Hesekiel 2,1-10; 3,1-3

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Gottes Bauchgefühl im Widerruf | Sexagesimä | Hesekiel 2,1-10; 3,1-3 | 08.02.2026 | Markus Kreis |

Gott macht mehr aus dem Bauch heraus, als auf den ersten Blick zu sehen ist. Da ist der Bauch des Walfisches, aus dem er Jona befreit. Da ist der Schiffsbauch der Arche, mit dessen Hilfe er Noah samt Familie aus der Sintflut rettet. Da ist der Bauch der Maria, der Jesus zur Welt bringt. Da ist der Bauch des Felsengrabs, dem Jesus lebendig entspringt. Gott also wie ein Bauchmensch? Gott als ein Kopfmensch, damit dürften viele weniger Probleme haben. Denn das steht für etwas, was heute quasi ohne Ausnahme als gut erachtet wird, für Logik, Analyse und Fakten. Gott mag gerne wie ein Kopfmensch sein, wie ein Bauchmensch ist er also auch. Selbst wenn viele das als etwas Schlechtes auffassen, als einen Vorwurf hören. Zügellos, unbeherrscht, ohne Disziplin, vor lauter Gier blind und blöd für die wahre Wirklichkeit – ja, oft sogar wider besseres eigenes Wissen und den eigenen Verstand. Alles andere als schmeichelhaft. Und doch stimmt es: Gott wirkt aus dem Bauch heraus.

Schauen wir mal auf das Kind in der Krippe. Den kleinen Jesus finden doch die meisten da zum Fressen süß. Zugegeben, bei dem Mann Jesus mit seinem Haupt voll Blut und Wunden – da sieht es schon ganz anders aus. Statt zum Fressen süß – unappetitlich, eklig, ja richtig abstoßend. Und angesichts seiner entfleucht aus der Tiefe der Seele sogleich das Dementi: Das kann doch nichts mit Gott und seiner Liebe zu tun haben! Was soll das? Welcher freie Mensch mit Vernunft und Verstand glaub schon so was, Pffft! Und sie drehen ab und gehen erhobenen Hauptes weiter ihrer Wege. Bestürzung Fehlanzeige!

Ja, die Leute könnten oder müssten sich erschüttert zeigen: Ob dessen, was da aus dem süßen Kleinen im Stall geworden ist. Der in der Krippe und der am Kreuz, das ist immerhin ein- und derselbe Jesus. Anlass zu Mitgefühl in Traurigkeit gäbe so ein Lebensgang mindestens. Mit dem persönlich davon betroffen sein, ist das natürlich so eine Sache. Fällt schwer, wenn man Gott außen vorlässt, und Weihnachten letztlich nur als nette oder irgendwie nützliche Spielerei sieht. Aber wenn Mensch im Ernst meint, dass Gott da am Anfang von Jesu Lebens dabei ist, und am Ende auch – ja dann könnte Mensch in und trotz aller Trauer statt einem Pfft auch sagen: Statt der Natur zum Fressen vorgeworfen zu sein, wurde Jesus dem Bauch des Todes entnommen. Doch das ist vielen zu viel. Da verlieren sie schnell den Boden unter den Füßen samt innerem Gleichgewicht und ihrem Bauchgefühl. Der Worte beraubt, die Sprache verschlagen.

So ähnlich ist es dem Hesekiel mit Gott und dessen dunkler Seite ergangen. Welches Gesicht hat den Hesekiel von den Füßen geholt? Es war wohl schrecklich und schön zugleich. Ganz wie bei der Krippe im Stall und am Kreuz auf Golgatha. Weihnachten das Lichterfest. Vor lauter Stern und Glanz übersehen wir bei der Krippe, wie fleckig und schmierig, stinkig und stumpf es da zuging. Und vor lauter Not und Elend übersehen wir beim Kreuz und Grab, dass hier der lebendige Gott gütig am Werke ist. Und dass sein kommendes Licht Tod und Dunkel zum ewigen Leben ausleuchtet. Schaurig und entsetzlich, anziehend und herrlich. In Hesekiels Ohren dröhnen jedenfalls Totenstille und zugleich unbändige Laute, teils ohne Vokale oder Konsonanten. Im Finstern des Weltalls und doch strahlend hell, ein Kraftfeld, aus dem Lichtstrahlen gleißend brechen und sich fortsetzen. Drum herum und mittendrin vier fliegende Mischwesen, die da auf und ab und hin und her schweben, jedes zugleich aus einem Menschen, Adler, Löwe und Stier verfertigt. Und wie ein Mutterschiff führen diese Mischwesen eine Art Drohnen mit sich, die ihren Befehlen gehorchen zu schienen und um sie herum auf und ab und hin und her wogten. Und dann… Hesekiel berichtet im 2. Kapitel:

1Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, stelle dich auf deine Füße, so will ich mit dir reden. 2Und als er so mit mir redete, kam der Geist in mich und stellte mich auf meine Füße, und ich hörte dem zu, der mit mir redete. 3Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, ich sende dich zu den abtrünnigen Israeliten und zu den Völkern, die von mir abtrünnig geworden sind. Sie und ihre Väter haben sich bis auf diesen heutigen Tag gegen mich aufgelehnt. 4Und die Kinder, zu denen ich dich sende, haben harte Köpfe und verstockte Herzen. Zu denen sollst du sagen: »So spricht Gott der Herr!« 5Sie gehorchen oder lassen es – denn sie sind ein Haus des Widerspruchs –, dennoch sollen sie wissen, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist. 6Und du, Menschenkind, sollst dich vor ihnen nicht fürchten noch vor ihren Worten fürchten. Es sind wohl widerspenstige und stachlige Dornen um dich, und du wohnst unter Skorpionen; aber du sollst dich nicht fürchten vor ihren Worten und dich vor ihrem Angesicht nicht entsetzen – denn sie sind ein Haus des Widerspruchs –, 7sondern du sollst ihnen meine Worte sagen, sie gehorchen oder lassen es; denn sie sind ein Haus des Widerspruchs. 8Aber du, Menschenkind, höre, was ich dir sage, und widersprich nicht wie das Haus des Widerspruchs. Tu deinen Mund auf und iss, was ich dir geben werde. 9Und ich sah, und siehe, da war eine Hand gegen mich ausgestreckt, die hielt eine Schriftrolle. 10Die breitete sie aus vor mir, und sie war außen und innen beschrieben, und darin stand geschrieben Klage, Ach und Weh.

3 1Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, iss, was du vor dir hast! Iss diese Schriftrolle und geh hin und rede zum Hause Israel! 2Da tat ich meinen Mund auf und er gab mir die Rolle zu essen 3und sprach zu mir: Du Menschenkind, gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe. Da aß ich sie, und sie war in meinem Munde so süß wie Honig.

Auch hier wirkte Gott aus dem Bauch heraus. Denn der Prophet fand Gottes Esspapier zum Fressen süß. Obwohl auf der Schriftrolle eine bittere Wahrheit festgehalten war. Und die zeugte von Schmerz, Leid und Elend. Aufgemerkt! Geschieht hier etwas nach dem Motto Rache ist süß? Ist Hesekiel ein Sadist? Oder missgünstig und freut sich am Schaden anderer? Nein. Es geht bei der schrecklich süß bitteren Schriftrolle um die Doppelheit von Glanz und Elend, von Beseeltheit und sanft stillem Rausch, gepaart mit bösem Erwachen und nüchterner Analyse. Eine Doppelung, die uns bei dieser Predigt schon eine Weile begleitet. Gott sieht sich gezwungen den Mann wortreich und regelrecht zu überzeugen, auf dass er seinem Auftrag nachkomme. Was auch dagegen spricht, dass Hesekiels Charakter von Grund auf missgünstig ist und sich am Schaden anderer erfreut. Die Szene legt eher nahe, als würde sich der Mann am liebsten verkrümeln und hoffen, dass die ganze Sache vorüber ist, wenn er sich wieder traut, aus seiner Bodenritze zu linsen. Denn auch in Hesekiel wartet tief drin eine Stimme, die angesichts des Schrecklichen gerne ein Dementi geben würde. Aus der Tiefe der Seele sagen würde: Das kann doch nichts mit Gott und seinem Werk der Liebe zu tun haben! Was soll das? Welcher freie Mensch mit Vernunft und Verstand glaub schon so was, Pffft!

Aber diese Stimme bleibt wie verschluckt. Als ob eine Schalldämmung tief im Propheten dagegen arbeiten würde. Das ist sehr erstaunlich. Kein Dementi – das kann doch nichts mit Gott zu tun haben! Und dies, obwohl Hesekiel seine Leute und Adressaten kennt. Sie sind wie Dorngebüsch und Skorpione. Und er ahnt, was passiert, wenn er ihnen all das ausrichtet, was von Gott kommt, den Schmerz, das Leid und Elend. Dann wird der bloße mündliche Widerspruch noch das kleinste Problem für sein Leben werden. Dann geht es um Verhaken und Verbeißen, Hauen und Stechen, um Gift verspritzen, um Angriffe, die hinterrücks geführt werden. Wie kann der es nur wagen…?! Welcher Politiker oder Chef traut sich heute so was schon? Welcher Politiker oder Chef schafft so etwas? Und zwar ohne seine Klientel und Spezln mild außen vor zu lassen und zu schonen? Und stattdessen jedermann und jedefrau auf ihre Rolle in dem Verhängnis anzusprechen? Kein Wunder also, wenn Hesekiel da ein ganz und gar anderes Bauchgefühl bekommen hätte und ihm sehr mulmig geworden wäre. Aber genau das bleibt aus statt zu geschehen. Ein Wunder.

Kein Wunder. Denn Gott weiß um das mulmige Bauchgefühl, er kennt den Drang des Dementis. Deshalb nimmt er die Denkhemmung vorweg und räumt sie aus. Er lässt sozusagen das Dementi verhungern und füttert die Stimme, aus der die Wahrheit bricht. So dass die Wahrheit, nunmehr mit einem Mal erkannt, sich unstillbar meldet und alle anderen Stimmen nebenbei ein für alle Mal verdrängt. Vielleicht geht es da ähnlich zu wie bei einem Feinschmecker. Der hat schon so manches gegessen und getrunken, mal Besseres, mal Schlechteres, mal weniger teures und mal weniger billiges geschmeckt und genossen. Und dann entdeckt er da einen Riesling von der Mosel im Glas. Zuerst steigt ihm so etwas wie Funkenschlag in die Nase, es riecht so, als ob man einen Feuerstein gegen einen sehr harten anderen Stein schlüge. Mit einem weiteren Schluck kommt dazu eine Frucht, wie fast überreife Melone oder Weinbergpfirsich, fleischig und saftig und süß. Zum dritten dann ein Hauch wie von rohem Wildbret. Das Ganze betört in wundersamer Mischung cremig die Zunge samt Gaumen, schliert fett die Glaswand hinab. Liegt aber trotzdem leicht in der Mundhöhle, denn die Flüssigkeit perlt leise und erfrischend. Der Wein wird zum gültigen Maßstab für jeden Geschmack von Riesling. Unumkehrbar. Und so ähnlich schafft Gott wohl im Menschen den gültigen Maßstab fürs Bauchgefühl. Alles erfassend. Unwiderruflich. Auf dass jedes Dementi wider Gott und sein gütiges Werk in uns erlösche und schweige. Und nur Gott sich in uns und aus uns melde und hervorkomme, wie schön oder schrecklich die Welt auch anzusehen ist. Amen.


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