Hebräer 13,1–3

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«Wir müssen zusammenhalten» | 7. So. n. Trinitatis | 19. Juli 2026 | Hebräer 13, 1–3 | Berthold W. Haerter/ Julian Bendiner |

 

«Wir müssen zusammenhalten»
Ruben Vargas (Spieler der Nationalmannschaft der Schweiz an der WM 2026)

 

Berthold Haerter: Liebe Gemeinde

Die heutige Predigt haben Julian und ich zusammen vorbereitet. Julian, kannst Du Dich kurz vorstellen?

Julian Bendiner: Grüezi mitenand. Mein Name ist Julian, ich wohne in Oberrieden und gehe in die Kantonsschule Wiedikon. In der 4. Klasse (10.) müssen wir einen Sozialeinsatz leisten. Ich habe mich entschlossen, diesen in der Kirchgemeinde Oberrieden zu machen. So habe ich unter anderem beim Mittagstisch der Kirchgemeinde, bei den Freitags-Sommer-Apéros sowie beim Sommergottesdienst geholfen. Einen Tag war ich auch im Bärenmoos, einem Wohnhaus für junge Menschen mit einer Behinderung. Ansonsten spiele und schaue ich sehr gerne Fussball.

B: Dann kannst Du uns bestimmt etwas zum letzten WM-Spiel der Schweizer gegen Argentinien vom letzten Sonntag sagen.

J: Wir haben uns gut geschlagen, auch als wir nur noch zu zehnt auf dem Feld standen. Aber Argentinien hat nach dem lange gehaltenen 1:1 dann in der Nachspielzeit zwei eindrückliche Tore geschossen, schade für uns.

B: Es ist auffallend, dass der christliche Glaube ein Thema an dieser WM ist. Der Blick titelte: «Missionieren an Schulen, Jesus-Jubel an WM: Das evangelikale Netzwerk hinter Nati-Spieler Vargas» (4.7.26) Besonders aufgefallen ist der Gebetskreis nach dem Spiel Deutschland gegen Curaçao.

J: Ich habe den Artikel auch gelesen. Ich verstehe aber nicht ganz, wo das Problem liegt. Es sind Fussballer, die ihren Glauben offen ausleben.

B: Wir haben uns in dieser Woche natürlich nicht nur mit der WM und dem Fussball beschäftigt, sondern auch mit einem Bibeltext.

Er steht am Schluss des Hebräerbriefes, im 13. Kapitel: «Die Liebe zu den Brüdern und Schwestern soll bestehen bleiben. 2Vergesst die Gastfreundschaft nicht. Denn auf diese Weise haben manche, ohne es zu wissen, Engel als Gäste aufgenommen. 3Denkt an die Gefangenen, als ob ihr mit ihnen im Gefängnis wärt. Denkt an die Misshandelten, denn auch ihr lebt in einem verletzlichen Körper.» Hebräer 13, 1-3 (Basisbibel)

J: Als ich den Text zum ersten Mal hörte, hatte ich sofort eine Frage: Soll man nur gastfreundlich sein zu seinem eigenen Vorteil?

B: Da stellst Du eine Frage, die schon Friedrich Nietzsche gestellt hat. Er erklärte dann: «christliche Liebe: sie will zuletzt gut bezahlt werden»[1]. Genau das will sie ja eigentlich nicht. Christliche Liebe sollte selbstverständlich und nicht berechnend sein. Im Hebräerbrief wird an dieser Stelle aber Bezug auf den Besuch der Engel bei Abraham und Lot genommen. Wir haben den Bibeltext soeben gehört (Genesis 18,1–5 und 19,1–3 als Lesung). Abraham und Lot waren gastfreundlich gegenüber Fremden, die sie nicht kannten. Man merkt dem Hebräerbrief an, hier schreibt ein Christ, der sich im Alten Testament gut auskennt.

J: Wir haben aber auch noch mehr herausgefunden. Der Brief ging nie an eine Gemeinde, die sich „die Hebräer“ nannte. Er ging an eine glaubensmüde christliche Gemeinde in Rom. Wahrscheinlich nach der ersten grossen Christenverfolgung durch Kaiser Nero.

B: Ich habe ein gutes Zitat gefunden: «Die Christen, die der Brief vor Augen hat, sind eine erschöpfte Minderheit – schon zu ernüchtert, um Christsein als Gewinn zu erleben, noch zu entschlusslos, es fallen zu lassen.»[2] Das entspricht doch so ziemlich unserer Situation, heute, hier in der Schweiz. Aber, Julian, Du redest immer von einem Brief, er heisst ja auch Hebräerbrief. Aber eigentlich ist es ja eine Predigt mit Briefschluss.

J: Genau, es ist eine Predigt, die die Gemeinde motivieren soll, ihrem Glauben treu zu bleiben. Sie sollen sich gegenseitig im Glauben stärken. Und das Wichtigste: Sie sollen als Christen zusammenhalten und sich nicht schämen, ihren Glauben offen zu zeigen.

B: Genau das machen einige Fussballspieler an der WM. Sie zeigen ihren Glauben. Z.B. der Schweizer Spieler Ruben Vargas. Nach seinem Tor im Spiel gegen Kanada fällt er auf die Kniee und zeigt mit den Händen in den Himmel. Besonders eindrücklich ist aber das, was Sie auf dem Bild des Flyers sehen. (Die Gemeinde hat ein Bild des Gebetskreises auf dem Gottesdienstablauf) Kannst Du uns das Bild erklären, Julian?

J: Deutschland hat in diesem Spiel 7 zu 1 gegen Curacao gewonnen. Ein deutliches Ergebnis. Aber anstatt dass die einen Spieler traurig vom Platz gehen und die anderen feiern, stehen Spieler von Curacao und Deutschland zusammen und beten. Nach dieser Aktion meinte der deutsche Nationalspieler Felix Nmecha ungefähr: „Im Spiel waren wir Gegner, nach dem Spiel sind wir alle Christen und Brüder.“

B: Das beeindruckt mich als manchmal glaubensmüden Christen schon. Wir sind oft zurückhaltend, über unseren christlichen Glauben ausserhalb der Kirche zu reden. Wir haben Angst, dass wir abgelehnt werden. Genau so muss es der Gemeinde da in Rom, die den Hebräerbrief als Predigt lasen, auch ergangen sein. Aber hier an der WM machen uns Christen Mut, zum Glauben zu stehen, wie es Messi und Ronaldo selbstverständlich tun. Und das löst unterschiedliche Reaktionen aus.

J: In der Schweizer Nati sind mir v.a. zwei Spieler aufgefallen. Auf der einen Seite Johan Manzambi, von dem man weiss, dass er vor jedem Spiel Gospel hört. Sonst aber lebt er seinen Glauben eher zurückhaltend. Aufgefallen ist das Kreuz, das er zusammen mit Vargas nach dem Spiel gegen Kanada mit den Fingern formte. Der zweite Spieler ist der eben erwähnte Ruben Vargas. Er zeigt seinen Glauben viel sichtbarer. Mich beeindruckt sehr, wie er seinen Glauben lebt. Er gilt als bescheiden, bodenständig und seine Mannschaft ist ihm sehr wichtig (siehe Interviews in verschiedenen Zeitungen). Nach dem nicht ganz geglückten Auftaktspiel gegen Qatar, betonte er im Interview drei Mal: „Wir müssen zusammenhalten“ und „Wir dürfen uns jetzt nicht gegenseitig auffressen!“

B: Und jetzt sind wir wieder bei uns und dem Bibeltext. Der Hebräerbrief will uns unterstützen zu glauben, also Gott zu vertrauen. Er ermutigt, Jesus als denjenigen zu verstehen, der uns zeigt, wie Gott zu uns ist. Wir sollen zusammenhalten und «zusammenspielen» wie eine Nationalmannschaft und so unseren Glauben zeigen. Unser Handeln soll unseren Glauben widerspiegeln. Dabei können wir Glauben unterschiedlich interpretieren und leben, sollten aber gemeinsam stark sein.

J: Schauen wir uns den Text doch nochmals an: „Die Liebe zu den Brüdern und Schwestern soll bestehen bleiben.“ Was genau heisst das jetzt?

B: Ich höre in diesem Satz: Wir sollen eine Mannschaft sein. Jede und jeder hat seine starken und schwachen Seiten. Ich gebe zu, es ist nicht immer einfach jeden/jede zu akzeptieren, wie er/sie ist, auch in einer Gemeinde nicht. Aber Jesus hat die Gabe, immer die starken Seiten eines Menschen zu sehen und diese zu fördern und die schwache Seite zu schützen. Tun wir das, sind wir eine ausstrahlende und anziehende Gemeinde. Wir zeigen Stärke, sind aber auch für die da, die uns brauchen. Menschen fühlen sich dann bei uns wohl. Wir halten zusammen und sind doch offen für Neue und Neues. Und uns verbindet das eine: Der Glaube an Gott.

J: Im zweiten Satz heisst es: „Vergesst die Gastfreundschaft nicht. Denn auf diese Weise haben manche, ohne es zu wissen, Engel als Gäste aufgenommen.“ Man soll also nicht nur diejenigen aufnehmen, die man kennt, sondern auch, wie Abraham und Lot, alle Fremden.

B: Schauen wir uns einmal um, wer von uns alles ausländische Vorfahren hatte. Hätte man sie damals nicht aufgenommen, wärest Du, Julian jetzt nicht hier und ich auch nicht. Manch anderem von uns geht es wohl ähnlich. Und dann schauen wir uns doch einmal die Familiengeschichten von unseren Schweizer Fussballern an. Hätte man ihre Eltern nicht aufgenommen, hätten Sie jetzt kein Tor für die Schweiz geschossen.

J: Der Hebräerbrief erinnert uns auch noch daran: „Denkt an die Gefangenen, als ob ihr mit ihnen im Gefängnis wärt. Denkt an die Misshandelten, denn auch ihr lebt in einem verletzlichen Körper.“

B: Als erstes fällt mir da sofort Dietrich Bonhoeffer ein, den wir ja im Konflager in Berlin genauer kennengelernt haben. Er hat sich als Gefangener für seine Mitgefangenen eingesetzt. Aber es geht ja darum, dass wir an Gefangene und Misshandelte denken sollen, da auch wir schnell zu Gefangenen und verletzt werden könnten. Für uns besteht kaum die Gefahr – Gott sei Dank – Gefangene zu werden, aber wir sollen sie nicht vergessen. Wie verletzlich wir sind, das hat jede/jeder wohl schon selbst erlebt. Christinnen und Christen haben also seit Jesus die Aufgabe, sich um Menschen am Rande zu kümmern. Gefangene und misshandelte Christinnen und Christen gibt es weltweit sehr viele. Aber wir sollen uns auch für Mitmenschen engagieren, die nicht christlich sind, aber in den Gefängnissen sind oder misshandelt werden. Der Text ist hier eine Erinnerung an das, was wir eigentlich alle wissen. Er ist keine moralisierende Aufforderung, eher ein sich erneutes bewusst machen.

Zum Schluss Julian, was hast Du aus dem Beschäftigen mit dem Bibeltext jetzt gelernt?

J: Das erste, das mir geblieben ist: Man kann einen Text fast nicht verstehen, wenn man nur diesen einen Abschnitt anschaut. Man muss ihn immer im Zusammenhang und in seiner Zeit sehen. Ich staune wie viel man aus so einem Text mitnimmt, wenn man sich aktiv mit dem Text beschäftigt und wie viele Botschaften in so einem kleinen Abschnitt versteckt sind.

B: Und was nimmst Du aus diesen vier Sätzen des Hebräerbriefs mit in die nächste Zeit?

J: Man soll sich nicht schämen für seinen Glauben ein- und dazu stehen. Und: Mein Glaube soll sich in meinen Handlungen widerspiegeln.

B: Amen


Predigtlied:

Ihr seid das Salz der Erde


Berthold W. Haerter

Seit 1993 Pfarrer der Evangelisch-reformierten Landeskirche Zürich
seit 2005 in Oberrieden am Zürichsee


Fussnoten

[1] Christiane Tietz: Nietzsche, München 2025, S. 143

[2] Knut Backhaus: https://www.bibelstudium.gwi.uni-muenchen.de/grundlagen/briefliteratur-und-apokalypse/der-hebraeerbrief-brif/