Jesaja 61,1-3.10.11
Von außen angereicht bekommen | 2. Sonntag nach Weihnachten | 04.01.2026 | Jesaja 61,1-3.10.11 | Manfred Mielke
Liebe Gemeinde,
ich möchte Ihnen die Aktion „Höhenretter“ vorstellen. Sie findet jährlich statt vor dem Nikolaustag mit dem Ziel, Kinder in Kliniken und Pflegeeinrichtungen zu beschenken. Speziell als Höhenretter ausgebildete Feuerwehrleute lassen sich an der Fassade einer Kinderklinik abseilen. Dabei stoppen sie in Höhe der Etagen, wo Kinder und Eltern warten. Denen reichen sie durch die geöffneten Fenster Glückwünsche und Geschenktüten. Die Überraschung gelingt – mit großer Verblüffung und allseitigem Glück. Zwar gibt es auch Teams, die sich als Comic-Helden kostümieren, aber beim Kinderherz-Zentrum in Duisburg waren sie aufwändig verkleidet als ein Engel, ein Rentier und der Nikolaus. Mittlerweile agieren jeweils im November ca 60 solcher Höhenrettungsgruppen und verbreiten eine überwältigende Freude. Eine wunderbare und symbolische Aktion.
Die zentrale Geste der Aktion ist das Hindurchreichen der Geschenke durch die geöffneten Fenster. Diese Geste behalte ich im Blick, wenn ich unser Gehör auf einen Text des Propheten Jesaja lenke. Wir hören: „Der Geist Gottes ist auf mir, denn Gott hat mich gesalbt, um den Elenden eine Freudenbotschaft zu bringen, hat er mich geschickt, um diejenigen zu heilen, die gebrochenen Herzens sind, um die Gefangen zur Freilassung zu rufen und die Gefesselten zur Befreiung, um ein Jahr der Gnade Gottes auszurufen und einen Tag der Rache unseres Gottes, um alle Trauernden zu trösten, um aufzurichten diejenigen, die um Zion trauern, und ihnen einen Turban anstelle des Staubes zu geben, ein Öl der Freude statt der Trauer, einen Mantel des Lobes statt eines verzagten Geistes, und sie werden „Terebinthen der Gerechtigkeit“ genannt werden, „Pflanzung Gottes“, um sich zu verherrlichen. – Ich freue mich sehr an Gott, es soll jubeln meine Seele über meinen Gott, denn er hat mir die Kleider der Rettung angezogen, den Mantel der Gerechtigkeit hat er um mich gehüllt, wie ein Bräutigam Gerechtigkeit anzieht und die Braut sich schmückt mit ihrem Brautschmuck. Denn wie aus der Erde ihr Spross hervorgeht und der Garten das, was sprießt, hervorgehen lässt, so lässt der Herr Jahwe Gerechtigkeit sprießen und Ruhm vor allen Völkern.“ (Jesaja 61,1-3.10.11)
Wir hören eine Botschaft voller Optimismus, mit großer Reichweite und Erfahrenstiefe. Jesaja spricht eine Sprache, die seine Zeitgenossen und auch uns erreicht. Er malt eine Zukunft aus, die wir weiterhin herbeisehnen – mitsamt einer guten Zeitenwende. Er beginnt mit seiner Beauftragung: „Der Geist Gottes ist auf mir, denn Gott hat mich gesalbt, um den Elenden eine Freudenbotschaft zu bringen.“ Jesaja spricht von seiner Begabung mit Heiligem Geist und der dazugehörenden Geste der Salbung. Im Wort „Begabung“ steckt schon das Übergeben und Annehmen eines kostbaren Geschenks, oder anders gesagt: Gott hat seine Kompetenzen an diesen Propheten durchgereicht. So fremd uns eine Geistbegabung und eine Salbung auch sein mögen, sie sind uns möglich durch den aktiven Anteil. Ich mache Platz in meinem Ich für Gott und möchte seinen Schutz körperlich spüren. Wir nehmen den mutmachenden Spirit Gottes seelisch an und halten unsre freie Stirn bewusst den Öltropfen hin. Beides sind therapeutische und mutmachende Symbolhandlungen. Wir werden sie nicht versacken oder abtropfen lassen, denn sie befähigen uns, „den Elenden die Freudenbotschaft“ weiterzusagen. Das kann so spektakulär sein, wie die Höhenretter es machen, und so unauffällig wie ein Telefonat mit einem bedrückten Freund.
Jesaja ist vom Lebensgefühl und Weltbild uns sehr nahe und zugleich über Jahrhunderte weit entfernt. Er war der Vordenker einer antiken Ideenschmiede, eines thinktanks. Unter seinem Namen haben weitere an den Kapiteln seines Buchs weitergeschrieben. Das war in einer besonderen Zeit. Die Babylonier hatten als Aggressor das kleine Nachbarland Israel überfallen, die Infrastruktur verwüstet und viele Israeliten verschleppt. Als dann die Babylonier von den Persern besiegt wurden, ließ deren König Kyros alle unterdrückten Ethnien frei. Dafür feierten ihn die Israeliten wie einen Messias und kehrten mehrheitlich in ihr Land der Verheißung zurück. Gott schien ihnen wieder gut zu sein, und so packten sie alle mit an. Sie reparierten die Brunnen, bewässerten die Äcker, errichteten Wehrdörfer und restaurierten den Tempel (dessen spätere Wiedereröffnung sie seitdem im Chanukka feiern).
Doch das Glück dauerte nicht lange. Die nächsten Aggressoren fielen über das Mini-Land her. Die Griechen und Römer gebärdeten sich zwar liberal, aber dominierten alles rigoros. Das Ergebnis im Gottesvolk war die Abkehr von großen Hoffnungen und ein Versacken alter Glaubensgewißheiten. Trotz kleinbürgerlichen Wohlstands also eine bleierne Zeit – mit viel Schwermut.
Dagegen tritt Jesaja an und reicht das Programm Gottes an sein Volk durch. So, wie bei einem Kostümwechsel das Outfit ausgetauscht wird, verheißt Gott: „Ich werde ihnen einen Turban anstelle des Staubes geben, ein Öl der Freude statt der Trauer, einen Mantel des Lobes statt eines verzagten Geistes!“ Für den unsichtbaren Bereich der Seelsorge verspricht Jesaja: „Er hat mich geschickt, um diejenigen zu heilen, die gebrochenen Herzens sind, um die Gefangenen zur Freilassung zu rufen und die Gefesselten zur Befreiung, um ein Jahr der Gnade Gottes auszurufen und einen Tag der Rache unseres Gottes, um alle Trauernden zu trösten und um aufzurichten diejenigen, die um Zion trauern.“
Während im sichtbaren Bereich also bunte Turbane und schicke Mäntel die neue Aufbruchstimmung ankündigen, gesunden im unsichtbaren Bereich die ramponierten Seelen. Gebrochene Herzen kommen wieder intakt, Eingekerkerte erleben Begnadigung, Inhaftierte erlernen neue Freiheiten. Dafür werden die Zeiträume neu ausgefüllt. Gott nimmt sich einen Tag, um mit Rache zu trösten und er schenkt Jahre, in denen sich geknickte Seelen aufrichten.
Das fröhliche Stadtbild und das psychische Erwachen verweisen auf die neue Identität. Mit einem Hinweis auf bekannte Bäume kündigt Gott an: „Sie werden „Terebinthen der Gerechtigkeit“ genannt werden, „Pflanzung Gottes“, um sich zu verherrlichen“. Damals, bevor die Babylonier sie überfielen, schilderte der damalige Jesaja seine Zeitgenossen eher als Trauerweiden, jetzt aber als aufstrebende Fruchtbäume der Gerechtigkeit. Zu dieser Verwandlung können wir modern sagen: Feuerwehrleute handeln wie Engel und aus Patienten werden Pioniere in Sachen Lebensmut. Um eine vergleichbare Erneuerung der kollektiven Identität geht es.
Die Jesaja-Propheten haben Gottes Botschaften wie durch offene Fenster ihren Zeitgenossen angereicht. Oft wurden sie dafür schikaniert und außenvor gehalten, aber intern kam ihre Hoffnung und Zuversicht an. Durch sie wuchs die Gewissheit auf neue Zeiten. Jahrhunderte später trat ein anderer Prophet ihre Nachfolge an, Jesus von Nazareth. Er zitierte die Prophetenworte und übernahm sie aus dem Alten Testament ins Neue Testament. Er begriff für sich, was ihm durch das Fenster zwischen den Bibelteilen angereicht wurde. In der Synagoge trat er ans Lesepult und las laut vor: »Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen, zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.« Als er dann anfügte: „Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren!“ fragten sie herablassend: „Ist das nicht der Sohn des Schreiners Joseph?“ worauf Jesus antwortete: „Kein Prophet gilt etwas in seinem Vaterland!“ Aber in sein Ich ließ Jesus das meiste einfließen, was die Propheten prophezeit hatten. Dennoch – in seinem Vaterland – drängten sie ihn hinaus. Die Mächtigen lehnten ihn ab wie einen (außerirdischen) Fassadenkletterer, doch „soviele ihn aber aufnahmen, die wurden Gottes Kinder“.
Heute, da wir die Fenster aufmachen für ein neues Kalenderjahr, bekommen wir vom Propheten Jesaja aus seiner bleiernen Zeit heraus neue Glaubensgewissheiten angereicht. Wir können sie in unser Ich und unser Wir einbetten und mit eigenen Worten und Gesten weiterspenden. Damit nachfolgende Generationen trotz der offensichtlichen Verwüstung ihrer Gegenwart den Spirit einer gottgewollten Zukunft annehmen und weiterreichen können. Jeder von uns ist für andere ein Passepartout der Verheißungen Gottes. Jesaja bezeugt es uns in seiner Bildsprache: „Ich freue mich im Herrn, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mir die Kleider des Heils angezogen und mich mit dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet.“ Für die vor uns liegende Zeit verheißt der Prophet: „Gott der Herr lässt Gerechtigkeit aufgehen gleichwie Gewächs aus der Erde wächst und Same im Garten aufgeht!“ Inmitten dieser Bilder beginnen wir ein Neues Jahr. Amen
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Quellen:
EfP-Kommentare zur Perikope
„Nikolaus schwebt vor Kinderklinik“ Bericht im WDR; 03.12.2025, 17:47 Uhr
als Audio-Einspielung:
„Ich freue mich im Herrn“ von Hans Werner Scharnowski; Jahreslieder 7; Felsenfest Musikverlag 2003
Text:
Ich freue mich im Herrn, ich freue mich im Herrn
und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott!
- Ein neues Lied auf den Lippen, statt Klage ein Freudentanz!
Er zog mich aus der Grube und stellt mich auf die Füße.
Die Schritte haben festen Grund, der Weg ein neues Ziel!
- Den Bettler macht er zum König, dem Schuldner erlässt er die Schuld.
Er holt mich aus der Enge und führt mich in die Weite.
Die Augen sehen neues Land, der Himmel kommt mir nah!
- Er krönt mich mit Gnade, er hält zu mir die Treue.
Er tröstet mit Barmherzigkeit, er liebt bedingungslos.
Statt Lumpen umhüllt mich ein schützender Mantel,
statt Kleider der Trauer trage ich ein Festgewand!
Ich freue mich im Herrn, ich freue mich im Herrn
und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott!
Als liturgischer Text:
Es ist ein Gesang in der Welt. Horcht doch! Selbst die Sterne lauschen herab.
Der Gesang singt zum Leben.
Er nimmt sich Flügel und fliegt bis zum äußersten Ende der Erde.
Da heben die Trostlosen ihr Haupt.
Elende werden heimisch.
Waisen tragen königliche Kronen.
Und selbst aus verdorrten Blumen
weckt der Gesang unverwelkliche Blätter.
Als die Entwurzelten und wir wurzeln uns ein.
Als die Verdorrenden und wir treiben das Blatt.
Als die Saftlosen und wir bringen die Frucht.
Als die Umherirrenden und uns grüßt der Stern.
Wolfgang Dietrich: „Es ist ein Gesang in der Welt“ Verlag am Eschbach, 2000
gefunden im Kalender „Der Andere Advent“ unter dem 16.12.2025; Andere Zeiten EV; Hamburg
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Manfred Mielke, Pfarrer der EKiR im Ruhestand, geboren 1953, verheiratet, 2 Söhne. Sozialisation im Ruhrgebiet und in Freikirchen. Studium in Wuppertal und Bonn (auch Soziologie). Mitarbeit beim Christival und DEKT. Partnerschaftsprojekte und -besuche in Ungarn (1988-2011) und Ruanda (2001-2019). Musiker und Arrangeur.