Jeremia 14,1–9

· by predigten · in 2. So. n. Epiphanias, 24) Jeremia / Jeremiah, Aktuelle (de), Altes Testament, Archiv, Beitragende, Bibel, Deutsch, Kapitel 14 / Chapter 14, Kasus, Manfred Mielke, Predigten / Sermons

Nothelfer haben Fachkräftemangel | 2. Sonntag nach Epiphanias | 18.01.2026 | Jer 14,1–9 | Manfred Mielke |

 

Liebe Gemeinde,

Jeremia ist ein mutiger Prophet in schwierigen Zeiten. Er ist einer der vier „Großen Propheten“ des Alten Testaments. Er wurde es auch, weil sein Mut entstand aus der Überwindung starker Zweifel. Diese machen ihn glaubwürdig für uns, und so lassen wir uns im Mutigwerden von ihm helfen. Er fängt mit einer Rundum-Sicht an. Er beschreibt Naturphänomene so, dass wir ihre Ursachen mit erkennen. Über die Regenknappheit und die Auswirkungen auf die Tierwelt klagt Jeremia: „Weil die Erde zerschlagen ist, gibt es keinen Regen im Land. Die Wildesel stehen auf kahlen Höhen, sie schnappen nach Luft wie Schakale, ihre Augen vergehen, denn es gibt kein Kraut.“ Die tiefgreifenden „Mangelzeiten“ (M. Buber) stressen auch das Zusammenleben: „Die Großbauern schicken ihre Knechte nach Wasser, aber sie kehren mit leeren Behältern zurück und die Landarbeiter verhüllen in Trauer ihre Gesichter.“ Anders als die anderen Zornpropheten will Jeremia aber versuchen, Gott umzustimmen und betet: „Ach Gott, wenn unsre Sünden uns verklagen, so hilf doch um deines Namens willen! Du bist doch der Trost Israels und sein Nothelfer. Warum stellst du dich, als wärst du ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt?“

Jeremia beschreibt mit offenen Augen, was er sieht, und singt darüber unterschiedliche Klagelieder. Wir spüren seinen Bildern ab, dass er mitleidet bei seinen Umweltklagen und seiner Sozialkritik. Hinzu kommt, dass er seine individuellen Anteile und die kollektive Schuld nicht so einfach entwirren kann. Aber er knüpft daran seine Hoffnung und sein Gebet, wie nach Katastrophen ein Neuanfang möglich werden wird: Mit Gott, durch Gott, ja auch in Gott selbst. – Mit einem konzentrierten „Ach!“ beginnt seine Anrufung, sein „Ach!“ ist das Verbindungswort, mit dem er Gottes Barmherzigkeit aufruft. Und mit einem gemeinsamen „Ach!“ öffnet er seine Mitmenschen zur Wahrhaftigkeit gegenüber Gott und dessen Überlegenheit.

Ausgangslage ist jedoch, dass „unsere Sünden uns verklagen“. Wir sehen den Zusammenhang meist anders. Wir klagen wortreich über unsre Mini-Sünden und die Mega-Sünden der Anderen – und über strukturelle Sünden sowieso. Der Prophet sieht uns aber nicht als neutrale Kritiker, sondern als Angeklagte unserer Taten. Ihn interessiert weniger das Jammerpotential unserer Sünden, sondern vielmehr ihre Vergebung. Dafür fordert er Gott auf, unsre Misere mit seinem Entgegenkommen zu überwinden. Mit seinem Namen, seiner Hoheit, seiner Empathie. Der Prophet bittet nicht um billiges Mitleid, er appelliert, dass Gott an sich selber appelliert. Dass er um seiner-selbst-willen seiner Menschheit hilft. „Ach Gott, wenn unsre Sünden uns verklagen, so hilf doch um deines Namens willen! Dann geschieht dein Wille und dein Schalom kommt in unsre Menschenherzen und Lebensräume.“

Uns hilft, in Gott seine Tugenden und seine Wandlungsfähigkeit neu zu entdecken. Dazu ermutigt uns Jeremia, wenn er ihn provoziert: „Warum stellst du dich, als wärst du ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt? Warum bist du wie einer, den der Schrecken gelähmt hat? “ Gott so auf seine Schreckenslähmung anzusprechen, selbst wenn sie uns nur so erscheint, gelingt nur aufgrund eines neuen Muts. Darin zeigt sich schon Jeremias Genesung – und unsere auch. Gott so zu charakterisieren, als ob er in unserem Elendshaus nur eine Nacht zum Schlafen bleiben mag, zeigt, dass Jeremia das Tal der Schatten bereits durchwandert hat – und wir auch.

Wir sehen oft Gott als eine Art himmlischen Priester, der uns für unsre Erlösung auf Jesu Kreuz und Auferstehung verweist. Aber der Auferstandene geht auch mit uns mit wie mit den traurigen Emmausjüngern und macht sie der Auferstehung gewiss. Er bleibt nicht zu „Bed & Breakfast“, aber er stiftet ihnen das Abendmahl als einen Impuls „über Tage“ und Traurigkeiten hinweg. Den Beiden – und uns auch.

„Gott, du bist doch der Trost Israels und sein Nothelfer.“ Ein Nothelfer zu sein, ist ein ungewöhnliches Bild für Gott, vielleicht sogar eine kreative Wortschöpfung des Jeremia. Ein Nothelfer hilft umfangreicher als es ein schneller Pannenhelfer tut. Bei einer Risikoentscheidung sehnen wir uns einen Nothelfer als begleitenden Schutzpatron herbei. Egal ob sie Nothelfer, Pannenhelfer, Engel oder Schutzpatrone sind – Hauptsache, wir spüren Gott als ihre Kraftquelle.

Einer besonderen Schutzpatronin bin ich sogar auf Armlänge nahegekommen. Es war die Heilige Barbara, bzw. ihre Statue. Im Dezember 2001 wurde bei uns die Steinkohlen-Zeche „Niederberg“ geschlossen. „Schicht im Schacht“ sagten dazu die Bergleute resignierend. Doch sie baten uns katholische und evangelische Pfarrer, mit ihnen ihre Schutzpatronin zu retten. Ansonsten wäre sie bei der Flutung des Bergwerks versunken. So holten wir die Heilige Barbara von der 5. Sohle aus 900 Meter Tiefe ans Tageslicht, und seitdem hat sie gewiss auch „übertage“ weitergeholfen.

Beim Nachfragen, seit wann und warum es Nothelfer gibt, fand ich als Antwort die Pestepidemien im Mittelalter. Um 1350 erlag ein Drittel der Bevölkerung dem sogenannten „Schwarzen Tod“. Die Wucht war so schrecklich, dass die Pest als einer der vier „apokalyptischen Reiter“ galt. Von daher ist es hilfreich, dass dagegen gleich 14 Nothelfer berufen wurden. Sie hatten unterschiedliche Kompetenzen im Heilen und Mutmachen, im Abwehren und in der Prophylaxe. Sie waren in den ersten Jahrhunderten als Märtyrer gefoltert und ermordet worden. Das machte sie glaubwürdig für Menschen in psychosomatischen und lebensbedrohlichen Krisen. Nach über tausend Jahren wurden sie also wieder nach vorne geholt. Ihre Gewalterfahrungen konvertierten dabei zu Beistandsverpflichtungen. So wurden Christopherus und Georg prominent, Agatha, Barbara und Katharina auch.

Zur Heiligen Katharina hat die Große Dame des englischen Krimis, Agatha Christie, eine weitere Geschichte fabuliert. In ihr fahren die 14 Nothelfer ein zweites Mal zur Erde. Sie geben ihre Heiligenscheine an der Himmelspforte ab und wandern in der Neujahrsnacht 2000 über englische Landstraßen und helfen Bettlern und Ausgestoßenen. Zum Beispiel einer Mrs. Badcock, die auf einer Abfallhalde einen ganz passablen Kinderwagen gefunden hat, leider fehlten dem die Räder. Aber zum Glück hat die heilige Katharina dasjenige Rad dabei, auf das man sie einst bei ihrem Martyrium geflochten hat. Und für eine himmlische Helferin ist es ein Leichtes, aus einem Rad vier zu machen.[1]

 Zwischen dem Mittelalter und Agatha Christie erfuhren die 14 Nothelfer eine weitere Wesensveränderung, sie wurden Engel. In Grimms Märchen beten Hänsel und Gretel in großer Not den Abendsegen: „Abends, will ich schlafen gehn, vierzehn Engel um mich stehn: zwei zu meinen Häupten, zwei zu meinen Füßen, zwei zu meiner Rechten, zwei zu meiner Linken, zwei die mich decken, zwei, die mich wecken, zwei, die mich weisen zu Himmels Paradeisen!“ – Martin Luther drängte zwar den Kult um die Nothelfer zurück, um Christus allein – solus christus – als den eigentlichen Nothelfer Gottes herausragen zu lassen. Aber bei dem berühmten Gewitter rief er die Heilige Anna an. Martin Luther wusste zeitlebens zu jedem Nothelfer und Erzengel deren Jobprofil.

Die Heilige Katharina kannte sich mit Wagenrädern aus, und so konnte sie einen radlosen Kinderwagen aus dem Schrott bergen und wieder flott machen. Diese Hilfeform erinnert an die ehrenamtlichen „Repair Cafes“. Sie reparieren defekte Sachen, damit die nicht in den Müll wandern und nebenbei helfen sie gegen menschlichen Kummer. – Ebenso pragmatisch ist ein Projekt der Kältehilfe. Eine Volkshochschule[2] bietet in ihrer Mensa-Küche abends Kochkurse an; speziell für einfache Mahlzeiten für Hilfesuchende. Die Kurse sind ausgebucht. 120 Portionen Reis mit Kichererbsen-Curry werden beispielsweise an einem Tag zubereitet und ausgeschenkt. Die Ehrenamtlichen dort erfahren dazu eine Dankbarkeit, als wären sie klassische Nothelfer/innen. – Als die 3 Kältebusse der Berliner Stadtmission von einem verwirrten Mann angezündet wurden, kamen viele Geldbeträge zusammen und Autohäuser boten Ersatzfahrzeuge an. So agieren die Helfer hinter den Helfern, und so sehen wir viele Möglichkeiten für uns.

Unsere vielen karitativen und diakonischen Hilfeteams sind Nachfahren der Schutzengel und der Nothelfer. Ihre Kaskade hat ihren Ursprung in Gott als dem Nothelfer Israels. Welche Alleinstellungsmerkmale hat aber Gott als Nothelfer?

Gott geht als Nothelfer anders mit der Zeit um als wir, die wir in Zeitnot geraten sind. Er verkürzt die Zeiten des Zorns und dehnt seine Gnade ins Langmütige. Gott trennt nicht zwischen Seelsorge und Leibsorge. Geheilte werden wieder in ihr Dorf geschickt, Witwen und Waisen erhalten Brot und Recht, Salz und Mut. Gott als Nothelfer ist kreativ und beständig. Sein „Ich mache alles neu!“ meint seinen kontinuierlichen Schöpfungsprozess. Und auch sein Messias Christus ist sich selbst derselbe – gestern, heute und in Ewigkeit. Gott handelt hautnah und zugleich verborgen. Er verbirgt sich in Wolken und Feuersäulen und ringt mit Dir wie ein Ringkämpfer notfalls bis zur Morgenröte. Gott als Nothelfer beruft seine Leute privat und zugleich programmatisch. Jesus hat seine Jünger aus ihrem Umfeld herausgerufen und sie ausgesandt wie Schafe unter Wölfe.

So finden wir die Spuren Gottes als „Trost und Nothelfer Israels“ bis zu uns. Wir sind begabt und beauftragt, auch gegen die Mega-Sünden unsrer Zeit. Seien es Verteilkämpfe um Ressourcen oder das Insektensterben oder andere Bedrohungen. Denn uns kommt der Schöpfergott entgegen, der uns aus der Schreckensstarre heraushilft. Amen

 

Liedvorschläge
Du sendest uns durch dein Wort in die Welt
Die Erde ist des Herrn
Herr, gib uns Mut zum Hören
Wenn das Brot, dass wir teilen


Manfred Mielke, Pfarrer der EKiR im Ruhestand, geb 1953, verheiratet, 2 Söhne. Sozialisation im Ruhrgebiet und in Freikirchen. Studium in Wuppertal und Bonn (auch Soziologie). Mitarbeit bei Christival und bei Kirchentagen. Partnerschaftsprojekte in Ungarn und Ruanda. Musiker und Arrangeur.

Fussnoten
[1] zitiert nach: Chr. Feldmann; Münchner Kirchenzeitung, 18.07.2021, Nr. 29.
[2] Tagesschau 13.01.2026.