Hiob 42,1-6

· by predigten · in 1. So. n. Christfest, 18) Hiob / Job, Aktuelle (de), Altes Testament, Archiv, Beitragende, Bibel, Deutsch, Johann-Stephan Lorenz, Kapitel 42 / Chapter 42, Kasus, Predigten / Sermons

1. Sonntag nach Weihnacht | Hiob 42,1-6 | 28.12.25 | J.-Stephan Lorenz |

Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Das Weihnachtsfest liegt hinter uns. Wobei ich hoffe, dass Ihr Fest nicht so chaotisch ablief, wie das von Lukas erzählte. Josef ist unfähig eine Reise zu organisieren und ein Hotel zu buchen, dann bringt seine ‚Verlobte‘ ein Kind zur Welt, das nicht von ihm ist, unter Umständen, wo auch damals jede Hebamme und jeder Kinderarzt entsetzt gewesen wäre; dazu kommen irgendwelche Typen mit ihren blökenden, stinkenden Viechern und erzählen was von Engeln und Visionen, zum Abschluss drei Weise oder Magier (also Spinner) die genau das mitbringen, was ein kleines Neugeborenes jetzt braucht: Drogen und Räucherzeug. Am Ende fahndet die Geheimpolizei des Herodes nach den dreien, um sie nach Gestapoart umzubringen. Sie müssen nach Ägypten flüchten. Die ganze Geschichte steht unter keinem guten Stern.

Für viele ist die Zeit nach dem Fest auch Anlass, zurückzublicken auf das vergangene Jahr. Man zieht Bilanz: was war gut, was weniger, und blickt voraus auf das kommende. Wer klug ist, macht seine Pläne unter der ‚conditio Jacubaea‘: So Gott will und wir leben, wollen wir dies und das tun (Jakobus 4,15). Ein guter Vorsatz, trifft er sich doch Luthers Idee, unser ganzes Leben möge einer beständigen Prüfung unterliegen, wie er in der ersten seiner 95 Thesen schreibt: Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: »Tut Buße« (Matth.4,17), hat er gemeint, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sei. Busse eben recht verstanden als fortdauernde Qualitätsprüfung der eigenen Lebensführung. Bei solcher Prüfung muss jedoch der eine oder die andere feststellen, dass man das, was einem geschieht gar nicht in der Hand hat. Und macht die Erfahrung: das was passiert, ist nicht erklärbar. Ergibt keinen Sinn.

Solch eine Erfahrung macht auch Hiob. Er verliert alles, Kinder, Besitz und Gesundheit. Am Ende hockt er als stinkender Kadaver in Staub und Asche. Das ganze Buch ist der Versuch ‚Erklärungen‘ zu finden. Seine Freunde meinen, da muss doch was sein, irgendein, vielleicht auch unbewusstes Fehlverhalten. Tun-Ergehen-Zusammenhang nennen das die Theologen. Wobei die Idee nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Wer viel trinkt, raucht, sich ungesund ernährt und keinen Sport treibt, sollte nach Meinung der Ärzte nicht hoffen, gesund zu bleiben und sehr alt zu werden. So wie wir tun, ergeht es uns. Ganz zu schweigen vom Klimawandel, den wir Menschen tatkräftig vorantreiben. Wobei es zur Zeit noch die schwächeren Nachbarn in Afrika und Asien schlimmer trifft. Ein anderer Freund gibt den Pädagogen. Hiob solle aus seiner bedrückenden Situation die richtigen Lehren ziehen. In Krankheit und Leid trete Gott mit Hiob in Verbindung, um ihn zu einer Verhaltensänderung zu bringen, die noch Schlimmeres verhindere. Auch diese ‚Erklärung‘ wird heute noch vielfach in Anspruch genommen. Und zeigt ja bisweilen auch seine Wirkung. Hiob ist mit diesen ‚Erklärungen‘ nicht zufrieden: das, was ihm passiert, findet er nicht erklärbar. Ergibt keinen Sinn. Den klagt er Gott gegenüber ein. Die Antwort Gottes fällt freilich anders aus als von Hiob erwartet. Gott erklärt sich nicht. Er stellt Hiob eine Reihe von eher rhetorischen Fragen, die Hiob alle mit ‚Nein‘ beantworten muss. Gott wolle Hiob durch die Großartigkeit seiner Schöpfung zeigen: meine Fürsorge für meine Geschöpfe übersteigt alle menschliche Vorstellungskraft, so die Deutung vieler Ausleger. Darauf antwortet Hiob mit unserem heutigen Predigttext.

Jetzt weiß ich, dass alles in deiner Macht steht und dir nichts zu schwer ist, was du vorhast. Du hast gefragt: „Wer ist es, der meinen Plan verdunkelt ohne Verstand?“ (38,2) Ich war’s! Ich habe ohne Einsicht geredet, von wunderbaren Dingen, die ich nicht kannte. Du hast mich aufgefordert: „Hör zu und lass mich reden! Ich will dich fragen, dann sollst du mich belehren!“ (40,7) Bis dahin kannte ich dich nur vom Hörensagen. Doch jetzt hat mein Auge dich wirklich gesehen. Darum bereue ich meine Worte und lasse mich trösten, so wie ich bin – Staub und Asche.

Das ist seine ‚Bilanz‘ am Ende seiner Leidenszeit. Sein Trost in Staub und Asche. Dieser ‚Trost‘ schiebt vor allen Dingen eines nicht weg, was die ‚Erklärungen‘ der Freunde vermeiden, ja verdrängen: Die Erfahrung unserer Ohnmacht gegenüber so manchem, was uns im Leben passiert. Sie bedeutet den Verlust der Kontrolle über unser Leben, unseren Körper, unseren Geist. Das löst nach heutiger Ausfassung verschiedene Reaktionen aus: Angst, Aggression, Trauer und Depressivität. Ohnmacht beeinträchtigt gravierend unsere seelische und körperliche Gesundheit. Sich der eigenen Ohnmacht bewusstwerden, ist sicherlich ein erster Schritt, aber tröstet er auch?

Es könnte doch sein, dass die chaotische Geburtsgeschichte des Lukas auch eine Antwort auf unsere Ohnmacht ist. Ich finde klassisch formuliert im sogenannten Philipperhymnus, den Paulus überliefert.

„Denn obwohl er in der Gestalt Gottes war, hielt er seine Gleichheit mit Gott nicht für etwas, dass er durch Gewalt in seinen Besitz bringen musste. Im Gegenteil, er entäußerte sich selbst insofern, als er die Gestalt eines Sklaven annahm, indem er wurde, wie wir Menschen sind. Und als er als ein Mensch erschien, erniedrigte er sich noch mehr, indem er selbst dem Tod gehorsam war – den Tod am Pfahl, wie ein Verbrecher.“ (Phil 2,6-8, Übersetzung David H. Stern, Das jüdische Neue Testament)

Das könnte doch eine tröstliche Antwort sein in Situationen, wenn wir merken: das, was uns passiert, ist nicht erklärbar. Ergibt keinen Sinn. Der sich selbst in Ohnmacht begebende, heruntergekommene Gott steht auf unserer Seite. Und dann könnten wir womöglich die Erfahrung machen, die Nikolaus Herrman in seinem Weihnachtslied besungen hat.

Er kommt aus seines Vaters Schoss, Und wird ein Kindlein klein,
Er liegt dort elend, nackt und bloß | : In einem Krippelein. : |

Er äußert sich all seiner Gewalt, wird niedrig und gering
und nimmt an sich eins Knechts Gestalt, | : Der Schöpfer aller ding. : |

Er wechselt mit uns wunderlich, Fleisch und Blut nimmt er an
und gibt uns in seins Vaters Reich | : die klare Gottheit dran. : |

Er wird ein Knecht und ich ein Herr, das mag ein Wechsel sein,
Wie könnt es doch sein freundlicher, | : Das herze Jesulein. : |

Die Erzählung von Gottes Ohnmacht, seinem Bei-uns-Bleiben, wenn unser Leben jede Erklärung, jeden Sinn verliert, will uns stärken und trösten in unseren Ohnmachtserfahrungen. Wir sind nicht allein. Wir mögen uns ohnmächtig fühlen, haben aber Möglichkeiten damit umzugehen: Er wird ein Knecht und ich ein Herr, das mag ein Wechsel sein. Wir werden wieder Herr im eigenen Haus. Daraus ergeben sich neue ‚Spiel‘-Räume. Und hoffentlich die Erfahrung Hiobs: Bis dahin kannte ich dich nur vom Hörensagen. Doch jetzt hat mein Auge dich wirklich gesehen.

Was würde das für unsere Jahresbilanzen und Wünsche für das neue Jahr bedeuten? Das möge nun jede und jeder für sich selber herausfinden.

Gottes Heiliger Geist befestige diese Worte in euren Herzen, damit ihr das nicht nur gehört, sondern auch im Alltag erfahrt, auf dass euer Glaube zunehme und ihr endlich selig werdet, durch Jesum Christum unseren Herrn. Amen

 Confiteor:
„Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit.“ so erzählt es das Johannesevangelium (1,14) Für uns moderne Menschen schwer nachvollziehbar: Gott wird Mensch. Was soll das heißen? Für uns, für unsere Welt, für unser Handeln? Was würde sich verändern, wenn wir es begreifen würden? Wir kommen hier zusammen, um Gottes Wort zu hören, uns in unserem Gottvertrauen zu stärken, um die Herrlichkeit Gottes zu schauen. Wir bitten am Anfang: Gott erbarm dich, unsere Sicht auf uns und die Welt ist voller Einschränkungen. Mach uns sehend für deine Herrlichkeit. Gib, dass wir mit unbeschwerten Herzen und fröhlichen Lippen diesen Gottesdienst feiern, durch Christus unseren Bruder. Amen. Und wir erhalten zur Antwort, die sich durch diesen ganzen Gottesdienst bestätigen möge: Gott erbarmt sich. Unsere Wahrnehmungseinschränkungen sind uns vergeben. Gott steht auf unserer Seite. Alle, die darauf vertrauen, sind Gottes Kinder und sein Heiliger Geist wird bei ihnen sein. Wer glaubt, wird selig. Das verleihe Gott und allen. Amen

Kollektengebet
Gott tröste uns, schau auf unsere Sorgen und Befürchtungen, sei uns gnädig und erhöre unser Gebet. Mach uns sehend, damit wir dich erkennen, wo du uns begegnest, auf dass wir dich preisen können wie der alte Simeon, der in dem Jesuskind den kommenden Messias, den Heiland der Menschen sehen kann. Wir bitten das im Namen Jesu Christi, der mit Dir in der Einheit des Heiligen Geistes uns Kraft gibt heute und alle Tage, die wir erleben dürfen. Amen

Fürbitte
P: Gott, Quelle unserer Liebe, Ursprung unseres Lebens, Ziel unserer Tage. Das vergangene Jahr mit dem, was gelungen ist und dem, was misslungen ist geben wir in deine Hände. Das neue Jahr nehmen wir aus deinen Händen. Gib uns deinem Geist, damit deine Liebe durch uns für alle sichtbar wird.

A: Gott, Quelle unserer Liebe, mach uns stark auch im nächsten Jahr Werke der Barmherzigkeit zu tun, Kranke und Gefangene zu besuchen, Hungernden Nahrung zu geben, Müden und Trauernden beizustehen, Geflüchtete aufzunehmen. Wir rufen: Kyrie elesion

B: Gott, Ursprung unseres Lebens, gibt uns Kraft, Opfern von Krieg und Gewalt beizustehen in der Ukraine, in Israel, Gaza und überall, wo Menschen sich bekriegen. Wir werden das Schicksal von Verschleppten und Gefolterten nicht ignorieren. Wir werden Widerstand leisten gegen ungerechte Machthaber und Kriegstreiber. Wir rufen: Kyrie elesion

C: Gott, Ziel unserer Tage, lass uns deine Wahrheit finden. Du gibst uns Zeit, dein Wort zu verstehen, es zu begreifen und zu leben. Dann können wir uns einsetzen für deine Schöpfung, aussterbende Arten und bedrohte Landschaften, die Zukunft unserer Kinder und Enkel. Wir rufen: Kyrie elesion

P: Gott, Zukunft unseres Lebens, deine Liebe gibt ewiges Leben schon jetzt. Sie möge durch uns Erfüllung finden, Das bitten wir durch Jesus Christus, deinen Sohn und unseren Bruder. Amen. Laudate omnes gentes

Lieder:
Lied EG 25 Vom Himmel kam der Engel Schar
Lied EG 39 Kommt und lasst uns Christum ehren
Lied EG 35 Nun singet und seid froh
Lied EG 27 Lobt Gott ihr Christen
Lied 34 Freut euch ihr Christen alle
Lied EG 36 Fröhlich soll mein Herze springen


Pastor J.-Stephan Lorenz
Stephan.lorenz@evlka.de