Jesaja 40,26–29
Trost aus den Sternen | Quasimodogeniti | 12.04.2026 | Jes 40,26–29| Hansjörg Biener
Teaser für die Einleitung des Gottesdienstes
Vor einiger Zeit besuchte ich eine ältere Frau. Sie lebte in einem Haus von drei Generationen. Und sie klagte mir etagenweise die Nöte ihres Drei-Mäderl-Hauses. Sie sprach über ihre [eigene] körperliche Schwäche. Dann über die ihrer Tochter. Und damit nicht genug: Ihre Enkelin im untersten Stockwerk sei auch gerade krankgeschrieben. Doch dann kam eine unerwartete Wendung: „Aber, Herr Pfarrer“, sagte sie, „Gott hat uns auch diesen Morgen wieder aufstehen lassen. Ich kann noch in meinem Haus spazieren gehen.“ Danach hat sie mich durch ihre Wohnung geführt. Sie hat mir die Pflanzen gezeigt, die sie hegt und pflegt. „Und dann stelle ich mich an dieses Fenster und freue mich an dem Ausblick und bin meinem Gott dankbar.“ Was beim flüchtigen Hören so widersprüchlich klingt, hat doch seinen Sinn. Diese Frau übt etwas, was uns allen gut ansteht. Das jedenfalls ist die Botschaft des heutigen Predigttextes aus Jesaja 40. Mehr dazu später.
Predigt
1. Der bestirnte Himmel
1.1 Der bestirnte Himmel über mir
Vor nicht allzu langer Zeit traf ich [in der U-Bahn] eine Klasse auf Exkursion. Aufgeregt wie bei jeder Exkursion. Sie waren unterwegs zum [Nürnberger] Planetarium. Da war ich sofort auch bei meiner [eigenen] Jugend. [Ich habe 1969 die erste Mondlandung im Fernsehen miterlebt.] Die Astronomie hat mich als Kind und Jugendlichen fasziniert. [Eine einst größere Sammlung von astronomischen Büchern hat die Umzüge des Pfarrers nicht überlebt. Das Buch über die erste Mondlandung aber steht noch heute unter meinen Büchern.]
Die Klasse wird im Planetarium hoffentlich etwas geahnt haben von der Faszination des Alls. Das Sternenlicht, das wir sehen, hat vielleicht Zehntausende Jahre bis zu uns gebraucht. „Wir“ dagegen sind im Vergleich dazu gerade [Artemis-Mission] mal einen Hopps weit unterwegs zum Mond. Ich wünschte den Schülern und Schülerinnen im Planetarium einen Hauch wissenschaftlicher Faszination. Ich wünsche ihnen aber auch, dass sie einmal ohne das störende Licht unserer Städte und Dörfer den Sternenhimmel betrachten können.
Mich zieht der Anblick des Alls in den Weltraum hinein. Irgendwie habe ich das Gefühl, noch mehr Sterne und noch mehr Sterne. Und das Photon in meinem Auge ist Millionen von Jahren unterwegs gewesen, nur um mich zu treffen. Das ist natürlich rein subjektiv, aber eben das Empfinden in dem Moment. Schöpfungsstaunen sagen manche dazu: Man wird sich bewusst, wie klein man ist. Und trotzdem hat man das Gefühl: Es ist gut, hier und jetzt da zu sein. Ehrfurcht ist ein anderes altes Wort dafür. Der wichtige deutsche Philosoph Immanuel Kant hat einmal gesagt: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.“ Die zweite Aussage ist auch wichtig, lasse ich aber beiseite. Bei der Bewunderung für den bestirnten Himmel bin ich ganz bei Kant.
1.2 Der bestirnte Himmel über Babylon
Bevor es die Influencer im Internet gab, haben uns in den letzten Jahrhunderten Wissenschaftler und Philosophen gesagt, wo’s langgeht. Vor 2,5 Jahrtausenden waren es Astrologen, Priester und Propheten. Und so wie sich heute Wissenschaftler und Philosophen nicht immer einig sind, war es damals auch. Damit sind wir beim heutigen Predigttext:
„Hebet eure Augen in die Höhe und seht [die Sterne]! Wer hat dies[e] geschaffen? Er [Unser Gott] führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, daß nicht eins von ihnen fehlt.
Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: ‚Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber?‘ Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.
Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.“ (Jes. 40,26-29)
Bevor wie die Worte zu uns holen, brauchen wir noch einen Moment in der Vergangenheit. Wer war damals gemeint? Was haben die Worte damals bedeutet?
Die ersten Hörer und Hörerinnen saßen „by the rivers of Babylon“ an den Flüssen des Zweistromlands. Das war fern der Heimat. Im heutigen Irak. Sie sind durch einen großen Krieg entwurzelt worden. Wer den Krieg verloren hat, ist offensichtlich: Sie. In der alten Heimat herrscht Öde; Jerusalem und sein Heiligtum sind zerstört. Was das damals bedeutet hat, können wir Heutigen kaum nachvollziehen. Heutzutage scheint es so zu sein, dass man entweder an einen Gott glaubt oder an keinen. [Und, die nicht nichts glauben, glauben auch, dass ihnen nichts fehlt.] Damals jedoch gab es für die Menschen viele Götter, und es war wichtig, die richtigen zu haben und die wichtigen nicht zu verärgern. Manche Götter wurden auch als Schutzgötter für Städte und Staaten verehrt. Nur wenn einem das klar ist, kann man die Katastrophe richtig erfassen, die Deutero-Jesajas Hörerschaft getroffen hat. Mit dem Jerusalemer Tempel ist es aus, und offensichtlich auch mit der Macht des Gottes von Jerusalem.
Nur ein kleiner Rest hielt in der Ferne am alten Glauben fest. Diesen wollte unser Predigttext damals ermutigen. Die anderen gingen in die allgemeine Religiosität der Umgebung ein. Sie wurden nicht gottlos. Das war in der Antike undenkbar. Aber sie wandten sich den vielen Göttern der neuen Un-Heimat zu. Die Symbole dieser Götter waren die Sterne und Planeten.
Damit sind wir schon fast bei uns. Ich bin mir sicher, dass viele von Ihnen ihr „Sternzeichen“ kennen. Die damit verbundenen Vorstellungen „verdanken“ wir den Babyloniern. Dass, sagen wir mal, im Sternzeichen Widder Geborene, so und so seien. Bis heute gibt es Menschen, die mehr an die Macht der Sterne glauben als an die Macht Gottes. Man könnte versuchen, naturwissenschaftlich darauf zu antworten. Man könnte betonen, dass sich die Sternbilder längst verschoben haben. Aber bei Astrologie geht es ja nicht um Naturwissenschaft, sondern um Glauben.
Und damit können wir wieder zurück zum Predigttext, denn im Predigttext konkurrieren zwei Glauben: der Glaube an Gott und der Glaube an die babylonischen Götter. Die Babylonier fanden in den Sternen Götter. Deutero-Jesaja dagegen fand in den Sternen eine Erinnerung an seinen Gott:
„Hebet eure Augen in die Höhe und seht [die Sterne]! Wer hat dies geschaffen? Er [Unser Gott] führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, daß nicht eins von ihnen fehlt.“
Das ist ein bewusster Gegensatz zur babylonischen Kultur. Deutero-Jesaja sagt:
„Die Babylonier mögen Sterne kennen und Sternenkataloge erstellen. Aber es sind immer noch mehr Sterne da. Sie könnten nicht einmal feststellen, ob einer fehlt und welchen Unterschied das macht. Mögen die Babylonier Marduk und andere Götter am Himmel finden, ich finde da nur die ordnende Hand meines Gottes.“
Und für die Vertriebenen seines Volks hält er fest:
(0) Zugegeben, es ist nicht der Himmel der Heimat.
(1) Aber: Es ist immer noch der Himmel des einzigen lebendigen Gottes,
(2) nämlich unseres Gottes.
(3) Und noch etwas: Er sorgt auch hier für euch.“
Diesem Gedanken lohnt sich nachzudenken, und damit hole ich den Predigttext in unsere Zeit.
Mit drei Hauptsätzen:
(1) Gott sorgt für seine Schöpfung.
(2) Gott sorgt für seine Menschen.
(3) Gott sorgt auch für dich!
2. Von der Vorsehung Gottes (de providentia)
2.1 Gott sorgt für seine Schöpfung. (de providentia Dei generalis)
Deutero-Jesaja hatte es bei seinem Schöpfungsglauben mit der überlegenen Kultur der Babylonier zu tun. So etwas Ähnliches kennen wir auch. Eine Schülerin fragte mich einmal: „Sind die Pfarrer und die Wissenschaft eigentlich Feinde?“ Ich war überrascht, aber sie erklärte es mir: „Die Pfarrer sagen doch immer: Gott hat die Welt erschaffen. Wir aber wissen doch: Es war der Urknall.“ Dazu könnte man eine Menge sagen. Trotzdem nur ein paar Überlegungen zum Thema Glaube und Wissenschaft.
Woher kommt der Wechsel von Tag und Nacht? Woher kommen der Lauf der Planeten und die Bewegung der Gestirne? Offenbar doch nicht von uns! Die uns Heutigen naheliegende Antwort: Das kommt von den Naturgesetzen. Doch da kann man noch weiterfragen: Mit welchem Recht glauben wir, dass die Naturgesetze auch morgen noch gelten? Es ist die Erfahrung, kann man sagen. Doch die Erfahrung kann uns über Morgen nichts garantieren; es ist ja noch nicht da. Das weiß auch die Wissenschaft. Darum gelten auch alle wissenschaftlichen Erkenntnisse immer nur vorläufig. Vorbehaltlich besserer Erkenntnis. Bis zum Beweis des Gegenteils. Es ist also auch in Wissenschaft viel Glaube=Vertrauen, dass es auch morgen noch funktioniert. Vielleicht ist ja auch in religiösen Traditionen viel Wissen, wie das Leben funktioniert.
Wie auch immer: Die Alten haben die Welt anders gesehen. Sie kannten keine „Naturgesetze“ in unserem Sinn, weil die aufgestellt werden, etsi Deus non daretur. Das heißt: unter der Voraussetzung, dass es keinen in die Natur eingreifenden Gott gibt. Sie sahen natürlich die Regelhaftigkeit der Natur. Manches konnten auch sie schon berechnen. Und doch sagten sie: Nicht „Naturgesetze“ garantieren das Leben, sondern Gott. Sie haben das die allgemeine Fürsorge Gottes für die Welt genannt. Um es mit Worten Jesu zu sagen:
„Gott lässt seine Sonne aufgehen über Gerechte und Ungerechte“
und in der Nacht die Sterne für romantische Stunden von Paaren ebenso wie für den Ehebruch.
2.2 Gott sorgt für seine Menschen. (de providentia Dei specialis)
Gott ist es, der für den Bestand der Welt sorgt. Das war die Überzeugung. Punkt. Neben der allgemeinen Fürsorge für die Welt sprachen die Alten noch von zwei weiteren Fürsorgen: der Fürsorge Gottes für die Menschen und der Fürsorge Gottes für den einzelnen Glaubenden. Diese stehen aber immer wieder im Zweifel. So schon zu Zeiten des Predigttextes:
„Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: ‚Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber?‘ Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.“
Die Israeliten fühlten sich allein gelassen. „Nichts spüren wir von der Fürsorge Gottes. Wir sitzen doch in der Fremde an den Flüssen Babylons, in armseligem Leben fern der Heimat.“ Doch hier ist nun auch von Verantwortung zu reden. Die Katastrophe war nicht einfach so gekommen. Aus der Sicht von Propheten wie Jeremia oder Jesaja hatte sie sich abgezeichnet. Und übrigens haben sie in ihrer Kritik auch die allgemeine Bevölkerung nicht ausgenommen. Am Weg einer Gesellschaft in den Abgrund wirken nicht nur die Führer mit, sondern alle. Um es überspitzt zu sagen: Schlitzohrige Großkopferte halten sich nur da, wo genügend kleine Schlitzohren Ähnliches praktizieren. Dann vor allem zu klagen, ist nur zu Teilen berechtigt oder fair. Man muss eben auch das eigene Mitwirken an Katastrophen mitbedenken.
Manche haben das in Babylonien gemacht. Die biblischen Geschichten, die prophetischen Bücher, so wie wir sie heute in der Bibel finden, haben ja eine Geschichte. Es ging darum, Geschichten mit dem alten Gott zu sammeln und zu bedenken, bevor die alten, die sie noch kannten, wegstarben. In den ersten Büchern der Bibel finden wir Lebensgeschichten als Ermutigungsgeschichten, dass auch verwickelte Biografien bei Gott enden können. Abraham, Jakob, Josef, Mose. Ihre Lebensgeschichten, so verwickelt sie waren, gelten doch als erfülltes Leben, als ein Leben, das sein Ziel gefunden hat. Unter diesen Menschen seinen Platz zu finden, das heißt, seine Bestimmung und seinen Platz in dieser Welt gefunden zu haben.
2.3 Gott sorgt auch für dich! (de providentia Dei specialissima)
Am Anblick der Schöpfung merken, dass es nicht allein auf uns ankommt; aus der Fürsorge Gottes für die ganze Welt hoffen lernen, dass Gott für dich ganz persönlich sorgt. Das ist die Wegweisung, die unser Predigttext seinen ersten Hörern und Hörerinnen gab. Das ist seine Wegweisung bei der Wiederholung heute an uns. Gott will dir gut, dir, so wie du einzeln hier auf deinem Stuhl/in der Kirchenbank sitzt. Doch offenbar ist das leichter von anderen zu glauben als von sich selber. Das ist auch verständlich. Wenn es uns nicht gut geht. Wenn es nicht so läuft mit unserem Leben, wie wir uns das vorstellen. Es mag sein, dass jemand seinen Anteil daran hat. Das will ich nur anmerken, aber niemandem andemonstrieren. Gottes Anliegen sind nicht die Fehler Deiner Vergangenheit und ihre Konsequenzen. Sein Anliegen ist Deine Zukunft.
Gott verheißt uns für unser Leben, dass es sich mit seiner Wegweisung und seinem Beistand erfüllen soll. Das heißt nicht, dass dann alles leicht und fröhlich war. Es wird eher so sein, dass man zu Gott sagt: Es war nicht immer leicht, aber ich möchte mit niemand anderem tauschen. Wir kennen das in Ansätzen, wenn wir mit Abschnitten unseres Lebens unseren Frieden gemacht haben und sogar ein bisschen zufrieden zurückblicken. Ich komme deshalb auf die kluge Seniorin vom Anfang des Gottesdienstes zurück. Sie hat viel richtig gemacht. Sie gibt der Klage Raum und schafft dem Danken Raum. Die Krankheit im Haus geht davon nicht einfach weg. Andererseits will sie nicht im Schlechten versinken. Sie setzt gute Gedanken dagegen – und Gott. Die Krankheit geht nicht mehr weg, aber Gott kommt dazu. Hören wir mit dem Volk Israel und der klugen Frau aus unserem Volk noch den letzten Vers aus dem Predigttext:
„Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, […].
Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.“
Amen.
Dr. Hansjörg Biener (*1961) ist Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und als Religionslehrer an der Wilhelm-Löhe-Schule in Nürnberg tätig. Außerdem ist er außerplanmäßiger Professor für Religionspädagogik und Didaktik des evangelischen Religionsunterrichts an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. (Hansjoerg.Biener (at) fau.de)