Genesis 3
Invokavit | 22.02.2026 | Genesis 3 | J.-Stephan Lorenz |
Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen
„Invocavit me, et ergo exaudiam eum“ (Ps. 91, 15)[1] – Am Mittwoch, Aschermittwoch, begann die große Fastenzeit, 7 Wochen, bis Ostern. Wir Heutigen verzichten nicht gerne, nicht auf Essen, nicht auf unsere ubiquitäre digitale Erreichbarkeit, nicht auf unsere Mobilität, überhaupt auf unsere Ansprüche. Was soll das: Verzicht, Fasten? Die Fastenaktion der evangelischen Kirche hat das Motto: Mit Gefühl – 7 Wochen ohne Härte. Bischof Meister schreibt: „Bei uns auf der Erde ist Härte … allgegenwärtig. Sie zeigt sich in Unbarmherzigkeit und Gewalt. Zahllose Menschen erleben sie an Leib und Seele. Wir selbst legen oft eiserne Panzer an, um uns zu schützen. Und verletzen uns damit umso mehr.“ Wir werden eingeladen, ermutigt, 7 Wochen auf Bilder der Härte in unseren Köpfen, unserer Sprache und Praxis zu verzichten und einen mitfühlenden Umgang miteinander einzuüben. Da denke ich sofort an die Gewaltbereitschaft gegenüber Polizisten, Rettungsassistenten, Ärzten, Zugbegleitern. Da denke ich an Hassbeiträge in den Social Media. Ganz vorne weg der Präsident der USA. Viele junge Menschen mobben sich, treiben sich gar in den Selbstmord. Einige Posts, das Leben ist im Eimer. Ein Scherbenhaufen. Man fällt aus der Welt, in der man eben noch zuhause war. Vor einigen Tagen wurde eine Dunkelfeldstudie zur ‚Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag‘ vorgelegt.[2] Sie zeigt: Frauen, junge Menschen, Personen mit Migrationshintergrund und Menschen der queeren Community sind besonders oft von Gewalt betroffen. Bundesministerin Karin Prien: „Die Zahlen machen sichtbar, was lange im Verborgenen lag: Das Dunkelfeld bei partnerschaftlicher und sexualisierter Gewalt ist riesig. Gewalt ist kein Randphänomen, sie betrifft Millionen Menschen in unserem Land. Fast jede sechste Person erlebt körperliche Gewalt in der Partnerschaft — und 19 von 20 Taten werden nicht angezeigt.“ Wir brauchen mehr als 7 Wochen ohne Härte. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, die Unterscheidung von ‚Gut‘ und ‚Böse‘ sei verloren gegangen, vielmehr herrsche das Gesetz des Dschungels.
Am Sonntag Invokavit wird traditionell eine Geschichte gelesen, in der es um die Entdeckung des Unterschieds von Gut und Böse geht. Wobei die Menschen dadurch ihre bequeme Komfortzone verlieren, und sich dem rauen Alltag stellen müssen.
Die Schlange war klüger als alles Getier des Feldes, das der Ewige gemacht hat. Spricht sie zur Frau: Sollte der Ewige wirklich gesagt haben, dass ihr von keinem der Bäume des Gartens essen dürft? Antwortet die Frau: Wir dürfen von den Früchten der Bäume des Gartens essen, nur von der Frucht des Baumes, der in der Mitte des Gartens steht, hat der Ewige gesagt: Ihr dürft nicht davon essen und sie auch nicht anrühren, dass ihr nicht sterbt! Sagt die Schlange: Ihr werdet mitnichten sterben! Vielmehr weiß der Ewige genau, sobald ihr davon esst, gehen eure Augen auf, und ihr werdet wie der Ewige sein, um Gut und Schlecht wissend. Da sieht die Frau, der Baum ist als Speise gut, eine Lust für die Augen und verlockend, Einsicht zu erlangen. Sie nimmt eine Frucht, isst und sie gibt ihrem Mann neben ihr, auch er isst. Und, beiden gehen die Augen auf. Sie erkennen, sie sind nackt. Sie flechten für sich vom Laub des Feigenbaums Schurze. Als sie ein Geräusch vom Ewigen hören, wie er beim Abendwind im Garten spazieren geht, verstecken sich der Mensch und seine Frau vor dem Ewigen zwischen den Bäumen des Gartens. Der Ewige ruft: Wo bist du? Antwortet er: Ich habe ein Geräusch von dir gehört, deshalb fürchte ich mich, weil ich nackt bin, und verstecke mich. Sagte er: Wer hat dir eröffnet, dass du nackt bist? Hast du etwa von dem Baum gegessen, von dem zu essen ich dir verboten habe? Antwortet der Mensch: Die Frau, die du mir gegeben hast, hat mir vom Baum gegeben, da habe ich gegessen. Sagt der Ewige zur Frau: Was hast du getan? Antwortet die Frau: Die Schlange hat mich verführt, da habe ich gegessen. Sagt der Ewige zur Schlange: Weil du das getan hast, bist du verflucht von allem Vieh und von allen Tieren des Feldes. Auf deinem Bauch sollst du kriechen, Staub sollst du fressen alle Tage deines Lebens. Feindschaft will ich stiften zwischen dir und der Frau und zwischen deinen Nachkommen und ihren Nachkommen. Sie wird dir auf den Kopf treten, und du wirst ihr nach der Ferse schnappen. Zur Frau sagte er: Ich will grenzenlos machen deine Mühsal, vor allem während deiner Schwangerschaft; unter Schmerzen sollst du Kinder gebären, und nach deinem Manne soll dein Verlangen sein, er aber soll über dich herrschen! Und zum Menschen sagte er: Weil du auf die Stimme deiner Frau gehört hast und von dem Baum gegessen hast, von dem ich dir geboten hatte, nicht von ihm zu essen – verflucht ist der Ackerboden um deinetwillen, unter Mühsal sollst du von ihm essen alle Tage deines Lebens. Dornstrauch und Gestrüpp soll er dir sprossen lassen, du sollst das Kraut des Feldes essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du Brot essen, bis du zurückkehrst zum Ackerboden, denn von ihm bist du genommen. Staub bist du und zum Staub sollst du zurückkehren.
Die Geschichte ist Mythos. Der Neuplatoniker Salustios[3] sagt: Mythen erzählen, sie erzählen jedoch nicht, was war, sondern was immer ist. Mythen können nicht übersetzt werden in eine nichtmythische Sprache, sind auf verschiedenen Verständnisebenen deutbar; und gebären neue Mythen, Erzählungen.
Schon bald verbinden die ersten an den Messias Jesus Glaubenden seine Gewalterfahrung und Ermordung mit dieser Geschichte. Klassisch formuliert von Paulus: Deswegen, geradeso wie durch EINEN Menschen die Sünde in die Welt hineinkam … (Röm 5,12). Obwohl in der Erzählung das Wort ‚Sünde‘ nicht einmal auftaucht. Wegen unserer Sünde, hätten unsere Vorfahren gesagt, sei Jesus am Kreuz gestorben. Uns Heutigen ein schwer zugänglicher Gedanke. Warum sollen wir, weil Adam Mist gebaut hat, am Tod Jesu, ja an unserem eigenen schuld sein?
Und doch, vielleicht erzählt uns die Geschichte etwas über die ‚Sünde‘, was auch uns eingänglich ist. Wobei ich ‚Sünde‘ (ἁμαρτία) in einem ursprünglichen Sinne verstehe. ἁμαρτία kommt bei Homer vor, meint den Fehlwurf des Speerkämpfers. ἁμαρτία wäre dann ein existentieller lebensgefährlicher Fehl(ent)wurf. Denn, verfehlt der Speerwerfer sein Ziel, ist er schutzlos, muss um sein Leben fürchten. Für Paulus (kommt) der Tod (in die Welt) durch eine Fehlentscheidung (Sünde), und so ist der Tod zu allen Menschen durchgedrungen, weil sich alle fehlentscheiden (alle gesündigt haben)“ (Röm 5,12). Paulus erzählt nicht, was war, sondern was immer ist. „Bei uns auf der Erde ist Härte … allgegenwärtig. Sie zeigt sich in Unbarmherzigkeit und Gewalt. Zahllose Menschen erleben sie an Leib und Seele“. Wie erzählt die Geschichte, von dem ‚was immer ist‘? Adam und Eva essen vom Baum, den sie nicht einmal berühren sollten. Sie entscheiden sich, etwas zu tun, was sie nicht tun sollten. Ignorieren den guten Rat Gottes. Brechen Gottes Vertrauen in sie. Das ist der Anfang der Fehlentscheidung. Das dicke Ende kommt noch. Gott fragt Adam, was passiert ist. Adam fängt an, seiner Frau Eva die Schuld zu geben, ja er geht in die Offensive: diese Frau habe ich mir nicht selber ausgesucht, du hast sie mir angedreht. Fass dich an die eigene Nase! Eva macht es nach. Sie wälzt die Verantwortung auf die Schlange ab. Wer hat das Mistviech noch geschaffen? Die Schlange steht am Ende der Lieferkette. So ‚ist‘ es bis heute: der Ewige selbst ‚ist‘ der eigentlich Schuldige an unserem Schlamassel. Er hat doch alles angeschoben.
Die Geschichte beschreibt es nicht ohne Ironie. Das Abschieben der Verantwortung für das, was wir tun, scheint Wesensmerkmal der ἁμαρτία zu sein: Ich bin nicht verantwortlich, sondern Andere, die Situation, die Verhältnisse, ja Gott! Die Verteidigungsstrategie kennen wir alle. Regelbruch und Vertrauensbruch gehören zusammen. Der Regel- und Vertrauensbruch ‚entkleidet‘. Macht sie nackt. Ungeschützt stehen sie nun da. Schämen sich. Die Geschichte endet: Beide müssen ihre Komfortzone verlassen, aber sie werden von Gott auch neu ‚eingekleidet‘, geschützt.
Weil die Geschichte davon erzählt, was immer ist, müssen auch wir mit dem Wissen um Gut und Böse umgehen, jeder, jede von uns. Die Erkenntnis der Baumfrucht hat es in sich, Micha erinnert uns: Angesagt hat man es dir, Mensch, was gut ist, und was der Ewige von dir fordert, Gerechtigkeit üben, lieben und bescheiden leben mit deinem Gott! (Micha 6,8) Wobei jeder zugeben wird, dass es im praktischen Lebensvollzug gar nicht so einfach ist, wie es sich anhört. Was ist wie, in welcher Situation gut oder böse? Eine Menge Gelegenheiten für Fehlwürfe. Gibt’s Entscheidungshilfe?
Paulus sagt: Wie es durch EINEN Fehltritt zu einer Verurteilung für alle Menschen kam, so kommt es auch durch die EINE gerechte Handlung zu einer Rechtfertigung des Lebens für alle Menschen[4] (Röm 5,18). Der Messias Jesus kann helfen. Er hat seine Gewalterfahrung – wie die meisten Menschen – nicht gesucht. Hat sie ertragen müssen und durchgestanden, wie wir in der Epistellesung gehört haben:
Weil wir nun einen großen Hohen Priester haben, der alle Himmel bis zum Thron des Höchsten durchschritten hat – Jesus, den Sohn Gottes –, lasst uns am Bekenntnis zu ihm festhalten! Dieser Hohe Priester versteht unsere Schwächen, weil ihm die gleichen Versuchungen begegnet sind wie uns – aber er traf keine falschen Entscheidungen (blieb ohne Sünde). Darum wollen wir mit Zuversicht vor den Thron unseres überaus gnädigen Gottes treten, damit wir Gnade und Erbarmen finden und seine Hilfe zur rechten Zeit empfangen. (Hebräerbrief 4,14-16)
Der Gedanke ist: weil der Messias Jesus weiß, was es heißt Gewalt zu erfahren, bis zur Ermordung, weil er Schmerzen kennt, Verzweiflung, Angst, und die Versuchung, dem irgendwie auszuweichen, geht er jeden Tag, den wir hier sind, mit uns. Er will uns gnädig und barmherzig helfen. Steht an unserer Seite. Vielleicht ermutigt uns das, unsere ‚eisernen Panzer‘ abzulegen und auf Bilder der Härte in unseren Köpfen, unserer Sprache und Praxis zu verzichten. Nicht nur für 7 Wochen.
„Invocavit me, et ergo exaudiam eum“ – Er ruft mich und ich antworte ihm, bei ihm bin ich in der Drangsal, ich schnüre ihn los und ich ehre ihn.[5] Möge das unsere Erfahrung sein und bleiben, um (immer wieder) zurückzufinden zum Vertrauen, das Gott in uns setzt:
Wer unterm Schirm des Höchsten sitzt, wird bleiben im Schatten des Allmächtigen … ER wird dich erretten … Mit seinen Fittichen wird ER dich decken, und du wirst Zuflucht finden unter seinen Flügeln … Du brauchst dich nicht fürchten vor dem Schrecken der Nacht, … dir wird kein Unglück widerfahren…denn ER wird seinen Engeln über dir befehlen, dich zu bewahren auf allen deinen Wegen. Auf den Händen werden sie dich tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.
Gottes Heiliger Geist befestige diese Worte in euren Herzen, damit ihr das nicht nur gehört, sondern auch im Alltag erfahrt, auf dass euer Glaube zunehme und ihr selig werdet, durch Jesum Christum unseren Herrn. Amen
Confiteor:
Im Psalm des heutigen Sonntages Invokavit, dem 91. Psalm lesen wir:
Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf all deinen Wegen, dass sie dich auf Händen tragen und Du deinen Fuß nicht an einem Stein stößt. Ein schöner Segen. Wir würden ihm gerne glauben. Aber sagt uns unsere Erfahrung nicht, dass wir besser selbst auf uns aufpassen sollten? Nur, trotz aller guten Vorsorge bleibt ein Rest, den wir nicht in der Hand haben. Keiner von uns ist gefeit davor, unbehütet zu sein und schmerzvollen Verletzungen zu erleiden. Dann behüte uns Gott und seine Engel mögen uns bewahren. Unsren Kleinglauben merken wir und bitten um Vergebung und Nachsicht und hören als Antwort: Gott erbarmt sich. Er sieht uns in Jesus Christus freundlich an und will, dass unser Leben gelingt. Wer auf Gottes Barmherzigkeit vertrauen kann, der wird auch selig werden. Und dazu verhelfe uns Gott in diesem Gottesdienst und darüber hinaus. Amen
Kollektengebet:
Gott, tröste uns in unserer Angst. Höre unser Bitten, sei uns gnädig. Lass uns die Gewalterfahrung und die Ermordung Jesu Christi mit glaubendem Herzen ansehen und so mehr und mehr verstehen, was auf den ersten Blick so unverständlich bleibt, nämlich, dass wir darin deine nicht enden wollende Liebe entdecken können. Denn Du rächst dich nicht für diesen Mord, sondern machst ihn zum Exempel deiner Feindesliebe. Lass uns deine Vergebung erfahren. Das bitten wir durch Jesum Christum, der uns durch den Heiligen Geist Kraft geben, heute und morgen und alle Tage. Amen
Fürbitte
P: Gott, dein Wort bringt Licht in unsere Welt, Jesus Christus tröstet uns, dein Geist schafft Raum zum Leben, wir bitten Dich:
A: Wenn wir dein Wort beherzigen, können wir Bösen widerstehen, merken, dass Du auch auf unseren schwersten Wegen bei uns bist. Werden gewiss, dass Du unsere Klagen hörst, unsere Zweifel aushältst. Wo wir nur Dunkel sehen, bist Du unser Grund, mehr als wir uns vorstellen können. Wir rufen: Kyrie eleison
B: Wenn wir uns von deinem Geist leiten lassen, können wir Menschen beistehen, die im Krieg leben, und Gewalttaten in ihren Familien ertragen müssen. Sind stark genug, um Kranke zu besuchen, Armen zu helfen, und Menschen mit ihren seelischen Konflikten zu ertragen. Wir rufen: Kyrie eleison
C: Gott, dein Wort, dein Geist befähigt uns, unsere Schöpfung zu bewahren. Es ist genug da, wir werden mit denen, die hungern und heimatlos sind, teilen. Lass uns die Schönheiten deiner Welt sehen und genießen. Wir rufen: Kyrie eleison
P: Gott, Jesus Botschaft lässt uns hoffen. Hilf uns in allen Stunden unseres Lebens, lass uns widerstehen, wo Versuchungen nach uns greifen. Wir bitten dich für alle, die uns nahe sind, segne alle in unserer Gemeinde. Du bist unser Trost heut und für immer. Amen. Laudate omnes gentes
Lieder:
EG 347 Ach bleib mit deiner Gnade
EG 362 Ein feste Burg ist unser Gott
EG 366 Wenn wir in höchsten Nöten sein
EG 484 Lasset uns mit Jesum ziehen
EG 396 Wer nur den lieben Gott lässt walten
EG 395 Vertraut den neuen Wegen
Verfasst von:
Pastor i.R. J.-Stephan Lorenz
Stephan.lorenz@evlka.de
Fussnoten:
[1] – „Er (der Mensch) ruft mich an, und deshalb will ich ihn erhören…“
[2] https://www.bmbfsfj.bund.de/bmbfsfj/aktuelles/alle-meldungen/neue-dunkelfeldstudie-zu-gewalterfahrungen-veroeffentlicht-280248
[3] Mitte des 4. Jahrhunderts „Die Götter und die Welt“
[4] Übersetzung Prof Herbert Jantzen, 2009
[5] Übersetzung Buber-Rosenzeig