Genesis 3,1–24

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Zweierlei Austausch zwischen Gott und Mensch | Invokavit | 22.02.2026 | Genesis 3,1–24 | Markus Kreis |

 

Zweierlei Austausch zwischen Gott und Mensch

Sie hat es gesagt! Sie hat es gesagt! Sie hat es gesagt! Die Schüler der 11. Klasse feixen, knuffen sich in die Rippen, tuscheln aufgeregt. Die sexy Lehrerin für Erdkunde behandelt gerade Asien als Wirtschaftsraum. Dazu hat sie mit Hilfe eines Fachbegriffs ins Gedächtnis gerufen, dass von Tibet aus einige der größten Flüsse Asiens entweder ins chinesische Meer oder in den indischen Ozean entwässern.

Unbedingt etwas anders verstehen wollen als gemeint! Das gelingt Menschen sogar bei Fachbegriffen. Zugegeben, das Beispiel eben ist sehr infantil. Andererseits: Wir Menschen sind doch zu jedem Alter Kinder der Sünde! Und laut Bibeltext hat beim Aufkommen der Sünde gerade das eine große Rolle gespielt: Aus freien Stücken etwas anders verstehen als gemeint.

Ein Mensch – hieß er Adam, hieß sie Eva? – sinnierte da am Anfang in einem Garten. Folgen wir den Gedanken und Motiven:

„Hat er das so gesagt? Oder hat er das nicht so gesagt? Das mit dem Essen der Frucht vom Baum der Erkenntnis. Und wenn ich das nicht mehr so genau weiß, was heißt das dann? Soll ich die Bedeutung des fraglichen Satzes neu bedenken? Oder die Sache vergessen und einfach weiter machen wie bisher? Könnte ich ja auch. Denn ich habe mich immer an das Verbot gehalten, weil ich Gott gut gesinnt war, ihm vertraut habe. Weil ich geglaubt habe, dass er mir gut will und mich weiter bringt im Leben. Alles lief von sich aus sehr gut. Aber wenn sich alles anders verhält? Vielleicht missgönnt er mir, aus eigenen Stücken zwischen Gut und Böse zu unterscheiden? Oder er hat damit oben und unten zementiert, die Rangfolge zwischen ihm als Herrscher und mir als sein Untertan? Was wäre, wenn ich es nun anders wollte? Und ja, ich will es anders. Ich will selber bestimmen statt mich bestimmen lassen. Statt eingegrenzt zu sein, will ich komplett offen sein und selber eingrenzen, was gut und böse ist, was ich fördere und unterstütze und was ich verhindere und bekämpfe!“

Und es geschah so. Und Gott der Schöpfer erzählt, was er vom inneren Zwiegespräch des Menschen mitgekriegt hat. Und zwar, ohne dass der dabei mitgekriegt hat, dass er als Gott zugegen war:

„Ich bin dann nicht mehr zu ihm durchgedrungen. Zuvor waren wir wie ein Herz und eine Seele. Tauschten uns aus wie mit einem Ohr und einer Stimme. Und auf einmal war es anders – als ob uns etwas trennen würde. Vorher waren wir eines Atems, jetzt war ich nur noch Luft für ihn. Statt ihn zu erreichen, fuhrwerkten seine Gedanken und Gefühle wie eine wilde Marionette der Ausburger Puppenkiste – nur dass ich alle andere als ein Drahtzieher bin. Ich konnte ganz nah an ihn ran und in ihn rein, und doch war etwas zwischen uns  geraten. Wie eine Glaswand, die durchsichtig und grenzenlos flexibel ist, als ob ihr jegliche Masse fehlte. Der Mensch war mir verschlossen. „Was ist da nur geschehen?“ dachte ich. Liegt es daran, dass er sich etwas anderem geöffnet hat? So dürfte es wohl gewesen sein. Der Mensch öffnete sich und fühlte sich entsprechend. Allerdings gewahrte er in seiner neuen Offenheit, dass er angreifbar und verletzlich ist. Dafür war er alles andere als offen, das wollte er für sich ausschließen. Und tat dann genau das, was er mir, Gott, angekreidet hatte. Er grenzte sich ein. Und legte fest, was bei einem Menschen böse und verschlossen und verboten war. Oder gut und offen und erlaubt sein sollte. Er machte sich also ein eigenes Gewissen. Und so beherrschte er sich selbst, statt dass ich ihn bestimmte. Beim nächsten Kontakt mit mir stellten sich ihm folglich sogleich Probleme und Fragen. Einerseits wollte er offen für mich sein, schließlich hatte ich ihm das Leben geschenkt – und das war nur das erste in einer Masse unzählig guter Dinge. Zum anderen alarmierte ihn, dass er mir alles andere als gut gesonnen gewesen. Selber missgünstig, hatte er mich der Missgunst und Vorherrschaft verdächtigt. Das sprach ihm sein Gewissen auch aus. Zusammen mit dem Gefühl, verletzlich und angreifbar zu sein, sah er mit seinem Verdacht da einiges auf sich zukommen, im Sinne von „Gleiches mit Gleichem“ vergelten. Und suchte, der Strafe und Einschränkung aus dem Wege zu gehen. Doch meine Lebenskraft ist stärker als jeder Versuch, ihr zu entkommen. Und so tauchte neben der Stimme seines schlechten Gewissens unausweichlich eine zweite Stimme auf – die meine. Da hilft kein sich taub stellen. Die dringt mit Sicherheit durch, das kann ich ihnen sagen. Ich frage ihn, was denn los ist. Und gebe gleich selbst die Antwort vor, damit er nur noch ja zu sagen braucht. Wie er es von Anfang an und bisher sowieso gegenüber mir gemacht hat: Ja und Amen sagen. Alles ohne Angst und Klage hinzunehmen, da alles wie von selbst lief. Er hatte bis dahin tatsächlich keinen einzigen Austausch von Wort und Tat zu beklagen. Ja und Amen! Dann also wäre der Apfel, dann wäre die Sache gegessen gewesen. Vergeben und vergessen!“

„Es kam aber ein Jein zurück.“ Der Mensch reißt das Wort an sich und erzählt weiter. „Als Gott mich eindringlich fragte, was denn los ist, und mich festnageln wollte, da habe ich dementiert. Und es stimmt ja eigentlich auch. Es war gar nicht meine Idee, der Apfelschmaus. In Wahrheit ist mein Mitmensch daran schuld gewesen.“

Da platzt Gott der Kragen und er fährt dazwischen. „Nach oben buckeln, nach unten treten. Ja, ja, und beim Mitmenschen natürlich das gleiche Spiel: Der dementiert auch. Zwei Strolche, die aufeinander zeigen. Kennt man ja zur Genüge. Nach dem Motto: Jetzt kann er weder Dir noch mir was. Wie blind ist das denn!“

„Hey, hör auf, mich zu unterbrechen, lass mich gefälligst ausreden!“, wehrt sich der Mensch. „Ich hatte vielleicht Angst, dass Du mir den Apfelschmaus vergelten und mich strafen würdest!“

Die Regeln wieder missachtend spöttelt Gott: „Diese Sorge hast Du gegenüber dem Mitmenschen weniger geteilt. Wenn Du an dessen Rache gedacht hättest, hättest Du ihn kaum so offen beschuldigt. Ziemlich unklug meiner Lieber. Der ist wie Du, unterschätz den mal nicht, der will sich auch beweisen. Und vergisst dann jedem Gewissen zum Trotz, dass er auch Gegenstand von Vergeltung werden kann. Wolltest Du Deine neue Vormacht bewahren? Lieber den Mitmenschen unterdrücken?“

„Okay! Stop mal!“ wirft der Mensch ein. „Ich räume ein: Dass Du mit diesem meinem Wunsch Deine gute Macht in Frage gestellt siehst, das wird mir jetzt klar. Du sollst Gott und Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst! Mein eigenes Gewissen hat mich leider nur an Missgunst und Vergeltung denken lassen. Sonst hätte ich Ja und Amen gesagt wie bisher. Und alles furchtlos hingenommen, weil ich tatsächlich wie früher nur Zuspruch erwartet hätte. Stattdessen führte ich mich auf, als suchte ich etwas Dunkles zu umgehen. Als ängstigte ich mich vor einem bösen Gespräch mit Dir, einer Anklage oder einem Ereignis, mit dem Du mir Deine Grenzen aufzeigst.“

Gott stöhnt innerlich leise auf. Er hat es so satt. Er leidet unter Misstrauen und Missgunst, die in den Menschen herrscht. Ihm gegenüber und untereinander. Und deswegen sagt er im Stillen zu sich: „Diesem meinen Leiden wirke ich mit Leidenschaft entgegen. Ich grenze Missgunst und Misstrauen der Menschen mir gegenüber ein. Ich nehme ihnen Misstrauen und flöße Vertrauen in mein Wohlwollen ein. Und zwar einmal so, dass sie einen neuen Status bekommen: Aus von mir umfassend Bestimmten erhöhe und ermächtige ich sie zu eigenen Bestimmern. Sie schaffen und arbeiten von nun an nach ihrem Gutdünken biologisch und technisch an der Welt, sie zeugen und gebären, sie entdecken und erfinden, erst im Ackerbau, dann im Bau der Städte. Schließlich in Maschinenbau und Universität. Die Offenheit begrenzt allein dadurch, dass ihre Kraft sich erschöpft und trotz Ruhezeit langsam schwindet bis in den Tod. Und indem sie wissen, dass sie einander verletzen können.

Ja, mehr noch: Ich, Gott, ich lebe mein Leiden mit einer Leidenschaft aus, die sich sogar gegen mich richtet. Ich setze mich ihrer Missgunst aus, auf dass die Menschen ganz sicher sind ob meiner Güte und Bereitschaft zu vergeben. Dafür zahle ich jeden Preis. Und lasse mich von ihnen zu einer Zeit verletzen und um die Ecke bringen. Nur damit sie sich im Blick auf mich als Gewinner und Macher sehen und spüren können. Doppelte Gewinner und Macher sollen sie werden in ihrem Spiel. Einmal Macher und Gewinner über mich, den ewigen Gott, in ihrem bösen Spiel, all ihrer Begrenztheit zum Trotz. Und zugleich Macher und Gewinner im Guten, weil ich ihren Sieg überlebe und ihnen vergebe. Amen.“

1 Und die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten? 2 Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; 3 aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet! 4 Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, 5 sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist. 6 Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von seiner Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß. 7 Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze. 8 Und sie hörten Gott den HERRN, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des HERRN zwischen den Bäumen im Garten. 9 Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? 10 Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich. 11 Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen? 12 Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß. 13 Da sprach Gott der HERR zur Frau: Warum hast du das getan? Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, sodass ich aß. 14 Da sprach Gott der HERR zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht vor allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Staub fressen dein Leben lang. 15 Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen. 16 Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein. 17 Und zum Mann sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen –, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. 18 Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. 19 Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde wirst, davon du genommen bist. Denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück. 20 Und Adam nannte seine Frau Eva; denn sie wurde die Mutter aller, die da leben. 21 Und Gott der HERR machte Adam und seiner Frau Röcke von Fellen und zog sie ihnen an. 22 Und Gott der HERR sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist. Nun aber, dass er nur nicht ausstrecke seine Hand und nehme auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich! 23 Da wies ihn Gott der HERR aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der er genommen war. 24 Und er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.


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