Jeremia 29,1.4–7(8.9)10-14

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21. So. n. Trinitatis | 25. Oktober 2026 | Jeremia 29,1.4–7(8.9)10-14 | Dr. Rainer Stahl |

„Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus,
die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit Euch allen!“

Liebe Leserinnen! Liebe Leser!
Liebe Schwestern und Brüder!

Zuerst will ich den Bibeltext für die Predigt nach der Übersetzung der „BasisBibel“ bieten:

1a „Der Prophet Jeremia schrieb aus Jerusalem einen Brief:

1b Er schickte ihn nach Babylon an alle, die dorthin in die Verbannung geführt worden waren: an den Rest der Ältesten des verschleppten Volkes, an die Priester und Propheten und an das ganze Volk, das Nebukadnezzar aus Jerusalem verschleppt hatte.

4a »So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels!

4b Das ist meine Botschaft für alle in der Verbannung, die ich aus Jerusalem nach Babylon weggeführt habe:

5a Baut Häuser und lasst euch darin nieder!

5b Legt Gärten an und esst, was dort wächst!

6a Heiratet und zeugt Söhne und Töchter! Verheiratet auch eure Söhne und Töchter, damit auch sie Kinder bekommen!

6b Eure Zahl soll dort wachsen, nicht abnehmen.

7a Seht zu, dass es der fremden Stadt gut geht, in die ich euch verbannt habe! Betet für sie zum HERRN!

7b Denn geht es ihr gut, wird es auch euch gut gehen. Und ihr werdet in Frieden leben.«

10a »So spricht der HERR: Erst wenn 70 Jahre vergangen sind, werde ich mich euch in Babylon wieder zuwenden.

10a Erst dann werde ich meine Verheißung erfüllen und euch an diesen Ort hier zurückbringen.

11a Denn ich weiß, was ich mit euch vorhabe – Ausspruch des HERRN –

11b Ich habe Pläne des Friedens und nicht des Unheils. Ich will euch Zukunft und Hoffnung schenken.

12a Ihr werdet zu mir rufen. Ihr werdet kommen und zu mir beten,

12b und ich werde euch erhören.

13a Ihr werdet mich suchen, und ihr werdet mich finden.

13b Ja, wenn ihr von ganzem Herzen nach mir fragt,

14a dann lasse ich mich von euch finden. – Ausspruch des HERRN – Ich lasse euer Schicksal wenden. Ich werde euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch verbannt habe. – Ausspruch des HERRN –

14b Ich bringe euch an den Ort zurück, von dem ich euch weggeführt habe«“.[1]

Über dieses Bibelwort hatte ich schon einmal eine Predigt für die Göttinger Predigten im Internet zur Verfügung gestellt: Für den 21. Oktober 2018.[2] Deshalb will ich jetzt ganz neu auf es zugehen. Oder besser: Deshalb will ich mich von ihm ganz neu ansprechen lassen.

Besonders ist uns folgende Aufforderung bekannt: „Seht zu, dass es der fremden Stadt gut geht.“ / „Suchet der Stadt Bestes.“ (Vers 7a).[3] Diese Aufforderung hatte mich besonders während der Zeit als Christ in der DDR zu meinem aktiven Leben dort befreit. Und dieses, obwohl ich nie in die DDR verbannt worden war, nie in die DDR weggeführt worden war. Sondern im Gegenteil: Obwohl ich Anfang Februar 1985 nach einer Arbeit im Lutherischen Weltbund in Genf in die DDR zurückgekehrt war.

Nur am Rande bekomme ich mit, dass im Fernsehen häufig Berichte über Ehepaare, über Familien gezeigt werden, die Deutschland verlassen haben und auf Grund eigener Entscheidung in einem anderen Land leben – in Spanien zum Beispiel, oder auf der Insel Grenada zum Beispiel. Ob solche mutigen Menschen, wenn sie etwas vom Buch des Propheten Jeremia wissen, ihren Lebensweg auch unter dieser Vision begreifen können? Soweit ich gelegentlich kurz in solche Berichte hineinsehe, bekomme ich folgenden Eindruck: Ja, sie wollen im neuen Zu-Hause aktiv mitgestalten – zum Beispiel beim Aufbau und bei der Führung eines Gestüts.

Jetzt muss ich anhalten und mich einer grundlegenden Tatsache aussetzen: Unser Bibelwort war wirklich an die Judäer der ersten Deportation aus Jerusalem und Juda nach dem Krieg der Babylonier gegen Juda in der Zeit 598/597 vor Christus gerichtet. Jeremia hatte mit seinem Brief diese Gruppe von Menschen angesprochen und ihnen von Gott her Hoffnung vermitteln wollen. Sogar in der überraschend direkten Weise, dass ihr Leben in der Deportation auf die folgenden 70 Jahre der Existenz des Großreichs Babylon begrenzt bleiben werde: „Erst wenn 70 Jahre vergangen sind, werde ich mich euch in Babylon wieder zuwenden.“ / „Wenn für Babel siebzig Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen.“ (Vers 10a).

Da fällt mir eine Situation in meinem Leben ein: Ich war Assistent im Fach Altes Testament in der Universität Jena. Da hatte ich auch Lehrveranstaltungen zu halten. Wohl im Herbstsemester des Jahres 1978 hatte ich über das Persische Großreich berichtet und seine Dauer von etwa 600 vor Christus bis 331 vor Christus hervorgehoben. Vielleicht kennen Sie auch den alten Sinnspruch „Drei, drei, drei – bei Issos Keilerei“, womit die wichtige Schlacht bei Issos im Jahre 333 vor Christus in Erinnerung gerufen wird – eine Schlacht, die die Perser verloren hatten und sich dieses Großreich von da an auflöste. Aber damals, in der Lehrveranstaltung, hatte ich völlig unvorbereitet und ganz spontan folgende Frage gestellt: „Etwa 300 Jahre lang hatte das Persische Imperium bestanden! Wie lange wird wohl das Sowjetische Imperium bestehen?“ Danach hatte ich keine Probleme. Es hatte also niemand der Staatssicherheit berichtet! Dafür bin ich noch heute dankbar.

Wir müssen also unser Bibelwort aus allen historischen Verankerungen lösen und es als Ermutigung auch für uns im Land Deutschland im Jahr 2026 verstehen!

So nehme ich es als Motivation für die Deutschstunden, die ich mit dem ursprünglich aus der Ukraine stammenden Hausmeister in der Johannesgemeinde wöchentlich durchführe.

So verstand ich es von Anfang an als Motivation dafür, mich als Wahlhelfer bei Wahlen bereit zu erklären und bei den Wahltagen mitzuarbeiten – erstmals im März 1990 in Leipzig zur ersten demokratischen Wahl in der DDR.

So ermutige ich auch Sie, liebe Leserinnen und Leser, liebe Schwestern und Brüder, Aufgaben in Ihrem Umfeld von dieser Ermutigung her aktiv aufzunehmen.

Amen


„Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft,
bewahre Eure Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn!“

Predigtlied: EG 425,1-3 – „Gib uns Frieden jeden Tag! …“


Verfasst von:
Dr. Rainer Stahl


Als Quellen kann ich angeben:

BasisBibel. Die Kompakte, Stuttgart 2021, S. 1229.

Biblia Hebraica Stuttgartensia, Nr. 8: Liber Jeremiae, hrg. von W. Rudolph, Stuttgart 1970, S. 60-61.

[1] Sie sehen: Es ist mir gelungen, diese etwas freiere Fassung unseres Bibelwortes doch mit dem hebräischen Original zu vergleichen und jeweils bis zum Atnach den Teil a jedes Verses und nach dem Atnach den Teil b deutlich zu machen.

[2] Vgl. Rainer Stahl: Wer ist die Wahrheit? Teil II. Biblische Predigten zu Themen unserer Zeit. Zweite Auflage, Fromm-Verlag, 2025, S. 202-206.

[3] Im Text meiner Predigt gebe ich die kurzen Zitate aus Jeremia 29 sowohl entsprechend der Übersetzung der „BasisBibel“, als auch entsprechend der Übersetzung der Lutherbibel, revidiert 2017, Stuttgart 2016.