Jeremia 14,1–10

· by predigten · in 2. So. n. Epiphanias, 24) Jeremia / Jeremiah, Aktuelle (de), Altes Testament, Archiv, Beitragende, Bibel, Deutsch, Eberhard Busch, Kapitel 14 / Chapter 14, Kasus, Predigten / Sermons

Trotzdem! | 2. Sonntag nach Epiphanias | 18. Januar 2026 | Jer 14,1–10 | Eberhard Busch |

Das ist das Wort, das der Herr zu Jeremia sagte über die große Dürre: Juda liegt jämmerlich da, seine Städte sind verschmachtet. Sie sinken trauernd zu Boden und Jerusalems Wehklage steigt empor. sie sind traurig und betrübt und verhüllen ihre Häupter Die Erde ist rissig, weil es nicht regnet auf ihr Land. … Selbst die Hirschkühe, die auf dem Feld werfen, verlassen die Jungen, weil kein Gras wächst. Die Wildesel stehen auf den kahlen Höhen und schnappen nach Luft, wie die Schakale; ihre Augen erlöschen, weil nichts Grünes wächst. Ach, Herr, wenn unsere Sünden uns verklagen, so hilf doch um deines Namens willen. Denn unser Ungehorsam ist gar groß, womit wir gegen dich gesündigt haben. … So spricht der HERR von diesem Volk: Sie laufen gern hin und her und schonen ihre Füße nicht. Darum hat der HERR keinen Gefallen an ihnen und denkt nun an ihre Missetat und will ihre Sünde heimsuchen.

Mir steht ein altes Bild vor Augen. Es zeigt, wie Mose an einen Felsen klopft und wie dann daraus Wasser quillt. Das durstige Volk ist davor gelagert und erholt sich. Alles auf dem Hintergrund einer malerischen holländischen Landschaft. So gemütlich möchte man sich Gottes Helfen gern vorstellen. Aber das Bild erklärt nicht, warum der Ort Massa und Meriba genannt wird (4.Mose 20). Und da wird’s nun ungemütlich. Denn diese Fremdworte bedeuten: Wir testen, ob wir uns auf Gott verlassen können? Oder sollen wir davon Abstand nehmen und suchen, ob ein anderer uns hilft? Da werden jetzt die Dinge auf den Kopf gestellt. So, dass der Mensch darüber befindet, was Gott zu tun und zu lassen hat, statt dass er der Einladung Paul Gerhardts folgt: „Befiehl du deine Wege, und was dein Herze kränkt, der aller treusten Pflege des, der Himmel lenkt.“ Eine Grundverkehrung wird sich sonst einschleichen.

Der Prophet Jesaja redet drastisch davon, was passiert, wenn wir derart die Dinge auf den Kopf stellen. Da behandeln wir Gott so, wie ein Dompteur seinen Bär an der Nase herumführt. Das hat böse Folgen. Dann fällt alles und jedes, was wir tun, aus dem Rahmen von unsres Gottes Schaffen. Was gibt es denn abgesehen von dem, was Gott gut macht? Da herrscht ein wüstes „Durcheinandertal“, wie es der Dichter Friedrich Dürrenmatt ausgemalt hat. Er hat dabei wohl an den teuflischen Durcheinanderbringer gedacht. Selbst wenn wir uns damit abfinden, Gott sagt dazu rundum Nein – ein Nein, weil er zu all seinen Geschöpfen vielmehr Ja sagt. Er begrüßt alles, was lebt, mit Zartheit. Er ist kein Kaputtmacher.

Aber beachten wir auch sein Nein! Hören wir, was in Gottes Namen Jeremia – nicht nur in grauer Urzeit sagte, was er uns heute sagt! Denn was der Prophet einst sagte, klingt unheimlich aktuell, wie in einer Tagesschau gesprochen. Er sagt, was sich heute vor aller Augen zuträgt. „Die Erde ist rissig, weil es nicht regnet.“ „Die Großen schicken ihre Diener nach Wasser, aber wenn sie zum Brunnen kommen, finden sie kein Wasser und bringen ihre Gefäße leer zurück.“ Kalahari ist die Wüste im Süden Afrikas, das Wort heißt: der große Durst! Doch Trockenheit ist längst nicht nur ein Problem von fernen Regionen. Wasserknappheit ist eine „brutale Realität“, in der alles und jedes zur Wüste verdorrt. Die heutigen Sturzregengüsse, die ganze Landstriche überfluten, die steigenden Meeresfluten, die Flächenbrände sind eine Folge der Erderwärmung. Stecken wir davor den Kopf in den Sand? Große Gefahr droht. Auch für die Tier- und Pflanzenwelt. Wir sorgen für unsere Fortschritte, aber achten nicht auf die stumme Stimme vieler bedrohter Arten. Von deren Leben sind wir doch abhängig. Die seufzen. Die schmachten. Die Hirschkühe, die Wildesel, die Schakale, „sie schnappen nach Luft“. Sie sterben, „weil nichts Grünes wächst“, sagt Jeremia. Ohne Wasser kein Leben. Die Erde dürstet. Der Apostel Paulus spricht vom „ängstlichen Harren der Kreatur auf unsres Leibes Erlösung“ (Röm 7.19).

Wer ist schuld an dieser Situation? Im Jahr 1945, bald nach Ende des Krieges, in dem von Deutschen so schrecklich viele umgebracht wurden, veröffentlichte ein renommierter deutscher Theologe eine Schrift unter dem Titel: „Die Schuld der Anderen“. Ist das nicht typisch für die Art, in der unsereins mit der Schuld in unserem Leben umgeht? Wir schlagen lieber um uns, statt in uns zu gehen. Wir geben für die Frevel an Gottes guter Schöpfung wem auch immer die Schuld, aber versäumen es, an die eigene Brust zu schlagen. Wir benennen jede Menge schwarze Schafe und nehmen uns selber davon aus. Es ist in der Regel der oder die Andere, auf die unser anklagender Finger zeigt. So wird unsere Schuld weggewischt. Und so fühlen wir uns als gute Menschen.

Aber achten wir jetzt darauf, dass Jeremia seine Worte richtet an Menschen in nächster Nähe, an Glieder in Gottes heiligem Volk, an Juda, an Jerusalem. Im 1. Petrusbrief (4.17) lesen wir: Gottes Gericht fängt im Hause Gottes an. Bei echter Buße blicken wir nicht aus dem Fenster. Die Maske unsrer Selbstrechtfertigung verschwindet. Da dreht sich der Finger der Anklage um 180 Grad und zeigt auf die eigene Brust. Wir hatten Zeit genug – und was sind wir alles schuldig geblieben! Wir stehen nicht über den von uns Beklagten da draußen, wir stehen neben ihnen. Wir können nicht von ihnen wegrücken. Wir können sie verstehen, wir sind ihnen nur zu ähnlich. Beten wir nicht: „Vergib uns unsre Schuld“!? In der Schrift „Die Schuld der Anderen“ will der Verfasser die Schuld auf Andere schieben. Im Unterschied dazu wird in der katholischen Messe seit alters gesprochen: „Ich bekenne meine Schuld, meine große Schuld“. Und manche zeigen dabei auf die eigene Brust. Da stellt sich die ernste Frage, die der Apostel Paulus so formuliert hat und die wir ihm nachsprechen dürften: „Ich Elender – wer wird mich erlösen?“ (Röm 7,24)

Wird das etwa Gott an uns tun? Wie sollte er! Gott ist nicht bereit, gute Miene zu unserm bösen Spiel zu machen. Gott lässt uns das Verkehrte nicht durchgehen. Er widersteht dem. Er lehnt das strikt ab. Kein Wischiwaschi! Aber ist er denn nicht der liebe Gott? Er ist es. Aber es ist es anders, als man sich das vorstellt. Er setzt alles daran, dass die Dinge vom Kopf auf die Füße gestellt werden.

Er tut es so, dass er unsrer Verkehrtheit trotzt. Er liebt uns trotzig. Trotz dem, dass wir Menschen uns so daneben benehmen, trotz dem, dass Gott zu unsrem wirren Durcheinander Nein sagen muss, trotz dem stillt er uns Elenden den Durst, so wie es auf jenem alten Bild zu sehen ist. Trotz dem gilt es für uns, für unsere Nachbarn und für unsere Fremden, für die Klugen und die Toren, für unsere Kirchen und Parlamente, wie es Paul Gerhardt besungen hat: „Der aber, der uns ewig liebt, macht gut, was wir verwirren, erfreut, wo wir uns selbst betrübt, und führt uns, wo wir irren. Und dazu treibt ihn sein Gemüt und die so reine Vatergüt, in der uns arme Sünder er trägt als seine Kinder.“ So hält er uns am Leben. Gott sei Dank.

Amen


verfasst von:
Eberhard Busch