Jeremia 14, 1–9

· by predigten · in 2. So. n. Epiphanias, 24) Jeremia / Jeremiah, Aktuelle (de), Altes Testament, Archiv, Beitragende, Bibel, Deutsch, Fritz Neubacher, Kapitel 14 / Chapter 14, Kasus, Predigten / Sermons

Durststrecken bewältigen! | 2. So. nach Epiphanias | 18.1.2026 | Jer 14, 1–9 | Fritz Neubacher |

Manuel Feller erlebt zurzeit eine Durststrecke. Manuel Feller ist Österreichs bester aktiver Slalom-Läufer … aber es läuft nicht. 52 Punkte aus fünf Saisonrennen ist zu wenig für den Slalom-Weltcupsieger von 2024. In den Interviews wirkt er wie um eine Antwort verlegen, befangen, man spürt, dass es ihm peinlich ist. Er empfindet seine Situation als Kränkung, als persönliche Schmach. Er kann einem – zumal als österreichischer Patriot – leidtun.

Für uns ist das nur, wenn man Schisportfan ist, bemerkenswert, für Manuel Feller ist das alles beschämend, eine tiefgreifende, existentielle Krise.

Der Begriff „Durststrecke“ stammt übrigens aus der Kolonialzeit. Als Deutschland noch Herrscher über Namibia war, und es noch keine Eisenbahn und keine Lastkraftwagen gab, da mussten Ochsengespanne die Güter übers Land und in die Frachthäfen bringen. Und da gab es Etappen, die relativ einfach zu bewältigen waren, und welche, die schwierig und kostspielig waren. Den Unterschied machten die Tränke-Stellen für die Tiere aus. Lange Strecken ohne Wasser nannte man „Durststrecken“. Sie brachten so manchen Transport-Unternehmer an den Rand des Ruins, und in tiefgreifende Krisen.

In unserem Predigttext aus Jeremia 14 wird uns eine zeitlich anhaltende, für das Volk der Israeliten tiefgreifende, existentielle Durststrecke beschrieben: eine Dürre.

Die Schilderungen sind herzzerreißend, berührend: die reichen Städter schicken ihre Bediensteten zu den Zisternen – aber die kehren mit leeren Gefäßen in die Stadt zurück; die Bauern auf dem Land erwirtschaften keine Ernte. Beide Bevölkerungsgruppen verhüllen ihre Gesichter. Sie erleben eine existentielle Bedrohung, erleben Schmach und Scham. Und die Tierwelt leidet mit: die eigentlich so robuste und stolze Hirschkuh muss ihr Junges preisgeben, der an sich so widerstandsfähige und genügsame Esel muss verenden. Seine brechenden Augen und sein Ringen nach Luft zeichnen die ausweglose Situation.

Kennt ihr solche tiefgreifenden, existentiellen Durststrecken in eurem Leben? Steckst du vielleicht mitten drin? Wichtige Ziele nicht erreicht zu haben, kann das auslösen, oder unerfüllte Wünsche. Das tiefste Beschämt-Sein, sagen die Therapeuten, entspringt der Zuneigung zu einer Person, die diese Liebe nicht erwidert.

Ich kenne das gut – also das mit den nicht erreichten Zielen. Ich kann euch ein Ereignis erzählen, das lange genug zurückliegt. Die Wunden sind verheilt, und es tut nicht mehr weh, darüber zu sprechen: Ich war frisch gebackener Theologie-Student, und ging zu einer meiner ersten Prüfungen: Einleitung in das Alte Testament. Der Prüfer meinte es gut mit mir. Ich möge ihm etwas über meinen Namenskollegen aus dem AT erzählen. Ich hatte damals keine Ahnung, dass im Namen „Salomo“ das Wort „Frieden“ steckt, genau wie in meinem Namen „Friedrich“. Nebenbei hieß auch der Prüfer mit Vornamen Friedrich, weswegen die Frage doppelt naheliegend war. Ich wusste nichts über diese Zusammenhänge, auch wenig über Salomo, und ging als Gedemütigter nach Hause. Es löste eine ernste Krise in mir aus: Ich war als stolzer, sich seiner Bibelkenntnisse rühmender Frommer hineingegangen, und als Beschämter hinaus. Für andere wäre das vielleicht „nur“ eine nicht bestandene Prüfung gewesen – für mich war es der Beginn einer langen Durststrecke.

Wie kommen wir da jemals wieder raus? Was kann man tun?

Gott! – Natürlich.

Ja, aber Gott benimmt sich, als ob ihn all das nichts anginge!

Der Bibeltext ist deutlich: Gott gibt sich, als wäre er ein Fremder im Land. Wir kennen das aus unseren Urlaubs- und Fernreisen: Wir lernen die sozialen und gesellschaftlichen Nöte des besuchten Landes – mehr oder weniger – kennen, aber: es geht uns nichts an. Nach ein paar schönen Tagen fliegen wir wieder heim. Dort haben wir genug Probleme auf dem Tisch. Oder – 2. Bild – Gott benimmt sich wie ein Wanderer, der nur auf der Durchreise ist. Auch das ist mir vertraut: Ich übernachte immer wieder mal auf Berghütten. Dabei bemerke ich natürlich auch die Schwachpunkte des Betriebes in Küche, Abläufen und vielem mehr – aber es geht mich nichts an. Ich bin nur Gast für eine Nacht. Ich kümmere mich nicht. – Und der Text wird noch deutlicher: Warum stellst du dich, Gott, wie ein Idiot, der weder die Situation durchschaut, noch eine Lösung anzubieten hat? Wir kennen solche Witzfiguren aus Hollywood-Filmen. Oder – letzter Vergleich: Du bist wie ein Held, dem viele großartige Rettungstaten nachgesagt werden, aber jetzt, wo es für uns drauf ankommt, kommt nichts von dir!

Kennt ihr das? Wir zweifeln nicht an der Existenz Gottes, aber wir zweifeln daran, dass er helfen will, oder dass er helfen kann. Er ist wie ein Fremder, dem ich nichts bedeute, oder – noch schlimmer – wie ein großer Retter, der jetzt im für mich entscheidenden Moment nichts zu bieten hat.

Martin Luther gilt ja als Glaubensheld. Sein „hier stehe ich – ich kann nicht anders!“ ist buchstäblich geworden für Mut und Gottvertrauen. Interessant, dass es auch bei ihm die andere Seite der Medaille gibt: Seinem Freund und Kollegen Philipp Melanchthon schrieb er einmal: „Ich habe Christus ganz verloren und wurde von den Fluten und Stürmen der Verzweiflung und der Gotteslästerung geschüttelt. Aber von den Gebeten der Freunde bewegt, hat Gott begonnen, sich meiner zu erbarmen.“

So. Damit sind wir den Lösungen und Antworten dieses Bibelabschnittes schon sehr nahegekommen, denn: Obwohl sich Gott benimmt, als ob ihn all das nichts anginge, obwohl er wirkt wie ein Retter, der nicht retten kann, wenden sich die Freunde Martin Luthers und die alttestamentlichen Menschen an ihn! Und sie bringen einiges vor, das ich im zweiten Teil der Predigt vor eure Augen malen will. Ich stelle es unter die Überschrift: „Aufbäumen“. Bäume werden – zum Beispiel unter der Last des Schnees – bedrückt, und stehen gekrümmt und gebeugt in der Landschaft. Aber sie richten sich wieder auf, strecken sich wieder der Sonne entgegen, stehen stolz und ansehnlich vor uns. Das meint „aufbäumen“: Sich gegen das Bedrückende zu wehren, und sich wiederaufzurichten.

Wie das in einem biblischen Verständnis gehen kann, sagt uns dieser Jeremia-Text. Mir sind 5 Nährstoffe des Aufbäumens aufgefallen:

Das Erste ist: Der Autor erinnert Gott an seinen Namen. Tu bitte etwas – um deines Namens willen! Das bedeutet so viel wie: Du hast einen guten Ruf, Gott. Dein Name steht für etwas, nämlich für Hilfe in der Not, und für Trost. Dein Name, wir würden vielleicht sagen: dein Image ist gebildet und geprägt durch deine Hilfe bei der Flucht aus Ägypten, oder deine Leitung und Lenkung beim Erobern des Landes, in dem wir jetzt leben. Das ist dein Name, Gott, das, was man dir nachsagt.

Das dürfen wir auch: Wir dürfen Gott an seinen Namen erinnern, an sein Image als Quelle lebendigen Wassers auf den Durststrecken des Lebens.

Das Zweite ist das Eingeständnis der Schuld: „Ja, wir haben gesündigt!“, sagt er. Das klingt in meinen Ohren nicht wie ein aktuelles, konkretes Vergehen, es klingt eher wie ein: Ja, ich weiß. Immer und immer wieder fehlen wir, sündigen wir, leben wir nicht so, wie es in deinen Augen richtig ist. Es ist falsch, es ist verwerflich, und es wäre verständlich, wenn du aus diesem Grund deine Unterstützung verweigerst – aber wir bitten dich: Tu es nicht. Vergib uns, und hole uns raus aus der Talsohle unseres Lebens. Erquicke uns neu!

Ich lade euch ein, so ein Eingeständnis in der Stille eures Herzens zu formulieren, und Gott um Vergebung zu bitten, in meinem Fall: Ja, Herr, ich hatte zu wenig gelernt, damals. Das war ein Fehler. So werden wir frei, und können uns wiederaufrichten.

Der dritte Nährstoff: Du bist doch mitten unter uns! Ja, vielleicht fühlt es sich an, wie wenn Gott nur wie ein Urlauber bei uns zu Gast ist: Es kümmert ihn nicht, was wir, das Hotelpersonal für Sorgen haben. Aber andererseits: Er ist da, und wenn er da ist, dann kann ich ihn was fragen, kann etwas erbitten. Es ist die Chance!

Ich lade euch ein: Ergreifen wir die Chance! Gott ist da. Das bietet die Möglichkeit, ihn um Hilfe anzurufen.

Das Vierte, das mir aufgefallen ist: Wir heißen nach deinem Namen! Für die alttestamentlichen Menschen war der Name Gottes „Jahwe“ – so hatte er sich Moses aus dem Dornbusch vorgestellt. Und „Jahwe“ heißt übersetzt: „Ich bin da“. Das ist jetzt noch nichts Neues, und gehört eigentlich zum Dritten Aspekt.

Aber: Wir neutestamentlichen Menschen heißen Christen und Christinnen – nach Christus, dem Sohn Gottes! Und das bedeutet, wir dürfen alles, wofür dieser Name „Christus“ steht, für uns in Anspruch nehmen: Heil und Rettung und Erlösung und Kraft für die Durststrecken des Lebens.

Schließlich das Fünfte: Verlass uns bitte nicht! Bleib bei uns, dann wird es gut werden! Wenn das Beschämendste, was wir erleben können, die nicht erwiderte Liebe ist, das Verlassen-werden; dann ist umgekehrt das, was uns am meisten aufrichtet, dass wir nicht verlassen werden, sondern umarmt und geliebt.

Lasst uns voll Vertrauen Gott um das bitten: Was immer passiert – bitte verlass uns nicht.

Fünf Nährstoffe des Aufbäumens gegen das Verkümmern auf der Durststrecke: Gott an sein Image erinnern; Schuld eingestehen; wissen: Gott ist da; wir nennen uns nach ihm, dem Retter; und: wir bitten ihn, bei uns zu bleiben.

So werden aus den Ochsen, die am Verdursten sind, Zugtiere, die noch manchen Karren aus dem Sumpf ziehen werden.

Amen.


Rektor i.R. Fritz Neubacher
St. Georgen im Attergau, Ö
Email: Fritz.neubacher@aon.at

Fritz Neubacher, Jahrgang 1958, Pfarrer der Evang. Kirche A. B. i. Ö.; bis 8/23 Rektor des Werks für Evangelisation und Gemeindeaufbau, seither im Ruhestand.