Hebräer 13,11-14
Enteignung des Enteigners mit Substanzzuwachs | Judika | Hebr 13,11-14 | 22.03.26 | Markus Kreis |
11 Denn die Leiber der Tiere, deren Blut durch den Hohenpriester als Sündopfer in das Heilige getragen wird, werden außerhalb des Lagers verbrannt. 12 Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. 13 So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. 14 Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.
Obwohl viele Menschen äußerst gern neue Orte entdecken und erkunden und quasi in Besitz nehmen – innerhalb ihres eigenen Areals meiden sie manche Stellen wie der Gottseibeiuns das Weihwasser. Machen sie sozusagen zu Nichtorten, obwohl diese Plätze tatsächlich da und zugegen sind und mehr oder weniger öffentlich zugänglich. Ein solcher Ort ist die Anstalt zur Entsorgung von toten Tierkörpern oder deren Teilen. Ja, unbedingt eine Weltreise machen oder mit Elon zum Mars fliegen wollen! Aber wenn man hinter einem LKW mit Container aus legiertem Metall und einer dubiosen Vorrichtung zum Befüllen fährt, und sich fragt, wo denn nur plötzlich dieser widerliche Geruch herkommt. Irgendwo habe ich so einen LKW schon mal gesehen!? War das nicht bei einem dieser Einkaufszentren, die alles anbieten, was die Nachfrage gerade so begehrt? Man würde ja sofort abbiegen, wenn die MapApp nicht empfehlen würde, den gleichen Weg wie der eklige Stinker vor einem zu nehmen. Und ist dann froh, wenn der irgendwo in der Pampa plötzlich die Biege macht und in eine Sackgasse fährt. An deren Ende, so viel erspäht man aus lauter Neugier beim Passieren noch, ein Gittertor und eine eckige halbhohe Metallsäule steht. Wahrscheinlich eine Gegensprechanlage. Der Standort einer Abdeckerei, wie sich bei der Recherche im Netz später herausstellt. Die Entsorgung der Kadaver und ihrer Teile gelingt also nicht nur körperlich bei den Tieren, sondern auch mental im Gemüt der Menschen.
Anstalt zur Entsorgung von Tierkörpern – einen Ort, den es leider garantiert braucht. Obwohl Veganer und fleischlose Ernährung zunehmen. Selbst wenn man sein Haustier V-mäßig ernährt – irgendwann stirbt es. Und es gibt viele Halter, denen es verwehrt ist, sich einen Tierfriedhof zu leisten. Abdecker – früher ein ehrloser Beruf wie Totengräber oder Henker. Ausgeübt wegen der Hygiene möglichst weit entfernt von Ansiedlung und Bürgern. Und doch infolge von deren Lebensart schlechthin mit ihnen verheddert. Ein echter Ausbeuter. Weidet sich an seinem Material wie eine KaufhausApp, mit der man Bedürftige oder Dumme ausnimmt, die sich bei ihr einloggen. Ein Kapitalist, lange bevor Mensch vom Kapitalismus gesprochen und gelebt hat. Schlachtet die aus, die ihre Haut zu Markte tragen mussten. Ohne unbedingt selber zu töten, macht er mit dem Tod Geschäfte. Verwerten auch noch die letzten sterblichen Reste eines Lebens als Ware. Mehr an Enteignung ist da bei einem Lebewesen kaum noch zu machen. Und trotzdem: Abdecken ist eine Leistung, die sorgenfrei macht. So sorgenfrei, dass wir sehr gut verdrängen, dass es sie überhaupt gibt. Ja, dass es sie schlechthin geben muss, dass es ohne sie so gut wie gar nicht geht. Ausbeuter haben einen schlechten Ruf unter Menschen. Am liebsten wäre uns, sie abzuschaffen, auf dass wir ihrer ledig würden.
So erschallte denn auch vor knapp 200 Jahren der Ruf, die böse und jedes Gewissens ledige Geschäftswelt in Schranken zu verweisen. Ja, sie überhaupt aus der Welt zu schaffen. Enteignet die Enteigner! Kennt das noch jemand? Das ist mal von Karl Marx als Auftrag und Arbeit der Politik formuliert worden. Die neuen Superreichen kommen trotzdem aus dem Boden der Techbranche geschossen, Und zwar, indem sie sich sehr viel Wissen der Menschheit mit fraglichen Mitteln aneignen und zu ihren Zwecken auspressen.
Unser Bibeltext jedenfalls bringt Gott in Verbindung mit toten Körpern. Sollte der von alters her so ein Abdecker und Ausbeuter sein? Ein Verdacht, der von Gegnern des Glaubens sowieso immer mal wieder geäußert und vorgeworfen wird. Aber auch die Heilige Schrift legt nahe, Gott als Enteigner zu bezeichnen, ihn so kritisch zu sehen und zu benennen. Erinnern wir uns in die Geschichte vom Paradies. Da hat der Mensch seine Freiheit gewonnen, sein Wissen um Gut und Böse, seine Kraft zu entscheiden und das in die Tat um zu setzen. Gott hat den Menschen im Gegenzug etwas genommen, das ihnen zu eigen war: das ewig gute Leben. Das ewig gute Leben nehmen. Darunter ist zunächst zu verstehen, dass wir sterblich sind, dass wir nur begrenzte Zeit leben, statt in Ewigkeit. Vielerorts ist auch zu hören, dass das Leben eh so angelegt war: Also von vornherein mit einer bestimmten und begrenzten Zeit versehen. Dann versteht sich der Entfall des ewigen Lebens so: Was wir als unsere Freiheit verstehen, unser Wissen um Gut und Böse, unser Entscheiden und Handeln – das alles steht zuweilen quer zu dem, was in Gottes Sinne gut ist und zeitigt schlimme Folgen. Anders als das, was Gott als seine Freiheit lebt, was er für Gut und Böse hält, was er entscheidet und in die Tat umsetzt. Wo zuvor alles wie ohne Worte zusammengepasst und gespielt hat, da werden nun seitens der Menschen allerlei Worte gemacht, zu viele jedenfalls, und das Verhältnis gerät aus dem Takt, das Verständnis fürs Gegenüber und Gott geht flöten. Und die Kraft des Lebens aus Gott gleich mit. Adieu gutes Leben. Klimawandel und Wetterkapriolen sind schon da samt Irankrieg und Wehrpflicht, Verkehrswege werden immer maroder, Städte und ihre Bewohner zerfallen zusehends in Ghettos und Gated Communities. Die nächste weltweite Seuche kommt sowieso irgendwann. Düstere Zeiten stehen aus, wird mehr oder weniger still beklagt! Wie gut klingt da, was uns der Hebräerbrief zu sagen hat.
In unserem Bibeltext geht es schon um Gott als einen, der tote Körper in einem gewissen Sinn verwertet. Aber eben so, dass Gott zwar ein Enteigner und Ausbeuter ist, aber einer, der sich selber enteignet und sich ausbeuten lässt. Dieser Vorgang ist nämlich ein Geschäft, das er an und mit sich selbst tätigt und ausmacht. Gott enteignet sich in Jesu Tod selbst. Und beutet sich aus. Denn damit spricht er sein ganzes Vermögen allem Menschenvolk zu und gibt es uns in die Hände. Gott lässt sich ausschlachten, bis auf den letzten Tropfen auspressen, damit wir von neuem das ewige gute Leben gewinnen. Das ist Gottes Passion und Leiden für uns Menschen. Das ist sein Kadavergehorsam. Der einzige Kadavergehorsam übrigens, der der Welt zuträglich ist. Mag es auch noch so befremdlich klingen. Mag die Zu- und Anmutung von Gottes Ohnmacht bei vielen Widerspruch erregen. Wie kann Gott das nur zulassen? Er, der ewige, begibt sich in den Tod. Macht sich aus einem ewigen zu einem zeitlichen und endlichen Lebewesen. Und gibt so all sein ewiges Vermögen und Leben den sterblichen, unfähigen Menschen. So, als ob Musk, Bezos und Zuckerberg Bettler würden, weil sie ihre Vermögen komplett an korrupte Stiftungen übergeben, die es ausschließlich wohltätig einsetzen.
Und statt dass unser Bibeltext sich mit der Zu- und Anmutung von Gottes Ohnmacht und Kadavergehorsam zufriedengibt, setzt er was obendrauf. Eine weitere Zumutung. Als ob die erste nicht schon genug wäre. Echt voll übertrieben, wie meine Schüler sagen würden, wenn ich sie wegen eines Vorfalls zur Rede stelle. Wer von Gott all sein Vermögen und gutes Leben geschenkt bekommt, der ist von ihm zur Stadtflucht aufgefordert. Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. Heisst das zurück ins Grüne, aufs Land? Kommen viele Bürger dem nach, indem sie ihm grünen Speckgürtel ihrer Stadt eine Datsche haben? In die sie sich zurückziehen können? Vielleicht gehört das auch dazu. Mit Sicherheit gehört dazu, dass die Stadt einen neuen Fluchtpunkt bekommt. Von einem Moloch, der alles und jeden verschlingt, zu einer Metropole zu werden. Was wörtlich übersetzt übrigens Mutterstadt heisst. Das ist die wahre Stadt, das wahre Jerusalem. Eine also, die wie eine gute Mutter für jeden ihrer Bewohner da ist. Die sie nährt und pflegt und sich gut entwickeln lässt. In der sie lernen, sich frei zu bewegen und offen und gut miteinander zu reden. Und das dann auch so halten und machen. In der die Menschen ihren Geschäften nachgehen und trotzdem recht gut miteinander auskommen. Und der Fluchtpunkt Gottes heisst dann garantiert auch: Raus der Gated Community! Raus aus dem Ghetto! Raus aus den eigenen Komfortzonen, um die Kriegsgebiete in der Stadt zu befrieden. Raus in die riesigen Favelas und Müllhalden. Dahin, wo die Menschen kaum anders können, als Dreck zu fressen, den Abfall ihrer Mitmenschen bis auf die letzten Atome auszupressen und zu verwerten. Und ihre armen Mitbewohner manchmal wie bloße Dinge zu behandeln. Da entwickelt sich auch gutes, neues Leben. Denken sie an die Spare Ribs. Bevor die zur Mode wurden, gammelten die Teile als Fleischabfall auf der Halde vor sich hin. Wurden dort als Notration entdeckt, mariniert, gegrillt und gegessen.
Wer die gute Mutter als Stadtfluchtpunkt verliert, der landet bei der bösen und grausamen. Den holt sich der Moloch und verschlingt ihn. Also raus und ans Werk. Was da zu tun ist, sagt uns der Text nicht, nur die Ziele. Da gerät das Gebein schon mal ins Schlottern. Auftragstaktik statt genaue Anweisung oder Befehl. Kommt eigentlich unserer Freiheit entgegen, unserem Willen, selber entscheiden und zu handeln. Lässt einen trotzdem manchmal zunächst ratlos dastehen. Gut zu hören, dass wir das mit Gott in Jesu Tod schon durchgestanden haben. Und in ihm wieder zurück ins Leben gelangt sind. Amen.
Markus Kreis OStR
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