Hes 2,1-10; 3,1-3

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Ach, wie süß! | Invokavit | 22.02.2026 | Hes 2,1-5.(6-7).8-10; 3,1-3| Udo Schmitt |

Was ist ein Prophet? Einer der im Namen Gottes auftritt und die Worte Gottes ausrichtet an sein Volk. Meistens nichts Gutes. Und weil das so ist, sucht sich den Beruf auch keiner aus. Nicht freiwillig. Man kann ihn auch nicht lernen, weder an der Uni noch im Abendkurs der VHS. Wie wird man also ein Prophet? Man wird dazu berufen. In einem Traum oder einer Vision (wer weiß das schon) hat man eine Erscheinung und hört Worte. Hören wir mal zu wie das bei Ezechiel war: TEXT Hes 2,1-5.(6-7).8-10; 3,1-3

Es gibt Sachen die sind zuckersüß: Bonbons, Schokolade, Lollis und Likör. Sie sind lecker, man leckt sich die Finger und die Lippen danach. Sie sind lecker, ja, aber wir wissen: Sie tun uns nicht gut. Nicht den Zähnen, nicht den Hüften und auch nicht der Leber. Süß macht nicht süß. Höchstens dick. Der Volksmund weiß, das Gegenteil ist richtig: Sauer macht lustig. Aber süß… Süß nicht, es stößt einem sauer auf oder kommt einen bitter zu stehen.

Das Bittere hingegen, es hält gesund und es wird süß, nicht nur im Prophetenmund. Nichts schmeckt so wie die Wahrheit. Sie mag bitter sein, die Wahrheit. Aber sie schmeckt echt. Echter noch als Karamellbonbons von Werthers Echte. Das süße Leben ist nicht leichter. Schon der sechsjährige Erich Kästner, als er in Dresden im Jahr 1905 nach der ersten Unterrichtsstunde seine Schultüte nach Hause schleppte, bemerkte dies und sagte sich: Auch eine süße Last bleibt eine Last. So machen wir das ja gerne: Die bittere Medizin – das saure Lernen wird umhüllt mit ein bisschen Zucker. Der erste Schultag versüßt mit einer Zuckertüte. Im Judentum lernten die Kinder früher das ABC, indem sie in der Bibel lasen. Und sie bekamen dabei Honig auf die Zungenspitze. Damit sie beim Gotteswort gleich auf den richtigen Geschmack kamen. Denn wie heißt es so schön in Ps 119,113: „Dein Wort ist in meinem Mund süßer als Honig“. Daraus entstand auch die Tradition des Russisch Brot. Und vielleicht auch die Idee für die Buchstaben-Nudelsuppe, wer weiß. Liebes Alphabet: Ich hab‘ dich zum Fressen gern.

Das mag für einen Schüler gelten und genügen fürs Erste. Als Prophet allerdings muss man dann die bittere Wahrheit auch noch unters Volk bringen. Sie wird von Ezechiel bei seiner Berufung buchstäblich gefressen. Er verleibt sie sich ein. Und sie schmeckt ihm süß. Aber diese Kost ist dennoch eine schwere Kost, schwer verdaulich. Auf den Seiten, die er da verspeist, stand, wie es heißt: „Klage, Ach und Weh“. Das ist seine „Message“, die Botschaft, die er zu überbringen hat. Danach werden sich seine Zuhörer nicht die Finger lecken. Nein, sie werden ihnen nicht schmecken, die schlechten Nachrichten. Nein, sie werden sie nicht gerne hören die Kritik. Und nein, sie werden nicht gehorchen, also nicht darauf hören, nicht rechtzeitig darauf reagieren, ihr Verhalten nicht anpassen, ihre Lebensweise nicht ändern.

Gott weiß das. Und er lässt es auch seinen Propheten wissen. Von Anfang an: Sie werden nicht auf dich hören. Doch sollen sie wissen, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist. Einer, der sie gewarnt hat. Damit sie nicht hinterher sagen können: „Wo war Gott?“ Und: „Wir haben ja nichts davon gewusst.“ Sie mag bitter sein, und sie gefällt nicht, nein. Aber nichts schmeckt so wie die Wahrheit. Sie mag bitter sein, aber sie schmeckt echt. Und die Wahrheit kommt ja doch ans Licht.

In China etwa bemerkte der Augenarzt Li Wen-Liang unter seinen Patienten schon im Dezember 2019 eine Häufung von Lungenentzündungen. Er informierte am 30.12. in einer Chat-Gruppe im Internet einige Kollegen darüber, dass es sich womöglich um einen Virus handeln könnte. Die Behörden lasen das mit, sie lesen alles mit, schließlich sind wir in China, und es gefiel ihnen nicht, sie bestellten ihn ein zur Polizei, dort wurde er eingeschüchtert, bedroht und es wurde ihm klar gemacht, unmissverständlich, dass er das zu lassen habe. Obendrein wurde er genötigt zu unterschreiben, dass er unwahre Behauptungen gemacht hätte, falsche Gerüchte verbreitet, die die gesellschaftliche Ordnung ernsthaft gestört hätten. Das war am 10. Januar. Doch die Wahrheit lässt sich nicht verbieten. Der Virus hat sich trotzdem ausgebreitet. Und am 6. Februar ist Li Wen-Liang dann gestorben, ebendaran an diesem Virus, im Alter von nur 33 Jahren.

So geht das in einer zentralistisch gelenkten Diktatur mit Pressezensur: Unangenehme Wahrheiten werden von den Behörden vor Ort unterdrückt oder nicht rechtzeitig nach oben weitergeleitet. Niemand will der Überbringer einer schlechten Nachricht sein. Manch einer hier meint ja mittlerweile, Meinungsfreiheit sei nicht so wichtig. Und Putin und Erdogan haben auch in Deutschland Fans. Alles Quatsch. Meinungsfreiheit kann Leben retten. Am Corona-Virus sieht man, welche Folgen das Unterdrücken der Wahrheit hat. Erst werden Hygiene-Vorschriften nicht eingehalten, dann gibt es zu wenig Krankenhäuser und Ärzte. Die Ärzte, die es gibt werden auch noch zum Schweigen verdonnert. Mehrere Wochen wurde das Virus ignoriert, weil ja nicht wahr sein kann, was nicht sein darf, viel zu lang gezögert und nicht reagiert. Weil ein Befehl von oben fehlte. Und schon „hamwa den Salat“.

Da lob ich mir die freie Presse und die freie Wissenschaft in Europa. Hier gibt es noch Freiheit. Ja. Auch wenn manch seltsames Kaninchen sie dazu nutzt, jedes Mal „Lügenpresse“ zu schreien, wenn er im Licht einer Kamera erscheint. Aber auch das darf er. Niemand hindert ihn daran sich peinlich zu benehmen oder kindisch zu gebärden. Gleichwohl stehen freie Wissenschaft und freie Presse auch in unserem Land unter Druck. Aber nicht, weil ein allmächtiger Staat alles überwacht und unterdrückt. Im Gegenteil, gerade weil der Staat zu wenig in Forschung und Bildung investiert, viel zu wenig, wird immer häufiger nur noch das erforscht, was die Unternehmen interessiert und was der Wirtschaft nützt. „Wes Brot ich ess‘, dess‘ Lied ich sing.“

Und die freie Presse muss zusehen, dass sie mit dem Tempo des neuen Leitmediums Schritt halten kann, den Schnatterräumen im Internet. Hier geht stets Schnelligkeit vor Genauigkeit. Redaktionen können es sich oft nicht mehr leisten, einen Journalisten in ein anderes Land zu schicken, damit er dann von da nach drei Wochen oder vier einen ersten Bericht schickt. Nein, alles muss sofort sein und jetzt. Sag es in eins-dreißig. Länger hört dir eh keiner zu. Anderthalb Minuten. Mehr hast du nicht. Bring deine „Message“ rüber. Komm auf den Punkt. Sonst klicken die User gelangweilt weiter. Twitter schlägt Tagesschau und Wochenzeitung. Diese Form des Nachrichten-Konsums hat etwas Atemloses, Rastloses. Es hat etwas von einer Fress- und Brech-Sucht. Man stopft innerhalb kürzester Zeit ganz viel in sich hinein, und im nächsten Moment, noch bevor es verdaut ist, wird es schon wieder hervorgewürgt. So auch die Informationen jetzt, noch eh man sie verstanden und verdaut hat, hat man sie schon wieder vergessen, weil der nächste Aufreger um die Ecke kommt. Die nächste Sau durchs Dorf getrieben wird. Brennpunkt hier und Sondersendung da, in der dann einer den anderen fragt, ob er was weiß, und der sagt dann, dass er auch nichts Genaues weiß, was die Unsicherheit aber nicht beruhigt, weil: man weiß ja nie.

Ich will mich darüber nicht lustig machen und über Gebühr erheben. Was ich sagen will: Unsere Aufmerksamkeitsspanne wird immer kürzer. Und kaum ist das eine Aufreger-Thema abgearbeitet bzw. totgesendet, da kommt mit hysterischem Geschrei, hastig zusammengestellten Talkshowrunden und Sondersendungen schon das nächste um die Ecke. Denn: Die Zeit ist knapp und das Angebot ist groß, deshalb ist die Währung, die zählt Aufmerksamkeit. Alle heischen danach, alle schreien nur noch, wie die kleinen Vögel im Nest: Ich, ich, ich – hier sieh mich. Und wer am lautesten schreit, wird zum Präsidenten gewählt.

Leider sind auch in unserem Land die Wahrheit und Freiheit bedroht. Nicht weil sie ein bräsiger Beamtenapparat unterdrückt, sondern weil wir uns so schnell ablenken lassen. Wir lassen uns nicht mehr die Zeit, einen Gedanken zu fassen, eine Information durchzukauen und zu verdauen, damit die bitteren Worte der Wahrheit süß werden können in uns – für uns.

Wir müssen wieder lernen Abstand zu nehmen und Zeit zu gewinnen. Damit wir uns sammeln können und fragen: Was will ich wirklich. Was interessiert mich wirklich und was tut mir gut. Und nicht nur mir, sondern auch meinen Kindern und Enkeln. Was soll bleiben – von mir. Was sind Werte. Und was ist wirklich wichtig.

Ich mein: So wenig sich die Viren für die chinesische Zensur interessierten, so wenig interessiert sich der Klimawandel für unsere Sprunghaftigkeit und unsere Sonntagsreden, wenn sie ohne Konsequenzen bleiben. Es ist dem Klimawandel egal, ob wir freitags dafür die Schule schwänzen oder aus dem Klimaabkommen aussteigen und behaupten es gäbe ihn gar nicht.

Fragt euch selbst: Was ist wahr? Und was ist wichtig? Wir müssen lernen, die echten Informationen, die unser Leben berühren, betreffen, verändern, beenden können – von den Aufreger-Themen zu unterscheiden, die nur Ablenkung sind. Nur Schaum vorm Mund und nicht Brot im Bauch.

Die Worte der Bibel sind nicht immer süß, sie kommen manchmal mit bitteren Wahrheiten über uns Menschen daher. Halten uns den Spiegel vor, wie widersprüchlich wir doch sind, (Haus des Widerspruchs heißt es hier bei Ezechiel), wie wir erst Ja sagen – und dann: Aber. Wie wir geniale Momente haben – und dann wieder unsäglich dumm sind; wie großmütig wir sein können – und wie niederträchtig; hilfreich, edel und gut – und im nächsten Moment: egoistisch, gemein und asozial. Wie reich wir manchmal sind – und doch wie arm. Die Bibel ist nicht immer süß, aber sie ist Gottes Wort an uns und eine Einladung darüber nachzudenken: Wer wir sind.

Liedvorschläge:

EG 67,3 … damit wir mögen schmecken dein Süßigkeit im Herzen (!)
EG 432 Gott gab uns Atem, damit wir leben
EG 591 Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht (zu den Fürbitten)


Udo Schmitt, geb. 1968, Pfarrer der Evangelischen Kirche im Rheinland, von 2005-2017 am Niederrhein, seit 2017 im Bergischen Land.

Dorfstr. 19 – 42489 Wülfrath (Düssel)
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