Jeremia 1,4–10

· by predigten · in 24) Jeremia / Jeremiah, 9. So. n. Trinitatis, Aktuelle (de), Altes Testament, Archiv, Beitragende, Bibel, Deutsch, Kapitel 01 / Chapter 01, Kasus, Predigten / Sermons, Thomas Bautz

Ruf und Berufung – die Verantwortung des Propheten – Gibt es sie noch? | 9. So. n. Trinitatis | 02.08.2026 | Jeremia 1,4–10 | Thomas Bautz |

 

Ruf und Berufung – die Verantwortung des Propheten – Gibt es sie noch?

Liebe Gemeinde!

Eine Woche vor Pfingsten widmeten wir uns einem zentralen Text des Buches Jeremia (Jer 31,31–34), nämlich der Ankündigung eines neuen Bundes – verbunden mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft, aber auch verknüpft mit der Erinnerung an das ambivalente Verhältnis Israels zu JHWH und an Israels Ungehorsam in der Geschichte: was innen- wie außenpolitisch katastrophale Folgen zeitigte. Es war stets Aufgabe der Propheten, der jeweiligen Regierung (Könige) und dem Volk den Weg JHWHs zu weisen, der ein friedvoller, wenn auch nicht ohne Anstrengung gewesen wäre. Besserwisserei, Halsstarrigkeit und Untreue führten zur Belagerung Jerusalems, zu Deportationen, zur Zerstörung Jerusalems und des Zentralheiligtums (des Tempels).[1]

Nun wird Jeremia zum Propheten berufen, einzig auf JHWHs Initiative hin; was er verkünden soll, gleicht einer Revolution. Woher nimmt Jeremia die Kraft und den Mut? Was zeichnet diesen Propheten aus? Worauf beruht seine Berufung? Diese Fragen sind mehr als berechtigt, weil sich der Auftrag bei seiner Berufung als gewaltig offenbart, dessen Ausmaß einen Menschen schlechthin überfordern muss (Jer 1,10):

„Sieh, am heutigen Tag setze ich dich über die Nationen und über die Königreiche, um auszureißen und niederzureißen, um zu zerstören und zu vernichten, um aufzubauen und zu pflanzen.“

Die Ankündigung des Destruktiven[2] überwiegt die Verkündigung des Konstruktiven[3] und zeigt damit, wie notwendig eine Neuordnung in Israel und unter den Völkern vorzunehmen ist. Es ist natürlich JHWH selbst, der diese massiven Veränderungen herbeiführen wird, was in Jer 31,28 deutlicher zum Ausdruck kommt:[4] „Und wie ich über sie gewacht habe, um auszureißen und niederzureißen, zu vernichten und zu zerstören und Unheil anzurichten, so werde ich über sie wachen, um aufzubauen und zu pflanzen!“ (Zürcher Bibel)[5]

Doch ist der Prophet Jeremia JHWHs wortgewaltiges Sprachrohr. Er erfährt diese Bevollmächtigung, nicht weil er geeignet erscheint; er hält sich für (zu) unerfahren: noch ein Knabe, zu jung! Eine Symbolhandlung bestätigt und vollzieht die Berufung: „JHWH streckt seine Hand aus, berührt seinen Mund und spricht zu ihm: Sieh, Ich habe meine Worte in deinen Mund gegeben. Sieh doch, Ich habe dich eingesetzt […]“ (Jer 1,9–10a). „Durch die Berührung der Gotteshand, die ihm in der Vision erschienen ist, empfing Jeremia […] den Hauptinhalt seiner zukünftigen Prophetien wie auch die prophetische Fähigkeit, die Sprachfähigkeit, die ihm […] gefehlt hat.“ Jeremia wird künftig „mit der Autorität Gottes sprechen“.[6]

Jeremia als „politischer Querdenker“,[7] richtet sich nicht nach dem Zeitgeist und riskiert „unbequeme Positionen“, gerät damit in Situationen, die Leib und Leben bedrohen.[8] Dazu bedarf es einer Berufung, wie wir sie nicht mehr kennen, weil sie bereits pränatal erfolgt: „Bevor ich dich gebildet habe im Mutterleib, habe ich dich gekannt, und bevor du aus dem Mutterschoß gekommen bist, habe ich dich geweiht, zum Propheten für die Nationen habe ich dich bestimmt“ (Jer 1,5 Zürcher Bibel); vergleiche Psalm 139,16a: „Noch bevor ich geboren war, sahen mich deine Augen, […]“ (ZB).

Auch wenn die Berufungen anderer Propheten stets einen persönlichen, mitunter intimen Charakter haben, aber diese ursprüngliche, außergewöhnliche Nähe von Geburt an ist einmalig.[9] Das Verhältnis zwischen JHWH und Prophet wird „vom Wort getragen“; das „Gotteswort“ – wie es schon eines seiner Bedeutungen im Hebräischen (Geschehen, Ereignis) anzeigt – geschieht „plötzlich, vom Menschen nicht erwartet und nicht gewollt“, es „ist frei und neu wie der Blitz“. Auch der Künder, der Prophet, „wird von ihm immer wieder bezwungen, ehe er es sich ‚in den Mund legen‘ läßt (Jer 1,9; 20,7).“[10] Doch Jeremia ist „einer, der ausgesondert, berufen, mit Kraft begabt“ und „dem Leiden [zwar] ausgesetzt sein wird, aber überwindet, weil Jahwes Wort nicht versagt […].“[11]

Es gibt verschiedene Berufungsberichte in der hebräischen Bibel – aus einer Perspektive von außen wie auch aus der Eigenperspektive erzählt. Manche Berufungsgeschichten leiten das Prophetenbuch als Ganzes ein und erhalten dadurch im doppelten Sinne eine exponierte Stellung, wie dies bei Jeremia und Ezechiel der Fall ist. Dadurch sind alle folgenden Prophetensprüche als „unmittelbares Gotteswort“ legitimiert.[12] Nimmt man noch andere Berufungsgeschichten zum Vergleich hinzu,[13] fällt auf, dass die Ernennung zum Propheten und die Erteilung des Auftrags anfangs abgewehrt wird. Besonders eindrücklich ist dabei die Reaktion des Mose auf seine Berufung zum Führer Israels (mit Aaron):[14]

„Mose aber sagte zu JHWH: Adonai, ich bin kein Mann von Worten. Ich war es früher nicht und bin es auch nicht, seit du zu deinem Diener redest; schwerfällig sind mein Mund und meine Zunge.“ (Ex 4,10; ZB)

Die Berufung oder Erwählung wird also nicht „pausbäckig“[15] angenommen, etwa nach dem Motto: „Gute Wahl!“ „Es gibt keinen Besseren!“ Der jeweilige Einwand beruht auch nicht auf falscher Bescheidenheit, sondern entspringt der tiefen Einsicht, dem klaren Bewusstsein der eigenen Unzulänglichkeit! Prophet sein bedeutet „von Gott her“ und „zu Gott hin“ – in JHWHs Auftrag – zu reden: Zerstörerisches, Destruktives und Konstruktives, Aufbauendes zu verkünden. Und dem fühlt man sich natürlich nicht gewachsen! Damit sind die Propheten aber auch angreifbar, denn sie gehören einem „radikalen Flügel“ an, „der sich […] gegenüber dem offiziellen kultischen Betrieb verselbständigt hat.“ Rhetorik, gewagte Vergleiche und ihr Improvisieren entstammen nicht dem „Raum des Kultus“.[16]

Die Berufung der Propheten beinhaltet einen „grundsätzlichen Vorgang im Innersten ihrer Verkündigung“ und ist verbunden mit einem neuen „Verständnis von Gott, Volk und Welt“, das sie „in steigendem Maße über alles bisher Bestehende hinausgeführt hat“. Die Berufung eines Propheten war für Israel „ein Ereignis“, „das aus dem Kreis der religiösen Erfahrungen herausfiel und das man eben nicht seit eh und je bei den Trägern der Jahwereligion kannte […].“[17] Außerdem wurde „das Ereignis einer Berufung“ verschriftlicht, womit eine „neue literarische Gattung“ geboren war. Im Ichstil verfasste prophetische Aufzeichnungen zeugten von Männern, „die in einem entscheidenden Sinn aus den religiösen [kultischen] Ordnungen […] herausgerufen waren […].“[18]

Diese „analogielose Situation“ zwang die Propheten zur Rechtfertigung vor sich und vor anderen. Mit dem Auftrag und der Verantwortung sah sich der Prophet „ganz allein auf sich selbst gestellt“. Eine Niederschrift war für die „Öffentlichkeit“ bestimmt, „der gegenüber der Prophet sich zu rechtfertigen hatte.“ Zweifellos erlauben diese Zeugnisse „einen wichtigen Einblick in den Bereich des primären prophetischen Erlebens, und zwar unvergleichlich direkter [persönlicher] als alle Kultlyrik [Elemente kultischer Verehrung; …].“[19] In sehr persönlichen, poetischen Worten, die teils an die Sprache der Klagepsalmen erinnern, hat Jeremia seine Zweifel, innere Anspannung, teils in Dialogform mit JHWH in den Konfessionen Jeremias ausgedrückt. Hier wendet sich der Prophet „an Gott im Modus des Protests“.[20]

Der „Protest“ der Propheten richtet sich „gegen die in sich selbst ruhende Religion“, beklagt „das Verdorren des Ethos“ und klagt „die Institutionalisierung des religiösen Lebens zu einer automatisch vollzogenen Sitte“ (oder rituellen Handlung als Gepflogenheit) an, „für uns bis heute von größter Wichtigkeit“! Dazu gehört auch „kritische Geschichtsschreibung“ „als Applikation des prophetischen Wortes auf die Vergangenheit“.[21]

Wäre nicht auch eine Anwendung des prophetischen Wortes auf die Gegenwart vonnöten? Wäre es allzu verfänglich zu fragen: Wo sind heute die Propheten? Nicht die Pseudo- oder Lügenpropheten, die sich der jeweiligen Lage anpassen, den Mächtigen nach dem Mund reden und das Blaue vom Himmel versprechen. Nein! Bräuchte nicht jedes Land, jede Staatengemeinschaft, jedes Bündnis einen Propheten, der ihnen die Augen öffnet, ihnen die Irrwege ihrer Innen- wie Außenpolitik aufzeigt; der unwiderlegbar, ausgestattet mit Wahrhaftigkeit, Ernst und Vollmacht spricht, der aber auch Respekt zeigt gegenüber den Verirrten?!

Der Prophet ist keiner Regierung gegenüber Rechenschaft schuldig, obschon er sich wegen seines Amtes dauernd rechtfertigen muss. Er ist allemal angreifbar, weil er öffentlich auftritt, weil seine Botschaften die Öffentlichkeit betreffen: die Gesellschaft, die Politiker, die Medien und die Gegner, die Denunzianten und die im Hintergrund lauernden Feinde – zu allem bereit, ihn zu töten. Man denke an die Querdenker wie Martin Luther King und Mahatma Gandhi, die mit feigen Attentaten niedergestreckt wurden. Sie haben wahrscheinlich nie selbst eine Berufung behauptet, aber Menschen wachen Geistes mögen so über sie gedacht haben.

Tenzin Gyatso, der 14. Dalai Lama, musste vor der chinesischen Regierung März 1959 nach Indien ins Exil fliehen,[22] weil seine Weisheit für sie ideologisch eine Bedrohung darstellte: „Im Hinblick auf die Zukunft brachte ich meinen Glauben zum Ausdruck, dass wir Tibeter uns mit den Waffen der Wahrheit, der Gerechtigkeit und des Mutes eines Tages durchsetzen und die Freiheit für Tibet wiedererlangen werden”. Indien erwies sich als sehr kooperativ und konnte die Tibeter gut integrieren. Der Dalai Lama tritt weltweit für Frieden und Völkerverständigung ein, wofür er den Friedensnobelpreis 1989 erhielt.[23] 2011 trat er von seinen politischen Ämtern zurück und gilt seither nur noch als geistliches Oberhaupt der Tibeter.[24]

Mit 35 Jahren erhielt der Bürgerrechtler Martin Luther King 1964 den Friedensnobelpreis,[25] weil er sich für die Bürgerrechte, für den gewaltfreien Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit und gegen Rassismus und Unterdrückung (in den USA) eintrat. Man diffamierte ihn als Kommunisten, u.a. war er für das FBI buchstäblich ein rotes Tuch.[26] Am 04. April 1968 wurde King in Memphis, Tennessee erschossen; der Attentäter gestand zunächst, widerrief dann aber sein Geständnis. Die damaligen Methoden der Ballistik waren unzureichend, und es wurden keine anderen Beweise gefunden als Gewehr und Geschoss des Attentäters (einem Rassisten). Es ist nicht auszuschließen, dass möglicherweise diverse Regierungskreise am Attentat beteiligt waren, was auch immer wieder diskutiert wurde, ohne gewissen Verschwörungstheorien anzugehören.[27]

Mahatma Gandhi, „die große Seele Indiens“, (1869–1948), geistiger und politischer Führer der indischen Unabhängigkeitsbewegung, Pazifist und Befürworter gewaltfreien Kampfes, wurde am 30. Januar 1948 von einem nationalistischen, fanatischen Hindu erschossen.[28] Der Freiheitskampf gegen die britische Besatzung erwies sich als schwierig, komplex und teilweise widersprüchlich. Ethisch kann man aber Gandhis Bedeutung darin erkennen, dass er als Pazifist und Vertreter der Gewaltlosigkeit die konsequente Haltung dieses politischen Ansatzes nur von sich, nicht aber vom indischen Volk verlangte: Er wünschte, dass sich die Inder eher mutig, tapfer zur Wehr setzten, als dass sie sich feige unterwarfen (Gandhi: Selected Writings, ohne Angabe).

Nelson Mandela (1918–2013) war ein südafrikanischer Aktivist und Politiker im Jahrzehnte andauernden Widerstand gegen die Apartheid und von 1994 bis 1999 der erste schwarze Präsident seines Landes. Aufgrund seiner Aktivitäten gegen die Apartheidpolitik musste Mandela von 1963 bis 1990 insgesamt 27 Jahre als politischer Gefangener in Haft verbringen. Mandela war führend und herausragend im Freiheitskampf gegen Unterdrückung und soziale Ungerechtigkeit. Er war der wichtigste Wegbereiter des versöhnlichen Übergangs von der Apartheid zum gleichheitsorientierten, demokratischen Staatswesen in Südafrika. 1993 erhielt er deshalb den Friedensnobelpreis.[29]

Es ließen sich noch andere Persönlichkeiten anführen, die in der Freiheit des Geistes und ihrer Überzeugungen gleichsam einer inneren Stimme gehorchten, ausgelöst von Ungerechtigkeiten und Unterdrückung um sie herum. Die Missstände entfachten in ihnen ein Feuer, ließ sie entflammen, gegen mächtige Widerstände ankämpfen. Ihr Eifer blieb unerschütterlich, auch wo man versuchte, ihn zu ersticken und ihr Engagement zu bremsen. Diesen Partisanen des Geistes ist gemeinsam, dass sie von ehrlichen, ernsten, wahrhaftigen Motiven umgetrieben werden, um sie weitgehend ohne Eigennutz für Schwache, Benachteiligte, Verfolgte, Entrechtete einzusetzen. Angetrieben von einer Kraft, die sie häufig gar nicht selbst zu benennen vermögen, folgen sie konsequent der inneren Stimme einer womöglich unbekannten Quelle.

Wollten wir so kühn sein, Auftrag und Konsequenz der alten Propheten mit den neuen Kämpfern des Geistes zu vergleichen, gibt es ein gemeinsames Kriterium: das Auftreten in der Öffentlichkeit.

Der prophetische Auftrag wird durch seine Bürde nicht leichter, die darin besteht, dass der Prophet öffentlich Kritik übt. Für Jeremia hieß das zum Beispiel (Jer 6,27): „Zum Prüfer in meinem Volk habe ich dich gestellt […], damit du ihren Weg erkennst und prüfst.“

Dieses Amt des Prüfens, der kritischen Beobachtung, der unbeirrbaren Wahrnehmung, teilen auch die Propheten von Amos bis Maleachi. Das erfordert „eine angespannte Wachheit“, wenn man die Menschen und die Zustände derjenigen Gesellschaft beurteilen soll,[30] der man selbst angehört, deren Teil man ist; ergo gehört auch das Vermögen der Selbstkritik dazu. Propheten schwimmen gegen den Strom; sie sind zwar offen für Argumente und Infragestellungen, bleiben aber motiviert durch ihre Analysen vorherrschender Probleme. Nur mit Mut und Verstand sind sie gewappnet gegen die Provokationen der Gegner, die häufig die Medien zu nutzen wissen.

Die Position eines Königs genoss ein gewisses Ansehen in der Gesellschaft; sein Wort hat Gewicht. Ein Prophet ist „Überbringer einer Botschaft. Diese Botschaft muss wirken, nicht der Sprecher, der sie mitteilt. Der König herrscht in eigener Machtvollkommenheit, der Prophet spricht lediglich im Namen einer anderen Macht.“[31] Doch werden Worte und Taten von dem geprüft, der dem Propheten die Stimme leiht. Das gibt dem Propheten ein gewisses Maß an Freiheit. Diese prophetische Freiheit wurde zu einer effektiven Anregung in Ländern, wo seit Jahrzehnten Unterdrückung herrscht; die Botschaft, dass man Kritik gegenüber einer Regierung öffentlich äußern und soziale Missstände anprangern darf, wurde von einzelnen Geistlichen und der Bevölkerung in lateinamerikanischen Ländern dankbar aufgenommen. „Heute nachdrücklicher denn je“ ergreift das „Einleuchtende der prophetischen Botschaft selbst“ die Betroffenen.[32]

Die konsequenteste Anwendung prophetischer Botschaften aus der hebräischen Bibel findet sich bei der Theologie der Befreiung, mit starker Option für die Armen, gegen Unterdrückung und soziale Ungerechtigkeit.[33] Die Minjung-Theologie als eine spezifische Form der Befreiungstheologie ist im ganz protestantisch geprägten Südkorea entstanden,[34] die ihrerseits die Minjung-Kunst der späten 1970er Jahre beeinflusst hat. Die Minjung-Theologie reagierte auf politische, wirtschaftliche und kirchliche Wachstumsstrategien, die die Zeit der Militärdiktaturen der 1960er bis 1980er Jahre geprägt haben und hat sich den sozial Benachteiligten verpflichtet. Innerhalb der protestantischen Kirche in Südkorea ist die Minjung-Theologie heute eine Minderheitserscheinung, die aber über eine beträchtliche Außenwirkung insbesondere in Deutschland und Europa verfügt.

Prophetisches Wirken, gesellschaftliche und politische Veränderungen hängen definitiv von einem Faktor ab, nämlich von der Öffentlichkeit,[35] indem dort Diskurse unter gleichberechtigten Partnern zu aktuellen und brisanten Themen stattfinden. Es bedarf deliberativer Politik, die ermöglicht, dass eine Politik der argumentativen Abwägung, der gemeinsamen Beratschlagung und Verständigung über öffentliche Angelegenheiten verwirklicht wird.[36] Dazu wiederum braucht es Strukturen und Medien, über die Kommunikation und kommunikatives Handeln erfolgen können. Politik, die sich darauf verpflichtet, Demokratie zu fördern und zu stabilisieren, muss die Nähe zu den Bürgern suchen und die Bereitschaft zeigen, auch von ihnen Rat- und Vorschläge einzuholen.

Allerdings sind durch die Digitalisierung parallele Diskursebenen entstanden; die sozialen Medien erzeugen den Transfer einer Unmenge von Daten und Informationen, die für viele Bürger, selbst für Fachleute, nicht mehr überschaubar sind und leider viel Raum lassen für Manipulationen durch ausgeklügelte Techniken. Empirische Analysen der Polizei und des Innenministeriums zwingen Regierungen, die Reichweite digitaler Medien einzugrenzen. Die Probleme sind für den einfachen Nutzer gar nicht erkennbar, denn sie beginnen bereits beim Schreiben von Programmen und beim Implementieren bestimmter Algorithmen, um Probleme zu lösen oder Aufgaben auszuführen.[37]

Wie würden Propheten heute in der Öffentlichkeit wirken? Könnten sie sich auch digitale Medien nutzbar machen? Nun, vorausgesetzt an ihrer kritischen, analysierenden Botschaft gegenüber der Politik und gegenüber der Gesellschaft, an ihrer sie umtreibenden Motivation und Inhalten, hätte sich vom Geist und von der geheimen Quelle her nichts wesentlich geändert – unter der Prämisse behielte die Prophetie ihre Berechtigung und Wirksamkeit. Der wahre Prophet möchte weiterhin nichts für sich, aber er tritt ein für die Armen und Schwachen, für die Witwen und Waisen. Daher meinte Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716)[38]:

„Die Stärke eines Volkes misst sich am Wohlergehen seiner Schwächsten.“

Amen.


Pfarrer Thomas Bautz
im Unruhestand
bautzprivat@gmx.de


Fussnoten

[1]Barbara Schmitz: Geschichte Israels (2., aktual. Aufl. 2015): Jeremia, 27–29: 27; Jeremia wirkte vierzig Jahre.

[2]Vier Verben!

[3]Zwei Verben!

[4]Cf. Roland Gradwohl: Bibelauslegungen aus jüdischen Quellen 2 (1987): Jeremias Berufung – Jer 1,4–10, S. 228–244: 240–241.

[5]S. Martin Buber: Der Glaube der Propheten (2., verb. Aufl. 1984): Der Gott der Leidenden (195–226): Gegen das Heiligtum (197–226): Jeremia, 201ff u. 205–226: 208–209.

[6]Gradwohl: Bibelauslegungen aus jüdischen Quellen 2 (1987): Jeremias Berufung, 241.

[7]Schmitz: Geschichte Israels (2015): Jeremia, 27. Nicht im Sinne der heutigen Gruppe(n) rechtsextremer Querdenker!

[8]Schmitz: Geschichte Israels: Jeremia, 27–29 u. passim; cf. Stipp: Jeremia, 1–2; TRE 16 (1987), Art. Jeremia / Jeremiabuch (Siegfried Herrmann), 568–586: Der Prophet Jeremia und seine Zeit, 568–571.

[9]Cf. auch den Gottesknecht, Jes 49,1.5f); https://www.die-bibel.de/ressourcen/wibilex/altes-testament/ruf-rufen;  Melani Peetz: Ruf / rufen (2014): (3.) Rufen und Gott (3.2.) Das Rufen Gottes, 4 (pdf).

[10]Buber: Der Glaube der Propheten (1984), 206–207.

[11]TRE 5 (1980), Art. Berufung. (I.) Altes Testament (Burke O. Long), 676–684: 682.

[12]https://www.die-bibel.de/ressourcen/wibilex/altes-testament/berufung-berufungsbericht-at; Aaron Schart: Berufung / Berufungsbericht (AT) (2010): (4.) Die Gattung „Berufungsbericht“ (4.1.) Die Beschreibung der Formelemente der Gattung, S. 7–8: 7 (pdf).

[13]https://www.die-bibel.de/ressourcen/wibilex/altes-testament/jeremia-jeremiabuch; Hermann-Josef Stipp: Jeremia / Jeremiabuch (4.) Textbeispiele (4.1.) Der Berufungsbericht Jer 1,4–10, S. 12. Die Prophetie insgesamt in Israel enthält eine erstaunlich weitreichende Vielzahl an verschiedenen Gattungen; Rolf Rendtorff: Das Alte Testament. Eine Einführung (1983): (II.) Die alttestamentliche Literatur im Leben des Alten Israel (6) Die Prophetie, 118–131. Grundlegend ist die Unterscheidung zwischen Mündlichem und Schriftlichem; TRE 27 (1997), Art. Propheten/ Prophetie (II.) In Israel und seiner Umwelt (Klaus Koch): (6.1.) Schriftliche und mündliche Gattungen, 484–487.

[14]Schart: Berufung / Berufungsbericht (AT) (2010): (4.) Die Gattung „Berufungsbericht“, S. 8 (pdf).

[15]Metaphorisch: selbstgefällig, naiv-selbstbewusst.

[16]Gerhard von Rad: Theologie des Alten Testaments II. Die Theologie der prophetischen Überlieferungen Israels (1980): I. Hauptteil (D.) Berufung und Offenbarungsempfang, 58–78: 60–61.

[17]von Rad: Theologie des Alten Testaments II (1980): Berufung und Offenbarungsempfang, 61.

[18]von Rad: Theologie des Alten Testaments II (1980): Berufung und Offenbarungsempfang, 62.

[19]von Rad: Theologie des Alten Testaments II (1980): Berufung und Offenbarungsempfang, 63; Kultus beurteilt der Prophet kritisch; https://www.die-bibel.de/ressourcen/wibilex/altes-testament/kultkritik-at.

[20]Stipp: Jeremia / Jeremiabuch (4.) Textbeispiele (4.4.) Die Konfessionen, S. 14: Jer 11,18–20; 12,1–6; 15,10–21; 17,14–18; 18,18–23; 20,7–13.14–18.

[21]Kornelis Heiko Miskotte: Wenn die Götter schweigen. Vom Sinn des Alten Testaments (31966): (II. Teil) Zeugnis und Interpretation (3.) Der Überschuss (V.) Prophetismus, 290–297: 293 (kursiv dort).

[22]https://de.dalailama.com/the-dalai-lama/biography-and-daily-life/birth-to-exile.

[23]https://www.nobelprize.org/prizes/peace/1989/lama/acceptance-speech/.

[24]https://de.wikipedia.org/wiki/Tenzin_Gyatso.

[25]https://kinginstitute.stanford.edu/nobel-peace-prize.

[26]https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Luther_King.

[27]https://de.wikipedia.org/wiki/Attentat_auf_Martin_Luther_King.

[28]https://de.wikipedia.org/wiki/Mohandas_Karamchand_Gandhi.

[29]https://de.wikipedia.org/wiki/Nelson_Mandela.

[30]von Rad: Theologie des Alten Testaments II (1980): (I.) (E.) Die Freiheit des Propheten, 79–88: 84; cf. TRE 27 (1997), Art. Propheten/ Prophetie (II.) In Israel und seiner Umwelt (Koch): (7.) Gesellschaftskritik, 487–490.

[31]Gradwohl: Bibelauslegungen aus jüdischen Quellen 2 (1987): Jeremias Berufung, 233 (kursiv; Th.B.).

[32]TRE 27 (1997), Art. Propheten/ Prophetie (VI.) Prophetie, praktisch-theologisch (Folker Albrecht/ Ingo Balder-mann): (3.) Probleme der Rezeption prophetischer Worte, 514–515: 514.

[33]https://de.wikipedia.org/wiki/Befreiungstheologie.

[34]https://de.wikipedia.org/wiki/Minjung; Minjung bezeichnet eine in den späten 1970er Jahren entstandene politisch und kulturell orientierte Volksbewegung in Südkorea und meint Klassen und Gruppen, die im Laufe der Geschichte Ausbeutung, Unterdrückung und Entfremdung erfahren haben, aber gleichzeitig als treibende Kraft des historischen Wandels angesehen werden.

[35]Jürgen Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft (Habil’schrift, 1961; 61974). Mit Vorwort zur Neuauflage (1990; 1991, 41995).

[36]https://de.wikipedia.org/wiki/Deliberative_Demokratie; deliberatio – Erwägung, Überlegung. Auf seine Schrift von 1961 (ff) aufbauend, Jürgen Habermas: Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und die deliberative Politik (32022).

[37]Cf. Habermas: Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit (32022): Überlegungen und Hypothesen zu einem erneuten Strukturwandel der politischen Öffentlichkeit, S. 9–67: 53–67 (Abschnitt 6), bes. S. 53–55.

[38]https://de.wikipedia.org/wiki/Gottfried_Wilhelm_Leibniz; Zitat ohne Quellenangabe, bzw. in der Präambel der Schweizerischen Bundesverfassung.