Jesaja 61, 1-3.4.9-11

· by predigten · in 2. So. n. Christfest, 23) Jesaja / Isaiah, Aktuelle (de), Altes Testament, Antje Roggenkamp, Beitragende, Bibel, Deutsch, Kapitel 61 / Chapter 61, Kasus, Predigten / Sermons

Predigt über Jes 61, 1-3.4.9-11 | am 4. Januar 2026 | in St. Albani Göttingen | Antje Roggenkamp

„Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!“ (2.Kor. 13,13)

  Der heutige Predigttext steht bei Jesaja im 61. Kapitel:

Jesaja 61, 1-4.9-11: 1 Der Geist Gottes, des Herrn ist über mich gekommen, denn der Herr hat mich gesalbt, damit ich den Elenden eine gute Botschaft überbringe. Er hat mich geschickt, um die gebrochenen Herzens zu verbinden, den Gefangenen ihre Freiheit zu verkünden und um die Gefesselten zu befreien. 2: Er hat mich gesandt, um ein Jahr auszurufen, in dem der Herr sich seinem Volk in Gnade zuwendet und einen Tag anzusagen, an dem Gott mit den Feinden abrechnet, um alle Trauernden zu trösten, 3: um diejenigen aufzurichten, die um Zion trauern.

3b Er wird ihnen einen Turban umlegen, damit sie nicht länger Asche auf den Kopf streuen, und duftendes (Freuden-)Öl, einen Mantel des Lobes statt eines verzagten Geistes. Und sie werden genannt werden  „Terebinthen der Gerechtigkeit“, „Pflanzung des Herrn“, um ihn zu verherrlichen. 4: Und sie werden die zerstörten Ruinen wieder aufbauen, und sie werden die Trümmer, die schon zuvor zerstört worden sind, aufrichten, und sie werden die Städte der Ödnis mit Leben erfüllen, die von Generation zu Generation verwüstet danieder lagen.

9: Unter den Völkern wird ihre Nachkommenschaft bekannt sein und ihre Nachkommen werden sich in der Mitte der Völker befinden, damit alle, die sie sehen, erkennen, dass sie das Volk sind, das der Herr gesegnet hat. 10: Ich freue mich sehr an Gott, es soll jubeln meine Seele über meinen Herrn, denn er hat mir die Kleider des Heils angezogen und mich in den Mantel der Gerechtigkeit gehüllt, wie einen Bräutigam den Kopfschmuck und der Braut das Geschmeide angelegt wird. 11: Denn wie aus der Erde ihr Spross hervorgeht und der Garten das, was sprießt, hervorgehen lässt, so lässt der Herr Gerechtigkeit sprießen und Ruhm vor allen Völkern.

Liebe Gemeinde!

Wer hat „gute“ Vorsätze?

Ich denke, es gibt kaum jemand unter uns, der nicht an Sylvester darüber nachgedacht hat, sein Leben im nächsten Jahr zu ändern. Welche Vorsätze haben Sie/habt Ihr, für das neue Jahr gefasst? Weniger zuckerreiche Schokolade essen, sondern mehr gesunde Wal-Nüsschen zu sich nehmen? Weniger Dosensuppe löffeln, sondern mehr Salat raspeln und mehr frisches Obst schälen? Weniger Social Media nutzen, mehr Gespräche mit Menschen aus der Nachbarschaft? Endlich einmal nicht sich unterm Weihnachtsbaum mit den Geschwistern, Kindern oder Eltern oder Tanten und Onkels streiten? Endlich einen Hund anschaffen, um nicht länger einsam zu sein? Weniger Aperol Spritz schlürfen, dafür mehr Fahrrad fahren, gerne auch mit dem E-Bike oder täglich zu Fuß im Stadtwald spazieren gehen. Wer wollte das nicht, und dennoch: nur die wenigstens schaffen es – rein statistisch besehen -, den guten Vorsätzen über den Januar hinaus treu zu bleiben.

Wie schön wäre es, wenn daher jemand käme, dies an unserer Statt übernähme oder uns zumindest versprechen könnte, dass das nächste Jahr ein gutes Jahr wird, eines, in dem sich unsere Vorsätze und Wünsche wie von selbst erfüllen. Ein Jahr des Gnädig-Seins sich selbst gegenüber und ein Tag der Rache gegenüber kleinen und größeren „Sünden“?

Wer spricht hier?

Die Brüche und Spannungen im Jesaja-Buch sind so sichtbar, dass man im 19. Jahrhundert die Auffassung endgültig verwarf, dass unser Buch aus einem Guss angefertigt sein könnte. Zwei weitere Personen hätten daran gearbeitet, die man mit griechischen Zahlwörtern als Deutero- und Tritojesaja kennzeichnete. Während der Ur-Jesaja das Volk zu Gott wohl gefälligerem Verhalten ermahnt, schildert der zweite Jesaja das trauernde Dasein im babylonischen Exil, wohingegen der dritte Jesaja sein Frohlocken über die Befreiung und die Rückkehr nach Jerusalem zum Ausdruck bringt. Dabei finden sich allerdings auch in den einzelnen Teilen selbst widersprüchliche Aussagen. So adressiert der Sprecher im vorangehenden 60. Kapitel Frau Zion, um ihr gegenüber vom Schicksal der herrschenden Nationen zu berichten, die in Zion zu dienenden Völkern werden. Weil das Verkündete dann aber in unserem Kapitel ganz anders, nämlich kampflos, eintritt, orientiert sich das 62. Kapitel wiederum neu, auf die Gerechtigkeit Zions hin. Forscherinnen und Forscher gehen davon aus, dass gerade die Figur des Tritojesaja, der unseren Predigt-Text verfasst haben könnte, von verschiedenen Personen verkörpert wurde, die den Text erweiterten, ergänzten und fortgeschrieben haben.

Und wer wird adressiert?

Die Adressaten des Jesajabuchs wurden ursprünglich als kraftlose Terebinthen angeredet, als Bäume, deren Blätter verwelken und deren Zweige verdorren. So kann man den Eindruck gewinnen, als habe man es mit frühzeitig abgestorbenen Ästen zu tun, mit Menschen, die zur Unzeit müde geworden sind, die aufgegeben haben und in Resignation verfallen. Als Bäume werden sie bezeichnet, ja als nutzlose Bäume (Jes. 1). Und im sechsten Kapitel wird gar gesagt, dass der Stamm von kraft- und nutzlosen Bäume am besten abzuschlagen sei, damit aus dem Stumpf der Terebinthe neue Triebe sprießen können. Aber was bedeutet dies für die Adressaten? Stellen sich Veränderungen also nur dann ein, wenn es in einer bestimmten Richtung nicht mehr weiter geht? Oder um es noch einmal auf die Vorsätze zu beziehen: Erst wenn man in den Abgrund geblickt hat oder wenn es so richtig weh tut, erst dann ändert man sein Verhalten. Und dieser Gedanke findet nun auch in unserem Predigttext sein Gegenstück.

Denn das Gottesvolk mag wie eine welkende Terebinthe kraftlos geworden sein, gleichwohl kann aus seinem Rest, ihrem Stamm Neues sprießen, Gerechteres hervorkommen. Dabei geht es weniger um den Wiederaufbau Jerusalems als darum, die Zuneigung des Herrn für das Gottesvolk wieder zu gewinnen. Die „Terebinthen“ sind dabei jetzt die „Terebinthen der Gerechtigkeit“ und als solche erfahren die frischen, aus den Stümpfen sprießende Zweiglein neue Pflege. Indem sie um Zion trauern – und zwar auf ihre Weise, nehmen sie den Wiederaufbau des Gottesvolkes in die Hand. Sie werden zu Vorbildern der Gerechtigkeit, indem sie die Gerechtigkeit Gottes bezeugen. Aber nicht der Wiederaufbau, sondern die von Gott herbeigeführte Läuterung wird fokussiert. Die Trauernden verwandeln sich, als wäre durch den inneren, auch der äußere Frieden zum Greifen nahe.

Und inwiefern betrifft diese fortgeschriebene Erkenntnis dann auch unsere Vorsätze?

Wir spüren, dass sich manche Dinge relativ rasch verändern lassen: auf gesunde Ernährung zu achten oder regelmäßig Sport zu treiben, fällt uns leichter. Und auch der Streit vom Weihnachtsabend hat sich hoffentlich überall wieder gelegt. Länger dauert der Verzicht auf eingeschliffene Gewohnheiten, er ist viel schwieriger als gedacht, zumal dann, wenn sich dafür unsere Einstellungen ändern müssen. Die Rücksichtnahme auf Spaziergänger, wenn ich mit dem E-Bike durch den Wald brause, das Spazieren gehen mit dem neuen Hund, wenn ich eigentlich keine Lust dazu habe, das Telefonieren mit den eigenen Eltern, wenn Sie einem mal wieder so richtig auf die Nerven fallen. Muss das wirklich sein?

Und andererseits: Wie schön wäre es, wenn plötzlich überall auf der Welt die sich bekriegenden Parteien Waffen nieder legten, Versöhnung feierten und aufhörten, sich mit Verbalinjurien, Drohnen oder Schlimmerem zu bekämpfen: „Und sie werden die zerstörten Ruinen wieder aufbauen, und sie werden die Trümmer, die schon zuvor zerstört worden sind, aufrichten, und sie werden die Städte der Ödnis mit Leben erfüllen, die von Generation zu Generation verwüstet danieder lagen.“ (Jes. 61, 4) Nur, warum sollten miteinander streitende oder gar sich bekämpfende Parteien dies von sich aus tun? Muss es nicht irgendeinen Anreiz geben, eine mahnende, mächtige Gestalt oder auch „nur“ den gesunden Menschenverstand, der Hass und Zwietracht ein definitives Ende setzt?

Wer aber spricht hier mit welcher Vollmacht?

Wer teilt uns hier die frohe Botschaft mit? Wer ist hier her gekommen, „um die gebrochenen Herzens zu verbinden, den Gefangenen ihre Freiheit zu verkünden und um die Gefesselten zu befreien.“ (Jes. 61, 3) Wer ist es, der zugleich mit der Botschaft auch deren Folgen mitteilt, dass sich nämlich alles ändern wird? Liegt hier ein Versprecher, so wie er Trump am letzten Sonntag offensichtlich widerfuhr als er verkündete: „Putin wants peace“ oder „Putin wants Ukraine to succeed“. Oder rechnet der Sprecher mit einer Macht, die stärker ist als wir Menschen sie uns vorstellen können, stärker als ein zweischneidiges Schwert und vor allem wirksamer als ein politisches Machtwort? Als ich mich auf die heutige Predigt vorbereitete, verkündete einmal mehr der größte Trump der Welt, dass es ihm gelingen würde, im neuen Jahr Frieden zu schaffen. Und alsbald war da die Menge der ganz und gar irdischen Kommentatoren, die darauf hinwiesen, dass nichts, ja rein gar nichts erreicht worden wäre. Sollte diese Erkenntnis wirklich  alles bleiben?

Warum also dieser Text so kurz nach Weihnachten?

Propheten treten mit besonderer Vollmacht auf. Galten sie in früheren Zeiten gar als Königsmacher, so wächst heute die Erkenntnis, dass es viele Ansätze braucht, um ihre Botschaft auch nur annähernd für unsere chaotische Welt passfömig und das heißt „übersetzbar“ zu machen. Die Erwartungen, die sich am Ende des Jesajabuchs an den Sprecher richten, sind hoch. Sie entspringen der unstillbaren Hoffnung auf eine Gestalt, die nicht aus der Politik stammt, sondern sich um das Volk Gottes, die Menschen auf Erden, kümmert. Diese Gestalt soll keine Stadt wieder aufbauen, keinen Staat gründen oder Feinde bekämpfen, sondern denen, die ihr anvertraut sind, innere Wärme, Kraft und Hoffnung spenden, so wie das Zweiglein aus der neu ergrünenden Terebinthe hervorkeimt.

Und was das für uns bedeutet?

Im vierten Kapitel des Lukasevangelium wird der Anfang unseres Predigttextes von dem, dessen Geburt wir an Weihnachten gefeiert haben, aufgenommen und zwar so, dass nicht der Tag der Rache oder des Zorns, sondern die Zusage der Weihnachtsbotschaft auf uns alle erweitert wird. Nachdem Jesus in Nazareth nach seiner Gewohnheit am Sabbat in die Synagoge gekommen war, stand er auf, um im Buch des Propheten Jesaja zu lesen: „Der Geist Gottes, des Herrn ist über mich gekommen, denn der Herr hat mich gesalbt, damit ich den Armen das Evangelium überbringe. Er hat mich geschickt, um die gebrochenen Herzens zu verbinden, den Gefangenen ihre Freiheit zu verkünden und um die Gefesselten zu befreien.“ Und er schloss das Buch, in dem er zu reden begann: „Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren.“ (Lk 4, 21)

Und siehe da: Die gewaltige Aufgabe, die ihm die gelehrten Schreiber des Jesajabuchs zudenken, hat er bereits lange geschultert. Und spätestens seit dem Magnificat der Maria erfüllt er sie mit Leichtigkeit und Freude. Denn sie äußert über ihn: „Er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist. Und seine Barmherzigkeit währet für und für bei denen, die ihn fürchten. Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen. Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf, wie er geredet hat zu unsern Vätern, Abraham und seinen Nachkommen in Ewigkeit.“ (Lk 1, 49-55) Und so können auch wir einstimmen in Marias Lobgesang: Ich freue mich im HERRN und meine Seele ist fröhlich! Für Jesus als das Licht der Welt gilt dann aber noch etwas ganz Anderes: Er ist die Rose, die aus der Wurzel Jesse entsprungen ist.

 Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen in Christus Jesus, Amen

 

Mögliche Lieder

EG  56, 1-3.5 Weil Gott in tiefster Nacht erschienen

EG 543, 1-3.10 Es ist für uns eine Zeit angekommen

Predigt

EG 31 Es ist ein Ros entsprungen

EG 66, 1-5 Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude…

EG 35 Nun singet und seid froh