Jeremia 1,4–10
Störenfried im Lügenland | 9. So. n. Trinitatis | 02.08.2026 | Jeremia 1,4–10 | Christoph Kock |
Störenfried im Lügenland
I Lügenland
Die Fußball-WM in den USA ist seit 14 Tagen Geschichte.
Schon wieder ist die deutsche Nationalmannschaft ausgeschieden, bevor es spannend wurde. Der Trainer längst Geschichte, sein Nachfolger vorgestellt. Und sonst? Was für ein Irrsinn war mit der WM verbunden. Im Vorfeld: Ein Friedenspreis, den Gianni Infantino, Präsident des Weltfußballverbandes FIFA, eigens für einen anderen Präsidenten inszeniert hat. Ausgestattet mit einem Kriegsminister[1] hat dieser Preisträger inzwischen einen Krieg begonnen und weltweit wirtschaftliches Chaos angerichtet. Frieden? Willkommen in Infantinos Lügenland.
Während der WM ging es munter weiter: Präsident Trump ruft seinen ‚Freund‘ Infantino an, um vor einem Ko-Spiel die Rotsperre für einen starken US-Spieler aufheben zu lassen. Als Trump es öffentlich macht, leugnet der FIFA-Präsident die Einflussnahme. Die Entscheidung sei von der FIFA-Disziplinarkammer unabhängig getroffen worden. Wer’s glaubt … Infantino verkauft seine Lüge als Realität. Es ist egal, ob ihm das irgendjemand abnimmt. Er kommt damit durch. Seine Wiederwahl im nächsten Jahr gilt als sicher.[2]
Die Folgen dieser Lüge sind ärgerlich, aber harmlos. Die Lügen des anderen Präsidenten haben schwerwiegendere Folgen. Präsident Trump postet, die Verhandlungen mit Iran stehen kurz vor dem Abschluss, der Deal sei so gut wie abgeschlossen. Als sei das Realität. Doch gefühlt gleichzeitig erscheinen seine Hassposts gegen die iranische Regierung, die deren Macht stabilisieren. Was denn nun? Die Straße von Hormus ist noch nicht frei. Nacht für Nacht lässt Trump Ziele in Iran bombardieren. Der Krieg geht weiter. Manchmal fehlen einem die Worte. Und selbst wenn Lügen wie diese benannt werden, ändert es nichts. Was folgt: Wahrheit erscheint wirkungslos. Eine Frust-Erfahrung: Worte verlieren ihre Kraft.
II Von Gott berufen, Widerspruch zwecklos
Trotzdem setzt Gott auf Worte. Davon erzählt die Bibel. Gott setzt auf Worte, als Gottes Volk Israel einem Krieg entgegen gegangen ist, des es niemals gewinnen konnte. Gott setzt auf Worte. Damit beginnt das Buch des Propheten Jeremia. An dessen Anfang berichtet der Prophet, wie er zu Gottes Sprachrohr geworden ist. [Wie in jüdischer Tradition üblich, spricht Jeremia Gottes Name nicht aus, sondern umschreibt ihn. In unserer Bibel steht dafür HERR, in großen Buchstaben.]
4 Da kam das Wort des HERRN zu mir:
5 »Bevor ich dich im Mutterleib geformt habe,
kannte ich dich.
Bevor du von deiner Mutter geboren wurdest,
warst du schon heilig für mich.
Zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt.«
6 Ich antwortete: »Ach, mein Gott und HERR,
ich kann nicht gut reden!
Denn ich bin noch zu jung.«
7 Doch der HERR erwiderte:
»Sag nicht, dass du zu jung bist,
sondern geh, wohin ich dich sende!
Und verkünde alles, was ich dir auftrage!
8 Fürchte dich nicht vor ihnen,
denn ich bin mit dir und werde dich retten!«
– So lautet der Ausspruch des HERRN.
9 Dann streckte der HERR seine Hand aus
und berührte meinen Mund.
Der HERR sagte zu mir:
»Ich lege meine Worte in deinen Mund.
10 Sieh her: Ich gebe dir heute einen Auftrag.
Über Völker und Königreiche stelle ich dich.
Du sollst ausreißen und einreißen,
zerstören und vernichten,
aber auch aufbauen und pflanzen.«
Gott hat Großes mit Jeremia vor. „Zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt.“ Gottes Worte werden weite Kreise ziehen, über Gottes Volk Israel hinaus. Für diese Aufgabe hat Gott Jeremia von Anfang an auf der Rechnung. Jeremia findet nicht seine Berufung. Nein, im Gegenteil: Die Berufung findet ihn. Oha! Jeremia bekommt es mit der Angst. Ginge mir auch so. Schon am Anfang ein Gespür dafür, dass Gottes Ansage sein Leben auf den Kopf stellen wird.
Jeremia versucht sich herauszureden. „Kann nicht gut reden! Bin zu jung!“ Was ihm alles fehlt: Die passenden Worte, wenn es nötig ist. Überhaupt: Vor anderen zu reden. Am besten so, dass selbst fremde Leute an seinen Lippen hängen? Nie im Leben. Zu wenig Erfahrung, mangelnde Begabung.
Der Widerspruch ist zwecklos. Gott antwortet kurz und knapp: „Sag nicht, dass du zu jung bist, sondern geh, wohin ich dich sende!“ Jeremia ist zum Propheten berufen. Ich bin froh, dass ich nicht in seiner Haut stecke.
III Auf dem Weg in die Katastrophe
Was passieren wird: Ende des 7. Jahrhunderts v. Chr. fordern die politisch Verantwortlichen in Israel die neue Großmacht in Babylon heraus. Der König ebenso wie die Führungsschicht. Gott spielt keine Rolle. Eigene Interessen geben den Ausschlag. Sie verweigern den Tribut, den sie den Babyloniern schuldig sind. Halten Verträge nicht ein, paktieren mit benachbarten Mächten. Das wird schließlich 587/586 v. Chr. dazu führen, dass die Armee Babylons das Land verwüstet, Jerusalem und Tempel zerstört, ein Großteil des Volkes ins Exil in ihre ferne Hauptstadt verschleppt. Vor allem diejenigen, die in systemrelevanten Berufen arbeiten.
Und Jeremia: Er fordert dazu auf, Gottes Gebote zu halten, zeichnet die Folgen auf, die ihre Missachtung haben wird. Jeremia warnt vor, der eigenen Macht zu vertrauen und die Macht Babylons zu unterschätzen. Öffentlich hält er der Führung entgegen: „Erzählt uns keine Lügen!“ Das macht ihn einsam. Zu einem Rufer in der Wüste. „Erzählt uns keine Lügen!“ Jeremia widerspricht in Gottes Namen, aber seine Worte verhallen wirkungslos. Er wird verfolgt, misshandelt. Nur wenige helfen ihm, sind auf seiner Seite. Schließlich wird er von den eigenen Leuten ins Ausland, nach Ägypten verschleppt. Dort verliert sich seine Spur. Das Leid seines Volkes spiegelt sich im Leid Jeremias. Eine Berufung mit fatalen Folgen. Vergeblich versucht der Prophet, die Lügen der Machthaber in Israel zu demaskieren. Es ändert sich nichts. Die Katastrophe nimmt ihren Lauf.
IV Verborgene Macht: Worte verbinden
Das hat sich am Anfang anders angehört:
»8 Fürchte dich nicht vor ihnen,
denn ich bin mit dir und werde dich retten! […]
Sieh her: Ich gebe dir heute einen Auftrag.
Über Völker und Königreiche stelle ich dich.
Du sollst ausreißen und einreißen,
zerstören und vernichten,
aber auch aufbauen und pflanzen.«
Gott, was erzählst du uns! Davon hat Jeremia nichts gemerkt. Ein einsamer Prophet über Völker und Königreichen. Du hast ihn nicht gerettet. In den Wirren nach der Niederlage ist er vermutlich umgekommen. Was hat Jeremia denn vernichtet, was aufgebaut?
Gottes Ankündigung wirkt wie eine Zumutung. So ist es auch: Gott mutet denen etwas zu, die das Buch des Propheten Jeremia lesen.
Denn Gott redet von einer verborgenen Macht. Das Volk Israel hat einen Krieg verloren, aber es ist als Volk nicht verloren gegangen. Weil es davon erzählt hat, wie es sich durch Gott verbunden weiß. Es hat Jeremia zu schätzen gelernt. In Gottes Auftrag hat er den Lügen der damals Verantwortlichen widersprochen, Gottes Gebote stark gemacht, davon gesprochen, wie Gott ins Exil mitkommt und die Beziehung zu Gottes Volk erneuert. Gott braucht keinen Tempel. Unerhört und zugleich befreiend für die, die zunächst in Trauer und Heimweh aufgegangen sind.
Gottes Macht erweist sich im Wort. Dieses Wort wirkt. Selbst nachdem Gottes Prophet längst getötet worden ist. Deshalb hat dieses Buch seinen Platz in der jüdischen Bibel. Deshalb steht Jeremia in unserer Bibel. Denn mit einer Niederlage ist längst noch nicht alles gesagt. Und diese Wahrheit hat Zukunft.
Gottes Wort wirkt verborgen und bleibt Zukunftsmusik: Dass Jeremia über Völker und Königreichen steht, wird sich zeigen: Gottes Gebote werden den Ausschlag geben. Krieg wird verschwinden und Frieden sein. Und Gerechtigkeit. In der ganzen Welt. Wer’s glaubt, wird selig. Eben.
V Widerspruch!
Und die Lügen? Da brauche ich kein Prophet zu sein, um zu sagen, dass sie weitergehen. Sowohl beim Fußball als auch in der Politik.
Der FIFA-Präsident wird sich das Wohlwollen der Mächtigen sichern. Das, wenn nötig, leugnen. Weil sein Verband an jeder WM verdient. In diesem Jahr 15 Milliarden US-Dollar. Da geht noch mehr. In vier Jahren mit 64 statt mit 48 Teams. Die Preise für Tickets und Übertragungsrechte werden steigen. So lange Menschen und Sender bereit sind, zu zahlen … Irgendwann werden Grenzen erreicht sein. Stell dir vor, es ist WM und keiner guckt zu. Vielleicht gar kein Schreckensszenario.
Der andere Präsidenten wird weiter seine ‚alternativen Wahrheiten‘ verbreiten. Vom Frieden in der Ukraine reden und gleichzeitig einen Deal mit dem Präsidenten im Kreml vorbereiten? Und das zu Lasten der Ukraine? Ein europäischer Alptraum. Völlig ausgeschlossen? Widerspruch bleibt nötig. Selbst wenn das nichts ändert. Die von Gott versprochene Zukunft sieht anders aus.
Und in Deutschland: Am 26. Februar stellte die Regierung das neue Heizungsgesetz vor und sprach von der „Befreiung des Heizungskellers“. Was dort verbrannt wird, sei endlich wieder „Privatsache“. Die Realität hat solches Reden bereits eingeholt, als das Gesetz am 10. Juli von Bundestag und Bundesrat verabschiedet wird: Seit dem Frühjahr steigen kriegsbedingt die Preise für fossile Energie, seit Juni die Temperaturen, schon seit Juli brennen die Wälder im Süden Europas. Klartext traut sich keiner. Widerspruch bleibt nötig. Vielleicht ändert das doch etwas. Irgendwann. Wer’s glaubt …
Amen.
Sündenbekenntnis
Gott,
was geschieht, ist manchmal voller Widersprüche.
Was Menschen sagen und was sie tun, passt nicht zusammen.
Das Gefühl stellt sich ein:
Hier stimmt was nicht. Das ist falsch.
Öffentlich zu widersprechen, ist schwer.
Darüber hinwegzusehen, viel einfacher.
Mit dem, was du von uns willst, ist das ähnlich.
Je mehr Macht Menschen haben,
desto öfter spielt das keine Rolle:
Nicht zu töten oder keine Lügen zu verbreiten.
Öffentlich zu widersprechen, ist schwer.
Darüber hinwegzusehen, viel einfacher.
Was sollen wir nur tun?
Hilf uns dabei, an dem festzuhalten,
was wahr ist und dem Leben dient.
Hilf uns, deinen Geboten die Ehre zu geben.
Herr, erbarme dich.
Gnadenzuspruch
Gott spricht durch seinen Propheten Amos:
„Suchet mich, so werdet ihr leben.“ (Am 5,4)
Ehre sei Gott in der Höhe.
Fürbitten
Manchmal, Gott, lässt du dich finden.
In einem Moment,
in dem klar ist,
was du willst,
worauf es ankommt,
was zu tun und wem zu widersprechen ist.
Gib uns einen wachen Geist,
solche Momente zu erkennen.
Manchmal, Gott, bist du verborgen.
Im Leid, das Menschen tragen.
In der Angst, die sich auftürmt.
Im Hass, der weite Kreise zieht.
Wir bitten dich:
Um Gerechtigkeit für die,
die Hass ausgesetzt sind.
Die verlieren,
was ihnen Halt gegeben hat.
Die verletzt werden an Leib und Seele.
Mach deine Welt zu ihrer Heimat.
Manchmal, Gott, kommst du zu Wort.
Im Widerspruch gegen Lügen,
die Menschen verbreiten,
weil sie es sich leisten können,
weil sie damit erfolgreich sind.
Sie säen Misstrauen,
gewinnen und festigen Macht.
Dass andere die Folgen tragen,
ist ihnen gleichgültig oder sogar einkalkuliert.
Wir bitten dich:
Stelle sie in das Licht deiner Wahrheit
und durchkreuze ihre Wege.
Wir bitten dich für die Gemeindemitglieder,
von denen wir unter deinem Wort
Abschied genommen haben.
Berge sie im Glanz deiner Ewigkeit.
Verborgen, gefunden, auf Zukunft aus,
so bist du, unser Gott.
Um die Ankunft deiner Welt in der unseren
bitten wir mit den Worten,
die Jesus uns zu beten gelehrt hat:
Pfarrer Dr. Christoph Kock
Wesel
E-Mail: christoph.kock@ekir.de
Dr. Christoph Kock, geb. 1967, Pfarrer der Evangelischen Kirche im Rheinland. Seit 2007 Pfarrer an der Friedenskirche in der Evangelischen Kirchengemeinde Wesel.
Fussnoten:
[1] Sie die Internet-Seite dessen Ministeriums heißt seit September 2025 https://www.war.gov/.
[2] Vgl. Stefan Klüttermann, Infantino, Trump und der Dreiklang des Irrsinns, RP 13.07.2026.