Jeremia 31,31–34

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Die Bedeutung der Tora und des Bundes – neu oder erneuert? | Exaudi | 17. Mai 2026 | Jer 31,31–34 | Thomas Bautz |

 

Die Bedeutung der Tora und des Bundes – neu oder erneuert?

Liebe Gemeinde!

Ich möchte unsere Aufmerksamkeit auf ein Bündnis lenken, das die hebräische Bibel im Jeremiabuch[1] durch den Propheten Jeremia überliefert hat.[2] Der Prophet konnte nach biblischen Quellen vierzig Jahre lang wirken: vom König Josia – dessen grundlegende Reform nicht nur „Bestimmungen für die Reinheit und Einheitlichkeit des Kults“ enthielt, sondern mit „Verordnungen der sozialen Gerechtigkeit“ eng verknüpft war[3] –, bis zu König Zedekia. Jeremia war tätig „von der Blüte theologischer Neuorientierung in vorexilischer Zeit […] bis zur größten Katastrophe der Geschichte Judas, der Zerstörung des Tempels sowie der Stadt Jerusalem und der Deportation [großer Teile] der Bevölkerung“.[4] Zedekia[5] als letzter König von Juda war der Imperialmacht der Babylonier gegenüber argen Schwankungen unterworfen – zwischen Ergebung (als Vasall) und Auflehnung oder Widerstand. Obwohl er die Bedrohung erkannte, wollte er dem Rat und den Warnungen Jeremias nicht Folge leisten.

Jeremia als „politischer Querdenker“,[6] richtet sich nicht nach dem Zeitgeist und riskiert „unbequeme Positionen“, gerät damit in Situationen, die Leib und Leben bedrohen.[7] Dazu bedarf es einer Berufung, wie sie unsere Zeit nicht mehr kennt, weil sie bereits pränatal erfolgt: „Bevor ich dich gebildet habe im Mutterleib, habe ich dich gekannt, und bevor du aus dem Mutterschoß gekommen bist, habe ich dich geweiht, zum Propheten für die Nationen habe ich dich bestimmt“ (Jer 1,5 Zürcher Bibel); vergleiche Psalm 139,16a: „Noch bevor ich geboren war, sahen mich deine Augen, […]“ (Zürcher Bibel).

Zur Berufung Jeremias schreibt Martin Buber: Unter allen Propheten Israels geschieht nur bei Jeremia der „verwegene“ Dialog „des unbedingt Unterlegenen mit dem unbedingt Überlegenen“ – der Mensch ist hier „Person geworden“. „Zu dem und durch den das Wort gesprochen wird, der ist im eminenten Sinn Person: ehe es durch ihn gesprochen wird, in der Menschensprache, wird es zu ihm gesprochen in einer anderen, aus der er es in jene zu übertragen hat – zu ihm gesprochen wird es von Person zu Person. Um zum Menschen reden zu können, muß Gott Person werden; aber um zu ihm reden zu können, muß er ihn auch zur wirklichen Person machen. Diese menschliche Person nimmt das Wort nicht bloß auf, sie antwortet auch darauf, wehklagend, anklagend, Gott selber anklagend, um die Gerechtigkeit mit ihm rechtend, sich beugend, betend.“[8]

Jedes „Glaubensverhältnis Israels ist dialogisch […]. Der Mensch kann reden, er darf reden; wenn er nur wirklich zu Gott redet, gibt es nichts, was er ihm nicht sagen darf.“ JHWH „bildet“ Jeremia als Person „im Mutterleib“, aber „diesem Bilden geht ein ‚Erkennen‘, ein anfänglicher Kontakt des Schöpfers mit dem erschaffenen Individuum als solchem voraus und dem Bilden folgt, im Mutterleib noch, ein ‚Heiligen‘ für den Beruf, zu dem diese Person berufen werden soll […]: er wird als Nabi [Prophet] für die Völkerwelt eingesetzt.“[9]

Auch wenn die Berufungen anderer Propheten stets einen persönlichen, mitunter intimen Charakter haben, aber diese ursprüngliche, außergewöhnliche Nähe von Geburt an ist einmalig. Das Verhältnis zwischen JHWH und Prophet wird „vom Wort getragen“; das „Gotteswort“ – wie es schon eines seiner Bedeutungen im Hebräischen (Geschehen, Ereignis) anzeigt – geschieht „plötzlich, vom Menschen nicht erwartet und nicht gewollt“, es „ist frei und neu wie der Blitz“. Auch der Künder, der Prophet, „wird von ihm immer wieder bezwungen, ehe er es sich ‚in den Mund legen‘ läßt (Jer 1,9; 20,7).“[10]

Jeremia verfasst das „Trostbüchlein“ (Jer 30–31)[11] nach dem zweiten babylonischen Exil (587 v.d.Z.),[12] der Deportation eines großen Teils von Juda und der Zerstörung Jerusalems. Er weiß, dass die bisherigen Bündnisse[13] unwirksam waren, nicht eingehalten, gebrochen wurden. Anders als die Propheten vor ihm, kann Jeremia „dem Menschen [nur] eine geringere Entscheidungskraft“ zuschreiben; es ist notwendig, dass sich JHWH auf eine neue Art offenbart: „JHWH wird selber sein Wort Israel ins Herz schreiben, ohne [Gesetzes]Tafeln, ohne gegenständliche Mitteilung mehr. Keine Tafel und keine Lade […].“ „Wenn Gott dem Volk sein Wort ins Herz gibt, bedarf es keiner Sicherung mehr.[14]

Hier geht es nicht um „die Äußerung eines geläufigen Gottes, mit dem man an bestimmten Orten [wie Heiligtümern, Tempel] und zu vorbestimmten Zeiten [Feste] geregelten Umgang [Kultus, Riten] pflegt“. Hier spricht „ein Unfaßbarer, Regelwidriger, Überraschender, Überwältigender“; daher obliegt es nur diesem Wort, „den Weg zu weisen“.[15] Wie ist es möglich, dass ein Mensch wie Jeremia eine Botschaft empfangen kann, die über Wesen und Wirksamkeit unserer Sprache hinausgeht, sie übersteigt oder sie sprengt und neu zusammensetzt? Bei Homer (Ilias; Odyssee) heißt es, aus dem Dichter spräche eine übermenschliche Stimme, von der Muse eingegeben oder von einem Gott in den Sinn gepflanzt.[16]

„Gotteswort“ und Menschenwort zu unterscheiden, zu vergleichen, bleibt ein unlösbares Problem; wir kennen nur Sprache als solche. Dogmatisch nimmt man Formeln: „Gotteswort als Menschenwort“ und „Gotteswort in Menschenwort“, verbleibt damit aber in rein systematisch-theologischem Denken.[17] Jeremia kennt diese Schwierigkeit offenbar nicht, aber er hat ein anderes Verständnisproblem, das seinen Berufsstand immens und grundlegend betrifft. Er setzt sich nämlich wiederholt mit Propheten auseinander, die nur scheinbar von JHWH berufen sind, „falsche“ Propheten oder Lügenpropheten.[18]

Ihre „Trugbilder“ und trügerische Sicherheit verbreitenden Worte sind von den aufrüttelnden Sprüchen JHWHs durch den Mund Jeremias zu unterscheiden, was unbedingt erforderlich ist. Wollte man es aber als ein Kriterium ansehen, ob eine Prophezeiung zutrifft oder nicht, liegt man daneben, denn auch echte Prophetie ist keineswegs immer mit ihrer Erfüllung verknüpft. Es gilt auch nicht, „ob Heil oder Unheil angesagt wird, sondern ob die Ansage, wie immer sie sei, dem göttlichen Anliegen einer bestimmten geschichtlichen Situation entspricht.“[19]

„Zeiten der falschen Sicherheit gebührt der aufrüttelnde Unheilsspruch“, auf den nahenden Untergang hinweisend. „Zeiten der großen Not, aus der noch oder schon eine Befreiung geschehen kann, der Reue und der Umkehr gebührt der ermunternde, einigende Heilsspruch.“ Jeremia vertritt keinen schützenden JHWH, jedenfalls nicht pauschal. Die falschen Propheten „reden nicht bloß den Leuten zu Gefallen“; sie sind eigenen Träumen und Trugbildern verfallen, „sind selber in den Trug der Wunschwelt verstrickt“; sie „machen ihr Unterbewußtes zum Gott, den wahren [Propheten] wird ihr Unterbewußtes von der Hand des wahren Gottes bezwungen, der allem psychisch Vorfindbaren und Erschließbaren unbedingt transzendent ist und eben in dieser seiner Transzendenz als der Bezwingende erfahren wird.“ Solches wird in der Biographie und Prophetie Jeremias deutlich.[20]

Zur Transzendenz weiß Emmanuel Lévinas (1905–1995) Wesentliches beizutragen, indem er den Begriff des Unendlichen zur Bestimmung hinzunimmt: das Unendliche als „das radikal, das absolut Andere. Die Transzendenz des Unendlichen mir gegenüber, der ich davon getrennt bin und es [dennoch] denke, stellt das erste Zeichen seiner Unendlichkeit dar.“ „Die Idee des Unendlichen ist also die einzige, die uns etwas lehrt, was wir nicht schon wissen. Sie ist in uns hineingelegt. Sie ist keine Erinnerung.“[21]

Transzendenz bleibt offen und ist nicht gegenständlich fassbar; sie ist das Ungegenständliche „alles Seienden: des Unbedingten im Bedingten, des Unendlichen im Endlichen, die unanschauliche letzte Wirklichkeit im Endlichen […]“, das Unanschauliche im Anschaulichen. „Transzendenz darf [aber] nicht als das schlicht Jenseitige gedacht werden.“[22]

Jeremia erfährt das gegenständlich nicht Fassbare; das Wort des Transzendenten, des Ewigen (häufige Benennung JHWHs, um das Tetragramm zu vermeiden), das in ihn hineingelegt wird, ihn inspiriert in einer Weise, die über die Inspiration des Rhapsoden, des Dichters und Sängers, durch die Musen weit hinausgeht, weil sie ihn in die Verantwortung des Propheten beruft.

Jeremia ist dazu berufen, einen neuen Bund, keine Erneuerung[23] eines der alten Bündnisse – weder des Abrahambundes, noch des Davidbundes (der nach Davids letzten Worten ewig halten soll; 2 Sam 23,5) noch des Sinaibundes, sie alle wurden gebrochen.[24] Nun will JHWH ein für allemal einen Bund besiegeln, der tragfähig ist, indem er die größtmögliche Nähe zum Volk Israel herstellt, ähnlich der bewährten Beziehung zu Jeremia. Jer 31,31–34 zeigt markante Unterschiede zwischen hebräischem masoretischem Text[25] (a) und griechischer Übersetzung/ Septuaginta mit einer anderen hebräischen Fassung als Vorlage (b), wobei Unterschiede nur V. 32 u. V. 33 betreffen, V. 31 u. V. 34 bleiben davon unberührt:[26]

(MT) 32c […]; denn sie, sie haben meinen Bund gebrochen, obwohl ich mich doch als Meister über sie erwiesen hatte! Spruch JHWHs. 33b Meine Weisung (Tora) habe ich in ihr Inneres gelegt, und in ihr Herz werde ich sie ihnen schreiben.

(Septuaginta/ LXX Jer 38,32 u. 38,33): […] denn sie hatten nicht in meinem Bund verharrt, und ich wurde ihrer überdrüssig (oder ich vernachlässigte sie, spricht der Herr.“ 38,33 Gebend werde ich meine Gesetze in ihr Inneres geben[27] (διδοὺς δώσω νόμους εἰς τὴν διάνοιαν αὐτῶν),[28] und auf ihre Herzen werde ich sie schreiben (Pronomen sie im Plural: αὐτούς auf „meine Gesetze” bezogen).

Nach dem bekannten masoretischen Text hat Israel den Bund gebrochen, dennoch hielt JHWH ihnen die Treue. Die hebräische Version, die der Septuaginta zugrunde lag, bezeugt aber, dass JHWH seinerseits den Bund aufkündigte, woraufhin ein „bundloser Zustand”: in der Zeit zwischen dem Exodus (Auszug aus Ägypten) und der Zeit Jeremias herrschte, dem erst JHWH viel später ein Ende setzt.[29] 31,33b lautet  (mit קרב)[30] : „Ich gab meine Tora (zwar) in ihre Mitte (mitten unter sie), aber ich werde sie auf ihr Herz schreiben.“[31] „Dieselbe Tora, die früher für das Volk mitten in seiner Versammlung in der Öffentlichkeit erlassen wurde“, wird in Zukunft „auf die Herzen in der Innerlichkeit der Menschen geschrieben“.[32]

Jeremias Prophezeiung hat Kontroversen zwischen christlichen und jüdischen Gelehrten ausgelöst: Verkündet er wirklich einen umfassend neuen Bund oder (nur) die Erneuerung der alten Bündnisse, insbesondere des Sinaibundes und der Verinnerlichung der Tora durch deren Einhaltung? Befragt man die rabbinische Auslegung des Textes bei Jeremia und deren genaue Untersuchung der Tradition, wird deutlich, dass das Neue des Bundes keineswegs die Erneuerung des Bestehenden in Gestalt der Tora ausschließt. Doch wird das Verhältnis zur Tora durch Verinnerlichung erneuert, wodurch der Mensch, der sie achtet, zur Befolgung der Gebote und Weisungen befähigt wird.[33] Es wäre ein neuzeitliches Missverständnis, wollte man „neu“ im Sinne eines prinzipiellen, qualitativen Gegensatzes zum Vorhergehenden verstehen.[34] Genau dies wäre für Kultur und Religion des Judentums undenkbar.

Im Übrigen gab es einen „ersten neuen Bund“, „den Bund mit den Zeitgenossen Jeremias“ (Jer 11,1–14). „Es ist der gleiche Bund wie der ‚des Tages‘ an dem JHWH die Vorfahren aus Ägypten heraufgeführt hat (V. 4).“ Man kann sagen, der Sinaibund sollte durch Jeremia neu proklamiert werden; die Septuaginta lässt die V. 7–8, das Angebot des erneuten Bundesschlusses, einfach weg und erklärt lapidar: „aber sie [Juda/Jerusalem] taten es nicht“ (V. 8e), dieser Bund kam gar nicht erst zustande![35] Gerade deshalb wird die Befähigung zur Einhaltung eines von JHWH zu erfüllenden Bundes in die Zukunft verlegt.

33c Und ich werde ihnen Gott sein, und sie, sie werden mir Volk sein. 34a.b Dann wird keiner mehr seinen Nächsten und keiner seinen Bruder belehren und sagen: Erkennt JHWH! Sondern vom Kleinsten bis zum Größten werden sie mich alle erkennen, Spruch JHWHs, […].

Im Judentum ist auch die Messiaserwartung[36] zukünftig orientiert. Im Unterschied zur Erwartung einer Wiederkunft Christi ist der Messias eine menschliche Figur, die ein weltweites Friedensreich errichten wird. Die ersten Christen rechneten in naher Zukunft mit der zweiten Ankunft, der Wiederkehr (griech. Parusie) des Messias Jesus, dem Weltende und dem Weltgericht.[37]

Aus jüdischer Sicht irrten Nichtjuden, „wenn sie den ‚neuen Bund‘ als neue Lehre verstanden, die ihnen von jenem Mann (Jesus) erneuert worden ist.“[38] Der neue Bund ist „vom ersten nicht verschieden“. Aber „anders als in der Vergangenheit“ werden die Israeliten „Gott die Treue halten“. „Neu ist nicht der Inhalt des Bundes, sondern die Art und Weise, wie der alte Sinaibund vom Volk beachtet wird.“[39] „Es gibt keinen neuen Bund, sondern nur das Einhalten des alten.“ „Der neue Bund wird dem alten ähnlich sein, von dem er [JHWH] kein Wort, keine Silbe abändern wird“.[40] Bei Licht besehen, ist die Haltung zur Tora seitens christlicher Theologie (wenn auch nicht rundum) unverständlich, wenn man die einleitenden Worte zum Hauptteil der Bergpredigt Jesu berücksichtigt (Mt 5,17–20: 17–18):[41]

„Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. Amen, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht ein einziges Jota oder nicht ein einziges Häkchen vom Gesetz vergehen […].“

Auf christliche Bibelauslegung wirkt dieser Text befremdlich; die Verse „gehören zu den schwierigsten im Evangelium. Matthäus macht durch ihre Stellung am Anfang des Hauptteils der Bergpredigt […] deutlich, daß sie für ihn grundsätzlich wichtig sind.“ Sein „Verhältnis zum mosaischen Gesetz und damit zum Judentum“ stehen zur Debatte.[42] Diskutabel ist es aber auch, wenn Exegeten nicht bedenkenlos Jesus als Juden und damit auch seine Verkündigung im Sinne seiner Treue zur Tora voraussetzen! Man bemerkt im Hinblick auf „Quellen und Herkunft“, es wäre „verwegen, diesen Spruch [V. 17] auf Jesus zurückzuführen“, um daraus Jesu Gesetzesverständnis abzuleiten. Es scheint hier eine Analogie zum ähnlichen Problem einer Abgrenzung vom alten zum neuen Bund zu bestehen. Dennoch lautet eine Lösung des Problems: Matthäus habe „eine judenchristliche Tradition aufgenommen, die das Halten aller Einzelgebote der Tora fordert […].“ Jesus sei „Herr der Tora“, aber er nimmt seine Autorität so wahr, „daß er die Tora uneingeschränkt gültig sein läßt.“[43]

Drewermann erkennt, es geht Jesus um „unmittelbares Vertrauen auf Gott“: „Da sollte nichts gemildert werden an all dem“, was Tora und Propheten sagen, „aber es sollte endlich von innen her […] Gültigkeit erlangen; endlich sollte lebbar werden, was bisher bloße Hoffnung war: daß auf dieser Welt einzig Gott über den Menschen zu sagen hat […].“[44]

Die Erfüllung der Tora durch den Nazarener könnte missverstanden werden, so als dürften sich Juden (und Christen, die es zu seiner Zeit freilich noch nicht gab!) entspannt zurücklehnen und jegliche aktive Frömmigkeit vernachlässigen, wie Armenpflege, Sorge für die Witwen, Pflege der Kranken, Einstehen für Gerechtigkeit, Erziehung der Kinder in der Tora, Kritik gegenüber den Herrschenden – eben all das und noch mehr, was die Tora und die Propheten lehren. Man hat später die gesamte hebräische Bibel als Tora bezeichnen können, was auch sinnvoll ist, weil dann Weisheitsliteratur, die Poesie der Psalmen, die Sprüche und der kritische Philosoph Kohelet hinzukommen. Man erinnere sich zudem an einen Rat Martin Luthers:[45] Die Bibel ist nicht [zuerst] Lesewort, sondern Lebewort. Gewissenhafte Beachtung der Tora – sei es nach dem alten, sei es nach dem neuen Bund – führt zu einem verantwortlichen Handeln für den Anderen, für die Leidenden, die Schwachen, die Entrechteten, für die Armen.

Zwischen JHWH und dem Volk entsteht etwas Neues: Er verlässt die Kultstätte, den heiligen Tempel, wird ein „Gott der Ferne“, der aber „Himmel und Erde erfüllt“ und „alles wahrnimmt“, „allem überlegen bleibt […].“ „Aber er bleibt zugleich bei den Verstoßenen, bei den Leidenden“, „bei dem Zermalmten“ und Erniedrigten. „Den Regionen der Mächtigen und Gesicherten unendlich überlegen, läßt er sich zu den am Boden Liegenden nieder und nimmt an ihrem Leiden teil. Seine wachsende Unbegreiflichkeit wir dadurch gemildert und sogar ausgeglichen, dass er der Gott der Leidenden und das Leid ein Zugang zu ihm wird, wie wir schon aus Jeremias Leben erkennen […].“ Jeremia wird durch das Leiden immer tiefer in die „Gemeinschaft mit JHWH“ geführt.[46] „Das Leid, das er durch Israel leidet, leidet er für Israel. Und so leidet er es um JHWH willen.“[47]

Das Leiden Jeremias beruht zum größten Teil auf seinen kontroversen Ansichten in der Einschätzung der Babylonier, die Juda erobern und zerstören würden, weil die herrschende Klasse dort unverantwortlich „waghalsige politische Pläne“ verfolgt. Jeremia tritt an die Öffentlichkeit und verstärkt seine Botschaft mit „spektakulären Aktionen“ (Zeichenhandlungen); so läuft er z.B. „mit einem Joch auf den Schultern durch Jerusalem“. Am meisten provoziert er mit der Behauptung, die Babylonier, samt des Unheils, das von ihnen ausgeht, seien „ein Werkzeug Gottes“.[48] Damit hat er zweifellos nicht Unrecht, auch wenn es gewissermaßen nicht beweisbar ist, denn aus profaner Sicht handelt es sich einfach um eine Verkettung politischer Notwendigkeiten. Andererseits haben auch andere Propheten im Namen JHWHs Unheil als Folge der Bündnisuntreue Israels und Juda verkündet, und die Prophezeiungen erwiesen sich als wahr.

„Mit seinem Auftreten und seiner politisch brisanten Position gerät Jeremia schnell ins Visier […] der politisch mächtigen Kreise am Hof, zu denen auch die vom König bestallten und finanzierten Propheten gehören. Seine Kritik an den Institutionen verbindet Jeremia mit dem Vorwurf der Falschprophetie gegenüber seinen Prophetenkollegen.“[49] Jeremia riskiert viel: Man schmiedet Mordpläne gegen ihn. Beim Versuch, Jerusalem während einer Belagerungspause zu verlassen, wird er inhaftiert und in eine Zisterne gesperrt, „unter dem Vorwurf, zu den Babyloniern überlaufen zu wollen“. Nachdem er befreit wurde, bekam er nach etlichen Diskussionen mit dem König in dessen Palast „Hausarrest“ und erlebte von dort aus die Eroberung Jerusalems. Der babylonische Befehlshaber ließ ihn aber frei, und Jeremia gehörte auch nicht zu den Deportierten. Mit einer Gruppe gelangte er später nach Ägypten, wo sich seine Spuren allerdings verloren.[50]

Versuchen wir eine „Wegweisung für unsere Zeit“. Der Rabbiner Roland Gradwohl meint, es käme auf die Gemeinschaft und jeden Einzelnen an, ob die Tora, „die ethischen Forderungen vom Sinai graue Theorie bleiben oder ins Herz eingeschrieben sind.“ „Oft ist die Tradition des Glaubens zur leblosen Form erstarrt ohne direkten Bezug auf das Tun des Menschen.“ „Der Prophet spricht vom Bund des Herzens, vom Bund, der den ganzen Menschen umschließt und daher auch zu beglücken vermag.“

Der „neue Bund“ führt auch zum Frieden hin; er verdankt sich Gottes Wirken. „Am Menschen liegt es, sein Herz und seinen Geist bereit und offen zu halten, empfänglich für den Segen Gottes.“

Amen.


Pfarrer Thomas Bautz
im Unruhestand
bautzprivat@gmx.de


Fussnoten:

[1]https://www.die-bibel.de/ressourcen/wibilex/altes-testament/jeremia-jeremiabuch; Hermann-Josef Stipp: Jeremia / Jeremiabuch, wibilex (2019). Das Jeremiabuch gehört zu den komplexesten Büchern der BH.

[2]https://www.die-bibel.de/ressourcen/wibilex/altes-testament/bund-at; Udo Rütersworden: Bund (AT), wibilex (2006): (3.) Der Bund mit Gott, S. 2–8; (3.2.) Der Bund in den Prophetenbüchern, S. 6–8.

[3]Martin Buber: Der Glaube der Propheten (2., verb. Aufl. 1984): Der Gott der Leidenden (195 – 226): Gegen das Heiligtum (197–226): Jeremia, 201ff u. 205–226: 204.

[4]Barbara Schmitz: Geschichte Israels (2., aktual. Aufl. 2015): Jeremia, 27–29: 27.

[5]Cf. https://www.die-bibel.de/ressourcen/wibilex/altes-testament/zedekia.

[6]Schmitz: Geschichte Israels: Jeremia, 27. Nicht im Sinne der heutigen Gruppe(n) rechtsextremer Querdenker!

[7]Schmitz: Geschichte Israels: Jeremia, 27–29 u. passim; cf. Stipp: Jeremia, 1–2; TRE 16 (1987), Art. Jeremia / Jeremiabuch (Siegfried Herrmann), 568–586: Der Prophet Jeremia und seine Zeit, 568–571.

[8]Buber: Der Glaube der Propheten, 207; (kursiv; Th.B.).

[9]Buber: Der Glaube der Propheten, 207.

[10]Buber: Der Glaube der Propheten, 206–207.

[11]Georg Fischer: Das Trostbüchlein. Text, Komposition und Theologie von Jer 30–31, SBB 226 (1993).

[12]Es ist wohl davon auszugehen, dass das Exil als religiöse Strafe empfunden wurde; TRE 10 (1982), Art. Exil (I.) Altes […] Testament (Rudolf Schmid), 707–710: (2.) Das babylonische Exil als Krise und Neuanfang. Dennoch bestanden für die Juden in Babylonien komfortable Lebensumstände. Wie andere in verschiedenen Kolonien angesiedelte Juden konnten sie ohne Zwang Handel, Landwirtschaft, Häuserbau betreiben. Schmitz: Geschichte Israels (2015): Das Leben in Juda, Babylonien und Ägypten (597/ 587–520 v.d.Z.), 35–45.

[13]Horst Dietrich Preuß/ Klaus Berger: Bibelkunde des Alten und Neuen Testaments. Erster Teil: AT (1980), 45; TRE 7 (1980), Art. Bund (I) Altes Testament (Ernst Kutsch), 398–403.

[14]Buber: Der Glaube der Propheten, 216 (kursiv; ThB.).

[15]Buber: Der Glaube der Propheten, 207.

[16]Bruno Snell: Die Entdeckung des Geistes (1980), 127–128 (Stellenangaben dort).

[17]Albrecht Beutel: In dem Anfang war das Wort. Studien zu Luthers Sprachverständnis, HUT 27 (1991).

[18]Roland Gradwohl: Bibelauslegungen aus jüdischen Quellen 2 (1987): „Wer stand im Rat des Herrn?“ (Jer 23,16–29), 256–275.

[19]Buber: Der Glaube der Propheten, 221–222.

[20]Buber: Der Glaube der Propheten, 222–223; zur Transzendenz,

[21]E. Lévinas. Die Spur des Anderen (62012): (7.) Die Philosophie und die Idee des Unendlichen, 197.

[22]Macht des Bildes – Visionen des Göttlichen. Kunst und Transzendenz (2009), 34.

[23]Genau das bleibt noch zu prüfen (s.u.).

[24]Gradwohl: Bibelauslegungen aus jüdischen Quellen 2 (1987): Der „neue Bund“ (Jer 31,31–34), 293–305: 294–295.

[25]https://www.die-bibel.de/wissenschaftliche-ausgaben/biblia-hebraica-stuttgartensia/masora.

[26]Adrian Schenker: Das Neue am neuen Bund und das Alte am alten. Jer 31 in der hebräischen und griechischen Bibel, FRLANT 212 (2006): (I.) Altes Testament (2.) Die Verheißung des neuen Bundes im hebräischen maso-retischen Text von Jer 31,31–34 im Vergleich mit derselben Verheißung in der Septuaginta und ihrer hebräi-schen Vorlage (S. 17–34): (2.1) Der Wortlaut der Verheißung, S. 17–19: 19. Joseph Ziegler: Beiträge zur Ieremias-Septuaginta (Nachrichten der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, Philologisch-Historische Klasse 1958,2).

[27]Figura etymologica (rhetorische Figur); https://de.wikipedia.org/wiki/Etymologische_Figur.

[28]Schenker: Das Neue am neuen Bund (2006): (2.6) Jeremia 31,33 in der Septuaginta (Jer 38,33), S. 32–34.

[29]Schenker: Das Neue am neuen Bund (2006): (2.3) Erörterung von Jer 31,32 im hebräischen masoretischen Text und in der Septuaginta, Jer 38,32, S. 20–25.

[30]בְּקִרְבָּ֔ם

[31]Schenker: Das Neue am neuen Bund (2006): (2.5) Erörterung von Jer 31,33 im hebräischen masoretischen Text, 26–31: 28–29.

[32]Schenker: Das Neue am neuen Bund (2006), 31.

[33]Cf. Gradwohl: Bibelauslegungen aus jüdischen Quellen 2 (1987): Der „neue Bund“, 297–302.

[34]https://www.die-bibel.de/ressourcen/wibilex/altes-testament/bund-at; Rütersworden: Bund (AT), (2006): (3.) Der Bund mit Gott (3.2.) Der Bund in den Prophetenbüchern, S. 7.

[35]Schenker: Das Neue am neuen Bund (2006): (4.) Auffassung von neuen Bund in der LXX: ein drittes Bündnis Gottes mit seinem Volk (4.1) Ein erster neuer Bund: der Bund mit den Zeitgenossen Jeremias, (Jer 11,1–14), S. 37–38; cf. Schenker: op.cit. (3.) Auffassung vom neuen Bund im masoretischen Text (3.2) Von Gott nie gekün-digter Bund im MT, 35–37.

[36]https://de.wikipedia.org/wiki/Messias.

[37]https://de.wikipedia.org/wiki/Messias#Jesus_Christus.

[38]Gradwohl: Bibelauslegungen aus jüdischen Quellen 2 (1987): Der „neue Bund“, 298.

[39]Gradwohl: Bibelauslegungen aus jüdischen Quellen 2 (1987): Der „neue Bund“, 299.

[40]Gradwohl: Bibelauslegungen aus jüdischen Quellen 2 (1987): Der „neue Bund“, 298.

[41]S. Ulrich Luz: Das Evangelium nach Matthäus, EKK I/1 (1985): (II) Das Wirken Jesu in Israel in Wort und Tat (A) Die Bergpredigt (183–416): Der Hauptteil (5,17–7,12): Der Vorspruch (5,17–20), 227–244: 228. Es ist symptomatisch, dass der Text der Exegese Kopfschmerzen bereitet (Luz, 229, A. 7). Die erbauliche Auslegung Drewermanns meint: „Wenn Jesus jemals so gesprochen hat, dann sicher ursprünglich nicht so, wie Matthäus es hier einfügt.“ Eugen Drewermann: Das Matthäusevangelium I. Bilder der Erfüllung (1992): Einzelauslegung (Mt 5,17–20)  Zwischen Gesetzlichkeit und Chaos oder: Die Verbindlichkeit der Freiheit, 441–447.

[42]Luz: Evangelium nach Matthäus, EKK I/1 (1985), 230; dort auch im Folgenden.

[43]Luz: op. cit., 239.

[44]Drewermann: Das Matthäusevangelium I. Bilder der Erfüllung (1992), 441.

[45]https://www.die-bibel.de/ressourcen/wibilex/neues-testament/luther-martin-nt.

[46]Buber: Der Glaube der Propheten, 226.

[47]Buber: Der Glaube der Propheten, 225.

[48]Schmitz: Geschichte Israels: Jeremia, 27.

[49]Schmitz: Geschichte Israels: Jeremia, 28.

[50]Cf. Schmitz: Geschichte Israels: Jeremia, 28.