Hebräer 13,12-14
Jenseits der Schmach wartet die Zukunft | Judika | 22. März 2026 | Hebr 13,12-14 | Paul Wellauer |
| Psalmgebet im Wechsel | Psalm 43 | Meine Seele dürstet nach Gott | © Zürcher Bibel 2007*
I Schaffe mir Recht, Gott, und führe meine Sache gegen treuloses Volk,
errette mich vor falschen und bösen Menschen.
II Du bist der Gott meiner Zuflucht. Warum hast du mich verstossen?
Warum muss ich trauernd umhergehen, bedrängt vom Feind?
I Sende dein Licht und deine Wahrheit,
sie sollen mich leiten, mich bringen zu deinem heiligen Berg und zu deinen Wohnungen.
II So will ich hineingehen zum Altar Gottes, zum Gott meiner Freude.
Jauchzend will ich dich mit der Leier preisen, Gott, mein Gott.
I Was bist du so gebeugt, meine Seele, und so unruhig in mir?
Harre auf Gott, denn ich werde ihn wieder preisen, ihn, meine Hilfe und meinen Gott.
I+II Amen
| Predigttext | Hebräer 14,12-14 | Aus «Ermahnungen für den Alltag»| Die Zürcher Bibel, 2007*
12 Darum hat auch Jesus, um durch sein eigenes Blut das Volk zu heiligen, ausserhalb des Tors gelitten. 13 Lasst uns also vor das Lager hinausziehen zu ihm und seine Schmach tragen, 14 denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.
Selig ist jeder Mensch, der Gottes Wort hört, in seinem Herzen bewahrt und danach lebt. Amen
| Predigt | Jenseits der Schmach wartet die Zukunft |
Liebe Gemeinde, liebe Brüder und Schwestern in der Liebe und Gnade Gottes
1. Über Schmach spricht man nicht – oder doch?
Vor einigen Jahren wurde «fremdschämen» zum Wort des Jahres erkoren (Österreich 2010). Was ist mit fremdschämen gemeint? Eine Person oder Gruppe von Personen verhält sich so peinlich und daneben, dass man sich für sie und mit ihr mitschämt. Im ersten Reflex möchte man wohl wegschauen, sich abwenden und gar nicht genauer wissen, was da geschieht. Oft schaut man dann aber doch zu und betrachtet die Szene mit gemischten Gefühlen: Schadenfreude, Ekel, Scham, Entsetzen, aber auch Mitgefühl und Mitleid bewegen uns dabei. Die harmloseren Beispiele fürs Fremdschämen können sein, dass sich jemand mit Ketchup oder Glace verkleckert und beim Putzen die Sauerei nur noch grösser macht. Oder wir sehen, wie jemand zwanzig Versuche braucht, um mit seinem Auto eine Parklücke einigermassen zu treffen. Jede und jeder von uns kennt bestimmt eigene Beispiele – als Zuschauer/-in oder selbst Beteiligte.
Viele Fernsehsendungen funktionieren nach dem Prinzip Fremdschämen: Früher «die versteckte Kamera», heute unzählige peinliche bis oberpeinliche Sendungen, die eigentlich niemand braucht und doch von vielen geschaut werden. Offenbar hat peinliches, schambehaftetes Verhalten trotzdem etwas Faszinierendes: Man ist wohl froh, dass dies jemand anderem und nicht einem selbst passiert ist. Schadenfreude kann mitschwingen, wenn man sich denkt: «Der oder die ist doch selbst schuld, wird nur für seine Tollpatschigkeit oder Naivität gestraft.» Und doch wird auch unser Mitgefühl wachgerufen: «Oh weh! Das tut mir nur schon beim Zuschauen weh und leid! Hoffentlich hat es keine schlimmen Folgen!»
Und wenn uns selbst ein peinliches Missgeschick passiert? Halten wir uns dann an das ungeschriebene Gesetz: «Über Schmach spricht man nicht!» Oder finden wir es wichtig, in einer passenden Gelegenheit auch über unangenehme Wahrheiten und peinliche Situationen reden zu können?
In den vergangenen sechs Wochen haben wir in unserer Kirchgemeinde den MyLife**-Workshop, einen Lebens- und Glaubenskurs durchgeführt. Unter unterschiedlichen Gesichtspunkten haben wir auf unser Leben zurückgeschaut und unseren weiteren Weg betrachtet. Zur Veranschaulichung hat jede teilnehmende Person in einem Heft eine Lebens-Landkarte mit Hochs und Tiefs aufgezeichnet. Wer wollte, konnte über eigene Erfahrungen in Gruppengesprächen austauschen. Selbstverständlich fiel es viel leichter, über die «Hochs» zu reden: Positive Erlebnisse, Erfolge, Sternstunden, freudige Ereignisse. Recht rasch wuchs aber das Vertrauen und die Offenheit in der Gruppe, so dass auch über die «Tiefs» unbeschwert und mit grossem Mitgefühl gesprochen werden konnte. Hilfreich war bestimmt, dass man sich im Kurs zur Verschwiegenheit verpflichtete. Aus der Seelsorge weiss ich, wie ungemein heilsam und entlastend es sein kann, schwierige, peinliche, schambehaftete Momente in guter Atmosphäre zu besprechen. Die Seele und das Herz werden entlastet und gereinigt, wenn Licht ins Dunkle leuchtet, Klärung, Vergebung oder sogar Versöhnung möglich ist: Versöhnung mit sich selbst, mit Gott, mit Mitmenschen.
«Über Schmach spricht man nicht – oder doch?» – Wenn die Umgebung stimmt, kann man «doch» über Schmach reden, wenn offene Ohren zuhören, empfindsame Herzen mitfühlen, ist dies so wohltuend. Ein Klima von Verständnis und Vergebung schafft einen heilsamen Rahmen, auch über Unangenehmes zu reden. «Fremdschämen» allein löst noch keine Probleme.
Der Schreiber des Hebräerbriefes fordert uns heraus, mit ihm «vor das Lager hinauszuziehen zu Jesus und seine Schmach tragen», weil dort «ausserhalb des Tors, Jesus gelitten hat, um durch sein eigenes Blut das Volk zu heiligen.» (VV 12-13)
Auf den Punkt gebracht:
2. Nur, wer rausgeht, erlebt Heil und Heilung
Der Schreiber des Hebräerbriefes ist sehr gut vertraut mit den alttestamentlichen Geboten und Ritualen. Er schreibt ausführlich über Opfer und Priester. Er bezeichnet Jesus als den eigentlichen und letzten Hohepriester, dessen grösstes Opfer darin besteht, sich selbst für die Erlösung der Menschheit töten zu lassen. Dies geschieht allerdings nicht an einem heiligen und geweihten Ort, im Tempel in Jerusalem. Sondern «ausserhalb des Tors», draussen vor der Stadt, wo mit einiger Wahrscheinlichkeit die Schutthalde, die Kehrichtablagerung der Stadt war. Nicht nur der grausame Tod am Kreuz war voller Schmach und Elend, auch der Ort der Hinrichtung wurde bewusst abwertend gewählt. Wer dort stirbt, gehört in den Augen der Mächtigen zum «Abfall der Menschheit.» In den Ohren und Herzen der gläubigen Menschen der damaligen Zeit muss die Nachricht vom Tod Jesu Scham und Ekel ausgelöst haben. Den Begriff «Fremdschämen» gab es wohl damals noch nicht, aber das entsprechende Gefühl dürfte den Menschen dieser Zeit bekannt gewesen sein.
Und nun lesen wir im Hebräerbrief, wir sollen uns genau dorthin begeben, «vor das Lager – zu Jesus – um seine Schmach zu tragen».
Wir sind im Kirchenjahr mitten in der Passions- und Fastenzeit. Die vierzig Tage vor Ostern sollen uns Zeit und Raum schenken, über das Leiden und den Tod von Jesus nachzudenken. Dazu gehört es, seinen Nöten und Ängsten nachzuspüren und die Erinnerung an seine Folter und seinen Tod auszuhalten. Jesus wurde innerhalb weniger Tage bejubelt und bespuckt, mit Jubelrufen verehrt und mit einer Dornenkrone gequält, mit Palmzweigen und Kleidern auf dem Weg empfangen und mit Nägeln durch die Hände getötet. Diese menschlichen Widersprüche und Abgründe fordern uns heraus. Für die meisten von uns ist die Vorstellung der Kreuzigungsszene wohl ausserhalb unserer Komfortzone. Wie bei Situationen zum Fremdschämen wenden wir uns spontan wohl lieber rasch ab, als der grausamen Handlung zuzuschauen.
In jeder katholischen Kirche ist der Weg Jesu hin zur Kreuzigung in zwölf (oder mehr) Szenen dargestellt, in der Kirche selbst oder in deren unmittelbarer Umgebung. Gerade in der Passionszeit kann es auch für uns evangelische Christen und Christinnen sehr angemessen und wertvoll sein, diesen Kreuzweg einmal ganz bewusst zu gehen und die einzelnen Stationen zu bedenken. Fragen sie dazu am besten eine engagierte katholische Christin oder einen interessierten katholischen Christen um Begleitung und Erläuterung. In unserer katholischen Schwesterkirche in Bischofszell hat es zudem zwei Versöhnungswege für jung und alt mit sehr anregenden Gedankenanstössen und Aufgaben, die selbsterklärend sind. [Versöhnungsweg – Pastoralraum Bischofsberg – Solche Versöhnungswege sind in vielen kath. Pfarreien zu finden.]
Liebe Gemeinde, liebe Glaubensgeschwister, darf ich euch herausfordern, «rauszugehen», um etwas von der Schmach und Not von Jesus zu erleben? «Nur, wer rausgeht, erlebt Heil und Heilung», habe ich diesen Teil meiner Predigt überschrieben: Dort auf Golgatha, bei der Müllhalde Jerusalems, erlebte Jesus die tiefste Schmach seines Lebens. Ich vertraue darauf, dass wir unsere Schmach dort loslassen, «auf den Müll» werfen können. Indem wir unser Innerstes und Dunkelstes, unsere Not und Schuld, unsere Verfehlungen und Unterlassungen zum Kreuz bringen, vor Jesus hinlegen, bekennen, offen aussprechen. So kann dieser Ort der tiefsten Schmach zum Ort von Heil und Heilung, zum Anfangspunkt unserer christlichen Hoffnung und Erlösung werden.
«…denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.
3. Gottes Zukunft erwartet uns
Nach diesem Tiefpunkt in Schmach und Scham weitet der Schreiber des Hebräerbriefs den Blick und schaut von der irdischen Not in himmlische und zukünftige Dimensionen. Er zeichnet mit wenigen Strichen das Bild einer zukünftigen Stadt. Diese hat er schon früher in seinem Brief als Sehnsuchtsort und Perspektive erwähnt (Hebräer 11,10.16 und 12,22). «Die Stadt des lebendigen Gottes, das himmlische Jerusalem, Tausende von Engeln, das Fest der Erstgeborenen, deren Namen aufgeschrieben sind im Himmel»:So schwärmt der Hebräerbrief ein Kapitel früher von dieser zukünftigen Stadt, nach der die Glaubenden suchen und sich ausstrecken sollen. Es wird deutlich: Die Welt, in der wir leben, ist vergänglich. Wir werden sie mit aller Scham und Schande, mit aller Schuld und Not hinter uns lassen und in einem himmlischen Jerusalem leben können.
Die Frage stellt sich: Lädt hier der Hebräerbrief zur Weltflucht und -verleugnung ein? Ja und Nein wäre wohl die korrekte Antwort. Die Leser und Leserinnen des Briefes werden in den Ermahnungen und Ermutigungen rund um unseren Predigttext vor Geldgier gewarnt und zu Bescheidenheit ermutigt. Ebenso werden sie auch zu Liebe, Gastfreundschaft und gegenseitiger Unterstützung und Fürbitte ermutigt. Zugleich ganz irdische Ratschläge mit himmlischen Auswirkungen.
Wir können uns fragen: Welche Bereiche in unserem Leben haben Ewigkeitswert und -perspektive und womit dienen wir vergänglichen Zielen und Werten? Wie viel Energie verwenden wir für Geld, Besitz und Lebensstandard auf und wie viel Zeit und Kraft investieren wir in die Suche nach der «zukünftigen Stadt»?
«Jenseits der Schmach wartet die Zukunft», habe ich meine Predigt überschrieben. Bei der Vorbereitung der Predigt habe ich viel an christliche Geschwister in Ländern denken müssen, in denen sie wegen ihres christlichen Glaubens benachteiligt, bedrängt und verfolgt werden. Wir treffen uns kommende Woche im Missionsteam und hören Berichte aus den verschiedenen Projekten, die wir regelmässig unterstützen. Einige Nachrichten sind erfreulich und hoffnungsvoll, andere sehr ernst und beängstigend. Ich bin überzeugt, dass unsere Geschwister, die unter Verfolgung leiden, diese Texte mit ganz anderen Augen sehen. «Jenseits der Schmach wartet die Zukunft», ist für sie keine geistliche Übung, sondern geprägt von alltäglichen Herausforderungen. Und ich stelle mir vor, die Suche und Sehnsucht nach der «zukünftigen Stadt» ist eine Hoffnung, die ihnen im Alltag Kraft und Ausdauer schenkt.
Ich habe meine Gedanken über diese drei Verse aus dem Hebräerbrief mit der Frage begonnen: «Über Schmach spricht man nicht – oder doch?» – Fremdschämen ist wohl wenig hilfreich, aber sich der eigenen Scham und Schuld stellen, umso eher. «Nur, wer rausgeht, erlebt Heil und Heilung», habe ich als zweiten Gedanken ausgeführt: Rausgehen zu Jesus, zum Kreuz, zur Müllhalde, wo ich auch meinen Müll, meine Schuld und Not beim Kreuz ablegen darf. So kann ich Heil und Heilung erfahren. Jede und jeder darf einen persönlichen Versöhnungsweg gehen.
Und unsere Herzen und Augen werden geöffnet und geweitet für Gottes zukünftige Stadt: «Gottes Zukunft erwartet uns». Ich wünsche uns allen viel Freude, Geduld und Ausdauer für unsere «Suche nach der zukünftigen Stadt»!
Amen
Liedvorschläge
ERG 439 Wir danken dir, Herr Jesu Christ
ERG 440 Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen
ERG 445 O Haupt voll Blut und Wunden
ERG 446 D Du grosser Schmerzensmann
ERG 484 Ich sag es jedem, dass er lebt
ERG 518 Grosser Gott, wir loben dich (von Greyerz / Bettagsversion)
ERG 564 Aus meines Herzens Grunde
ERG 570 Lobet den Herren
ERG 843 Vertraut den neuen Wegen
ERG 681 Wer nur den lieben Gott lässt walten
ERG 724 Sollt ich meinem Gott nicht singen
ERG 774 Christus, der ist mein Leben
RW 64 Er ist wie ein Baum
RW 66 Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht
RW 47 Wo ich auch stehe
RW 118 Meine Zeit steht in deinen Händen
RW 121 Von guten Mächten wunderbar geborgen
Wir haben hier keine bleibende Stadt, Lied zur Jahreslosung 2013, www.christianhaehlke.de
Wir haben hier keine bleibende Stadt, Lothar Kosse, © 2006 Praize Republic
Literatur
*) Die Zürcher Bibel, Ausgabe 2007, © Friedrich Reinhard Verlag Basel, & Theologischer Verlag, Zürich
**) MyLife – Workshop – „Because my life is worth exploring.“
ERG = Gesangbuch Evangelisch-reformierten Kirchen der deutschsprachigen Schweiz, © Friedrich Reinhard Verlag Basel, & Theologischer Verlag, Zürich 1998
RW = Rückenwind, Lieder für den Gottesdienst, Hrsg. Evang Landeskirche des Kantons Thurgau, Theologischer Verlag, Zürich2017
Pfr. Paul Wellauer, Bischofszell, Schweiz | Mail: paul.wellauer@internetkirche.ch
www.internetkirche.ch | www.internetkirche.ch/livestream | www.evang-tg.ch
Geb. 1967, Pfarrer und Mitglied im Kirchenrat der evangelischen Landeskirche des Kantons Thurgau, Schweiz. Seit 2009 in Bischofszell-Hauptwil, 1996-2009 in Zürich-Altstetten, davor 1993-1996 Seelsorger und Projektleiter im Sozialwerk Pfarrer Sieber, Zürich, www.swsieber.ch