dazu käme noch die notwendige Analyse und Abwägung von Nutzen und Kosten sowie eine profitable Gewinnmaximierung.

In der Wirtschaft gibt es, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nur eine zentrale Kennzahl: das Wachstum des BIP (Bruttoinlandsprodukts). Nicht, weil dies ein Naturgesetz ist, sondern weil das Modell, das zur Erklärung des Glücksstrebens verwendet wird, besagt, dass Menschen glücklicher sind, wenn sie mehr haben als weniger. Dieses Modell bezieht sich nur auf materielles Wachstum. Demzufolge hängt das Glück einer Gesellschaft nur von einer wachsenden Wirtschaft ab!

Dieser Wettlauf um den größten BIP-Wachstums-Prozentsatz hat dazu geführt, dass wir nicht nur die wichtigsten Ressourcen ausgebeutet, riesige bewaldete Flächen abgeholzt und niedergebrannt haben, sondern die Aufrechterhaltung unseres Wohlstandes gegen alle Vernunft weiter trieben – auf Gedeih und Verderb, um jeden Preis, nach uns die Sintflut! l’Abbé Mably, Philosoph und Politiker zur Zeit der Aufklärung,  schrieb in Rechte und Pflichten des Bürgers (1789) vom Parlament in Frankreich: „Die Zukunft beunruhigt sie wenig: nach ihnen die Sintflut!“[16]

Die Folgen sind lange Zeiten extremer Hitze und Dürre einerseits und sintflutartige (!) Überschwemmungen andererseits. Rasantes Abschmelzen der Gletscher, hauptsächlich in den Alpen und in Südostasien bewirken den Meeresspiegelanstieg mit erheblichen Verlusten an Süßwasserressourcen als massive Folgen.[17]

Die gesamte Erde heizt sich auf bzw. wird aufgeheizt: auch in Europa steigen die Temperaturen im Sommer extrem, besonders spürbar in den völlig verbauten Großstädten. Dort lechzen Menschen (und Tiere) nach Wasser und Schatten. An den Polen werden Eis und Schnee immer weniger. Der Lebensraum der Pinguine und der Eisbären ist eingeschränkt und gefährdet. Unter all diesen sowie weiteren Folgen des Klimawandels leidet natürlich auch die Wirtschaft; es ist wie ein Bumerangeffekt: Man wollte sich – freilich nur für die Industrieländer – etwas optimal Gutes tun und erreichte das Gegenteil! Ist es ein Melodrama, steckt etwa Panikmache hinter der Aufklärungsarbeit der Wissenschaften und der Medien? Ich glaube nicht, denn die Fakten sprechen für sich und mögen nur von Dummköpfen uminterpretiert werden.

Könnte der Schöpfungsmythos in Genesis 2 ein Korrektiv gegenüber Gleichgültigkeit oder Eigennutz des herrschenden Lebensstils darstellen? Zumindest stellt der Erzähler den Menschen wieder auf die Füße, erinnert ihn an seine wahre Existenz und Herkunft: „Da bildete JHWH Elohim den Menschen aus Staub von der Erde […]: „adám afár min ha’adamá“, der Mensch wird „erdgebunden“ gebildet – ein „Erdling“. [18] Der „Adam“ bleibt der adamá, der Erde, lebenslang „eng verbunden“. Sie ist sein Geburtsort, „seine Heimat, sein Grab“. Er soll die Erde bearbeiten und schützen – seine Aufgabe bis heute. „Der Akzent liegt auf dem Dienen, nicht auf dem Herrschen“, das allzu oft missbraucht wird. „Unsere Erde kann ein ‚Garten in Eden‘ sein, ein Paradies, in dem wächst, wessen wir bedürfen“, wenn wir „ihre Rohstoffe mit Maß und Bedacht gebrauchen“. Es ist noch „nicht zu spät“: „Unser großer ‚Lebensgarten‘ kann gerettet werden“.[19]

Im Unterschied zur Einschätzung des Menschen in der zweiten Schöpfungserzählung – adám als Erdling, als lebenslang der Erde verbunden –, der den Auftrag erhält, sie zu bearbeiten und zu behüten, stellt die erste Schöpfungserzählung den Menschen „als Bild Gottes“ vor, herrschend über die Erde, sich alle Lebewesen „untertan machend“ (Gen 1,26–28). Lange Zeit dominiert vermutlich die Vorstellung vom Menschen als Herrschenden, der Natur Überlegenen, für den Pflanzen und Tiere ohne Rücksicht auf Verluste verfügbar sind. Er kann sie nach Belieben ausbeuten, für seine Zwecke entfremden und gebrauchen – keineswegs vorwiegend zur Ernährung! Wer ist der Mensch: erdgebundener „Gärtner“ oder Beherrscher der Erde?

„Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst (dich um ihn sorgst)? Du hast ihn wenig geringer gemacht als Gott, mit Ehre und Hoheit hast du ihn gekrönt. Du hast ihn zum Herrscher gesetzt über die Werke deiner Hände, alles hast du ihm unter die Füße gelegt.“ Hier wird ein weiteres Bild vom Menschen gezeichnet. Der Psalmdichter sieht sich in inniger Abhängigkeit von Gott, weiß sich geborgen im Gedächtnis seines Schöpfers. Nur darauf beruht des Menschen Position, Rang und sein Auftrag. Die Metapher vom Menschen als „Krone der Schöpfung“ kommt so in der hebräischen Bibel nicht vor und wird heute eher ironisch gebraucht. Im Übrigen differenziert die hebräische Bibel bei Vorstellungen vom Menschen. Es gibt nicht nur die Bilder der beiden Schöpfungserzählungen oder aus Psalm 8; man lese Psalm 90 (in Auswahl, Verse 1–3.5–6.8–9.12.14.17):[20]

„Ein Gebet des Mose, des Gottesmanns. Herr, ein Hort warst du uns von Generation zu Generation. Noch ehe Berge geboren wurden und Erde und Erdkreis in Wehen lagen, bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Du lässt den Menschen zum Staub zurückkehren und sprichst: Kehrt zurück, ihr Menschen. Du raffst sie dahin, ein Schlaf am Morgen sind sie und wie das Gras, das vergeht. Am Morgen blüht es, doch es vergeht, am Abend welkt es und verdorrt. Du hast unsere Sünden vor dich gestellt, unsere verborgene Schuld ins Licht deines Angesichts. All unsere Tage gehen dahin unter deinem Zorn, unsere Jahre beenden wir wie einen Seufzer. Unsere Tage zu zählen, lehre uns, damit wir ein weises Herz gewinnen. Sättige uns am Morgen mit deiner Gnade, so werden wir jubeln und uns freuen alle unsere Tage. Und die Freundlichkeit des Herrn, unseres Gottes, sei über uns, gib dem Werk unserer Hände Bestand, ja, gib dem Werk unserer Hände Bestand.“

Wie können wir selbstzerstörerisches Verhalten des Menschen stoppen? Kann die Ideologie unendlichen Wachstums überführt werden in Fortschrittsglauben im Einvernehmen mit dem Willen zur Erhaltung und Bewahrung des Bestehenden? Wird der Mensch begreifen lernen, dass er Teil der Natur, nicht Herrscher über sie ist bzw. sein darf? Er wird dann erst glücklich sein, wenn er seinen ursprünglichen Auftrag gerade heute erkennt und anerkennt. Das brächte uns dazu, uns zu verändern. Mit anderen Worten: Wir brauchen ein neues Modell des Homo sapiens, keine Fortsetzung des Homo oeconomicus![21] Möge ein aktuelles, neues Studium der Schöpfungsmythen der Genesis dabei helfen!

Amen.


Pfarrer Thomas Bautz
im Unruhestand
bautzprivat@gmx.de


Fussnoten:

[1]https://de.wikipedia.org/wiki/Paradise_Lost.

[2]https://www.hs-fresenius.de/blog/menschen/homo-ignorance-im-angesicht-der-selbstzerstoerung/.

[3]AC/DC (1979); https://de.wikipedia.org/wiki/AC/DC#.

[4]https://www.hs-fresenius.de/blog/menschen/homo-ignorance-im-angesicht-der-selbstzerstoerung/.

[5]Raymund Wilhelm: Die Sprache der Affekte. Jean-Jacques Rousseau (2001): (IV.) (2.2.) Vom cogito ergo sum zum sentiment de l’existence, 129 (dort französisch mit Quellenangabe). Rousseau (1712–1778) war Schriftsteller, Philosoph, Pädagoge, Naturforscher und Komponist.

[6]Descartes. Meditationes de prima philosophia. Meditationen über die Grundlagen der Philosophie. Latein–Deutsch, neu hg. v. Lüder Gäbe (1959): 1. Med. Woran man zweifeln kann, 17–18. Kontext des semel in vita und Einfluss Descartes’ auf Rousseau: Wilhelm: Die Sprache der Affekte (2001), 128–129 (Zitate französ. mit Quellenangaben). Descartes (1596–1650) war Philosoph, Mathematiker und Naturwissenschaftler.

[7]„[…] que l‘essence de l’âme ne consiste point dans la pensée“; John Locke vertritt eine Erkenntnistheorie, die den Empfindungen grundlegende Bedeutung zumisst.

8]Jean-Jacques Rousseau. Lettres morales. Vorwort u. Anmerkungen v. Cyril Morana (2002): Lettre 3, S. 26–38: 26: „Nous ne savons rien […], nous ne voyons rien; nous sommes une troupe d’aveugles, jetés à l’aventure dans ce vaste univers.“

[9](LXX Gen 2,15): Καὶ ἔλαβεν κύριος ὁ θεὸς τὸν ἄνθρωπον, ὃν ἔπλασεν, καὶ ἔθετο αὐτὸν ἐν τῷ παραδείσῳ ἐργάζεσθαι αὐτὸν καὶφυλάσσειν.

[10]Das Wort „Paradies“ hat inzwischen ambivalente Konnotationen angenommen.

[11]Zur Vorstellung vom Menschen als „imago Dei“ (Gen 1,27): „Gottebenbildlichkeit“ ist aus atl. Sicht problematisch; der Wortteil „eben“ entstammt der LXX-Übersetzung, während der hebräische Text von der „Gottbildlichkeit“ bzw. dem „Bild-Gottes-Sein“ des Menschen spricht; Ute Neumann-Gorsolke: Gottesebenbildlichkeit (AT), WiBiLex (2017), pdf, S. 2. „Die Diskussion, was mit der ‚Gottesebenbildlichkeit‘ näher gemeint sei, ist uferlos“: TRE 22 (1992), Art. Mensch II. Altes Testament, 464–474 (Rainer Albertz): 469. Die hebräischen Begriffe für „Ebenbild“ (צֶלֶם) und „Gestalt“ (דְּמוּת) sind „nahezu Synonyme“, ebenso die dazugehörigen Präpositionen (Gen 1,26a.27a.b; cf. 5,1b; 9,6b); cf. J. Alberto Soggin: Das Buch Genesis. Kommentar (1997), 43 (f); Roland Gradwohl: Bibelausle-gungen aus jüdischen Quellen 3 (1988), 22–42: 26.

[12]https://de.wikipedia.org/wiki/Homo_oeconomicus#Kritik.

[13]https://www.hs-fresenius.de/blog/menschen/Homo-ignorance-im-angesicht-der-selbstzerstoerung/.

[14]https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/lexikon-der-wirtschaft/19635/Homo-oeconomicus/.

[15]Eduard Spranger (1882–1963) war Philosoph, Psychologe, Pädagoge. Er sorgte für die Etablierung der Pädagogik als eigenständige Disziplin. https://de.wikipedia.org/wiki/Eduard_Spranger; zum Begriff des Homo oeconomicus: https://de.wikipedia.org/wiki/Homo_oeconomicus.

[16]https://de.wikipedia.org/wiki/Nach_uns_die_Sintflut. https://de.wikipedia.org/wiki/Gabriel_Bonnot_de_Mably; Abbé Gabriel Bonnot de Mably (1709–1785): „l’avenir les inquiète peu: après eux le déluge“.

[17]https://www.fau.de/2025/02/pressemeldungen/klimawandel-die-gletscher-schmelzen-rasant/.

[18]Vereinfachte Transkription; Gradwohl: Bibelauslegungen aus jüdischen Quellen 4 (1989), S. 24–39: 32f.; cf. Gen 2,5d.7: „[…] und kein Mensch (adám) war da, den Erdboden (adamáh) zu bebauen.“ Soggin: Das Buch Genesis. Kommentar (1997), S. 59–61; mit einer anderen Erklärung zu 2,7.

[19]Gradwohl: Bibelauslegungen aus jüdischen Quellen 4 (1989): Wegweisung für unsere Zeit, S. 38–39.

[20]Psalmen 51–100. Übers. u. ausgel. v. Frank-Lothar Hossfeld/ Erich Zenger, HThK.AT (2000): Ps 90, S. 601–615.

[21]https://www.hs-fresenius.de/blog/menschen/homo-ignorance-im-angesicht-der-selbstzerstoerung/.