Jeremia 31,31–34

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Gott operiert an offenen Herzen | Exaudi | 17. Mai 2026 | Jer 31,31–34 | Dörte Gebhard |

Predigt in der Reformierten Kirche in Schöftland/Schweiz mit Blues und Jazz von Kniri & Co.

 

Gnade sei mit euch von dem, der da ist, der da war und der da kommt. Amen.

 

Liebe Gemeinde
Heute steht eine grosse Herzoperation auf dem Programm.
Ohne Narkose.
Mit Nebenwirkungen.
Ohne Desinfektionsmittel.
Mit erhöhter Ansteckungsgefahr.

Hört aus dem Buch des Propheten Jeremia aus dem 31. Kapitel:

Gott schließt einen neuen Bund mit seinem Volk

31 Seht, es kommt eine Zeit,
da werde ich einen neuen Bund schließen.
Mit dem Haus Israel und dem Haus Juda
werde ich ihn schließen.
– Ausspruch des Herrn –
32 Dieser Bund wird anders sein als der Bund,
den ich mit ihren Vorfahren geschlossen habe.
Damals habe ich ihre Vorfahren an der Hand genommen
und sie aus Ägypten geführt.
Aber sie haben meinen Bund gebrochen,
obwohl ich doch ihr Herr war!
– So lautet der Ausspruch des Herrn.
33 In Zukunft soll es einen neuen Bund geben.
Mit dem Haus Israel will ich ihn schließen.
– So lautet der Ausspruch des Herrn.
Und das wird der neue Bund sein:
Ich werde meine Weisung in sie hineinlegen
und sie in ihr Herz schreiben.
Ich werde ihr Gott sein,
und sie werden mein Volk sein.
34 Sie werden einander nicht mehr belehren.
Keiner wird zum anderen sagen:
»Erkenn doch endlich, wer der Herr ist!«
Nein, sie alle werden mich kennen,
vom Kleinsten bis zum Größten.
– Ausspruch des Herrn –
Denn ich werde ihnen ihre Schuld vergeben
und nicht länger an ihre Sünde denken. (Basisbibel)

Gott operiert an offenen Herzen

I … denn die «konservativen» Therapien allein halfen nicht wie erhofft.

Sogenannte «konservative» Behandlungen können sich hinziehen.
Habt Ihr so etwas schon hinter Euch?
Kleine Ewigkeiten kann es dauern.
Operiert wird nicht, dafür dauert es wochen-, monate-, jahrelang.
Mit Gott geht es jahrzehnte-, sogar jahrhundertelang.

Die Weltgeschichte, die Gott mit seinem leidenden Volk verbindet, ist lang. Die Zahl der Patientinnen und Patienten kennt Gott allein. Dabei hatte Gott alles unternommen gegen das Leid, das Menschen einander zufügen – und einen Bund geschlossen.

Es ist der Bund,
den [Gott] mit [den] Vorfahren geschlossen hatte.
Damals hatte [er] die Vorfahren an der Hand genommen
und sie aus Ägypten geführt.

Jeremia kam erst Jahrhunderte später zur Welt, aber von der Befreiung aus Ägypten wurde so viel erzählt, dass er sich fühlt, als wäre er dabei gewesen.

Der Prophet sieht es vor sich, wenn er zurückblickt.
Gott nimmt seine Leute bei der Hand und führt sie in die Freiheit.

Aber diese gottgeschenkte Freiheit war viel grösser, als es sich die Flüchtlinge aus Ägypten hätten vorstellen können.
Diese Freiheit lag weit ausserhalb ihres Horizontes.
Sie kannten nur grosse Angst, völlige Abhängigkeit und schwere Arbeit.
Auf Freiheit hofften sie dann und wann, aber darunter vorstellen konnten sie sich nichts.

Diese Flüchtlinge waren versklavt gewesen von Kindesbeinen an,
gefangen in Gewalt,
gezeichnet von Zwängen,
gewöhnt an Fremdbestimmung.

In der Wüste waren sie plötzlich frei – und total überfordert.
Gott hatte es kommen sehen. Darum hatte er sie bei der Hand genommen.
Er hatte ihnen Regeln geschenkt.
Heute nennen wir sie die Zehn Gebote,
wir kennen sie ganz gut,
aber es ist mit diesen Regeln noch genauso herausfordernd wie damals, in der Freiheit zu bestehen (vgl. Gal 5, 1).

Damals waren sie der Gefangenschaft entkommen. Jetzt lebten sie ungezwungen und befreit, aber sie fanden sich in einer Wüste wieder. Da merkten sie: Es gab nicht mehr die Fleischtöpfe Ägyptens … jedenfalls kam es ihnen nachträglich so vor, als hätte es die gegeben.

Die Freiheit war plötzlich so gross wie diese Wüste.
Endlos. Viel weiter, als das Auge reicht.

Aber die Wüste setzt Grenzen:
mit der Hitze am Tage,
mit der Kälte der Nacht
und dem weiten Weg bis zur nächsten Oase.

Freiheit gibt es nie ohne Risiken (und Nebenwirkungen).
Nicht einmal kleine Freiheiten sind ungefährlich.
Bald ging es drunter und drüber.
Aber sie haben meinen Bund gebrochen,
obwohl ich doch ihr Herr war!
– So lautet der Ausspruch des Herrn.

Jeremia kommt also genau wie jeder gute Arzt auf die «Vorerkrankungen» zu sprechen.

Für uns ist Freiheit so gross wie die Welt, in der wir leben.
Sind wir ebenso gründlich überfordert wie die «Wüstlinge» damals?

Auch die Welt setzt Grenzen wie die Wüste.
Grenzen gelten wegen der Freiheit der anderen um mich her.
Eine scharfe Grenze ist auch das eigene Versagen
und der weite Weg bis zur gegenseitigen Vergebung.

Wir leben frei von allen Plagen Ägyptens,
aber wir sind nicht allein auf der Welt.
Ich bin frei zu tun und zu lassen, was ich will,
aber alle anderen – theoretisch – auch.
Überschaue ich die Zeiten, erkenne ich:
Gott hat seinen Menschenkindern diese Freiheit nie mehr genommen, was auch immer geschah.

Die Freiheit ist den Menschen auf Dauer gegeben, so oft sie auch – freiwillig(!?) – zurückkehren zu Sklaverei und Diktatur, so oft sie sich wieder in falsche Abhängigkeiten begeben und für Gewalt entscheiden, so oft die Freiheit missbraucht wird, um Ungerechtigkeit zu verstecken.

Die Freiheit ist und bleibt Gottes «konservative» Behandlungsform. Die vielen Fragen
«Darf ich das?» oder
«Was darf man denn (noch) sagen/essen/machen?» oder
«Was darf man nicht denken/trinken und vergessen?»
sind ein sehr beschränkter Horizont, der wieder aus Angst, Abhängigkeit und Arbeit gemacht ist – genau wie die Sklaverei in Ägypten.

Gott schenkt uns viel grössere Freiheit, die Freiheit zum Guten oder zum Bösen. Über die Freiheit zum Bösen wissen alle Bescheid.

Für die Freiheit zum Guten muss Gott Chirurg werden.

II Gott spricht zu Jeremia und seinem Volk «herzergreifend».

Er operiert an offenen Herzen.

Und das wird der neue Bund sein:
Ich werde meine Weisung in sie hineinlegen
und sie in ihr Herz schreiben.
Ich werde ihr Gott sein,
und sie werden mein Volk sein.

Gott operiert mit Worten an offenen Menschenherzen, damit sie nicht eng und hart, kalt und dunkel werden, damit sie nicht verstocken.
Ohne Narkose.
Im Gegenteil: Er hofft auf das volle Bewusstsein seiner Patientinnen und Patienten.
Ohne Desinfektionsmittel.
Im Gegenteil: Er hofft von ganzem Herzen auf Ansteckung und Verbreitung seiner Herzensinschriften.

Menschen bestehen nicht in der Freiheit, wenn Regeln und Weisungen äusserlich bleiben.
Menschen bestehen in der Freiheit, wenn sie etwas von Herzen gern tun (oder auch herzlich gern sein lassen).
Bei Euch, Kniri & Co., ist es zu hören, dass Ihr den Blues im Blut habt, dass Ihr den Jazz aus New Orleans von Herzen liebt. Niemand muss Euch ermahnen zu üben. Eher reklamieren mal die Nachbarn, weil Ihr zu viel spielt.

Unsere Vorfahren wussten, dass Willen und Gefühl im Herzen wohnen.
Ein Menschenherz kann viel mehr, als der Kopf denkt.
Wenn ich etwas von Herzen gern mache, dann schaffe ich es durch jede Wüste, auch ohne Kamel.
Dann merke ich tags die Hitze nicht,
Dann stört mich nachts die Kälte nicht,
Dann ist mir kein Weg bis zur nächsten Oase zu weit.

Von ganzem Herzen hoffe ich, dass Ihr alle solch eine Begeisterung schon erlebt habt und sie immer noch in Euch und um Euch her ist wie die Musik bei Kniri & Co.
Alles, was in diesem Gottesdienst erklingt, ist im Übrigen besonders förderlich für die Herzgesundheit: «Der Rhythmus unseres Herzschlags sollte atmen wie die Musik beim Jazz.»
Der Psychophysiologe Julian Thayer erforscht, wie sich u.a. Musik positiv auf unser Herz auswirkt.[1]

Aber was kommt nach einer solch grossen Herz-OP?
Richtig:

III Die Reha-Zeit

Reha: «Hoffentlich zahlt die Krankenkasse!»
Reha-Zeiten sind teuer und kostbar.
Auch Rehazeiten können sich hinziehen, genau wie konservative Behandlungen.
Sie hören gefühlt nie auf und alle erzählen davon lange Geschichten.
Gott sei Dank!
Wir wüssten sonst nichts von Gottes Herz-OP zu Jeremias Zeiten.

Nach grossen Herzoperationen, so steht auf restlos jeder einschlägigen Internetseite zur Herzgesundheit zu lesen, ist eine «Lebensstiländerung» entscheidend.

Neue Klappen, Schrittmacher, Bypässe, Stents und gar ein transplantiertes Herz verlangen nach einer «Lebensstiländerung». Ich zähle die Punkte nur ganz kurz auf, denn es sind schon wieder Regeln: gesünder essen, nicht mehr rauchen, wenig Alkohol und am besten gar kein unguter Stress, dafür viel Bewegung an der frischen Luft. Wenn man sich nicht dafür begeistern kann, wird es sofort wieder anstrengend. Aber auf die Disziplin der Patientinnen und Patienten kommt es an. Denn sonst können die besten Ärzte nichts ausrichten.

Bei den von Gott operierten Herzen macht sich die «Lebensstiländerung» anders bemerkbar. Es kommen neue Fragen nach der Freiheit auf: Statt «Darf ich das?» – «Kann ich das?»

Auf dem Wege der Genesung stellt sich immer die Frage:
«Wer wird mir helfen?»

Wenn es dann dem Herzen schon richtig gut geht, wird es frei zu fragen:
«Wem kann ich helfen?»
«Wen kann ich unterstützen?»

Ein Menschenherz, das bei Gott regelmässig kontrolliert wird – Stichwort: erfolgreiche Nachsorge – erkennt ganz neue Freiheiten.

«Wer braucht ein weites Herz und ein offenes Ohr?»
«Wen könnte ich noch anstecken mit meiner Begeisterung?»

Also für Euch Musiker/-innen ungefähr so:
«Wann fahren wir wieder endlich wieder nach New Orleans?»
Und wenn die Welt einer solchen Reise Grenzen setzt, seid Ihr so frei zu fragen:
«Wer singt und spielt in Schöftland mit uns, damit es noch herzergreifender tönt als in Amerika?»

Malt Euch bei der nächsten Musik, dem Burgundy Street Blues, aus, wie es in der Welt zuginge, wenn die meisten entdeckten, dass sie von Gott am Herzen bereits operiert wurden, dass die Reha-Zeit eigentlich schon lange angefangen hat.

Niemand müsste dann mehr fragen:
«Was krieg ich?» und
«Bringt mir das was?»

Die Egozentrik würde aus dem Blutbild verschwinden. Alles, was uns an die Nieren geht, schweres Leiden, wäre viel leichter zu ertragen und zu behandeln. Das wird wunderbar!

Aber es kommt noch besser.

34 Sie werden einander nicht mehr belehren.
Keiner wird zum anderen sagen:
«Erkenn doch endlich, wer der Herr ist!»
Nein, sie alle werden mich kennen,
vom Kleinsten bis zum Größten.

Mehr Menschen wären frei zu fragen: «Was tut dir gut?» und «Darf’s ein bisschen mehr davon sein?»
Gott jedenfalls tut alles, was in seiner Macht steht:

Denn ich werde ihnen ihre Schuld vergeben
und nicht länger an ihre Sünde denken.

 Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, der stärke und bewahre unsere Herzen und Sinne dabei in Christus Jesus, Amen.


Dörte Gebhard, Pfarrerin
doerte.gebhard@web.de


Fussnoten:

[1] Quelle: Interview mit Julian Thayler von Max Rauner und Claudia Wüstenhagen, in: ZEIT Wissen Nr. 06/2025 vom 29. November 2025, konsultiert am 7.5.2026.